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27. Juni 2010, 16:33 Uhr

Vier für Gauck

Seit dem Ypsilanti-GAU in Hessen klingt der Begriff "Abweichler" dramatisch. Nun die Wahl des Bundespräsidenten:. Können die schwarz-gelben Abweichler Wulff stürzen - oder gar Merkel? Von Theresa Breuer

Bundespräsident, Wahl, Bellevue, FDP, Landtagsfraktion, Abweichler, Bundesversammlung, Querulant, Oliver Möllenstädt, Holger Zastrow, Bremen, Sachsen, Thüringen, Brandenburg, Uwe Barth, Joachim Gauck, Christian Wulff

Präsidentschaftskandidat Joachim Gauck: Realistisch betrachtet hat er keine Chance auf das Präsidentenamt© Berthold Stadler/APN

Es geht um viel. Um mehr als die Frage: Joachim Gauck oder Christian Wulff. Es geht auch um Kanzlerin Angela Merkel und Vizekanzler Guido Westerwelle. Die Wahl des neuen Bundespräsidenten entscheidet nämlich auch darüber, ob die schwarz-gelbe Bundesregierung weiterhin regieren kann. Würde deren Kandidat Christian Wulff eine Niederlage erleben, müssten sich Merkel und Westerwelle eingestehen, dass ihnen die eigenen Parteifreunde die Gefolgschaft aufgekündigt haben. Sie wären künftig nicht mehr als "lame ducks".

Das Problem? Einige Liberale sympathisieren öffentlich mit Gauck, dem rot-grünen Präsidentschaftskandidaten. Merkels Sorge ist, dass noch weitere FDP-Wahlmänner abspringen könnten, vielleicht sogar einige aus der CDU/CSU. Niemand kann in die Köpfe gucken, die Wahl ist geheim und Gauck ein Mensch, der auch im bürgerlichen Lager hoch geschätzt ist. Aber wie sieht die Lage auf der Grundlage gesicherter Fakten aus?

Das schwarz-gelbe Lager liegt klar vorn

Das sind die Zahlen: In der Bundesversammlung, die den Bundespräsidenten wählt, kommen 1244 Wahlmänner zusammen. Die Hälfte besteht aus den Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die anderen 622 Mitglieder werden von den Fraktionen der Landtage abgeordnet. Das schwarz-gelbe Lager kommt in der Bundesversammlung auf 644 Sitze. Das sind 21 Stimmen mehr, als es bräuchte, um Wulff mit der absoluten Mehrheit im ersten Wahlgang zum Präsidenten zu wählen.

Die Opposition, bestehend aus SPD, Grüne und Linkspartei, kommt auf 586 Sitze in der Bundesversammlung. Doch die Linke hat ihre eigene Kandidatin aufgestellt, die Journalistin Luc Jochimsen, und somit bleiben rot-grün vorerst nur 462 Sitze, weil auf die Linkspartei 124 entfallen.

Szenario für die weiteren Wahlgänge

Es wäre hochnotpeinlich für die Bundesregierung, würde Wulff im ersten Wahlgang durchfallen. Dann gäbe es mindestens 22 Abweichler in den schwarz-gelben Reihen. Auch im zweiten Wahlgang braucht der Präsidentschaftskandidat wieder die absolute Mehrheit. Bekäme Wulff sie wieder nicht, weil die Abweichler stur blieben, würde ein dritter Wahlgang folgen. Hier würde nun die relative Mehrheit reichen, um einen Kandidaten zum Präsidenten zu küren. Im Klartext: Kandidat A bräuchte mehr Stimmen als Kandidat B. Chancen für Gauck gäbe es nur im dritten Wahlgang und auch nur mit Hilfe der Linkspartei. Doch die liegt im Clinch mit Gauck, beharrt auf die eigene Kandidatin und würde sich nach derzeitigem Stand wohl eher ein Loch in die Kniescheibe bohren als dem rot-grünen Präsidentschaftskandidaten ihre Stimmen zu geben.

Doch selbst wenn die Linke ihre Kandidatin fallen lassen und ihre Abwehr gegen Gauck aufgeben würde, käme die Opposition wieder nur auf 586 Sitze. Angenommen, auch die Freien Wähler, die mit zehn Sitzen in der Bundesversammlung vertreten sind, entschlössen sich dazu, Gauck ihre Stimme zu geben - das ist nicht unrealistisch, sie tendieren öffentlich zu ihm - dann käme das linke Lager auf 596 Sitze. Schwarz-gelb hätte damit noch immer 48 Sitze mehr. Also bräuchte es - die drei Stimmen der NPD und die eine Stimme des Südschleswigschen Wählerverbandes bleiben hier unberücksichtigt - mindestens 25 Überläufer, um eine Mehrheit für Gauck herzustellen.*

Der Großteil der FDP steht hinter Wulff

Wo sollen die auf einmal herkommen? Derzeit sind es gerade mal vier, die sich "geoutet" haben: drei aus Sachsen, einer aus Bremen. "Gauck repräsentiert den Begriff der Freiheit in seiner Urform", sagt der sächsische FDP-Landesvorsitzender Holger Zastrow zu stern.de. Zastrow ist Wahlmann und wird für Gauck stimmen. Gleiches gilt für Oliver Möllenstädt, FDP-Chef in Bremen. Er sagt, Gauck stehe den Liberalen "inhaltlich nahe". Möllenstädt räumt jedoch auch ein, dass er kaum Chancen für Gauck sehe. Und Zastrow betont, dass es sich beim dem Entschluss der sächsischen FDP-Wahlmänner um "kein Zeichen von Protest" gegenüber der Bundesregierung handle.

Zu den Abweichlern kommen zwei Wackelkandidaten: Die brandenburgische FDP-Fraktion unterstützt nach Angaben ihres Sprechers grundsätzlich Wulff, will ihrer Wahlfrau jedoch freie Hand lassen. Der thüringische FDP-Wahlmann Uwe Barth will sich erst nach einem Gespräch mit Wulff entscheiden.

Aus den restlichen elf FDP-Landtagsfraktionen heißt es fast unisono, dass sie "geschlossen hinter Wulff" stünden. Und für die FDP-Fraktion aus Niedersachen, die immerhin fünf Wahlmänner stellt, sei es laut eines Sprechers natürlich "Ehrensache", für Wulff zu stimmen.

Sturm im Wasserglas

Vier Abweichler, zwei Wackelkandidaten: Es ist, sollten sie nicht noch sehr viele schweigende Gesinnungsgenossen repräsentieren, ein Sturm im Wasserglas. Aber noch lange kein Orkan, der Gauck ins Präsidentenamt und die Regierung zum Sturz bringen könnte.

An diesem Orkan hat die FDP auch überhaupt kein Interesse, da mag Gauck noch so sehr der "liberalere" Kandidat sein. Wulff ist nun mal der Kandidat der Bundesregierung. Und die will auch die FDP nicht aufgeben. Denn wen würde die Bevölkerung dafür verantwortlich machen, wenn die Regierung zerbräche? Richtig, die FDP. Und welche Partei dümpelt gerade in Umfragen bei fünf Prozent und muss schleunigst ihr Image als Krachmacher-Partei ablegen, wenn sie nicht in den nächsten Landtagswahlen untergehen möchte?

Ganz genau.

* In der ersten Fassung des Textes hatte sich ein Rechenfehler eingeschlichen, der nun korrigiert ist. Danke an Leser Ponader für den Hinweis. Red.

Von Theresa Breuer
 
 
KOMMENTARE (10 von 17)
 
tannebaum (28.06.2010, 09:29 Uhr)
tja, das ist schwer...
...parteikonform und den langweiler wählen oder mal einen charakterkopf wählen, aber gegen die parteispitze rebellieren?!

natürlich hat jeder seinem gewissen zu folgen, aber andererseits könnte er damit auch der partei massiv schaden, der/sie er angehört...
jonasP (27.06.2010, 18:42 Uhr)
Verfälschte Darstellung
Dieser Artikel ist ein Beispiel dafür, wie Medien durch die Verzerrung von Fakten Meinung beeinflussen können.

Es wird berichtet, dass es vier geoutete Abweichler geben würde, und zwei Wackelkandidaten, die sich bisher geoutet haben. Das ist soweit erstmal richtig. Dann rechnet Frau Breuer vor, dass schwarz-gelb 48 Sitze mehr in der Bundesversammlung hat als das linke Lager. Auch das kann man soweit erstmal stehen lassen.

Was Frau Breuer unterschlägt, sind die mindestens drei, vermutlich sogar mehr Abweichler aus der CDU, die bereits bei den Wahlen der Vertreter im sächsichen Landtag die Liste der Opposition gewählt haben und damit dem linken Lager zwei Wahlmänner geschenkt haben. Nur durch das Losglück der CDU in Nordrhein-Westfalen und Hamburg, das diesen Zugewinn wieder neutralisieren konnte, taucht die Entscheidung dieser Abweichler gegen Wulff in den Statistiken nicht auf.

Viel schlimmer wiegt jedoch, dass Frau Breuer aus 48 Sitzen Vorsprung auch 48 Abweichler macht, die nötig wären, um diesen Vorsprung abzuschmelzen. Das ist natürlich falsch: Es genügen 24 Vertreter, also die Hälfte, die für Gauck statt Wulff stimmen, um das Ergebnis zu drehen.

Vier von 48 oder sieben oder mehr von 24, angesichts der geouteten Wackelkandidaten und der ungewissen Zahl derer, die vielleicht ohne vorherige Ankündigung in der geheimen Wahl ihre Stimme für Gauck abgeben weden, ist das ein enormen Unterschied.
preussexx (27.06.2010, 18:35 Uhr)
na ja
da es nicht die erste bp wahl ist, sollte man sich an die anderen halten und mal zur kenntnis nehmen, nach welchem muster sie gelaufe sind. schon etwas weltfremd, warum ausgerechnet die jetzt für ganz tolles demokratieverständnis stehen soll.
etwas albern, was jetzt alles gefordert und gemeint wird. gauck ist ein trojanisches pferd in den reihen der regierung, um sie zu beschädigen. was hat das bitte mit dem volk zu tun?
gokahe (27.06.2010, 16:41 Uhr)
Merkels Ritter von Dunkelh.........
Tempelhofer (27.06.2010, 09:13 Uhr) !!!!!
Mir immer wieder ein Vergnügen das lesen solcher Beiträge. Aber der Reihe nach
1. als Tipp Ihr Techtelmechtel mit Stern.de paßt eher unter Kontakt. 2. Gauck eigentlich der bessere Kandidat für Merkel wurde von der Friede mit der SPD und den GRÜNEN nie zum Siegen aufgestellt, nur zum Ärgern bzw. zur Wegbereitung für Karl-Theodor mit Cem 3. Wer Gauck für Links hält, den Stern und Spiegel für linke Presse der hat nicht nur Wahrnehmungsverluste, da ist dann noch mehr Alterstorheit? oder von der jungen Union geschult?
4. Joachim Gauck ist eigentlich der ideale Kandidat von Tempelhofer, alle seine Kommentare zielen in diese Richtung. Seine Schlußfolgerungen zeigen, Tempelhofer schreibt zur Zeit immer Kommentare gegen Tempelhofer!!!!
Letzteres macht es für mich besonders Lesenswert!!! Bitte weitermachen Tempelhofer.
gruß gokahe
alice_42 (27.06.2010, 14:16 Uhr)
Frau Merkel, bitte mal nachlesen ...
Wenn zwei Alt-Bundespräsidenten es für nötig erachten zu betonen, dass es sich bei der Bundespräsidentenwahl um eine "freie Wahl" handelt, nämlich Herzog und von Weizsäcker, dann ist gründlich was faul im Staate Deutschland.

Offenbar hat Merkel die aktuelle Regierungsform noch nicht ganz verstanden.

Bitte mal nachlesen, Frau Merkel. Z.B. bei Wikipedia, Stichwort "Diktatur" unter "manipulierte Wahlen".
OttoB (27.06.2010, 13:30 Uhr)
Hieran erkennt man die Berufschreiber
Hätte Frau Merkel den Herrn Gauck als Kandidat erkoren was ja möglich gewesen wäre, denn er passt genau so zu schwarz-gelb, dann hätte der bezahlte Schreiber Tempelhofer nicht geschrieben ""Da kann man sehen, wohin Alterstorheit und Eitelkeit einen Menschen führen kann."" sondern geschrieben das nur er der richtige gewesen wäre.
Mir passen alle drei nicht, ich würde einen Mann wie z.B. Herrn Biedenkopf bevorzugen.
BYTE-YOU (27.06.2010, 12:47 Uhr)
Bundespraesidentenwahl
Selten so ein dummes, von der Presse in die Welt gesetzte, Geschwaetz gehoert, von wegen Merkel muss gehen wenn Wulff nicht gewaehlt wird.Das eine hat mit dem anderen so wenig zu tun wie die Kuh mit dem Eierlegen.
10075 (27.06.2010, 11:39 Uhr)
Die Chance
Wenn gewisse schwarze Kreise eine Möglichkeit sehen, Frau Merkel "über Bande" (die Präsidentenwahl) abzuschiessen, so werden sie es tun.
100%-ig.
AttaTroll (27.06.2010, 11:03 Uhr)
Merkel...
... ist so oder so die Verliererin. Wird Gauck tatsächlich Bundespräsident (was ich nicht glaube), dann hat schwarz-gelb fertig, und Merkel nicht mehr lange Kanzlerin. Aber selbst wenn Wulff Bundespräsident wird, ist das für Merkel nichts weiter als ein Pyrrhussieg. Die Öffentlichkeit wird sie dafür verantwortlich machen, dass sie dem Land aus Machtkalkül einen Bundespräsident aufgedrückt hat, den eigentlich niemand haben will und auch ihren eigenen Leuten vorschreibt, wie sie abzustimmen haben. Wenn man sich alle Umfragen anschaut und sich auch im Web informiert, ist klar, wen die Menschen wollen: Gauck! Und nicht Wulff!
Das wird ein weiterer Sargnagel für Merkels Kanzlerschaft.
Ist ein richtiger Geniestreich, der der SPD da mit Gaucks Nominierung gelungen ist - sie führen Merkel regelrecht vor. Chapeau! Hätte ich dem Harzer Roller gar nicht zugetraut.
cobdet (27.06.2010, 10:41 Uhr)
@tempelhofer
"Da kann man sehen, wohin Alterstorheit und Eitelkeit einen Menschen führen kann."

Stimmt ! Sie sind ja das beste Beispiel dafür
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