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Ludwig Zid: Auf gut Glück in die Ferne

Schlechte Geschäfte trieben den Wiener Fuhrunternehmer Ludwig Zid 1928 dazu, die Familie in seinen Ford zu packen und ein Abenteuer zu wagen: Bis nach Süd- und Nordamerika schafften er es. Sohn William hielt die Bilder dazu mehr als 70 Jahre unter Verschluss. Eine nacherzählte Reportage.

Von Hans-Robert Richarz

Das Vehikel, das im Mai 1930 den Rio Magdalena in Kolumbien stromabwärts treibt, versetzt die Eingeborenen am Ufer in Angst und Schrecken. Von Weitem wirkt es, als schaukelte Treibgut auf den Wellen. Näher kommend, muss es wie ein merkwürdig zusammengezimmertes Floß mit einer brüllenden Höllenmaschine hintendran aussehen. Wie sollen die Einwohner des kolumbianischen Dschungels auch ahnen, dass dieses Monstrum eine Art Autoschiff ist, eine Kreuzung aus einem Floß und einem ziemlich mitgenommenen Ford-A-Modell im Heck, das dort mit Seilen festgezurrt ist. Die Hinterräder hängen im Wasser und rotieren, um Vortrieb zu erzeugen, auf Hochtouren - angetrieben von einem 40-PS-Motor, der infernalisch Krach macht. Auf dem seltsamen Raddampfer hocken vier Menschen - zwei Männer, eine Frau und ein Kind, die im Auto Deckung suchen, als es vom Ufer her Pfeile hagelt. Kopfjäger haben es auf sie abgesehen. "Zum Glück hat es nur ein paar Löcher im Aufbau des Wagens gegeben", notiert Luise Zid in ihr Tagebuch. "Die Pfeile haben wir als Trophäen mitgenommen."

Zu diesem Zeitpunkt ist sie zusammen mit ihrem Mann Ludwig, ihrem kleinen Sohn Kurt und dem als Mechaniker angeheuerten Österreicher Kurt Schulz schon fast zwei Jahre auf einer damals einzigartigen Südamerikareise unterwegs: Die Familie Zid aus Wien ist am 18. August 1928 im 20. Bezirk ihrer Heimatstadt gestartet und hat seither mit ihrem Ford, Baujahr 1927, nicht nur die argentinische Pampa, Andenpässe, Sümpfe oder Regenwälder bewältigt, sondern auch den Südatlantik - alles mit dem eigenen Auto, denn das wird, wenn nötig, in ein Boot eingebaut. Endpunkt der Reise: die Ford-Werke im amerikanischen Detroit. William Zid, der während dieser Reise als zweiter Sohn geboren wird und heute als Rentner in Wien lebt, erzählt über seinen Vater: "Der war ein durch und durch abenteuerlustiger Mensch und Neuem gegenüber immer aufgeschlossen. Zum Beispiel war er der fünfte Wiener überhaupt, der einen Führerschein besaß. Und handwerklich geschickt muss er auch gewesen sein, sonst hätte er das Auto ja nicht bis nach Detroit gebracht." Mehrmals während der Reise muss Ludwig Zid seinen Ford komplett demontieren. Etwa, wenn unwegsame Pässe oder schmale Dschungelpfade den Weg versperren. Die Einzelteile werden von Indios dorthin geschleppt, wo die Zids weiterfahren können.

Das Abenteuer sollte allerdings weniger eine Vergnügungsreise als vielmehr ein Trip zum Geldverdienen werden. Ludwig Zid, der im Wien der 20er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein Fuhrunternehmen mit seinem Ford mehr schlecht als recht betreibt, ist unzufrieden. Er sucht nach einem Weg, seine Familie finanziell über Wasser zu halten. Da setzt ihm ein Freund den Floh ins Ohr, dass in Österreich mit Expeditionsfilmen, -bildern und Vorträgen über fremde Völker der große Reibach zu machen sei. Zid ist sofort fasziniert. Er bastelt aus seinem Ford eine Art Wohnmobil, verkauft seine Habe und macht sich mit Frau und Kind am 18. August 1928 auf den Weg. Den Lebensunterhalt unterwegs will er mit Diavorträgen oder als Tagelöhner bestreiten. Eigentlich will er nach Afrika, weil er wenig darüber weiß. Doch auf der Fahrt Richtung Süden über Venedig, Genua, Marseille und Barcelona schmiedet er einen neuen haarsträubenden Plan. In seinen Aufzeichnungen schreibt er: "Ich will mit einem Holzboot mitsamt Frau und Söhnchen die Ozeanreise nach Südamerika wagen und dort in das noch unbekannte Innere fahren. Auf dieser Reise hoffe ich, besonderes Material für spätere Filmvorführungen sammeln zu können."

Das Auto wird zerlegt

Also fahren sie nicht zur Meerenge von Gibraltar, von wo aus sie ursprünglich auf den Schwarzen Kontinent übersetzen wollten, sondern landen in La Coruña, im äußersten Nordwesten Spaniens. Woher ein Boot nehmen? Und wohin mit dem Wagen? Finanziell chronisch klamm, schwatzt Zid einem Fischer ein Bootswrack zum Nulltarif ab und baut es mit Brettern, Teer und Jute wieder auf. Erstmals wird das Auto zerlegt. Die Karosserie findet als Kajüte Verwendung, der Motor dient als Antrieb, der Rest wandert als Ballast in den Kiel. Zusätzlich montiert er zwei Segel. Nach sechs Wochen ist das Schiff seetüchtig - hofft Zid jedenfalls. Die Daten: 8 Meter Länge, 1,80 Meter Breite, 1 Meter Tiefgang, 40 PS. Nach der Überfahrt will er den Wagen wieder zusammenbauen und damit Südamerika erkunden. Die Überquerung des Südatlantiks galt damals nicht mehr als übermäßig kompliziert, sofern der Freizeitskipper einige Erfahrung auf offener See hatte. Man fährt im Spätherbst in Europa los, richtet den Bug nach Süden, bis man etwa auf Höhe der Kapverdischen Inseln die Passatwinde erwischt, die einen dann zuverlässig in Richtung Westen zur brasilianischen Küste treiben - falls kein Sturm dazwischenkommt.

So plant auch Zid. Zur Sicherheit hat er sich von Seeleuten vor Ort Grundzüge der Navigation beibringen lassen sowie einen Kompass und Seekarten geschnorrt. Ein Matrose, der von seinem Schiff abgehauen ist und so schnell wie möglich Spanien verlassen will, bietet sich als Begleiter an. Und da Zid keine Ahnung von der Seefahrt hat, nimmt er ihn gern mit. Am 7. Oktober 1928 legt die vierköpfige Gruppe ab. Bei der Abfahrt in La Coruña versammelt sich eine Menschenmenge am Kai. In Luise Zids Tagebuch steht: "Die Leute küssten und streichelten unser Kind, sie wünschten uns Glück." Der Kleine hat eine Hängematte in der winzigen Kajüte zwischen den Klappbetten seiner Eltern, Platz, der zum Schlafen und Spielen reichen muss. Sieben Wochen dauert die erste Etappe auf dem Südatlantik, die zunächst nur Langeweile bringt. Luise Zid notiert: " ...wenn es nur etwas zu sehen gäbe. Aber das geht so den ganzen Tag - wir schauen und schauen, es gibt aber nichts, was uns irgendwie fesseln oder zerstreuen könnte." Ein wenig Abwechslung bringen die Mahlzeiten. "Wenn es Zeit ist zum Essen", schreibt sie, "dann wird der Motor angelassen, und ich stelle die Töpfe mit Konservengerichten auf das Auspuffrohr beim Zylinder. Dort hat Ludwig ein Drahtgestell fürs Kochen angebracht. Doch das Essen wird nur lauwarm."

Kampf gegen den Sturm

Am 2. November schreibt die Mutter auf: "Bubi spielt in seinem Hängebett seit Stunden mit einem Gummipferd. Am liebsten ist es ihm aber, mit einem kleinen Holzhammer zu hantieren. Er macht alles dem Vater nach und sagt, er müsse so arbeiten wie der Papa. Kurti ist sehr brav, er war bisher ebenso wie wir alle noch nicht seekrank." Und als das Trinkwasser knapp wird, heißt es: "Von heute an gibt’s nichts mehr zum Waschen, nur für Kurti nehme ich das Notwendigste." Am 9. November wird es dramatisch: "Die Lebensmittel gehen zur Neige, ich habe nur mehr acht Dosen Kondensmilch für das Kind." Zum Glück taucht tags darauf ein chilenischer Frachter am Horizont auf, der sie mit frischen Nahrungsmitteln versorgt. Dann, kurz nach dem Stopp auf der Insel Fernando de Noronha, geraten sie vor Recife in schweres Wetter. Luise Zid notiert: "100 Meilen vor der brasilianischen Küste ereilt uns der furchtbarste Sturm der Überfahrt. Drei Tage kämpfen wir dagegen an. Unser Boot ist ein Wrack, der Mast gebrochen, eine Bordwand eingedrückt, Lebensmittel und Wasser sind verdorben." Die vier werden von Fischern an Bord genommen und zum Gesundheitscheck ins Krankenhaus von Recife gebracht.

Das Pech wandelt sich zu Glück. Denn die Nachricht vom Schiffbruch der vier Europäer, die mit einem selbst gebastelten Autoboot fast bis Brasilien geschippert sind, spricht sich im Bundesstaat Pernambuco schnell herum. Journalisten stehen Schlange und wollen Interviews. Die Schlagzeilen wecken das Interesse großer Firmen. Zwei dienen sich als Sponsoren an: Shell will Benzin und Öl liefern, Ford Ersatzteile für das Auto, das größtenteils neu aufgebaut werden muss. Bedingung: Die Zids müssen eine Tour durch Süd- und Mittelamerika machen und den Wagen bis nach Detroit in den USA fahren, wo er ins Ford-Museum rollen soll. Sogar eine Begegnung mit dem legendären Henry Ford wird vereinbart. Am 29. Oktober 1931, nach einem mehr als dreijährigen Trip, kommt sie tatsächlich zustande. Luise Zid hat über das Treffen notiert: "Der Empfang war großartig. Henry Ford und sein Sohn besichtigten den Wagen gründlich. Zweimal speisten wir mit Ford und seinen Direktoren. Es war uns sehr wohl zu Mute, als wir nach jahrelangem Leben in der Wildnis wieder an einer weiß gedeckten Tafel saßen, auf der die erlesensten Speisen standen. "Die Zids haben nicht damit gerechnet, dass das Treffen mit dem Auto-König tatsächlich stattfindet. Schließlich war ja keineswegs sicher, dass sie ihr Abenteuer quer durch den Kontinent heil überstehen würden.

Der Ford macht oft schlapp

Fernstraßen gibt es dort kaum, in den Anden schon gar nicht. Flüsse versperren den Weg, Pässe sind meist nur zu Fuß zu bewältigen. Obendrein ist über Nacht der Seemann abgehauen, den die Zids in La Coruña als hilfreiche Hand für die Atlantiküberquerung mitgenommen hatten. Kurz vor der Weiterreise nach Rio de Janeiro ist Ersatz zur Stelle. "Bald hatte ich einen neuen Begleiter gefunden, meinen Landsmann Kurt Schulz", vermerkt Ludwig Zid in seinen Aufzeichnungen. Schulz, ein Auswanderer, ahnt nicht, dass er sich damit auf Moskitos und Giftschlangen, auf Hunger und Durst und auf die Begegnung mit Kopfjägern einlässt. Am 27. Dezember 1928 ist das Auto fit für den Trip durch den Kontinent. Auszug aus dem Tagebuch: "In zwei Tagen hatten wir die Strecke von Rio de Janeiro nach São Paulo zurückgelegt. Hier wohnen viele Deutsche, von denen wir gut aufgenommen wurden." Die Kasse klingelt auch: "Es wurde uns ermöglicht, Vorträge und Filmvorführungen in deutschen Klubs zu veranstalten." Anschließend führt die Route nach Uruguay und Argentinien, dann über die Anden nach Chile. Dort wird das Trinkwasser so knapp, dass die Zids Kühlwasser aus dem Auto nehmen müssen, damit der kleine Kurt nicht verdurstet.

Weiter geht es nach Norden durch Bolivien, Richtung Peru, Ecuador bis Venezuela. Im September 1929 erreichen sie das bolivianische Hochland. Wieder mal ist der Ford am Ende, eine Weiterfahrt wegen des schwierigen Geländes unmöglich. Der Wagen wird zerlegt, die Einzelteile müssen auf den Rücken von Lamas über die Anden transportiert werden. Monate später sind es Indianer in Mittelamerika, die Karosserieteile, Motor und den ganzen Rest "durch das Sumpfland und über die Sierra de la Morte in Costa Rica schleppen", schreibt Luise Zid. Und wenn der Ford endlich wieder auf den Rädern steht, macht er oft schlapp. Viele Wehwehchen heilt Ludwig Zid mit handwerklichem Geschick. Verschlissene Kupplungsbeläge etwa flickt der Abenteurer notdürftig mit Lederstücken, die er aus Stiefel und Gürtel herausschneidet. Und dann die Behörden! Die Einreise nach Argentinien wird erst nach mehrtägigen Verhandlungen erlaubt. An der Grenze zu Mexiko geht selbst mit Geld nichts mehr: Die Beamten verweigern die Durchreise. Also müssen die Zids wieder aufs Wasser, wenn sie weiterkommen wollen. Mexiko wird vom Reiseplan gestrichen. Für die Weiterfahrt in die Vereinigten Staaten von Amerika wird der Ford abermals schwimmfähig gemacht, damit er, sinnreich in einen Kahn montiert, auf große Fahrt Richtung Kuba und Florida gehen kann.

Von der Öffentlichkeit vergessen

"Jedes Teil des Wagens fand Verwendung. Der Motor leistete gute Dienste für den Antrieb, und die Karosserie ersetzte die Kapitänskabine", heißt es im Tagebuch der hochschwangeren Luise Zid. Am 30. Januar 1931 bringt sie in British Honduras ihren zweiten Sohn zur Welt, William. "Es war elf Uhr vormittags, als die Geburt einsetzte", schreibt sie. "Indianerinnen halfen mir. Es ging schnell. Eine Frau nahm das Kind, ging zum Fluss und badete es im kalten Wasser." Nach der Ankunft in Miami lässt Zid das klapprige Auto von Profis wieder herrichten. Im Tagebuch finden sich dazu ein Stempel und ein Vermerk. Die Barker-Murray Motor Co. bestätigt ihm, dass der Wagen dort war: "This is to certify that Capt. Ludwig Zid was in the City of Miami, Fla, with his Ford Car No. A 477506 on the 14th day of Sept. 1931." Das Logbuch der kompletten Tour ist bis heute erhalten und lagert zusammen mit Fotos, Souvenirs und Bestätigungsschreiben von Polizeistationen der meisten besuchten Städte bei William Zid im Wiener Bezirk Floridsdorf. Der 77-Jährige, ein pensionierter Bauingenieur, blättert in den Unterlagen und erzählt, wie das Auto ins Ford-Museum kam. Irgendwann ist es von dort verschwunden. Die Zids und Kurt Schulz bekamen von Ford einen anderen Wagen spendiert. Damit touren sie ein Jahr lang durch die USA und halten gut besuchte Vorträge.

So soll es zu Hause in Wien weitergehen. Am 8. Februar 1933 sind sie wieder in der Heimat. Für die Weltenbummler gibt es im Rathaus einen großen Empfang. Presse, Blitzlichtgewitter, überall sind die Zids Gesprächsthema. Doch zu den Vorträgen kommen nur wenige. William Zid sagt: "Die Leute hatten nach 1933 wohl andere Sorgen, als ihr Geld für Diavorträge auszugeben." Auch der Traum von einem Buch über die fantastische Reise platzt. Die Wiener "Kronen-Zeitung" druckt zwar 1935 eine Fortsetzungsgeschichte mit dem Titel "Kühner als Columbus", doch das Honorar dafür ist schnell verbraucht. Vater Ludwig fängt von vorn an, wieder als Spediteur. Zunächst mit einem altersschwachen Gaul vor einem Fuhrwerk. Relativ bald hat er genug verdient, um einen Lastwagen anzuschaffen. Mit dem Ertrag hält er seine Familie eine Zeit lang über Wasser. Als der Zweite Weltkrieg beginnt, muss er sein Geschäft ruhen lassen und heuert als Fahrer bei der "Organisation Todt" an, einer Bautruppe, die im Dienst der Deutschen Wehrmacht arbeitet. In der Nachkriegszeit profitiert Zids reaktivierter Fuhrbetrieb zunächst vom Aufschwung, doch zur Blüte kommt das kleine Unternehmen nie. 1953 stirbt Ludwig Zid mit 54 Jahren an Herzversagen. Sohn William glaubt, dass die Verbitterung über den geschäftlichen Misserfolg und der frühe Tod seines Bruders Kurt, der 1952 bei einem Verkehrsunfall im Alter von 25 Jahren ums Leben kam, den Vater ins Grab gebracht haben. Mutter Luise wird 71 Jahre alt und 1969, von der Öffentlichkeit vergessen, in Wien beerdigt.

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