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SCHEIBE: Werbung für den Krieg

Bei Werbespielen für den Computer denkt jeder sofort an das Moorhuhn. Die US-Armee geht weiter: »America's Army« soll junge Männer fürs Militär begeistern. Kolumnist Scheibe wagt den Selbstversuch.

Bei Werbespielen für den Computer denkt jeder sofort an Phenomedia und das Moorhuhn. Doch nicht jedes Werbe-Gimmick bleibt auf 90 Sekunden Spielzeit und ein paar lustige Flattermänner beschränkt. Die amerikanische Armee hat heimlich drei Jahre lang an ihrem Promospiel »America's Army« gebastelt. Wer das Gratis-Spiel nutzt, um auf dem Bildschirm dem Krieg zu huldigen, soll anschließend keine Produkte kaufen, sondern sich selbst zu einem machen. Die USA sucht schließlich neue Soldaten.

Als Berliner musste ich nicht zum Bund

Als Ur-Berliner jenseits der Dreißig bin ich in Sachen Krieg völlig unbelastet. Ich habe vom Krieg ja nie etwas aus erster Hand mitbekommen. Na klar: Wir Berliner mussten ja nicht zur Bundeswehr und haben deswegen den Dienst an der Waffe nie mitmachen müssen. Während meine Kumpels in »Wessieland« mit dem Messer zwischen den Zähnen durch den Schlamm krochen und sich abends in der Kaserne die Birne zuschütteten, machten wir nächtens die Discotheken unsicher. In Berlin gab es ja auch keine Sperrstunde.

Spannend: leergeschossene MG-Gurte nach Hause bringen

Natürlich wohnten gleich bei uns in Zehlendorf die Amis, die hier im amerikanischen Sektor stationiert waren und erst nach und nach den zugereisten Bonner Regierungsbeamten weichen mussten. Die Amerikaner ballerten noch in den Achtzigern zu Übungszwecken im Berliner Wald herum. Wenn wir Kinder dann einen leergeschossenen MG-Gurt fanden und zum Entsetzen der Eltern mit nach Hause nahmen, war das schon ein Abenteuer für sich.

Ich bin Pazifist - und ballere gerne auf Aliens

Heute habe ich vieles über den Krieg gehört und gesehen. Nicht aus erster Hand, sondern aus zweiter, weil das Fernsehen Berichte bringt von fernen und nahen Landen, in denen Menschen mit der Waffe aufeinander losgehen. Was das bedeutet, habe ich nur einmal selbst erahnen können, damals, als wir zwei Mal im Jahr auf »Zonenbesuch« waren und die Uroma in der Lausitz besuchten - noch bevor die Braunkohle alles verwüstete. Dann saß ich mit meinem besten Ostkumpel Maik in der Eisdiele und überlegte, ob wir wohl auf verschiedenen Seiten der Front gegeneinander kämpfen müssten, wenn Ostdeutschland gegen Westdeutschland Krieg führt. Schon damals dachte ich, dass man doch ganz schön blöd im Kopf sein muss, wenn man sein einzigartiges Leben für so etwas Abstraktes wie ein Land riskieren möchte. Und wenn man dann auch noch in tödlicher Absicht auf Menschen schießt, die man gar nicht kennt und die einem selbst konkret nichts getan haben. In diesem Sinne bin ich überzeugter Pazifist, obwohl ich gerne in »Space Invaders« auf Aliens ballere oder im PC-Rollenspiel mit dem Zauberspruch haarige Monster erlege. Nur »in echt« würde ich das eben nicht tun. Nicht einmal im Spaß.

Jetzt kommen auf einmal die Amerikaner und verschenken im Internet ein 220 Megabyte großes Werbespiel. Das heißt »America's Army« und zeigt, wie das eigentlich funktioniert mit dem staatlich sanktionierten Töten. Wer das Spiel installiert und am Bildschirm einen eigenen Charakter aufbaut, der wird zum angehenden Soldaten - wenigstens virtuell. Ich habe es selbst ausprobiert. Da ich ja noch nie beim Bund war und demnach gar keine Ahnung von der Armee habe, ging es mir beim Spielen wahrscheinlich so wie jedem unbedarften Ami-Youngster auch, der das Programm in den Speicher lädt. In den USA geht ja schließlich nur der zur Armee, der das auch möchte. Einen Zwang gibt es da nicht: Amerika leistet sich eine Berufsarmee.

Die Grundausbildung in High-End-Grafik

Bevor ich in »America's Army« richtig losballern kann, muss ich erst einmal so etwas wie eine Grundausbildung mitmachen. Ich werde zunächst an den Schießstand zitiert und staune über die extrem hochauflösende 3D-Grafik des Spiels, die jedes Detail glasklar hervorhebt. Kein Wunder: Das Programm aus Westpoint nutzt die moderne »Unreal Warfare Engine«. Außerdem haben die Entwickler drei Jahre an der Software geschraubt, um sie zu perfektionieren. Das sieht man hier jedem einzelnen Bildschirm an. Die Perspektive des Egoshooters, bei der ich aus dem Blickwinkel der Spielfigur das Geschehen betrachte, sorgt sofort für eine extrem hohe Identifikation mit dem Spielgeschehen. Es ist so, als wäre ich es, der da auf dem Bildschirm ein Gewehr in die Hand gedrückt bekommt. Ein grimmig dreinblickender Ausbilder erklärt mir im zackigen Ton, was ich zu tun habe. Zackig setze ich mich auf meinem Schreibtischstuhl hin - die Autorität wirkt durch den Bildschirm hindurch.

Plötzlich hat es mich beim Schafittchen

In zwei Durchgängen lerne ich das Schießen. Per Tastendruck stehe ich, knie mich hin oder liege im Dreck. Mit Z schaue ich durch das Zielfernrohr und kann rote Zielschieben ins Visier nehmen, die am Schießstand anscheinend Hunderte von Metern entfernt sind. Wie soll ich die treffen? Doch ein schnelles Ballern gibt es hier nicht. Erst muss noch das Magazin mit 20 Kugeln in die Waffe eingeschoben werden - das macht die Taste R. Alle Bewegungen werden ganz akkurat auf dem Bildschirm ausgeführt. Die Entwickler haben größten Wert auf jedes Detail gelegt. Wer per Tastendruck vom Einzelfeuer zum Dreifachschuss wechselt, kann beim Schießen mit der Maus sogar nachvollziehen, wie die Waffe vom Rückstoss verreißt. Zum ersten Mal denke ich unwillkürlich: So ist das also bei der Armee.... Und dann überlege ich ein ganz klein wenig auch schon, ob das vielleicht doch etwas für mich wäre, die Armee, so in echt. Das Werbespiel hat mich schon beim Schlafittchen.

Doch erst muss der Schweiß fließen. Nach zwei Probedurchgängen wird es bereits ernst. Ich muss mich beweisen und beim Schießen X Prozent aller Ziele treffen. Nur dann komme ich weiter. Mehrmals scheitere ich kläglich und werde vom Spieß zusammengeschissen. Dann endlich glückt es und ich bin durch. Der Adrenalinstoss und das Glücksgefühl sind erheblich.

Am liebsten wäre ich endlos weiter Soldat

Als wäre die Schinderei damit bereits vorbei. Ich muss bei einem Hindernislauf mitmachen, bei dem es heißt, seitwärts zu laufen, auf dem Bauch zu kriechen, wie ein Irrer zu klettern oder über Balken zu balancieren. Nix für mich, aber meine Spielfigur muss da durch. Die anschließende Waffenpräsentation ist sehr lehrreich, wenn man den »Spaß« auslässt, sich aus Versehen selbst mit einer Granate in die Luft zu sprengen. Es folgt der MOUT-Kursus, die schärfste Aufgabe in der Grundausbildung. Hier bekommt der angehende Soldat ein Nachtsichtgerät aufgeschnallt und ein Gewehr in die Hand gedrückt. Im Dunkeln gilt es dann eine gewisse Strecke zu überwinden, während der auf alles geballert wird, was auf dem Schirm bedrohlich wirkt. Jetzt fühle ich mich bereits als echter Soldat, frage nicht mehr, sondern schieße nur noch. Ich fühle mich cool und trage mit Begeisterung das Gewehr in den Händen. Mehr davon, mehr. Am liebsten würde ich endlos weiter Soldat sein.

Der Ansturm ist gewaltig

Doch nach der Grundausbildung ist erst einmal Schluss mit lustig. Ich muss mich online anmelden und ein Passwort erhalten. Das ist gar nicht so einfach, denn der Erfolg des Gratis-Werbespiels legt das halbe Internet lahm. Auf der offiziellen Homepage von »America's Army« sind zur Zeit 750.000 Hits pro Sekunde zu zählen. Sagen die jedenfalls. So viele Waffenarren kann es weltweit doch gar nicht geben. Der irrwitzige Ansturm ist jedenfalls ein Grund dafür, warum auf der Homepage nur noch ein unformatierter Text zu sehen ist: Ansonsten wäre schon längst alles zusammengebrochen. Bis der Spieler also sein Passswort bekommt, kann es dauern. Eine halbe Million Anwender sind bereits in wenigen Tagen abgefertigt worden. Kenner der Materie raten dazu, sich einfach am nächsten Tag noch einmal anzumelden, wenn es nicht sofort mit dem Passwort klappt.

Anschließend muss die Software »GameSpy Arcade« gestartet werden, die dem Spiel als Shareware beiliegt. Sie erlaubt es dem frischgebackenen Soldaten, ein Multiplayer-Spielchen zu wagen. Bei GameSpy Arcade erwarteten mich gleich 1.587 Spieler, die gleichzeitig auf einer Mission waren - ein Wahnsinn. Die Online-Missionen, die möglichst im Gemeinschaftspulk zu überleben sind, schicken die Soldaten über Brücken hinweg und durch halb eingebrochene Stollen hindurch. Hier darf bereits scharf geschossen werden. Die Meriten, die man sich hier verdient, sollen dabei helfen, sich für eine bestimmte Laufbahn zu entscheiden. Das Werbespiel selbst soll ganz in diesem Sinne ständig weiterentwickelt werden. Bis es möglich ist, dass der Anwender die verschiedensten Laufbahnen einschlagen kann, die in der Armee möglich sind.

Weiß man, was einen erwartet?

Ich, als 35 Jahre alter Sack, finde das Soldatenspielen toll. Ich fühle mich hinter der Waffe wieder jung, energiegeladen und so richtig machomäßig. Am liebsten würde ich den Feind anbrüllen, mit Handgranaten werfen und überhaupt möglichst viel Schaden anrichten. Die Disziplin gefällt mir, die Ordnung auch. So ist das also in der Armee, in der amerikanischen Armee. Ich kann mir vorstellen, dass ich als Twen ohne Arbeit und Perspektive vielleicht wirklich mein Heil in der Armee suchen würde. Das Spiel hilft eindeutig dabei, sich mit der Armee anzufreunden. Man weiß ja nach dem Spielen bereits, was einen bei der Armee erwartet. Es gibt nicht mehr so viele Fragen, das Dienen an der Waffe ist keine Blackbox mehr, bei der man nicht weiß, was drinnen steckt. Eine super Werbeidee haben die Jungs von Westpoint da gehabt. Sicherlich bringt ihnen das Ballerspiel mehr frische Soldaten ein als die teuerste Werbekampagne im Fernsehen. Wer sich nach dem Spiel bei der Armee meldet, fühlt sich dank der Online-Missionen ja eh schon zugehörig.

Gut gemacht - zu gut gemacht

Dann denke ich an meine Kinder. Möchte ich, dass sie von einer Armee mit Hilfe eines Spiels am Computer dazu verführt werden, Soldat zu werden? Ganz bestimmt nicht. Ich kann mir viel zu gut vorstellen, wie begeistert sie in ihrer Jugend sein würden - von diesem Spiel, der Kameradschaft und der Macht der Waffe. Ich kann mir denken, dass meine pazifistischen Gegenargumente als Elternteil nichts wert sind, weil ich als Vater in diesem speziellen Alter bei den Kinder eh nichts mehr zu melden habe. Also kann ich das Spiel, das so gut gemacht ist, dass es sogar noch auf mich wirkt, nur verdammen und hoffen, dass die deutsche Bundeswehr nicht auch noch auf die Idee kommt, so etwas zu programmieren.

Carsten Scheibe