Politisch gescheitert, menschlich vereinsamt, von Staatsanwälten gejagt, stürzte sich Jürgen Möllemann in den Tod. Die wenigen Freunde, die ihm blieben, bezweifeln den Freitod und stricken an einer Legende.

Sprung ins neue Jahrtausend - Möllemann vor drei Jahren über seiner Ferieninsel Gran Canaria© Frank Ossenbrink
Das Geräusch, das Udo Dumke, Mechaniker auf dem Flugplatz von Marl-Loemühle bei Recklinghausen, am 5. Juni kurz nach Mittag zusammenzucken lässt, wird ihn sein Leben lang verfolgen. Ein Geräusch, wie wenn ein wassergefüllter Ballon auf den Boden klatscht. Ein Geräusch, das Dumke aus einer TV-Dokumentation über den 11. September 2001 kennt, als in New York Menschen aus dem brennenden World Trade Center sprangen.
12.38 Uhr, Donnerstag vergangener Woche. Jürgen W. Möllemann ist in dieser Minute gestorben. Mit Tempo 200 zu Tode gestürzt. Er schlug mit der Vorderseite des Körpers in einem Gerstenfeld auf.
Guido Bleckmann vom Verein für Fallschirmsport Marl, der in Loemühle springt und Möllemann seit langem kannte, ist als Erster bei dem Toten. Äußerlich wirkt er unverletzt. Erst als man ihn später auf den Rücken dreht, werden die Verwüstungen durch die Aufschlagwucht sichtbar. Das Gesicht zertrümmert, alle lebenswichtigen Organe zerrissen. Es war ein Sekundentod. Als später Ehefrau Carola Möllemann-Appelhoff ihren Mann sehen will, rät ihr die Polizei ab. Donnerstagmorgen. Die Springer treffen um neun in Loemühle ein. Nur Möllemann fehlt, obwohl er sich am Vortag für den Absprung angemeldet hat. Um 9.15 Uhr ist die Gruppe unter der Führung von Bleckmann fertig. Sie entschließt sich, ohne den FDP-Politiker zu springen. Alle landen problemlos.
Unten wartet jetzt Möllemann. Er steht mit dem Wagen seiner Frau, einem anthrazitgrauen Audi A 6, auf dem Parkplatz. Man begrüßt sich. Er zieht seinen Springeranzug an und kommt zum Vorfeld, wo ein rot-weißes Flugzeug vom Typ Pilatus Porter PPC 6 wartet. Die Maschine gehört der Firma MS Air, Geschäftsführer: Möllemann. Weil die Bodensicht nicht ausreicht für einen sicheren Sprung, verzögert sich der zweite Start. Die Gruppe wartet im Flughafenrestaurant.
Möllemann hält sich abseits, grübelt oder telefoniert auf dem Handy, mal mit seinem Kieler Freund Wolfgang Kubicki, mal mit seiner Tochter Esther, die glaubt, er rufe sie aus Düsseldorf an. Kein Wort sagt Möllemann in diesen Gesprächen, dass er demnächst springen will. Alt ist er geworden, denkt Bleckmann, der zum "Team 18" gehörte, der Fallschirmspringergruppe, mit der Möllemann spektakulär Wahlkampf für die FDP machte. Und müde sieht er aus. Gegen Mittag lockert die Bewölkung auf, die Maschine startet. 12.10 Uhr. Zehn Springer sind an Bord. Geplant ist ein Fünfer-Stern, bei dem sich fünf Springer im freien Fall an den Händen fassen. Ob er in der Formation mitspringen will, möchte Bleckmann von Möllemann wissen. Der schüttelt den Kopf, lächelt kurz und sagt: "Ich spring heute einen Einzelstern." Es ist der letzte Satz in seinem Leben - typisch Möllemann, Sarkast selbst im Angesicht des Todes. Denn natürlich weiß er mit mehr als 700 Absprüngen, dass einer allein keinen Stern springen kann.
Die Fünfer-Formation springt aus 4200 Metern. Fünf Sekunden danach steigt auch Möllemann aus. Als der Fünfer-Stern gelandet ist, blickt Bleckmann nach oben. Möllemann hängt in seinem Fallschirm mit den Initialen "JWM". "Da ist alles paletti", denkt Bleckmann und beobachtet, wie Möllemann mit seinen Windsteuerleinen den Fallschirm über den Sprungplatz dirigiert. In ungefähr 800 Meter Höhe trennt er plötzlich den Fallschirm ab, indem er das mit Klettband an seiner Brust befestigte Trennkissen löst. Als Bleckmann das sieht, denkt er: "Der will sich umbringen."
Noch hätte Möllemann Zeit gehabt, den Reservefallschirm zu öffnen. 300 Meter über Grund entfaltet der sich sogar automatisch, wenn man das so genannte Cypres-System vor dem Sprung durch viermaliges Drücken auf die Taste aktiviert. Doch Möllemanns Reserveschirm bleibt geschlossen. Hat er das Rettungssystem selbst abgeschaltet? Hat es versagt? Noch gibt es darauf keine Antwort. Und offen ist, ob es sie jemals geben wird. Aber sicher ist: Einen "bürgerlichen Tod", vor dem er sich nach eigenen Worten am meisten fürchtete, ist Jürgen W. Möllemann nicht gestorben.
Dass beim Fallschirmspringen etwas schief gehen kann, war ihm immer bewusst. Einmal klemmte bei ihm der Griff zum Öffnen des Schirms. Und der Reserveschirm ließ sich erst in letzter Sekunde ziehen. Was denkt einer, ist er danach gefragt worden, wenn er ungebremst der Erde entgegenrast? An die Frau, an zu Hause? "Sie denken nur: Das war‘s, Scheiß-Spiel!"
Selbstmord, Unfall - oder gar Mord? Einen Abschiedsbrief Möllemanns gibt es nicht. Mag sein, dass daher auch in seinem Fall keine gültige Gewissheit zu erreichen ist. Wie beim Tod des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Uwe Barschel vor 15 Jahren in einer Badewanne des Genfer Luxushotels "Beau Rivage".
Aber alles spricht für Freitod. Zwar ist Möllemanns Freund Fritz Goergen, der ihm bei dem Abrechnungsbuch "Klartext" geholfen hat, fest davon überzeugt: "Ich glaube nicht an Freitod" (siehe S. 34). Nur ein Unfall komme in Betracht. An die Möglichkeit, dass der Fallschirm manipuliert worden sei, denke er lieber nicht, sagt Goergen. Von einem Unfall geht auch Möllemanns bester Freund Wolfgang Kubicki aus. "Natürlich kann ich einen spontanen Selbstmord nicht ausschließen", rätselt der FDP-Fraktionsvorsitzende im Kieler Landtag, "aber nichts, gar nichts legt das zwingend nahe."