Jetzt ist es amtlich: Die Staatsanwaltschaft Kiel hat Anklage gegen Ex-THW-Manager Uwe Schwenker und seinen Trainer Zvonimir Serdarusic erhoben. Sie sollen den Champions-League-Sieg 2007 gekauft haben. Der Fall THW erzählt die Geschichte zweier Freunde, die alles erreichen - und ihr Lebenswerk am Ende zerstören. Von Kerstin Herrnkind

Zum Haareraufen: Uwe Schwenker wird wegen Betrugs angeklagt© Marcus Brandt/DPA
Der märchenhafte Aufstieg des THW Kiel beginnt 1992, als der Versicherungskaufmann und ehemalige THW-Handballer Uwe Schwenker das Management der Bundesliga-Mannschaft übernimmt. Im regentrüben Kiel ist Handball – damals wie heute – das gesellschaftliche Ereignis schlechthin. Schon morgens um fünf Uhr rücken die Fans mit Klappstühlen an, harren vor der Ostseehalle aus, um eine der wenigen frei verkäuflichen Karten zu ergattern. Dauerkarten werden über Generationen vererbt. Doch obwohl die "Zebras" "die besten Fans der Welt" hinter sich haben, spielt der THW in der Bundesliga nur um hintere Plätze. Als Schwenker, ein blonder Hüne von fast 1,90 Meter, von der "Platte", wie Handballer die Halle nennen, ins Management wechselt, hat er eine steile Karriere hinter sich. Schwenker war Nationalspieler, bestritt 72 A-Länderspiele und holte bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles die Silbermedaille. Als Manager will Schwenker mit dem THW, der eigentlich Turnverein Hassee-Winterbek heißt, endlich "weg vom Image der Dorfsportart". Deshalb wandelt er die Handball-Abteilung in eine GmbH & Co. KG. um und holt sich einen neuen Trainer an die Förde: Zvonimir Serdarusic.
Der griesgrämige Kroate, den alle nur "Noka" nennen, gilt als Schleifer, der schon die Provinzhandballer aus Bad Schwartau und Flensburg-Handewitt in die Bundesliga getriezt hat. "Ich will innerhalb der nächsten beiden Jahre Meister werden", sagt Serdarusic bei seinem Amtsantritt, und zwar noch bevor er die "Zebras" das erste Mal durch die Halle gejagt hat. Vorstand und Gesellschafter schütteln die Köpfe. Es ist über 30 Jahre her, dass der THW ganz oben auf dem Siegertreppchen stand. Doch Serdarusic übertrifft sich selbst. Er braucht nur ein Jahr. 1994 wird der THW Deutscher Meister.
Die Stadt berauscht sich an dem Sieg. Tausende tanzen vor der Ostseehalle. Ministerpräsidentin Heide Simonis spendiert Sekt im Rathaus. Die Fans reißen "Noka" auf dem Kieler Rathausplatz das Hemd vom Leib. Die Polizei spielt Taxi, chauffiert Spieler im Streifenwagen zu später Stunde von Kneipe zu Kneipe. "Nokas Verpflichtung war ein Glücksgriff", jubelt Schwenker beschwipst von Sekt und Erfolg. Der Erfolg schweißt beide zusammen. "Wir haben ein anderes Verhältnis zueinander als viele Trainer und Manager, ein intensiveres, eines voller Vertrauen", schwärmt der sonst eher wortkarge Serdarusic in gemeinsamen Interviews. "Wir haben zusammen gekämpft, gejubelt, standen nackig unter der Dusche." Uwe Schwenker nickt: "Wir sind wie ein altes Ehepaar."
Auch privat werden Manager und Trainer unzertrennlich, ziehen mit ihren Frauen Karin und Mirjana an den Stadtrand von Kiel in ein Doppelhaus. Selbst im Urlaub sind Schwenker und Serdarusic unzertrennlich, fahren ohne ihre Frauen zum Angeln nach Norwegen. Einmal rutscht Schwenker auf einem glitschigen Baumstamm in einen Fjord. Blitzschnell zieht ein Strudel den Hünen unters Treibholz. Noka kriegt seinen Freund am Oberarm zu fassen, zieht ihn aus dem Wasser. "Wenn Du hier geblieben wärst, wäre ich nie mehr nach Deutschland zurück gekehrt", klopft "Noka" seinem Freund auf die triefenden Schultern. "Wie hätte ich das Deiner Frau in Kiel erklären sollen?"
Schwenker und Serdarusic formen den Turnverein Hassee-Winterbek innerhalb der nächsten Jahre zu einem Proficlub mit einem Etat von fast acht Millionen Euro. Schwenker kauft Spieler aus aller Welt, darunter Nikolai Karabatic, der als bester Handballer der Welt gilt. Die Einkäufe zahlen sich aus. Bis 2006 gewinnen die "Zebras" unter "Nokas" Knute neunmal den Meistertitel und gewinnen dreimal den EHF-Pokal, vergleichbar mit dem Uefa-Pokal im Fußball. Schwenker und Serdarusic seien "die perfekte Mischung aus sportlicher und wirtschaftlicher Kompetenz", schwärmt die FAZ. Serdarusic wird 1996 zum "Trainer des Jahres" gewählt. Schwenker darf sich 2001 "Sportmanager des Jahres" nennen. Die Presse bejubelt ihn als "Handball-Hoeneß". Doch der Vergleich mit dem Bayern-Erfolgsmanager gefällt Schwenker gar nicht: "Ich bin keine Kopie. Ich bin Uwe Schwenker." Der Erfolg des THW steigt ihm zu Kopf.
Schwenker ist sein Leben lang hofiert worden. Als Handballer, als Manager. Er ist daran gewöhnt, dass die Leute zu ihm aufsehen. Nicht nur seiner Körpergröße wegen. "Im Stil eines hanseatischen Kaufmannes strotzt er vor Selbstbewusstsein, scheint zu sagen: 'Ich bin allen einen Schritt voraus. Viele halten ihn für zu selbstsicher, andere sagen: Der hält sich für unfehlbar'", schreibt die Presse. Doch Kritik perlt von Schwenker ab: "Will man everybody’s darling sein oder Erfolg haben?", blafft er.
Neben seinem gut dotierten Manager-Posten ist Schwenker an einer Versicherungsagentur der Provinzial – dem Hauptsponsor des THW – beteiligt. In seiner Agentur wird der Herr "Bezirkskommissar" allerdings nur selten gesehen. Die Akquise besorgt für ihn der THW. Denn mit jedem Spiel macht der Verein Werbung für die Provinzial, deshalb lassen sich die Fans so gerne beim Schwenker versichern. Auch die heimische Presse hat Schwenker fest im Griff. Dr. Hubertus Grote, damals Geschäftsführer der "Kieler Nachrichten", ist Gesellschafter beim THW. Die Redaktion feiert den Verein. Grote und Schwenker werden oft zusammen in den Bars der Stadt zusammen gesehen. So gedeiht über Jahre ein schwer durchdringbares "Handball-Biotop an der Ostseeküste". Fehlt nur noch der ganz große Sieg. Die Champions-League. Abgesehen von den Magdeburgern, hat es seit 1994 keine deutsche Mannschaft geschafft, den Titel zu holen. Er gehört den Spaniern von BM Ciudad Real und dem FC Barcelona, die die Champions-League seit 1993 innerhalb von 16 Jahren zwölf Mal gewonnen haben. In der Saison 1999/2000 schaffen die Kieler es immerhin ins Finale. Doch wieder gewinnt der FC Barcelona. Serdarusic steht nach dieser Niederlage weinend in der Halle. "Noch in zehn Jahren werde ich traurig sein, wenn ich an diesen Abend denke", schluchzt er. Nach dieser Niederlage wird Serdarusic, der sich mühsam das Qualmen eigentlich abgewöhnt hatte, wieder zum Kettenraucher. Die Champions League muss her - unbedingt. "Ich habe immer gesagt, es macht keinen Sinn, der König im Dorf zu sein", sagt Schwenker. Kiel ist ihm zu klein geworden.
In der Saison 2006/2007 ist die Chance schließlich wieder da. Der THW bezingt im Halbfinale seinen stärksten Gegner - wiederum der FC Barcelona. Plötzlich ist die Trophäe zum Greifen nahe. Die Kieler müssen im Endspiel nur noch ihre Nachbarn aus Flensburg schlagen. Das Hinspiel ging in Flensburg 28:28 aus. Doch ausgerechnet im Rückspiel muss der THW mit seinem letzten Aufgebot antreten. Mannschaftskapitän Stefan Lövgren ist angeschlagen, kann die Spieler nur von der Bank aus dirigieren. Die polnischen Schiedsrichter Miroslaw Baum und Marek Goralczyk pfeifen das Spiel.