Zurück in die Zukunft

21. Januar 2013, 16:45 Uhr

Brüderle kniff, Rösler bleibt, gemeinsam wollen sie die Liberalen in die Bundestagswahl führen. Ein Kuriosum. Von Christian Bartlau und Hans Peter Schütz

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Zwei Generationen: FDP-Vorsitzender Philipp Rösler und Spitzenmann Rainer Brüderle©

Als ob Rainer Brüderle seinen Parteivorsitzenden in den vergangenen Wochen nicht schon genug gequält hätte. Nun lässt er Philipp Rösler auch noch warten. Minutenlang. Dabei sollten die beiden gemeinsam im Thomas-Dehler-Haus, der Berliner Parteizentrale, die frohe Botschaft verkünden: Ende der FDP-Führungsdebatte. Doch Rösler steht allein auf dem Podium.

Irritiert blickt Rösler nach links, zu Brüderles Sprecherin. "Er kommt gleich, er ist in einem Gespräch", ruft sie. Ihr Chef schüttelt derweil noch ein paar Hände und schlendert schließlich lächelnd auf die Bühne. Will Brüderle damit schon mal zeigen, wer Koch und wer Kellner ist? Sekunden später herrscht die Harmonie der selbstverordneten Sprachregelung: Teamplay, gemeinsame Ideale, gemeinsame Ziele. Kritische Nachfragen bügelt Brüderle ab: "Sie kriegen zwischen uns keinen Keil rein."

Es ist derselbe Brüderle, der noch am Freitag einen vorgezogenen Parteitag forderte, was nur eins bedeuten konnte: Rösler sollte entmachtet werden, und Brüderle stand bereit. Nun sagt dieser Rainer Brüderle: "Ich wollte nie Parteichef werden. Es ging mir nur um schnelle Entscheidungen."

Fakt ist: Rainer Brüderle hätte Parteichef werden können. Er hätte nur zugreifen müssen. Rösler bot ihm die Spitzenkandidatur für die Bundestagswahl an - mit dem Zusatz, wenn Brüderle dafür auch das Amt des Vorsitzenden brauche, dann könne er es haben. Brüderle kniff, so fand das ungleiche Doppel zusammen: Rösler bleibt Vorsitzender, Brüderle geht als "Spitzenmann" in die Bundestagswahl. stern.de hatte über diese Lösungsvariante der FDP-Führungskrise bereits vergangene Woche berichtet.

Das Vier-Augen-Gespräch

In der FDP reagierten viele zwiespältig auf nun gefundene Arbeitsteilung. Einige griffen ein Schimpfwort des SPD-Vorsitzenden Sigmar Gabriel auf, der Brüderle einmal als den "größten Abstauber" der Politik beschimpft hatte. Andere kommentierten Brüderles Ablehnung der alleinigen politischen Verantwortung als typische Entscheidung des Mannes, der seine liebste Rolle schon immer in der des "Frühstückdirektors der FDP" gesehen habe.

Warum Brüderle die Position des Spitzenkandidaten übernimmt, bleibt auch den Parteifreunden unklar. Offenbar habe sein Verständnis als Parteisoldat, das er hinter seinem allzeit heiteren Auftreten gut zu verstecken wisse, den Ausschlag gegeben. Dass sich Rösler und Brüderle für fast eine halbe Stunde aus dem Parteipräsidium zum Vier-Augen-Gespräch zurückzogen, zeigt, wie verzwickt die Lage war.

Dampfplauderer und Totgesagter

Dass der personelle Kompromiss überzeugen würde, behauptet niemand. Brüderle, der wirtschaftsliberale Dampfplauderer aus der FDP-Steinzeit und Rösler, der schon zehntausendmal totgesagte Jungspund aus der Abteilung freundlicher Liberalismus. Das passt weder innerlich noch äußerlich, es ist einfach nur das Produkt der liberalen Machtverhältnisse. Wer dabei die angenehmere Rolle hat, ist klar: Rösler. Er kann nun mit dem Finger auf Brüderle zeigen, wenn nicht so läuft, wie es laufen sollte. Schlechte Umfrageergebnisse, mieses Image, nichts geliefert? Fragen Sie Herrn B. Er ist jetzt das "Gesicht der Partei", so formulierte es Rösler. Und in dieser Funktion muss er beide Wangen hinhalten.

Andererseits: Wer Brüderle unterschätzt, hat schon verloren. Der 66-jährige hat eine lange politische Karriere hinter sich, kennt alle Tricks und Kniffe des politischen Geschäfts. In Rheinland-Pfalz war er Wirtschaftsminister unter Kurt Beck (SPD) und küsste Weinköniginnen in Serie - selbst heute noch sagen Beck und Brüderle kein schlechtes Wort übereinander. 1998 wechselte der Pfälzer in die Bundespolitik, nach langen, harten Jahren auf der Oppositionsbank war er am Ziel seiner politischen Träume: Die schwarz-gelbe Koalition machte ihn zum Bundeswirtschaftsminister.

Respekt in der Opel-Krise

Brüderle war damals nur bekannt für seine lockeren Sprüche ("Wer auf den Lorbeeren sitzt, trägt sie an der falschen Stelle") und das ständige Herumwedeln mit Büchern von Ludwig Erhard. Aber er eroberte sich rasch den Respekt seiner Kabinettskollegen. Zur Überraschung aller legte er sich in der Opel-Krise mit der Kanzlerin an und erklärte: Die kriegen kein Geld. Dass er sich damit durchsetzen könnte, hatte ihm niemand zugetraut. Angela Merkel rächte sich, indem sie nicht ihn, der dafür von Amts wegen zuständig gewesen wäre, sondern Thomas de Maizière als Ersatzmann für den erkrankten Finanzminister Wolfgang Schäuble nach Brüssel schickte. Brüderle ertrug diese Zurücksetzung lächelnd. Und plauderte bei Gelegenheit aus, dass die Griechenlandhilfe mehr Geld kosten würde, als die Kanzlerin zuzugeben bereit war.

Sicher ist: Der Mann kann kämpfen. Sicher ist aber auch: Er hat ein loses Mundwerk. Das kann ihm im Wahlkampf helfen, andererseits sind wuchtige Tritte ins Fettnäpfchen nicht auszuschließen. Seine Sprecherin Beatrix Brodkorb, die er vom Wirtschaftsministerium ins sein derzeitiges Amt als FDP-Fraktionschef mitgenommen hat, bewacht ihn deswegen bei allen Auftritten außer Haus mit Feuereifer und zahllosen Handytelefonaten.

Kein Neuanfang

Schafft dieser Mann es, die FDP über die 5-Prozent-Hürde zu hieven bei der Bundestagswahl? Im Gespräch mit stern.de zeigt er sich siegessicher: "Wir werden bei der Bundestagswahl ein gutes Ergebnis erreichen. Deutschland steht gut da. Wir haben Rekordbeschäftigung. Schwarz-Gelb wirkt." Dass es Rösler allein nicht schaffen würde, denkt Brüderle seit langem, offen gesagt hat er es nie.

Nun müssen sie zusammenarbeiten, so eng wie möglich. Zwei Männer, die sich in den vergangenen Monaten belauert haben. Zwei Männer, die sich gegenseitig verletzt haben - Rösler kickte ihn aus dem Amt des Bundeswirtschaftsministers, als er den Parteivorsitz von Guido Westerwelle übernahm. Zwei Männer, die in Berlin vieles verkörpern. Aber keinen Neuanfang.

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