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Reportage: Die rasenden Rambos auf der Autobahn

Auf unseren Highways ist die Hölle los. Brutales Drängeln und zügelloser Tempowahn fordern immer mehr Opfer. Die meisten Lenkrad-Täter sind sich keiner Schuld bewusst.

Auf dem karierten Zettel steht nur das Kürzel "A 5". Darunter, eilig mit dem Kugelschreiber aufs Papier geworfen, vier Linien, die Spuren der Autobahn zwischen Karlsruhe und Bruchsal bei Weingarten. Ein fünfter Strich aber zieht, auffällig dick und wie ein hässlicher Ausrutscher, quer von links nach rechts übers Blatt. Teil einer vorläufigen Unfallrekonstruktion, der Versuch, ein Drama zu begreifen. Erstellt von einem Beamten der Autobahnpolizei Karlsruhe.

Die Skizze zeigt die letzten Meter auf der Fahrt von Jasmin A., 21. Sie fuhr auf der linken Spur, zog plötzlich scharf nach rechts, schleuderte über die Standspur und prallte gegen einen Baum. Wenige Augenblicke später war sie tot, ihre zweijährige Tochter Rebecca starb im Kindersitz auf der Rückbank.

Was zunächst wie der tragische Fahrfehler einer Anfängerin aussah, erwies sich schnell als Krimi mit Täter und Opfern. Autofahrer im Gefolge von Jasmin A. hatten beobachtet, wie ein schwerer Mercedes mit weit über 200 Stundenkilometern und extrem knappem Abstand auf den Kleinwagen der jungen Frau zuschoss. Das muss Jasmin A. in Panik versetzt und in den Tod getrieben haben. Ungerührt raste der Drängler weiter. Seitdem sucht die Ermittlungsgruppe "Raser" der Autobahnpolizei Karlsruhe mit mehr als 40 Beamten nach einem Mercedes mit Böblinger Kennzeichen und "zwei ovalen Auspuffendrohren rechts und links am Fahrzeugheck". Der Aufwand "hat die Dimension eines größeren Kapitalverbrechens", sagt Ermittlungschef Wolfgang Ams.

Mehr als 600 verdächtige Fahrzeuge mussten auf Auspuff und Farbton abgeklopft, die Alibis der Fahrer überprüft werden. Der Kreis der Verdächtigen wurde immer größer. War der Mercedes schwarz - oder vielleicht dunkelblau oder dunkelgrau? S-Klasse oder E-Klasse? "Wer kennt sich schon so genau mit Autos aus", sagt Holger Schepanski, Pressesprecher der Autobahnpolizei Karlsruhe, "erst recht, wenn sie im Morgengrauen mit über 200 Kilometern vorbeirauschen?" Dem Drängler von Weingarten dürfte es an den Kragen gehen: Im Verdacht stehen zwei Testfahrer von Daimler-Chrysler, die sich vor dem Unfall ein Wettrennen geliefert haben sollen. Ob der Raser das Fahrzeug von Jasmin A. gestreift hat oder nicht, ist derzeit noch ungeklärt. Die Stoßstange eines der verdächtigten Raser-Autos wird im Landeskriminalamt auf Kollisionsspuren untersucht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt auch wegen des Verdachts auf fahrlässige Tötung. Darauf stehen bis zu fünf Jahre Haft. Dagegen kommen täglich Hunderte Rowdys auf deutschen Straßen unerkannt davon. Mehr als 80 Prozent der Autofahrer glauben, es sei "wenig wahrscheinlich", dass aggressive Raser bestraft werden. Das ermittelten Verkehrswissenschaftler der Universität Würzburg in einer aktuellen Studie, die dem stern exklusiv vorliegt.(Im Auftrag der Bundesanstalt für Straßenwesen wurden 776 Autofahrer, 332 Autobahnpolizisten befragt, 7000 Anzeigen ausgewertet und Fahrverhalten getestet). Den Drangsalierern droht oft nicht mal eine Anzeige, geschweige denn eine Strafe, so Christian Maag, Verkehrspsychologe und Leiter der Studie.

Der deprimierende Gesamteindruck wird von mehr als 300 Autobahnpolizisten bestätigt, die von Maag und seinen Kollegen befragt wurden. Kontrollen seien zwar effizient, es fehle aber an Personal dafür. Es sei deshalb "äußerst unwahrscheinlich", dass viele Drängler erwischt werden, so das frustrierte Fazit der Beamten. "Allein in Nordrhein-Westfalen werden in den kommenden Jahren rund 2400 Stellen abgebaut", sagt Rainer Wendt, stellvertretender Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. "Schon jetzt sind einzelne Autobahn-Wachen nicht mehr rund um die Uhr besetzt".

Mit anhaltender Sommerhitze nehmen auch die Aggressionen zu. Rasen, Drängeln und Pöbeln auf deutschen Schnellstraßen haben Hochkonjunktur:

1)In Südhessen beschlagnahmte die Polizei Anfang Juli nach einem halsbrecherischen Rennen 22 Autos auf der A 5. Die jungen Fahrer waren zum Teil mit 240 Stundenkilometern über die Autobahn gerast, einige hatten in ihre aufgemotzten Autos 150 000 Euro investiert.

2)Auf den Autobahnen A 99 und A 8 von München nach Salzburg verfolgte die Polizei einen 51-jährigen Ingenieur - er hatte andere, die nicht sofort Platz machten, massiv mit Blinker und Lichthupe bedrängt und zum Teil sogar geschrammt; insgesamt gab es sieben Unfälle, bei denen wie durch ein Wunder niemand verletzt wurde. Die Polizei bekam den Mann erst nach 60 Kilometern Verfolgungsjagd bei Bad Aibling zu fassen. "Ich bin ein berühmter Formel-1-Fahrer", erklärte er, "und habe immer freie Fahrt." 3)Bei Rothenburg im Landkreis Ansbach raste ein 45-Jähriger auf der Autobahn Würzburg-Ulm durch eine Baustelle, fuhr zum Überholen auf dem Standstreifen und anschließend mit Tempo 100 über einen Parkplatz. Als er über ein Stoppelfeld flüchten wollte, blieb sein Wagen in einem Graben stecken. Danach ging er auf einen Polizisten los, der den Rasenden mit einem Schuss ins Bein matt setzte.

Extreme Fälle, aber der alltägliche Wahnsinn hat Methode und deutet auf ein großes Dunkelfeld. Ende vergangenen Jahres waren beim Kraftfahrtbundesamt in Flensburg drei Millionen Männer und 624 000 Frauen wegen zu schnellen Fahrens registriert. Wird der Nahkampf auf der Autobahn ausgefochten, ist er wegen der hohen Geschwindigkeiten besonders riskant. Von den 24 625 Unfällen mit Personenschäden, die sich im Jahr 2002 auf deutschen Autobahnen ereigneten, gingen 11 899 auf das Konto von Rasern und 6274 auf das Konto von Dränglern. Macht zusammen rund 75 Prozent, die in der Statistik unter "Ursachen" nüchtern als "Fehlverhalten der Fahrzeugführer" auftauchen.

Mehr als die Hälfte der Autofahrer, so die Studie der Uni Würzburg, erlebt und beobachtet "oft oder sehr oft" aggressives Verhalten. Die Forscher vom "Interdisziplinären Zentrum für Verkehrswissenschaften" ergründeten so umfassend wie selten zuvor das Verhalten der Deutschen auf der Autobahn. Sie fragten nicht nur nach schwammigen Eindrücken aus den vergangenen Monaten, sondern postierten ihre Interviewer an einer Autobahnraststätte. Während die Motoren noch warm und die Erinnerungen frisch waren, sollten die Fahrer über Stress- situationen in der vergangenen Stunde berichten.

Ergebnis: Nur jeder Zweite erzählte, dass er in dieser Zeit ungestört und entspannt gefahren sei. Die Übrigen berichteten über bis zu vier "aggressive Episoden", darunter lebensgefährliche Attacken - blitzschnelle "Tiefflieger" mit Lichthupe, Rüpel, die hemmungslos rechts überholen, drängeln und schneiden. Auch die befragten Polizeibeamten bestätigten die Tendenz zum Nahkampf auf Rädern. Die "sehr gefährlichen Fahrkonflikte" seien in den letzten Jahren häufiger geworden. Die erlebt Ann Hartmayer, 25, hautnah. Hartmayer, Jeans, Sonnenbrille, Pferdeschwanz, Kumpeltyp, ist Tag für Tag auf der Autobahn unterwegs. Zuweilen 250 km/h schnell und immer mit versteckten Kameras - eine davon verbirgt sich hinter der Frontscheibe, die andere auf der Hutablage, beide kaum dicker als ein Daumen und mit einer 30 000 Euro teuren Technik ausgestattet. Sie ermöglicht, während der Fahrt die Geschwindigkeit des Vordermanns zu messen und aufzuzeichnen.

Montag, 13.30 Uhr, 27 Grad im Schatten. Ruhiger Verkehr auf der A 8 Richtung München. Ann Hartmayer hat eine frische Videocassette eingelegt, ihr Kollege Rainer Wahl, 33, trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck "No risk, no fun" und die Dienstwaffe im Holster. Bis zu 500 Kilometer fahren sie täglich über die A 8 und die A 81. Nur Montagmorgen bleiben sie lieber im Büro - da sind die Autobahnen rund um Stuttgart so voll, dass riskante Manöver kaum möglich sind, allenfalls gelegentliche Verzweiflungstaten, "wenn mal einer versucht, sich auf dem Seitenstreifen am Stau vorbeizumogeln".

Bei Leonberg stoppen die beiden einen weinroten VW, heraus steigt Pascale S., eine junge Kinderkrankenschwester aus Luxemburg. Die Kamera zeigt, dass sie bis zu 41 Kilometer zu schnell fuhr und dem Vordermann gefährlich dicht auf die Pelle rückte. Nein, sie wollte niemand drangsalieren, "es macht mir einfach Spaß, schnell zu fahren", erklärt sie. Auch wenn deutsche Autobahnen sie eigentlich nerven. "Zu viele Baustellen, und dauernd wird man von einem blinkenden BMW oder Audi bedrängt! Ich fahr da selbst aggressiver, ohne dass mir das bewusst wird." Ein paar Kilometer weiter gesteht ein Schnellfahrer, er sei "einfach ins Gespräch vertieft" gewesen. "Das", sagt Ann Hartmayer, "war der freundliche Typ."

Ansonsten wird eisig geschwiegen oder auch mal gepöbelt ("Abzockerei", "Wegelagerer", "Leck mich!"), vor allem aber gelogen. "Mein Kind muss ganz schnell ins Hallenbad", erklärte ein Fahrer, der mit Kind an Bord und Tempo 150 durch dichten Nebel rauschte. Da kann die nette Ann auch mal biestig werden. Denn wissentlich zu schnell zu fahren ist Vorsatz, und Vorsatz "kostet das Doppelte". In einem Nebenraum der Autobahnpolizei Stuttgart zeigt sie Beweisfilme. Kilometerweit hatten sie und ihr Kollege einen rasanten Golf verfolgt. Versucht, den Fahrer herauszuwinken, Blaulicht aufs Dach gesetzt, das Martinshorn aufjaulen lassen, die Lichthupe gedrückt, "aber der reagierte einfach nicht". Nach acht Kilometern fuhr der Golf schließlich rechts heran. Die Fahrerin: "Ich dachte, Sie wären ein Drängler!" Frauen, sagt Bernd Kupferschmidt, der täglich Temposünder auf den Bundesstraßen um Stuttgart verfolgt, "drängeln tendenziell aus Unwissenheit, Männer mit Absicht". Sein Beweis führt einen blauen Opel mit Kindersitz hinten und klebt bei Tempo 110 an einem Golf Cabriolet. Abstand: etwa acht Meter. Notwendig: 55 Meter. "Das war für mich nicht dramatisch", sagt Barbara Weingärtner (Name geändert), Sekretärin und Mutter von zwei Kindern. Sie fahre immer so. "Sonst drückt sich einer dazwischen." Werden sie selbst bedrängt, klagen am lautesten nicht die Ängstlichen und Unerfahrenen, sondern überwiegend geübte Berufs- und Vielfahrer. Wolfgang G., 50, leitender Versicherungsangestellter aus Waiblingen, sportlich, gebräunt, ist einer von ihnen. 35 000 Kilometer pro Jahr, eine Million Kilometer Fahrleistung seit der ersten Fahrstunde, mehrere Sicherheitstrainings beim ADAC. Er fährt einen 3er-BMW und gern schnell. "Nachts auf der A 7, wenn man es richtig laufen lassen kann, das ist für mich positiver Stress." Er sei "der Typ höflicher Autofahrer", sagt er. Jedenfalls so lange, wie ihm kein Golf-GTI-Fahrer oder älterer Herr mit Hut in die Quere kommt. Vor allem aber hasst er den Typ des deutschen Oberlehrers, der provozierend langsam auf der linken Spur fährt. Damit ist er nicht allein. Über 50 Prozent der Autofahrer klagen laut Würzburger Studie über notorische Linksfahrer, die sie zur Weißglut - und zum Drängeln - treiben. "Hier pocht jeder auf sein Recht. Jeder ist jedermanns Gegner. In Italien, Frankreich oder Spanien dagegen kann man links und rechts überholen, da sind alle gut Freund." Ein bisschen Westerwelle für die Autobahn wünscht er sich. Weg mit vielen Tempolimits, liberalisiert die Straßen! Bis dahin aber "muss man zumindest die Freiheit haben, sich schnappen zu lassen".

Geschnappt wird er an einem Mittwoch, als er auf seiner Hausstrecke Richtung Büro fährt. In seinem Kielwasser unbemerkt: ein Videofahrzeug der Polizei mit modernster Digitaltechnik, Mercedes C-Klasse, 192 PS stark, am Steuer ein Beamter in Zivil, Andreas Vogt, neben ihm Bernd Kupferschmidt. Vogt hat den eiligen BMW erspäht und sich drangehängt. Vogt und Kupferschmidt betreiben seit zehn Jahren "Videodistanzauswertung" auf Schnellstraßen. Im Lauf der folgenden Kilometer zeichnet die Kamera jede Bewegung des BMW auf. Beifahrer Kupferschmidt beobachtet gespannt, wie sich der Wagen an den Vordermann ranschiebt, der stur die linke Spur hält. Auf dem unteren Rand des Bildschirms belegen schnell wechselnde Zahlen den Zweikampf - das aktuell gefahrene Tempo. "Abstand zwischen den Fahrzeugen noch etwa zehn Meter", schätzt Kupferschmidt. Später wird er am Computer den Abstand auf den Zentimeter genau bestimmen. Faustregel: Halber Tachoabstand ist okay. Steht die Nadel bei 200, muss die Lücke zum Vordermann mindestens 100 Meter lang sein. Wer den halben Tachoabstand noch mal halbiert, fährt schon in den Punkterängen. Bei Tempo 200 und 50 Meter Abstand (fünf Zehntel des halben Tachoabstandes) droht der Eintrag in die Flensburger Sünderkartei. Bei einem Zehntel, wie bei Wolfgang G., ist es für jede Notbremsung zu spät. Er riskiert 150 Euro Geldbuße, vier Punkte und einen Monat Fahrverbot.

Die Bundesregierung will die Sanktionen gegen "extreme Raser" demnächst verschärfen - mit bis zu sechs Monaten Fahrverbot. Die Ausrede, den Abstand nicht einschätzen zu können, zieht nicht. Auf Autobahnen kann der Fahrer sich an den Leitpfosten orientieren. Die stehen exakt jeweils 50 Meter auseinander. "Der ist nicht besonders aggressiv, will einfach nur eine leere Straße vor sich haben", sagt Kupferschmidt über Wolfgang G. Solche Fälle haben sie jeden Tag, Macher-Typen, "die in ihrem Betrieb alle befehligen und sich sagen, ich zahl Steuern, ich will vorwärts kommen". Die Klasse der "hochmotorisierten" Vielfahrer zwischen 40 und 50 falle am häufigsten durch "rücksichtsloses Verhalten" auf, stellt auch die Würzburger Studie fest. Dieser Typ beklagt sich zugleich mehr als andere über Rücksichtslosigkeit - die Täter sehen sich öfter als andere als Opfer. Die Autobahnpolizei beobachtet das Gegenteil: Tatsächlich haben "typische Drängler" in der Regel reichlich PS unterm Hintern, Opfer dagegen einen abgewetzten Kleinwagensitz. Straßenverkehr ist Klassenkampf.

Das kam auch bei einer Stichprobe des ADAC heraus. Von 3000 gemessenen Autos klebte jedes fünfte zu dicht am Vordermann. Spitzenreiter auf der Drängler-Hitliste waren Mercedes- (30 Prozent) und BMW-Chauffeure (28 Prozent). Mustergültig waren die Japan-Marken unterwegs, von denen nur sieben Prozent zu eng am Heck des Vorausfahrenden klebten.

Doch selbst wenn Tempojäger wie Hartmayer und Kupferschmidt ihren "Klienten" pro Tag mehrere hundert Anzeigen aufbrummen würden, hätten sie damit nur einen kleinen Teil der Verstöße geahndet. Die Autobahnpolizei Stuttgart beispielsweise verfügt nur über vier Fahrzeuge, um einen der am dichtesten befahrenen Räume Deutschlands zu üerwachen - darunter die A 8, auf der täglich 140 000 Fahrzeuge rollen. Kleine Fische, die 20 oder 30 Stundenkilometer zu schnell fahren, lässt Ann Hartmayer deshalb ziehen. "Sonst kämen wir mit dem Formularkram nicht mehr hinterher." Auf der Autobahn funktioniere die einfachste soziale Kontrolle nicht mehr, meint der Verkehrswissenschaftler Hardy Holte, der in seinem Buch "Rasende Liebe" die Abgründe der Autofahrerseele ausleuchtet. "Stellen Sie sich vor, Sie stehen an der Käsetheke und einer drängelt sich vor - da hagelt es Proteste, und der Drängler zieht sich beschämt zurück. Auf der Straße gibt es diese Interaktion nicht. Der Drängler sieht in den anderen ausschlieálich die Belehrer - die wollen mich maßregeln. Und er kann jederzeit abhauen."

Verschärft wird der Konflikt durch irrationale Feindbilder. Eine Studie der "Sicher Direct Versicherung" nannte 1997 zwei Dutzend davon: vom Landei mit Kennzeichen Winsen an der Luhe, das als laufendes Verkehrshindernis denunziert wurde, bis zum Porsche-Fahrer als typischem Raser schlechthin, der tatsächlich aber eher selten auffällt. Die Versicherungsstudie teilte die Autofahrer in "Typen" ein - ein Drittel sind danach "Raser" und gefährliche "Frustrierte".

Nach neuestem Stand der Forschung treffen solche Typisierungen aber nicht mehr zu. Das Verhalten auf den Straßen sei nicht in erster Linie vom Typ geprägt, sondern von der Situation, sagt Psychologe Christian Maag. Auch der netteste Mensch kann ausrasten, wenn er sich an einem heißen Freitagnachmittag durch einen zehn Kilometer langen Stau schwitzt. Paradox: Während die Autohersteller den Kokon um den Autofahrer mit immer mehr Wohlfühl- und Sicherheits-High-Tech ausstatten, herrscht drauáen Steinzeit. Ein "evolutionär begründetes Aggressions- und Konfliktbedürfnis", so der Verhaltensforscher Klaus Atzwanger, treibe Autofahrer zur Attacke. Drängeln lohnt sich, bringt nicht nur einen kleinen Zeitvorsprung, sondern auch einen Kick in den Lenden - einen euphorisierenden Testosteronwert. "Gockelgehabe" nennt das der Polizist Bernd Kupferschmidt. Kürzlich verfolgte er bei Tempo 170 über zehn Kilometer einen 23-Jährigen im VW Passat, der 50 Sachen zu schnell fuhr und dabei kaum mehr als zwei Fahrzeuglängen zwischen sich und seinem Vordermann ließ. "Der hat alle anderen einfach weggeblasen." Er hatte keinen Grund zur Eile - außer der jungen Frau auf dem Beifahrersitz. Welche Reaktionen sie bei anderen auslösen, blenden die Kamikazefahrer einfach weg - Herzklopfen, Schweißausbrüche, Wut, Angst bis zur Panik. "Hinterher war ich total geschockt", berichtet ein Journalist Über eine Fahrt auf der A 24 von Berlin nach Hamburg. "Ich hatte so um die 190 Sachen drauf", berichtet er, "als aus dem Nichts ein dunkler Mercedes hinter mir auftauchte. Der fuhr nicht, der flog." Bei einem Spurwechsel nach rechts hätte er wegen eines Lastwagens "eine Vollbremsung hinlegen müssen" - und blieb links. Bruchteile von Sekunden später zog der Mercedes auf die rechte Spur, überholte und fädelte zwischen dem Journalisten und dem Lkw wieder ein. "Der hat nicht mal ans Bremsen gedacht", sagt er, obwohl zwischen Lkw und Mercedes, Mercedes und seinem Wagen jeweils nur wenige Meter Platz gewesen seien. "Ich hab schon den Feuerball gesehen." Kurz darauf war der Raser verschwunden. "Alles ging so schnell, dass ich mir nicht mal das Nummernschild gemerkt habe."

Wer in diesen Beinahe-Crash-Situationen aus Panik das Lenkrad verreißt und im Straßengraben landet, sieht finanziell meist in die Röhre. Einzige Hoffnung ist dann die Verkehrsopferhilfe in Hamburg, ein gemeinnütziger Verein der deutschen Versicherer. Der leistet Schadensersatz an unschuldige Unfallopfer, wenn der Kamikaze-Fahrer nicht ermittelt werden kann. Welch krause Machtfantasien hinter getönten Scheiben wuchern, zeigt auch ein Blick ins Internet. "Linksspurschleicher" würde BMW-Fahrer Johannes bei www.motortalk.de am liebsten "mit Bazooka und MG bekämpfen". Selbst allerdings kann er die Drängler im Nacken nicht leiden. Sein Tipp: Erst auf die Bremse und trödeln, sich über die Wut des Hintermanns freuen, dann auf die rechte Spur und Vollgas. "Dann platzt er vor Wut, weil er nicht vorbeikommt". Finale: "Rübergrinsen und nichts wie weg!"

Auf dem Autobahnabschnitt bei Weingarten, wo Jasmin A. und ihr Kind starben, gibt es kein Tempolimit. Wegen der Rücksichtslosigkeit "eines einzelnen Idioten" werde jetzt wieder über Beschränkungen debattiert, monieren Leserbriefschreiber in der "Stuttgarter Zeitung". "Es kann einfach nicht angehen, dass die Mehrheit durchaus vernünftiger Bürger wegen der Taten Einzelner immer mehr bestraft und eingeengt wird." Alles, bloß keine Tempodebatte! Dabei bringt intelligente Verkehrssteuerung mit Limits, die der aktuellen Straáenbelastung angepasst sind, nach Erkenntnis der Würzburger Wissenschaftler nachweislich mehr Sicherheit, erst recht, wenn damit auch noch ein šberholverbot für Lkws verbunden sei. "Homogenisierung" nennt sich dies in der Fachsprache. Darf beispielsweise bei starkem Verkehr nur noch 80 statt 130 Stundenkilometer gefahren werden, gehen die "aggressiven Episoden" auf die Hälfte zurück, berechneten die Forscher. Ein bisschen Gleichmacherei also - langweilig, aber sicherer.

Seit 1960 ist der Autoverkehr um das Sechsfache angewachsen, auf den Autobahnen hat sich der Verkehr zwischen 1970 und 1998 verdoppelt. Mehr Straßen und Autobahnen also? Nein, mehr Vernunft, rät Buchautor Holte. "Der Stau bin schließlich auch ich." Sich nicht in Konflikte reinziehen lassen, "auf kei- nen Fall aggressiv zurückschlagen", empfiehlt auch Christian Maag, "denn sonst kommt ganz schnell eine Spirale der Gewalt in Gang."

Auf Einsicht allein wollen Polizeibe- amten wie Bernd Kupferschmidt nicht setzen. "Was wirklich zieht, sind Sanktionen", sagt er. Wenn sie auf dem Beifahrersitz im Polizeiwagen "ihren" Film sehen, kühlt das selbst die größten Hitzköpfe ab. "Viele bieten uns an, die doppelte Geldstrafe zu zahlen, wenn es kein Fahrverbot gibt", sagt Kupferschmidt. Alles, bloß nicht die Höchststrafe: Bahn fahren.

Ingrid Eissele unter Mitarbeit von Asmus Hess u.a. / print

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.