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1. Oktober 2007, 10:08 Uhr
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"Und abends Currywurst oder ein Schnitzel"

Vor zwei Jahren gewann er fast noch die Wahl und verlor doch das Kanzleramt. Seither jettet Gerhard Schröder von Job zu Job, genießt sein Leben - und den Kurzauftritt im Wahlkampf. Von Ulrike Posche

Musi, Maß und Mannsbilder. Schröder im SPD-Festzelt von Wolfratshausen mit dem Fraktionschef der Bayern-SPD Franz Maget (vorn) und MdB Florian Pronold© Bert Heinzlmeier

Es soll Männer geben, die haben die lang ersehnte Rente gerade durch, kriegen einen Schlag und sind tot, noch bevor sie sie verjubeln können. Andere Pensionäre gibt es, die gehen zum letzten Mal aus dem Büro - und von da an ihren Frauen auf die Nerven. Und dann gibt es Gerhard Schröder. Seit der außer Dienst ist, führt er das igelschnelle Leben eines "Ick bün all hier" oder eines Derwischs, der sich überall dreht - und zwar zur gleichen Zeit. Zwei Jahre nach dem vorzeitigen Verlust seiner Kanzlerschaft gibt Schröder mehr noch als früher den Global Player, wobei die Betonung sowohl auf „global“ liegt als auch auf "Spieler". Mal sieht man ihn nämlich in Shorts auf dem Borkumer Tenniscourt gegen Insulaner aufschlagen, kurz darauf im Doppel mit dem rumänischen Wimbledon-Sieger Ilie Nastase auf einem eidgenössischen Sandplatz.

Mal weiht er auf dem Züricher Flughafen einen Souvenirautomaten ein, der Holzkühe, Handys, Uhren und Briefmarkensets auf Kreditkarte ausspucken kann. Dann sieht man ihn in Syrien, wie er eine Ehrendoktorurkunde entgegennimmt. Das mit dem Souvenirautomaten habe er übrigens gemacht, sagte er, um dem Verwaltungsratspräsidenten der CC Trust Group AG, Claudio Cisullo aus Zug, einen Freundschaftsdienst zu erweisen. Die Doktorwürde in Damaskus hat er dann möglicherweise auch irgendwie als Freundschaftsdienst erledigt. Die Syrer sind eben auch nette Kerle, wenn man sie näher kennenlernt. Was soll er machen? Seit Schröder Privatier ist, kennt er eigentlich nur noch nette Kerle. Den Putin, den Stoiber, die Frau Merkel und den Herrn Emonts vom Tennisplatz Borkum. Die Nicht-so-Netten ignoriert er heute oder deklariert sie einfach um. Eine schöne Freiheit ist das! Und in den Zeitungen liest er ohnehin nur noch die Lokalteile!

"Politisch habe ich alles erreicht"

Vor drei, vier Monaten traf er sich mit dem Hannoveraner SPD-Mann Wolfgang Jüttner, einem aus der Nicht-so-Netten- Abteilung. Jüttner will im Frühjahr Ministerpräsident von Niedersachsen werden, und Schröder will, dass er das schafft. Deshalb hat er Jüttner einen Wahlkampfauftritt versprochen, wie er ihn bereits für den Hamburger Bürgermeisterkandidaten Michael Naumann zugesagt hat. "Aber nichts Aufgesetztes", hat er Jüttner gesagt, "die Leute wissen ja, dass wir nicht die allerbesten Freunde waren." Beide haben sich nun auf eine Art Kulturveranstaltung geeinigt, eine ohne den Sänger Udo Lindenberg allerdings. Im Jahr 2003 hat der damalige Kanzler Jüttner und dessen Gang noch gedroht: "Euch mach ich fertig!" Denn die hatten Schröders Generalsekretär Olaf Scholz auf einem Parteitag mit miesem Ergebnis abgestraft. Doch das ist vergessen, verziehen, olle Kamellen das. Heute obsiegt in Schröder die Altersmilde. "Schießt nicht auf den Klavierspieler", mahnte er gerade seine früheren Genossen sanft. Man solle behutsam mit Kurt Beck umgehen und dem nicht noch mehr Schwierigkeiten machen, als er ohnehin schon habe, "könnte ja sein, wir ham dann keinen mehr". Es heißt, dass sich SPD-Vordere seit Wochen in Schröders Büro knubbeln, dass sie seinen Rat suchen.

Ex-Kanzler (M.), Kanzlerin (r.) und Maler-Witwe (l.) bei der Übergabe des Porträts für die Kanzlergalerie© Karin Rocholl

Auch SPD-Chef Beck soll den Altkanzler unter den Linden um Flankenschutz beim bevorstehenden Parteitag gebeten haben. Im chronisch erhitzten Berlin hatte man aus dieser Innerei schon ein mögliches Comeback des Ex-Kanzlers gelesen. Ob er etwas aus seinem politischen Leben vermisse, fragte ihn neulich der Chefredakteur der "Borkumer Zeitung" in einem der selten gewordenen Interviews. "Nein", sagte Schröder, "politisch habe ich alles erreicht." Dann sprach er über "den wunderbaren Platzwart Emonts" und darüber, wie er "bald mal den Ministerpräsidenten von Mecklenburg-Vorpommern versehentlich erschlagen" hätte, als er bei einer Veranstaltung einen Golfball wegsemmeln musste. Der frühere Regierungschef regte an, Borkums Tennisanlage mit einem "Bistrobetrieb" auszustatten, "abends eine Currywurst, eine Frikadelle, Schnitzel und Getränke reicht ja. Einfache Gerichte und ein gut gezapftes Bier. Für die Insel wäre das eine Bereicherung, aber in die Inselpolitik will ich mich nicht einmischen. Das Thema Politik ist abgeschlossen." Lieber zur Sonne, zur Freiheit statt noch mal an die Macht. Trotzdem hat die Zeitung dann auf ihrer Titelseite groß mit Schröders Reformvorstoß aufgemacht: "Borkumer Tennis-Anlage braucht neue Strukturen. Ehemaliger Bundeskanzler äußert sich sorgenvoll über Pachtverhältnisse."

Altkanzler, Pipeliner, Papa

In der vergangenen Woche hat der frühere Kanzler und heutige Erdgas-Mann in der Opernstadt Salzburg eine Energiemesse besucht und ein von der EU favorisiertes Pipeline-Vorhaben kritisiert, das den schönen Namen "Nabucco" trägt. Dann war er in der Kölner Universität vor Energie-Leuten als Verpumpungsexperte aufgetreten, schließlich flog er nach Paris. Mitte der Woche ließ dann sein Freund Wladimir Putin die Regierung Russlands austauschen, und Gerhard Schröder war vor Ort. Es sind schöne Ausflüge im Firmenflieger, auf die Gerhard Schröder, inzwischen 63 Jahre alt, allein von seinem Kleidersack und einer Handvoll gut gelaunter Bodyguards begleitet wird. Kein Rattenschwanz aus Journalisten und Fotografen mehr, der ihn verfolgte. Schröder tut, als genieße er dies ganz besonders. Überhaupt ist seine alte Crew komplett zusammengeblieben, die Personenschützer, die Vorzimmerdame Marianne Duden, Büroleiterin Sigrid Krampitz. Vor Wochen traf im Büro Schröder der Hinweis ein, dass Brad Pitt ihn gern träfe. Der Schauspieler und Barack-Obama-Unterstützer komme auf dem Motorrad aus Prag und wolle gern den Chancellor sehen, der "No" zum Irak-Krieg gesagt habe. Leider konnte Schröder an jenem Tag nicht. Er hatte einen Zahnarzttermin.

Freitag Moskwa, Samstag Loisach. Wie versprochen kam Schröder dafür nach Wolfratshausen, auch um mit Edmund Stoiber über den diesem bevorstehenden Ruhestand zu fachsimpeln. Vielleicht sprachen sie aber auch über jenen unruhigen EU-Posten, den jetzt noch der skandälchengebeutelte EU-Kommissar Günter Verheugen besetzt hält, wer weiß? Anschließend jedenfalls machte sich der Niedersachse auf, ein bayerisches SPD-Festzelt so durchzurütteln, dass es auch dem letzten der 600 anwesenden Applaudeure noch Tränen in die Augen trieb vor lauter Erinnerung an die guten alten Zeiten: Herrlich, einen SPD-Kanzler noch einmal so kraftvoll derblecken zu sehen! Ja, sogar Florian Pronold, jener sozialdemokratische Jungspund, der seinem Kanzler in der heißen Phase der Agenda 2010 die Laune mit allerlei Kritik verdorben hatte, saß nun vorn in der Bank gleich neben dem Kanzler a. D. und zeigte sich andächtig. "Das Leben ist wie ein Theaterstück", soll Churchill gesagt haben, "zuerst spielt man die Hauptrolle, dann die Nebenrolle, dann souffliert man den anderen, und schließlich sieht man zu, wie der Vorhang fällt." Hauptrolle, Nebenrolle, Souffleur? Altkanzler, Pipeliner, Papa. In seinem neuen Leben spielt Gerhard Schröder alle Rollen parallel. Im Übrigen habe er vor, hundert zu werden, kündigte er neulich an. So könne er die Politik der Pronolds und Konsorten "noch über 30 Jahre lang kommentieren". Herrlich!

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Von Ulrike Posche
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