Als brandenburgischer Finanzminister gab sich Rainer Speer, SPD, extrem sparsam. Dennoch überließ er dem Kanzleipartner eines Parteifreundes ein 110-Hektar-Areal zu einem erstaunlich günstig erscheinenden Preis. Die Opposition wittert einen Skandal. Von Hans-Martin Tillack

In der Kritik: Brandenburgs ehemaliger Finanzminister und jetziger Innenminister Rainer Speer, SPD© Michael Gottschalk/ddp
Potsdam ist eine kleine Stadt und der örtliche SV Babelsberg 03 nur dritte Liga. Für manche wichtige brandenburgische Landespolitiker ist der Fußballclub trotzdem erste Wahl. Landesinnenminister Rainer Speer persönlich amtiert hier als Vereinsvorsitzender - und das will was heißen. Denn der 51-jährige SPD-Mann gilt als engster Berater und sogar Kronprinz von Ministerpräsident Matthias Platzeck. Mit ihm im Vereinsvorstand sitzen zwei weitere in Brandenburg einflussreiche Strippenzieher: Der Unternehmer Frank Marczinek und der Berater Thilo Steinbach. So wie auch Speer waren sie an einem Grundstücksgeschäft beteiligt, das dem Minister nun peinliche Nachfragen der Opposition bescheren könnte.
Die Geschichte begann, als Speer noch Finanzminister unter Platzeck war. Unter seiner Verantwortung verkaufte das Ministerium vor vier Jahren die bis dahin landeseigene Brandenburgische Boden Gesellschaft (BBG) an eine Firma des Babelsberger Vereinskameraden Marczinek - im Rahmen eines beschleunigten Verhandlungsverfahrens, was einer freihändigen Vergabe ähnelt. Das Votum zugunsten der Marczinek-Firma habe aber eine Kommission ohne Beteiligung des Ministers vorgeschlagen, versichert das Ministerium. Die nun privatisierte BBG verkauft seitdem ihrerseits im Landesauftrag ehemalige Militärareale aus Staatsbesitz an private Investoren.
Jetzt tauchen bei einem dieser Deals Fragen auf, ob alles mit rechten Dingen zu ging. Es war am 17.Juli 2007, als Marczineks BBG mit Speers Segen ein über 110 Hektar großes ehemaliges Kasernenareal in Potsdam-Krampnitz zu einem erstaunlich niedrig erscheinenden Preis verkaufte. Unter den Nazis war hier die zentrale Kavallerieschule der Reichswehr, dann war das Areal Sowjetstandort, nach der Wende Filmkulisse für Weltkrieg-II-Epen wie "Enemy at the Gates".
Der Minister stellte das Geschäft im November 2007 gegenüber dem Landtag so dar: Die Käufer seien Dänen, nämlich die Kopenhagener Thylander-Gruppe, die in ihrem Heimatland auf "eine erfolgreiche Geschäftstätigkeit verweisen" könne.
Faktisch waren die Käufer vier im britischen Birmingham registrierte Gesellschaften, und die gehörten der Hannoveraner TG Potsdam Projektentwicklungsgesellschaft. Kontrolliert wurde die wiederum - so zeigen es die Akten des Handelsregisters - von dem Anwalt Ingolf Böx, einem Kanzleisozius des brandenburgischen SPD-Bundestagsabgeordneten und langjährigen Sportpolitikers Peter Danckert. Danckert versichert, er sei "in keiner Weise" an dem Vorgang beteiligt gewesen.
Welche Rolle die Thylander-Gruppe wirklich spielte, ist nicht klar. Sie reagierte nicht auf Anfragen von stern.de, genauso wenig wie Anwalt Böx. Sicher ist aber, dass Speers Sportskamerad Thilo Steinbach im Zusammenhang mit dem Areal auftauchte. Dessen Freundschaft mit Speer ist nach den Worten des Ministers "kein Geheimnis". Von beiden gibt es Fotos beim Angeln, kernig mit nacktem Oberkörper. Steinbach kümmerte sich um ein Entwicklungskonzept für das Areal.
Böx hatte der BBG die Errichtung eines "Country Club Krampnitz" versprochen, inklusive Hotel, Golfplatz und Reitanlage. Davon ist bisher nichts zu sehen. Aber der Anwalt machte offenkundig dennoch ein gutes Geschäft. An die BBG musste er ausweislich der Kaufverträge nur gut vier Millionen Euro zahlen. Tatsächlich schätzte ein vereidigter Berliner Gutachter gegenüber Thylander den "angemessenen Kaufpreis" des Areals am 6. August 2007 auf etwa 25 Millionen - unter der Voraussetzung, dass die Fläche bebaut werden könne. Genau unter dieser Prämisse hatte Böx das Areal von der BBG erworben. Die BBG sicherte ihm ausdrücklich ein Rücktrittsrecht zu - für den Fall, dass "der Aufstellungsbeschluss zum Bebauungsplan nicht den von ihm bekannt gegebenen Inhalt hat".
Und schon am 26. Juli 2007 - neun Tage nach Abschluss der Kaufverträge - erfuhr Berater Steinbach von der zuständigen Potsdamer Baudezernentin Elke von Kuick-Frenz (SPD) Erfreuliches: Die Stadt habe "durchaus ein Interesse" an einer Bebauung des Kasernenareals. So hielt es der Wertgutachter am 6.August 2007 fest.