Man merkt es kaum noch, aber deutsch-deutsche Begegnungen finden viel öfter statt, als uns allen lieb sein kann. Sogar in der besinnlichen Zeit, wie der Alltagstest zeigt. Ein Protokoll. Von Holger Witzel

Leipziger Weihnachtsmarkt: Bayern geben sich als ostdeutsche Weihnachtsbäcker aus© Julian Stratenschulte/DPA
Im Advent weitet sich das Herz. Man erträgt Einkaufsorgien, Weihnachtsfeiern mit West-Kollegen – sogar in den besetzten Gebieten rund um Bethlehem und Berlin kehrt Frieden ein. Allein der schöne Brauch, über Weihnachten nach Hause zu fahren, beschert den letzten Ur-Einwohnern der ehemaligen Hauptstadt der DDR ein paar schwabenfreie Tage. In der ehemaligen Heldenstadt Leipzig dagegen bleiben sie inzwischen – wie sie es nennen – auch "zwischen den Jahren" da. Deprimierende Statistiken gehen schon von zehn Prozent West-Migranten aus. Optimisten trösten sich damit, dass die meisten eigene Stadtviertel bevorzugen und einige selbst nach Besatzungsrecht immer mal im Gefängnis landen. Aber reicht das? Ich habe mal einen Tag lang darauf geachtet und festgestellt, wie oft und beiläufig es zum Äußersten kommt.
Es fängt mit der Reiterstaffel an, die mich jeden Morgen weckt. Die Kinder im Dachgeschoss trampeln sich für ihre Sonderschule warm - Waldorf, Montessori, irgendsowas. Sie können nichts dafür, dass der westdeutsche Bauträger vermutlich am Trittschallschutz gespart hat und ihnen auch sonst niemand Rücksichtnahme beibringt. Ihre Eltern sind in westdeutschen Einfamilienhäusern aufgewachsen. Jetzt produzieren sie beim MDR, was sie für Ost-Fernsehen halten und finden es womöglich politisch nicht korrekt, ihre Kinder zu ermahnen, dass der faule Eingeborene unter ihnen gern etwas länger schläft. Ausnahmsweise hat der heute auch einen Termin und regt sich deshalb nicht weiter auf. Es gibt Schlimmeres: Im Landgericht steht wieder mal ein städtischer Manager wegen Korruption vor Gericht. Muss ich noch erwähnen, woher solche Leute in der Regel stammen?
Ein Taxi bringt mich hin und wenn ich gewusst hätte, dass es an diesem Tag fast der einzige Kontakt mit Einheimischen bleibt, hätte ich sicher nichts gesagt. Aber die Fahrerin hört MDR Jump. Höflich bitte ich um einen anderen Sender und komme mir dabei selbst wie ein Klugscheißer aus Köln vor. Entsprechend trotzig reagiert die Frau. Erst als ich sie darüber aufkläre, dass da gerade ein Westdeutscher unseren schönen Dialekt nachzuäffen versucht, fragt sie: Ehrlich? Natürlich. Die alberne Co-Moderatorin auch. Schon morgens sollen wir nach ihrer Pfeife tanzen, zur "besten Musik aufstehen", uns Ihr penetrantes Geduze anhören ... Müssen wir uns das gefallen lassen? Nein, sagt die Taxifahrerin empört und dreht den Sender ab. Na bitte!
Auf der Anklagebank sitzt der frühere Chef der Leipziger Wasserwerke. Er hat sich von anderen Westdeutschen mit 3,7 Millionen Euro bestechen lassen, wofür der Stadt nun ein Schaden von 290 Millionen droht. Wie fast immer noch überall an ostdeutschen Gerichten verhandeln westdeutsche Richter, Staatsanwälte und Verteidiger den Fall unter sich. Diesmal läuft es auf einen Deal hinaus, wonach ihr Landsmann mit knapp fünf Jahren davonkommen soll. "Verfahrensökonomie" nennen sie das. Wenn er die Bestechung gesteht, fällt die Untreue gegenüber der Stadt unter den Tisch. So hat jeder was davon, sogar alle unbeteiligten Leipziger: den Schaden.
Beim Mittagessen fällt mir auf, dass ihnen auch schon die meisten Kneipen hier gehören. Die Wirte sagen zwar beflissen "L.E." statt Leipzig und begrüßen Zeitungsleute gern mit Handschlag. Aber darf man deshalb die Ausbeutung hiesiger 400-Euro-Köche fördern? Was soll man machen, wenn man Hunger hat und irgendwo wohnen muss? Gleich habe ich einen Termin zur Wohnungsbesichtigung. So weit ist es schon, dass wir ihnen ausweichen!
Vor dem Haus schnappt mir jemand trotz Blinker die Parklücke weg. Der gewohnte Blick aufs Nummernschild bestätigt genau, was Sie jetzt denken. Es ist der Makler, der sich verfahrens-ökonomisch entschuldigt, weil er mir eine ehemals volkseigene Wohnung für 7 Euro 50 aufschwatzen will: "Also bei uns München", so fängt er an. Und dass die Mieten ja nun endlich auch hier wieder anzögen, zehn Prozent Zuzüge ... Bevor ich auf sein laminiertes Mogelparkett kotze, lasse ich ihn einfach stehen und denke auf der Treppe kurz daran, nach München zu ziehen. Wenn ihnen hier schon alles gehört – Arbeit, Häuser, das Gesetz – müsste es dort ja auszuhalten sein. Ohne Trampeltiere im Dachgeschoss. Ohne MDR Jump. Aber kann ich das meiner Familie zumuten, mit der ich auf dem Weihnachtsmarkt verabredet bin?
Eigentlich wollen wir nur Kräppelchen, aber finden den alten Leipziger Verkaufswagen mit dem Schmalzgebäck nicht gleich. Er passt nicht mehr zu den einheitlichen Bretterbuden, in denen sich Bayern als "Leipziger Weihnachtsbäcker" ausgeben. Wir kaufen eine Abwaschbürste aus Holz für 3 Euro und merken zu spät, dass sie nicht etwa aus der nahe liegenden Bürstenmachergegend zwischen Erzgebirge und Vogtland, sondern aus Alpirsbach im Schwarzwald kommt. Danach schaue ich bei den anderen Buden genauer hin: Kerzen aus Braunschweig. "Alles aus dem Erzgebirge" aus Heubach in Schwaben. Ein Feinkosthändler aus Köln muss seinen Senf auch dazu geben. Und wieso gehören die meisten Verkaufsstände eigentlich alle zu einer Firma aus Rothenburg ob der Tauber?