Julian Assange hat im Alter von 39 Jahren schon die halbe Welt gegen sich aufgebracht. Wer ist der Mann, der geheime Dokumente an die Öffentlichkeit zerrt und Wikileaks ein Gesicht gibt? Von Niels Kruse

Soll nach Willen von Sarah Palin wie ein Terrorist gejagt werden: Julian Assange© Lennart Preiss/AP/DAPD
Am schönsten wäre es ja in der Schweiz, aber bislang hat sich nur Ecuador bereit erklärt, ihn aufzunehmen. Doch auch diese Einladung wurde von Staatspräsident Rafael Correa persönlich schnell wieder zurückgenommen. Also bleibt Julian Assange weiter auf der Flucht. Schon seit Monaten treibt sich der 39-Jährige irgendwo in der Welt herum, kommt bei Freunden und Bekannten unter und äußert sich nur selten öffentlich. Langsam dürfte es eng für ihn werden, denn Interpol sucht ihn weltweit.
Ganz untergetaucht ist er anscheinend nicht, wie sich nun herausstellt. Die britische Zeitung "The Independent" berichtet, Assange halte sich in Großbritannien auf und hätte das sogar den dortigen Behörden mitgeteilt. Scotland Yard aber habe ihn nicht festnehmen können, da der schwedische Haftbefehl nicht ordnungsgemäß ausgefüllt worden sei.
Gesucht wird er nicht wegen seiner jüngsten Veröffentlichungen, dem "Cablegate", wie er es auf seiner Website nennt. Zur Fahnung ausgeschrieben ist er aus einem ganz anderen Grund: Zwei Schwedinnen beschuldigen ihn der Vergewaltigung und des sexuellen Missbrauchs. Seit Ende August ermitteln die schwedischen Behörden gegen ihn, ein erster Haftbefehl wurde nach nur 24 Stunden wieder zurückgezogen. Doch knapp eine Woche später wurden die Untersuchungen wieder aufgenommen. Assange selbst streitet die intimen Kontakte zu den Damen nicht ab, will aber von Missbrauch nichts wissen. Die Vorwürfe seien Teil einer Verschwörung des US-Verteidigungsministeriums, um ihn mundtot zu machen, sagt er selbst.
Diese Verschwörungstheorie kommt bei den Fans und Unterstützern des Wikileaks-Gesichts gut an. Passt sie doch so wunderbar zur Vorstellung über finstere Mächte, die unliebsame Störenfriede wie den gebürtigen Australier mit schmierigen Geheimdienstmethoden aus dem Verkehr ziehen. Und Gründe genug hatten die Vereinigten Staaten ja: War es nicht Wikileaks, das mit der Veröffentlichung geheimer Dokumente die Kriegsführung der USA und ihrer Verbündeten in Afghanistan und Irak an den Pranger gestellt hat? War es nicht Wikileaks, das mit der Veröffentlichung von peinlichen Botschafter-Memos die USA weltweit blamiert hat? Und ist es nicht Assange, der ankündigt, seine nächsten Enthüllungen könnten mindestens eine US-Großbank zu Fall bringen?
Wikileaks und Assange spalten die Beobachter. Die einen sehen in der Enthüllungsplattform einen Segen für Presse und Bürger, ein weiteres Instrument, die Mächtigen zu kontrollieren und ihr Handeln transparenter zu machen. Andere finden die unkontrollierte Macht eines Mannes, der wie ein Phantom durch die Welt geistert, besorgniserregend, ja anarchisch. Für diejenigen, die die Wucht der Offenlegungen zu spüren bekommen, also Regierungen, Militär, Unternehmen, ist die Internetplattform in jedem Fall die Pest. Kein Wunder, dass einige die Nerven verlieren. Sarah Palin etwa, Galionsfigur der US-Ultrakonservativen, verlangt ernsthaft, den "Anti-Amerikaner" Julian Assange wie einen Taliban-Terroristen zu jagen und zur Strecke zu bringen. Ähnlich äußerten sich auch der ultrareligiöse US-Republikaner Mike Huckabee und ein Berater des kanadischen Regierungschefs Stephen Harper.
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