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Umstrittenes Start-up Clearview: Läutet diese Firma das Ende der Privatsphäre ein?

Eine Firma hat Milliarden Fotos aus sozialen Netzwerken geladen, um daraus eine riesige Datenbank zur Gesichtserkennung zu erstellen. Solch ein Eingriff in die Privatsphäre war bislang nicht vorstellbar.

Die Firma Clearview bietet einen neuen Dienst mit Gesichtserkennungs-Technologie (Symbolbild)

Die Firma Clearview bietet einen neuen Dienst mit Gesichtserkennungs-Technologie (Symbolbild)

Getty Images

Clearview - diese Firma kannte bis vor wenigen Tagen kaum jemand. Nun ist sie nach einem "New York Times"-Bericht plötzlich das Gesprächsthema Nummer eins im Silicon Valley, ach was, der gesamten Technikwelt. Um das zu schaffen, muss man entweder etwas Geniales vollbringen oder ein riesiges Tabu brechen. Der Firma ist beides gelungen, je nach Sichtweise.

Ein Foto und man kennt den ganzen Menschen

Clearview ist ein Start-up mit Sitz in San Francisco. Das Unternehmen hat eine umfassende Datenbank zur Gesichtserkennung gebaut und dafür rund drei Milliarden Bilder von Menschen aus dem Internet gesaugt, darunter aus Videoportalen wie Youtube oder sozialen Netzwerken wie Facebook. Eine Sammlung in dieser Größendimension übertrifft bislang bekannte Datenbanken zur Gesichtserkennung.

Dadurch ist etwas möglich, was bislang unvorstellbar war: Man kann mit seinem Smartphone ein Foto von einer fremden Person aufnehmen und diese Bilddatei in der App hochladen. Das Programm gleicht das Foto mit der Datenbank ab und stellt anschließend - sofern verfügbar - alle öffentlichen Fotos der Person in einer Übersicht zusammen, inklusive Links.

Das Unternehmen gibt an, dass bereits mehr als 600 Behörden seine Dienste nutzen. Auf der Webseite werden etwa kanadische Ermittler zitiert, welche sich auf die Aufklärung von Sexualverbrechen spezialisiert haben. Mit Hilfe des Tools sei es ihnen gelungen, innerhalb von zehn Tagen acht Opfer und Täter zu identifizieren, heißt es dort. Auch einige private Unternehmen sollen bereits zu den Kunden gehören, Clearview nennt aber keine Namen.

Ein Trump-Unterstützer zählt zu den Investoren

Gegründet wurde Clearview von Hoan Ton-That, einem 31-jährigen Australier, der in die USA zog. Der war zuvor nicht gerade für seinen Geschäftssinn bekannt: Er entwickelte etwa eine App, mit der Nutzer sich Trumps unverwechselbare Frisur auf ihre Fotos montieren konnten. Die war nicht der große Wurf, weshalb Ton-That über das Modeln nachdachte. Doch stattdessen stieg er in das Geschäft mit der Gesichtserkennung ein, wie er der "New York Times" sagte.

Finanziell unterstützt wurde er in den Anfangstagen vom Paypal-Mitgründer Peter Thiel. Er gab der jungen Firma 2017 eine Finanzspritze in Höhe von 200.000 US-Dollar und sicherte sich im Gegenzug Anteile. Ansonsten sei er aber nicht beteiligt, heißt es in dem Bericht. Thiel steht für ein libertäres Weltbild, der Milliardär ist einer der wenigen Prominenten aus dem Silicon Valley, der Donald Trump von Anfang an unterstützt hat.

Massiver Eingriff in die Privatsphäre

Technisch ist die Lösung von Clearview beeindruckend. Sie wirft jedoch entscheidende Fragen auf: Ist solch ein Programm gefährlich? Darf man das überhaupt? Die "New York Times", nicht gerade für überdrehte Überschriften bekannt, bezeichnet Clearview als "geheimnistuerisches Unternehmen, das die Privatsphäre, wie wir sie kennen, beenden könnte". Die Zeitung zitiert unter anderem Eric Goldman, Co-Direktor des High Tech Law Institute an der Santa Clara University: "Die Möglichkeiten, dies als Waffe einzusetzen, sind endlos. Stellen Sie sich einen unberechenbaren Strafverfolgungsbeamten vor, der potenzielle romantische Partner stalkt, oder eine ausländische Regierung, die dieses Tool nutzt, um Geheimnisse von Menschen zu erfahren, sie damit zu erpressen oder ins Gefängnis zu werfen." Bedenklich ist außerdem, dass die aufgenommenen Bilder mit Hilfe der App auf die Unternehmens-eigenen Server geladen werden.

Gesichtserkennungs-Technologie ist extrem umstritten. In China wird sie bereits exzessiv genutzt, Kameras erfassen den Großteil des öffentlichen Raums. Dadurch sind Ermittler sogar in der Lage, Individuen in einem Stadion mit 60.000 Personen zu finden. Die Technologie wird aber auch genutzt, um den Papierverbrauch in öffentlichen Toiletten auf 60 Zentimeter pro Person einzuschränken.

In den USA wird die Technologie ebenfalls eingesetzt, allerdings ist sie extrem umstritten. Die New Yorker Abgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez verglich sie jüngst mit der dystopischen Science-Fiction-Serie "Black Mirror" und betonte, wie fehleranfällig die Systeme seien (mehr dazu lesen Sie hier). Amazon mischt ebenfalls in dem Geschäft mit. Dessen nicht unumstrittene Software namens "Rekognition" sei sogar in der Lage, menschliche Angst zu erkennen, schwärmte der Onlinehändler vergangenen Herbst.

Hierzulande warnen etwa die Digitale Gesellschaft und der Chaos Computer Club vor der Technik, sie bezeichnen Gesichtserkennung als "Hochrisikotechnologie". Dennoch will das Innenministerium unter Horst Seehofer noch dieses Jahr Kameras mit Gesichtserkennung in 135 Bahnhöfen und 14 Flughäfen einsetzen. Dabei war die Fehlerquote von Kameras mit Gesichtserkennung in einem Testeinsatz am Berliner Südkreuz extrem hoch.

Erste Reaktionen aus der Politik

Allein das Ausmaß der gesammelten Daten ist im Fall Clearview problematisch. Doch der "New York Times"-Bericht enthüllt noch ein weiteres alarmierendes Detail: Die Journalistin Kashmir Hill bat einige Polizisten, ihr Foto in der Datenbank zu überprüfen. Die Gesetzeshüter seien anschließend von Clearview-Mitarbeitern kontaktiert und gefragt worden, ob sie mit der Presse in Kontakt wären. Ist Clearview in der Lage, zu sehen, wen Strafverfolgungsbehörden mit der App scannen? Der Firma zufolge habe die App lediglich Alarm geschlagen, weil die Suchanfrage ungewöhnlich gewesen sei. Wie glaubwürdig das ist, lässt sich nicht einschätzen. Die Mitarbeiter der App, die so viel über uns alle preisgibt, halten sich bedeckt.

Doch offenbar hat das Unternehmen nicht vor, zurückzurudern. Man experimentiere dauernd mit neuen Technologien, erklärte Ton-That auf Anfrage der Zeitung. So arbeitet sein Unternehmen am Prototyp einer Computerbrille mit Gesichtserkennungsfunktion. Es gebe jedoch keine Pläne, diese auf den Markt zu bringen.

Das dürfte auch erstmal besser sein, wenn die Firma nicht noch weiter ins Visier von Datenschützern geraten will. Schon wenige Tage nach Veröffentlichung des Artikels gibt es Reaktionen aus Washington. Der Demokrat und US-Senator Ron Wyden etwa fordert, Amerikaner müssten wissen, ob ihre Fotos heimlich in einer privaten Datenbank landen.

Quelle: "New York Times"

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