Meine Akte. Deine Akte.

2. August 2013, 20:55 Uhr

Böse Vergleiche zwischen demokratischen Geheimdiensten wie NSA oder GCHQ und der Stasi liegen derzeit nahe. Sie verbieten sich aber, um den freien Westen nicht noch mehr zu verunsichern. Trost von Holger Witzel

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Behörden besetzen, abwickeln, fertig!©

Im Frühjahr 1986 fand die DDR-Staatsicherheit heraus, dass ich "viel Rad" fahre, unsere Familie "an Staatsfeiertagen nicht flaggt", aber meine Mutter trotz alldem "einen sauberen und ordentlichen Haushalt" führt. Ein Zuträger wusste außerdem, dass "der W. noch keinen Umgang mit dem weiblichen Geschlecht sucht". Und als ich das - Jahre später - selbst las, war ich ehrlich gesagt ziemlich enttäuscht. Nicht nur von der Stasi.

Gegen die Akten mancher Freunde, die sich nach 1990 mit mehreren Tausend Seiten in etlichen Ordnern schmücken konnten, wirkte meine Stasi-Akte wie ein schlampig geführter Schulhefter: gerade mal 77 Seiten, zudem voller Fehler und Verwechslungen. Ganz besonders ärgerte ich mich über die Sache mit den Mädchen und das Ergebnis der "operative Ermittlung", wonach über meinen "gesamten Lebenswandel nichts Nachteiliges zu ermitteln" war. Das wäre Jugendlichen selbst heutzutage peinlich! Für einen damals 18-Jährigen in der DDR ist es auch im Nachhinein ein Zeugnis der Schande.

Wer konnte auch ahnen, was die Stasi alles nicht wusste? Schließlich fühlte man sich grundsätzlich gegängelt und ausspioniert. Niemand gaukelte einem irgendwelche Grundrechte vor. Transparenz gab es allenfalls im Post- und Fernmeldewesen. Angst und Einschüchterung waren Teil dieser Strategie, ja Staatsräson, vielleicht auch nur Bluff. Das System machte jedenfalls kein großes Geheimnis daraus.

Akten selbst lesen

Im freien Westen dagegen war - und ist - das offenbar alles umgekehrt: Bis vor kurzem ahnte angeblich niemand, was die demokratische Staatssicherheit alles weiß. Schließlich fühlte man sich grundgesetzlich frei und unbeobachtet. Viele Menschen ließen sich Datenschutz und eine Gewaltenteilung vorgaukeln. Angst- und Meinungsfreiheit waren Teil dieser Strategie, ja Staaträson, vielleicht auch nur Bluff. Das System machte jedenfalls lange ein großes Geheimnis daraus. Und genau deshalb fallen dort seit den Enthüllungen über Prism so viele Leute aus allen Wolken.

Diese Empörung kann man naiv finden, aber das wird den freien Menschen im Westen nicht gerecht. Immerhin waren sie - anders als DDR-Bürger - der Gehirnwäsche ihrer Regierungen viel länger ausgesetzt. Manche glauben sogar immer noch, BND und Verfassungsschutz hätten damit nichts zu tun - an Freiheit und einen selbstgerechten Rechtsstaat. Viele feiern Edward Snowden zwar wie einen Bürgerrechtler, aber gleichzeitig fehlt ihnen noch der Mut, die Dienststellen ihrer Überwachungsbehörden einfach zu besetzen und die Akten selbst zu lesen. Aus der Erfahrung von 1989 kann man nur raten: Macht das! Es tut gut - aber unter Umständen eben auch ein wenig weh, wenn sich jemand beispielsweise jahrelang für einen kritischen Geist hielt und die NSA trotzdem kaum etwas "Nachteiliges über seinen Lebenswandel" aus dem Internet fischte.

Eingeschränktes "Freiheitsgefühl"

Womöglich wäre selbst Joachim Gauck heute nicht mehr der richtige Mann für eine entsprechende Aufarbeitungs-Behörde. In der Bewertung der Snowden-Affäre schwankt er noch zwischen "purem Verrat", wie er in einem Sommerinterview mit dem ZDF verriet, bevor er sich ein paar Tage später doch "besorgt" zeigte, weil allein die Angst vor Überwachung das "Freiheitsgefühl" einschränken könnte.

"Freiheitsgefühl" ist ein schöner Euphemismus für das, was der Westen für Freiheit hält. Wie üblich erinnerte Gauck auch daran, dass "wir Deutschen den Missbrauch staatlicher Macht mit Geheimdienstmitteln schon zwei Mal erleben mussten". Doch was bei ihm noch wie eine Entschuldigung bei den amerikanischen Hütern des "Freiheitsgefühls" klang, ist in Wahrheit auch nur die übliche Verharmlosung, die bei Vergleichen zwischen der Stasi und den viel demokratischeren Schnüfflern derzeit überall Mode ist.

Denn selbtverständlich darf man die NSA, verbündete Geheimniskrämer und die Büttel früherer Unrechtsstaaten nicht wahllos in einen Topf werfen. Ihr professionelles Selbstverständnis vielleicht - aber alles andere wäre wie Äpfel der Sorte Braeburn mit Boskoop vergleichen. Immerhin ist bisher kein einziger Fall bekannt, bei dem die Staatssicherheit Facebook angezapft hätte. Gegen den Neubau der Berliner BND-Zentrale wirkt der alte Stasi-Komplex in der Normannenstraße wie eine Gartenlaube. Und im Gegensatz zu den Verbrechen dort hört man auch über Folter in geheimen CIA-Kerkern vergleichsweise wenig. Wenn überhaupt, stehen BND-Agenten höchstens mal daneben. Und deutsche Verfassungsschützer sind so arglos, dass sie sogar die Buchstaben in den Abkürzungen verschiedener Geheimorganisationen verwechseln und neben der NSA offenbar auch jahrelang mit dem NSU kooperierten. Aber das ist vielleicht auch schon zu viel gesagt und ich nehme es hiermit vorsichtshalber - ausdrücklich nicht unter Folter - wieder zurück.

#Allah und #Bombe

Seit auch in Ostdeutschland offiziell Meinungsfreiheit herrscht, hält man ohnehin besser den Mund. Es sei denn, man möchte eben nicht mit einer peinlich dünnen Akte dastehen, wenn es wieder mal andersrum kommt. Insofern kann man auch Angela Merkel nur zustimmen, als sie vor ein paar Tagen in Aschaffenburg einem für fränkische Verhältnisse relativ lautstark "Lügner" skandierenden Pöbel zurief: "Seien Sie einfach froh, dass Sie frei ihre Meinung sagen können!"

Zwischen den Zeilen hieß das nichts anderes als "Schnauze, Wessi!" Dabei hätte sie die durch Prism verunsicherten Westdeutschen - statt mit Nachhilfe in Grundrechten - auch damit ermutigen können, dass moderne Geheimdienste viel gründlicher arbeiten als die alten Stasi-Penner mit ihren Einweck-Geruchsproben. Dass demokratische Digital-Speicher außerdem weniger Platz brauchen als staubige Aktenmeter einer Diktatur. Dass überhaupt alles anders ist - und alles, was heute gegen die Schreihälse verwendet werden könne, später einmal für sie spreche. Im besten Fall sogar mehr als 77 Seiten.

Alberne Artikel mit möglichst vielen vermeintlichen Reizwörtern à la #Allah und #Bombe, wie das inzwischen jeder zweite westdeutsche Journalist mutig oder lustig fand, reichen dafür leider nicht. Wer sich eines Tages damit brüsten will, über wen NSA und Verfassungsschutz am meisten gesammelt haben, muss auch nicht wie Juli Zeh und ein paar andere überwiegend westdeutsche Schriftsteller Binsenweisheiten verbreiten, wonach Deutschland doch ein Überwachungsstaat sei. Ja, was denn sonst? Noch dazu ausgerechnet in diesen Tagen in einem "offenen Brief"! Läge es nicht näher, einfach mal ostdeutsche Kollegen zu fragen, wie man so eine Geheimdienstzentrale stürmt?

Merkels Stasiakte kennen nur ein paar Amerikaner

Westdeutsche Datenschützer "erschreckt" es sogar, wenn Stasi-Akten von deutschen und internationalen Kollegen heute immer noch genutzt werden. Dabei ist das - im Gegenteil - doch eher beruhigend: So adelt die rechtsstaatliche Verwendung noch die schäbigste Information – und bringt uns wiederum einen kleinen Vorsprung im Wettbewerb um die dickste Dissidenten-Akte der Zukunft. Schließlich kam zuletzt auch noch raus, dass es in der DDR wahrscheinlich nur halb so viele Spitzel gegeben hat als westdeutsche Stasi-Experten immer gern hochrechneten.

Damit ist endlich auch klar, warum über den mutigen Widerstand von Merkel, Gauck und mir bisher so wenig bekannt war: Durch Mangel und Schlendrian. Und es erklärt außerdem den lässigen Umgang der Kanzlerin mit der sogenannten NSA-Affäre: Frau Merkel weiß, wovon sie redet, selbst wenn sie nichts weiß. Ihre Stasi-Akte kennt bis heute niemand - außer vielleicht ein paar Amerikaner. Und wenn das Westdeutschen alles irgendwie sowjetisch, ostzonal oder totalitär vorkommt, kann man ihnen nur sagen: Ja, aber auch anders, viel totaler zum Beispiel. Sie werden das allerdings erst begreifen, wenn sie ihre Stasi eines Tages selbst abwickeln. Bis dahin gilt - psst - ein globales: Schnauze, Wessi!

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Schnauze, Wessi!

stern-Reporter Holger Witzel, 46, liegt die deutsch-deutsche Völkerverständigung am Herzen. Der jüngste Sammelband seiner Kolumnen heißt "Heul doch, Wessi"

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