VG-Wort Pixel

Betriebssystem Fünf Jahre Windows 10: Der Anfang vom Ende des alten Microsoft

Die auffälligste Änderung in Windows 10 ist das überarbeitete Startmenü
Die auffälligste Änderung in Windows 10 ist das überarbeitete Startmenü
© Microsoft/ Alisa Rodnova / Getty Images
Heute vor fünf Jahren erschien Windows 10 – und erzeugte sehr gemischte Reaktionen. Seit dem ist viel passiert. Und das System hat sich so ganz anders entwickelt, als man es damals erwartete.

Es war ein großer Schritt für Microsoft. Windows 10 solle das letzte große Update des Betriebssystems werden, kündigte Konzern-Chef Satya Nadella bei der Vorstellung an. Stattdessen wolle man die einstige Cash-Cow in Zukunft als Service betreiben. Fünf Jahre nach dem Verkaufsstart hat sich seine Vision in vielerlei Hinsicht erfüllt. Und ist in anderer krachend gescheitert. Doch auch zahlreiche Befürchtungen gegenüber dem System erwiesen sich im Nachhinein als unbegründet.

Die Erwartungen an das neue Windows waren 2015 hoch. Mit Windows 8 hatte der Konzern eines seiner unbeliebtesten Systeme herausgebracht, die ungewohnte Nutzeroberfläche hatte viele Nutzer vor den Kopf gestoßen. Auch nachträgliche Änderungen wie die Rückkehr des beliebten Startmenüs mit Windows 8.1 konnten das Kind nicht mehr aus dem Brunnen holen. Bei Erscheinen von Windows 10 liefen laut "Statcounter" gerade einmal 19,2 Prozent aller Windows-Rechner mit dem System, mehr als 60 Prozent der Nutzer setzten immer noch auf Windows 7. Sogar das uralte Windows XP erreichte noch 11,4 Prozent. 

Das letzte Windows

Kein Wunder, dass Microsoft bei Windows 10 alles richtig machen wollte. Mit dem Überspringen der Version 9 distanzierte man sich schon beim Namen einen großen Schritt vom Vorgänger. Radikale Änderungen wie die Kachel-Oberfläche Metro wurden eingedampft, die Kacheln fanden sich nun nur noch im Startmenü. Das neue System fühlte sich in vielerlei Hinsicht mehr wie ein Nachfolger von Windows 7 an. Mit seinem letzten System nahm Microsoft den radikalen Wandel zurück und wählte den sanften Übergang. 

Die Entscheidung der Nummer 10 als letztes Windows kam nicht aus dem Nichts, überraschend war sie damals trotzdem. Die Zeit der totalen Hegemonie des Betriebssystems über die Computerwelt war dank dem Aufstieg des Smartphones zwar bereits am Bröckeln, trotzdem liefen beim Erscheinen immer noch mehr als 50 Prozent aller Internetgeräte auf einem Windows-System.

Anders als bei den kostenlosen Updates bei Smartphones waren es die Windows-Nutzer durchaus noch gewohnt, alle paar Jahre für das neueste Update zu zahlen. Windows 10 änderte das mit einem Schlag: Nicht nur sollten alle Windows-Geräte in Zukunft alle Features kostenlos erhalten, auch alle Besitzer einer Lizenz der Vorgänger Windows 7 und Windows 8 sollten ohne Aufpreis auf das neue System wechseln können. Microsoft wollte sich auf einen Schlag Milliarden an Einnahmen entgehen lassen.

Ein Windows für alle

Dahinter steckte natürlich Kalkül. Konzern-Chef Nadella hatte die Zeichen der Zeit erkannt, vermutete korrekt, dass die Ära des klassischen PC sich dem Ende neigte. Mit Windows 10 hatte er dem Konzern eine neue Stoßrichtung verordnet: "Cloud First, Mobile First", Server-Dienste und Mobilgeräte zuerst, war die neue Devise des Konzerns. Und alles sollte mit demselben Windows laufen, vom PC über Konsole und Tablet bis zu Smartphone und Smartwatch.

Zumindest der letzte Teil ist krachend gescheitert. Dabei klang er in der Theorie völlig einleuchtend: Wenn auf allen Geräten dasselbe System, nämlich Windows 10, läuft, wird der Kunde völlig unabhängig vom Endgerät. So könnte man die Präsentation im Büro vorbereiten, ihr auf der Fahrt ins Meeting auf dem Smartphone den letzten Feinschliff verpassen und sie schließlich auf dem großen Monitor im Sitzungsraum vortragen. Auch das auf der Spielkonsole begonnene Videospiel sollte man dann unterwegs auf dem Tablet nahtlos weiterspielen können, so die Vision. 

Doch ausgerechnet der wichtigste Aspekt scheiterte an den alten Fehlern des Konzerns. Weil man unter Nadellas Vorgänger Steve Ballmer das Smartphone unterschätzt hatte, konnten die Konkurrenten Google und Apple mit ihren Systemen den Markt erobern. Als Microsoft die Mobilgeräte endlich ernst nahm, war es zu spät. Wie schon Windows Mobile blieb auch Windows 10 auf Smartphones ein Nischenphänomen. Trotz smarter Ideen wie "Continuum", bei dem sich das Smartphone mit Bildschirm und Tastatur zum vollwertigen Desktop-Rechner wurde, bewegte sich der Marktanteil im niedrigen einstelligen Bereich. Microsoft zog die Reißleine: 2017 wurde Windows 10 Mobile offiziell eingestellt, seit Ende 2019 wird es nicht mehr unterstützt. 

Distanz von der 8

Auf dem Desktop versöhnte Windows 10 viele von Windows 8 abgeschreckte Nutzer aber wieder. Obwohl der kostenlose Umstieg zumindest offiziell nicht mehr möglich ist, steigt der Marktanteil immer weiter. Wenn auch nicht so schnell wie gedacht: Erst im Dezember 2017 überholte Windows 10 erstmals Windows 7, mittlerweile läuft das System auf 73 Prozent der Windows-Rechner. Was sicher auch daran liegt, das Windows 7 seit Anfang des Jahres offiziell nicht mehr unterstützt wird. Den größten Meilenstein erreichte Microsoft dann auch mit Verspätung: Eine Installationsbasis von einer Milliarde Geräte wollte man nach drei Jahren erreicht haben, tatsächlich war es aber erst in diesem März soweit, also fast zwei Jahre nach Plan. Das dürfte aber nicht zuletzt auch am Scheitern der Smartphone-Strategie liegen.

Dass Windows 10 so langsam anlief, hing auch mit zahlreichen Befürchtungen zum Start zusammen. Die Ankündigung, Windows nun als Service zu betreiben, wurde von einigen so interpretiert, dass bald eine Abo-Gebühr für das Betriebssystem folgen werde. Doch während Microsoft beim Büroprogramm Office tatsächlich auf ein Abomodell umschwenkte, blieb es bei Windows aus. Die einzige Ausnahme: Bei einigen professionellen Office-Paketen ist eine Windows-Version im Abo enthalten. Extra dafür zahlen muss man aber nicht.

Langsames Lernen

Das Betriebssystem im Wandel führte auch nicht zur Dauerbaustelle, die manche gefürchtet hatten. Zumindest nicht auf Dauer. Nachdem sich Microsoft im Herbst 2018 mit dem Update 1809 einen gigantischen Patzer voller Fehler leistete und das Update sogar nach wenigen Tagen vom Server zurückzog, ist man mittlerweile viel vorsichtiger geworden. Alle Neuerungen werden monatelang getestet, selbst Veränderungen des Designs, wie sie wohl demnächst anstehen, werden vorsichtig geprüft.

Und auch an anderer Stelle ist die Aufregung längst abgeflaut. Windows 10 sei ein Spionageprogramm, warnte etwa die Stiftung Warentest noch zum Start. Das System werte konstant seine Nutzer aus, die Sprachassistentin Cortana lausche immer mit. Tatsächlich hat Microsoft viel getan, um das verspielte Vertrauen zurückzugewinnen. Viele der Analysefunktionen lassen sich abstellen, mit einem Tool lässt Microsoft die Nutzer mittlerweile genau prüfen, welche Daten über sie gesammelt wurden. Und selbst Cortana lässt sich in einigen Versionen des Systems komplett deaktivieren. 

Die Assistentin dürfte die hohen Erwartungen ohnehin nicht erfüllt haben. Wie der neue Browser Edge sollte sie dafür sorgen, dass die Windows-Nutzer wieder Microsoft-Dienste wie die Suchmaschine Bing nutzen, statt ihre wertvollen Daten Konkurrenten wie Google zu überlassen. Doch der Plan ging nicht auf. Microsoft verrät zwar keine Nutzerzahlen für Cortana, verbannte sie aber letztes Jahr ohne großes Aufhebens von der Startleiste. Auch mit Edge, dem Windows-10-Nachfolger des Internet Explorer, sah der Konzern keinen Stich. Obwohl der Browser auch für Smartphones erschienen ist, nutzt ihn quasi niemand. Der Marktanteil liegt mit 1,7 Prozent der Internetnutzer gerade einmal 0,3 Prozentpunkte vor dem seit fünf Jahren veralteten Internet Explorer. Die Zeiten der Dominanz sind für Microsoft in diesen Bereichen vorbei.

Strategie ohne Dominanz

Dass der Konzern trotzdem so wertvoll ist wie nie zuvor, liegt daran, dass Nadellas sich weniger auf Windows als Basis verließ, als das zunächst den Anschein hatte. Denn obwohl ein Windows für alle Geräte wie ein eigenes Ziel wirkt, sollte das Betriebssystem nur das Vehikel für die neuen Stars des Konzerns werden: die Cloudplattform Azure und MS Office. 

Während die Clouddienste im Jahr vor der Markteinführung noch unter der Rubrik "Commercial Other" liefen, einer Rubrik die weniger als zehn Prozent der Umsätze ausmachte, sind sie mittlerweile alleine für mehr als 30 Prozent der Einnahmen des Konzerns verantwortlich. Mit einem Umsatz von 38,5 Milliarden US-Dollar spülte die intelligente Cloud 2019 mehr als doppelt soviel Geld in die Kassen als Windows, das nur noch 18,5 Milliarden Dollar der Gesamteinnahmen von 125,8 Milliarden Dollar ausmachte.

Die Vision einer Benutzererfahrung für alle Geräte wird mittlerweile auch ohne Windows als Basis umgesetzt. Der Konzern ist unter Nadella deutlich flexibler geworden. Während man Konkurrenten früher aus dem Markt zu drängen versuchte, wird nun die Zusammenarbeit gesucht. Alle Dienste sind für alle Betriebssysteme verfügbar, Cortana teilt sich im Amazon Echo einen Platz mit Alexa. Das wohl wichtigste Symbol für den Wandel ist aber wohl das für Ende des Jahres angekündigte Surface Duo: Es ist das erste Microsoft-Smartphone seit dem Ende von Windows Mobile – und läuft mit Android.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker