Selten erfuhr das Opfer einer Entführung so wenig Mitgefühl wie susanne Osthoff. Ihr Engagement für den Irak stieß auf Unverständnis, ihre TV-Auftritte nach der Freilassung irritierten. Jetzt spricht die Archäologin im stern über ihre Todesangst in den Händen der Kidnapper, über ihre Sehnsucht nach der Tochter und den Schock über die deutschen Medien.

Die 43-jährige Archäologin vor der Großen Moschee in Bahrain. In dem Golfstaat hat sie vorübergehend Unterschlupf gefunden© Volker Hinz
Und ob. Ich glaube, die Deutschen hassen mich. Sie reagieren zumindest mit Kopfschütteln.
Das wollte ich ja. Als ich nach 24 Tagen Gefangenschaft, Tagen in Todesangst, Nächten ohne Schlaf schließlich in der deutschen Botschaft in Bagdad war und draußen schon die Journalisten warteten, wollte ich rausgehen, mich bedanken, obwohl ich ziemlich fertig war. Aber der Botschafter und der Mann vom Bundeskriminalamt haben mir abgeraten.
Das hatte ich den Emiren der Entführer versprechen müssen. Die wollten, dass ich als Frau, die so lange in ihrer Gewalt war, öffentlich demonstriere, anständig behandelt worden zu sein. Das ist eine Frage der Ehre, Araber verstehen so was. Das musste ich tun.
Die BKA-Beamten glaubten mir. Sie unterbrachen eigens dafür die Verhöre, damit ich zum Interview konnte.
Das Interview hatte ich einem mir gut bekannten Redakteur zugesagt. Mit dem Termin gab es tierischen Stress, das Gespräch musste bei al-Jazeera aufgezeichnet werden. Erst wartete ich wie auf Kohlen, dann sollte alles ganz schnell gehen. Ich wurde zu dem Sender gefahren, kam in der Burka an, die ich in Katar zu meinem Schutz trug, da lief die Maschinerie schon. Ich musste gleich vor die Kamera, ohne dass eine Maskenbildnerin mir den Schweiß wegpudern konnte, das Indigo des Schleiers hatte schon blaue Flecken in meinem Gesicht hinterlassen - da konnte ich den gar nicht mehr abnehmen. Dabei wollte ich mich eigentlich nur bedanken bei Deutschland. Und jetzt bin ich der Buhmann. Da fühlt man sich ganz schön betrogen, wenn ganz Deutschland auf einem herumprügelt.
Ich litt noch unter dem Schlafentzug der Geiselhaft, hatte danach starke Medikamente einnehmen müssen, offenbar bekam ich ein falsches Präparat, das starke Krämpfe auslöste, ich stand schon wieder unter neuem Druck, hatte mein erstes Exil in Dubai verlassen müssen, weil der Regierung dort mein TV-Auftritt nicht passte. Trotzdem habe ich die öffentlichen Sender entlarvt, dass sie nicht an der Wahrheit interessiert sind.
Dass ich mich für den Irak einsetze und für die Menschen dort.

Susanne Osthoff wurde auf dem Weg nach Arbil nördlich von Bagdad entführt und vermutlich im sunnitischen Stammesgebiet festgehalten© Volker Hinz
Das habe ich doch. Ich war völlig am Ende, und das Einzige, was ich noch wollte, war mit ihr zu reden. Ich bekam von Tarfa ein Fax an Heiligabend, ein langer Brief und darin mit Filzstift: "Mama, eines wollte ich dir noch sagen: Ich hab dich fest lieb!" Ich habe gleich angerufen, eine Psychologin saß neben mir und passte auf, dass ich ja nichts Falsches sagen würde, aber in Deutschland lief nur der Anrufbeantworter. Ich wollte mich mit meiner Tochter ja vorher schon in Dubai treffen, deshalb bat ich darum, dass die Verhöre dort stattfinden, wo es warm ist. Dubai ist eines der sichersten Urlaubsziele in Arabien. Aber dann meinten die Freunde, die Tarfa in Deutschland betreuen, sie habe jetzt Angst vor Arabien. Das glaube ich nicht, die ist doch von mir erzogen worden, im Jemen, in der Wüste. Aber ich muss den Freunden voll vertrauen.
Als ich wieder ein Ersatztelefon hatte - mein Handy war ja weg, mit den ganzen eingespeicherten Nummern -, habe ich Freunde in Deutschland angerufen. Zu meiner Familie hatte ich schon fast sieben Jahre keinen Kontakt mehr. Die Journalisten haben sich doch nur an meine Familie gewandt, weil sie sonst niemand hatten, mit dem sie über mich sprechen konnten. Gott sei Dank ist es gelungen, meine Tochter aus all dem rauszuhalten. Mein Bruder Robi tut mir echt leid.
Weil er Otschistan nicht entfliehen konnte.
So habe ich es genannt, meine Familie hieß ursprünglich Otschiwolski, bevor der Name auf Osthoff umgeschrieben wurde. Mein Bruder hat ja unter den Verhältnissen genauso gelitten wie ich. Das waren die Nachwirkungen von Hitler. Mein Vater musste als 14-Jähriger in Kattowitz die Familie durchbringen. Die hatte es von Schlesien nach Bayern verschlagen. Meine Mutter wurde von ihrer Familie geschnitten, weil sie sich mit dem Flüchtling eingelassen hatte. Meine schlesische Großmutter wiederum machte meine Mutter schlecht. Mein Vater wollte uns durch Härte stark machen. Täglich bin ich um den Egglburger See gelaufen. Durch seinen Alkoholkonsum und seine cholerische Veranlagung waren wir an Gewaltausbrüche gewöhnt. Als er einmal auf mich losging, haute ich ab. Es war im Januar bei einem Schneesturm, da war ich 17.
Erst zu einer Freundin, dann zog ich beim ältesten Arzt des Ortes ein. Irgendwie führte ich ihm den Haushalt, obwohl ich das erst lernen musste. Er sprach viele Sprachen, in der Villa war Platz, da gab es Bücher. Bis zum Abitur und auch während des Studiums wohnte ich bei ihm. Mit seinem Sohn reiste ich bis nach Ägypten. Später mit dem Motorrad durch Kurdistan bis nach Syrien. Und durch die Sahara. Ohne den Arztsohn - das Motorrad war nichts für ihn.
Durch mein Studium: Vorderasiatische Archäologie, Semitistik - Hebräisch, Aramäisch, Keilschrift und so weiter - sowie Domestikationsforschung an Tierknochen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 2/2006