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11. Oktober 2010, 20:40 Uhr

Das Dilemma der Grünen

Auf einmal scheint alles möglich: grüne Volkspartei, grüne Ministerpräsidenten. Die Partei schießt in den Umfragen durch die Decke. Woran liegt das? Eine Analyse von Sebastian Kemnitzer

Grüne, Claudia Roth, Renate Künast, Jürgen Trittin, Cem Özdemir, Olympia, Stuttgart 21, Winfried Kretschmann,  Hans-Christian Ströbele, Hamburg, schwarz-grün, rot-grün, rot-rot-grün, FDP, Kellner, Kanzlerschaft, Baden-Württemberg,  Atomkraft, Gesine Agena, Boris Palmer, Koalition

2011 soll der erste grüne Ministerpräsident auf die Bühne© Tilo Berner/DPA

Kürzlich in der Nähe des Bundeskanzleramts, da war alles so wie früher. Ein paar Demonstranten, die wacker ihre Schildchen gegen Stuttgart 21 in die Höhe reckten. Mit dem Radel kam der Altlinke Hans-Christian Ströbele daher, der ehemalige RAF-Verteidiger. Bis heute ist er der einzige Grüne, der einen Wahlkreis in Deutschland direkt erobert hat. In Friedrichshain-Kreuzberg holte Ströbele bei der vergangenen Bundestagswahl 46,7 Prozent der Stimmen.

Diesen Wert werden die Grünen als Partei nie erreichen. Oder doch? Woche für Woche räumt die Partei in den Umfragen ab. Aktuell liegen sie bei 25 Prozent, damit zwei Punkte vor der SPD, und nur vier Prozent hinter der Union. Der Grüne Ströbele findet den Höhenflug schon langsam unheimlich. "Ich habe es mir nie erträumen lassen, dass wir irgendwann die Chance haben würden, in Berlin und in Baden-Württemberg die Führung zu übernehmen", sagt er stern.de mit Blick auf die kommenden Landtagswahlen. Noch sieht es mit den Regierungsbeteiligungen der Grünen mager aus: Sie sind in Bremen, Hamburg und dem Saarland dabei, neuerdings auch in einer wackligen Minderheitsregierung in Nordrhein-Westfalen. Als Juniorpartner. In Baden-Württemberg, das hat auch die SPD begriffen, könnte die Öko-Partei dagegen sogar den Senior geben.

Bemerkenswertes Personal

Warum ist die Partei gleichwohl so populär? Natürlich profitieren die Grünen von der äußerst schwachen Performance der schwarz-gelben Regierung. Natürlich profitieren sie davon, dass sich die SPD weiterhin mehr mit sich selbst beschäftigt, als nach außen zu wirken. Aber das ist nicht alles.

Die Grünen sind obenauf, weil sie die richtigen Themen aus Überzeugung besetzen. Die Grünen waren schon immer gegen Atomkraft, die Grünen waren schon immer gegen Stuttgart 21. Wendehälse sehen anders aus, das honorieren die Wähler. Außerdem haben sich die Grünen mit den Jahren immer mehr geöffnet: Richtung Bürgertum, Richtung Mitte. Schon sagen die ersten Kommentatoren, das Wörtchen "nachhaltig" sei eine moderne Übersetzung für "konservativ". Wie tiefgreifend sich das Image der einstigen "Steinewerfer" und "Chaoten" gewandelt hat, zeigen die Umfragen in Bayern und Baden-Württemberg.

Was bei den Grünen auch funktioniert, ist das Personal. Vorbildlich kümmert sich die Partei seit Jahren um den Nachwuchs. Hinter den Vorturnern Jürgen Trittin, Claudia Roth, Cem Özdemir und Renate Künast - die seit dem Weggang von Übervater Joschka Fischer erst so richtig in Schwung kamen - arbeitet eine zweite Riege bemerkenswerter Talente. Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer zum Beispiel oder der hessische Grünen-Chef Tarek Al Wazir. Auch in der Bundestagsfraktion sitzen reihenweise vielversprechende junge Köpfe.

Entzauberung durch Verantwortung

Die Spitzengrünen sind von den aktuellen Umfragen natürlich wie berauscht. Sie sehnen sich nach der Macht, sie wollen regieren. Aber vor allem wollen sie dauerhaft oben bleiben. Nicht so wie die FDP, die innerhalb eines Jahres eine Bauchlandung sondergleichen hingelegt hat. Deswegen ist Demut angesagt. Egal, wer von den Grünen spricht, es klingt immer gleich: "Umfragen sind noch keine Wählerstimmen." "Wir freuen uns, heben aber nicht ab." "Die inhaltliche Arbeit zählt." Bli, bla, blupp.

Die Grünen wissen genau: In einer Regierung folgt dem Rausch schnell die Ernüchterung. Regieren heißt vor allem, Kompromisse zu schlucken. Bestes Beispiel: die schwarz-grüne Koalition in Hamburg. Das Kohlekraftwerk Moorburg kommt, mittlerweile darf sogar ein konservativer Hardliner, Christoph Ahlhaus (CDU), die Stadt regieren. Die Grünen vor Ort sprechen davon, viel gestalten zu wollen. Kritiker, auch in den eigenen Reihen, sehen das ganz anders: Ideale würden einfach weggeschmissen. Die geplante grüne Schulreform scheiterte mit Pauken und Trompeten.

Ähnlich schräg schaut es in München aus. Seit 20 Jahren besitzt Rot-Grün eine Mehrheit in der Stadt - und die profitiert, entgegen allen öffentlich vorgetragenen Bekenntnissen, massiv von Gewinnen des Atomkraftwerks Isar II. Das posaunen die Grünen natürlich nicht heraus. Dafür engagieren sie sich für die Olympiabewerbung der Stadt. Zwei grüne Stadträtinnen haben extra eine eigene Homepage geschaltet. Egal, dass sich der grüne Landesverband in Bayern gegen das Projekt gestellt hat. In der Verantwortung entzaubern sich auch die Grünen schnell.

Fallstricke im Bund

Die kruden Kompromisse und Prinzipienverletzungen schlagen auf Landesebene kleine Wellen, auf Bundesebene würden sie einen Tsunami der Kritik auslösen. Das ist auch ein grünes Problem: Mit wem sollen sie 2013 im Bund die Macht erobern? Mit CDU und FDP geht vorerst nichts, der Atomdeal hat diese Option vorerst verbrannt. Mit der SPD allein reicht es nur in Umfragen. Der derzeitige Hype aber wird wohl auch mal wieder vorübergehen, die Realität sich in ein paar Prozentpünktchen weniger als 25 einpendeln. Also muss ein dritter Partner her: die Linkspartei. "Die drei linken Parteien in Deutschland müssen heute schon ein mögliches rot-rot-grünes Bündnis vorbereiten", sagt Gesine Agena, Sprecherin der Jungen Grünen, stern.de. Programmatisch sei diese Option am sinnvollsten.

Wählertaktisch nicht: Die meisten Deutschen lehnen ein solches Dreierbündnis ab.

Eine Analyse von Sebastian Kemnitzer
 
 
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