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Grassierender Darmkeim: Gurken scheiden als Ehec-Träger aus

Freispruch für ein Gemüse: Die spanischen Gurken sind nicht die Überträger des Darmkeims. Die WHO teilte zudem mit, dass der Erreger eine völlig neue Variante des E.Coli-Bakteriums sei.

Auch auf zwei weiteren von insgesamt vier in Hamburg getesteten Gurken haben Experten den derzeit grassierenden Ehec-Keim nicht gefunden. Das ergaben Analysen des Bundesinstituts für Risikobewertung in Berlin, wie eine Sprecherin sagte. Damit trugen zwar alle vier verdächtigen Gurken in Hamburg Ehec-Erreger - aber eben nicht den Erregertyp O104, der für den derzeitigen Krankheitsausbruch verantwortlich ist: "Keine der vier Proben zeigte den Serotyp O104:H4 des Erregers, der aus den Stuhlproben der Patienten isoliert wurde."

"Die Quelle der anhaltenden Infektionen ist noch nicht ermittelt", sagte der Präsident des Bundesinstituts, Andreas Hensel. "Es gilt weiterhin zu klären, an welcher Stelle in der Lebensmittelkette die Belastung mit Keimen erfolgt ist."

Mittlerweile 2000 Verdachtsfälle in Deutschland

Die Zahl der Ehec-Infizierten steigt wieder rapide. Innerhalb eines Tages stieg die Zahl gemeldeter Infektionen und Verdachtsfälle bundesweit von rund 1500 auf 2000. Niedersachsen meldete einen weiteren Ehec-Todesfall durch das von Ehec ausgelöste hämolytisch-urämische Syndrom (HUS). Es kann zu lebensgefährlichen Nieren- und Nervensystemschäden führen. Damit sind bundesweit 16 Todesfälle registriert, 14 davon waren Frauen.

Vor allem in Norddeutschland nahmen die bestätigten Erkrankungen und der Verdachtsfälle sprunghaft zu. Niedersachsen meldete am zuletzt 344 Verdachtsfälle - 80 mehr als am Vortag. In Hamburg kletterte die Zahl um 119 auf 668 bestätigte oder Verdachtsfälle.

Kein Durchfall, aber schwere neurologische Symptome

In Schleswig-Holstein bereitet den Ärzten ein starker Anstieg neurologischer Komplikationen Sorgen. "Wir haben Patienten, die überhaupt keinen Durchfall haben, aber schwere neurologische Symptome", schilderte der Kieler Klinikdirektor Ulrich Kunzendorf. Ein Beispiel seien etwa epileptische Anfälle.

Für die schweren Verlauf der Darminfektionen macht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) einen neuen, noch nie zuvor entdeckten Stamm von E. coli verantwortlich. Die WHO erklärte, vorläufige genetische Untersuchungen hätten ergeben, dass der Stamm eine mutierte Form aus zwei E.-coli-Bakterien ist. Bei der WHO heißt es, ein solcher Stamm sei noch nie bei Patienten isoliert worden. Der neue Stamm würde mehr Giftstoffe produzieren.

Möglichkeit von Mensch-zu-Mensch-Übertragung

Die Experten suchen weiter nach der Ehec-Quelle. "Man kann derzeit gar nichts ausschließen", erklärte Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) im ZDF-Morgenmagazin. Eine Übertragung von Mensch zu Mensch sei sehr unwahrscheinlich, wenn man normale Hygieneregeln einhalte, sagte Prüfer-Storcks. Laut des Präsidenten des Robert Koch-Instituts (RKI) Reinhard Burger gibt es dagegen mittlerweile erste Hinweise, "dass eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung erfolgen kann".

Obwohl die Herkunft des Keims noch nicht bekannt ist, hat die EU-Kommission die europaweite Warnung vor spanischen Gurken im Zusammenhang mit dem lebensgefährlichen Darmkeim Ehec aufgehoben. "Die jüngsten Ergebnisse haben gezeigt, dass das spanische Gemüse nicht verantwortlich für den Ausbruch von Ehec in Deutschland und anderen Mitgliedsstaaten ist", hieß es in Brüssel. Neue Tests aus Deutschland und Spanien hätten ergeben, dass die aktuelle Darmseuche nicht von den auf einigen Gurken gefundenen Bakterien ausgelöst wurde. In Deutschland wird indes weiter dazu geraten, vorsichtshalber auf den Verzehr von rohem Gemüse zu verzichten.

In Brüssel rief EU-Gesundheitskommissar John Dalli Deutschland dazu auf, die Suche nach der Infektionsquelle zu verstärken. "Der anfängliche Verdacht Deutschlands, Gurken aus Spanien könnten schuld sein, hat sich bisher nicht bestätigt." Mehr Klarheit könne es aber erst geben, wenn die Ergebnisse der Boden-, Wasser- und Produktproben aus den spanischen Betrieben in Almeria und Malaga vorlägen.

Indes unterstrich der RKI-Präsident Burger, es gebe keinen Anlass für Entwarnung. Erst in einigen Tagen werde sich zeigen, ob die Warnungen vor rohem Gemüse die Infektionen gebremst haben. Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) empfahl, vorsorglich weiter auf rohe Tomaten, Salatgurken und Blattsalate zu verzichten.

Erster Ehec-Fall in Tschechien

Auch im Ausland breitet sich der tödliche Keim weiter aus: In Tschechien gibt es einen ersten nachgewiesenen Ehec-Fall. Laut EU-Kommission gibt es zudem in Schweden, Dänemark, Frankreich, Österreich, Großbritannien und den Niederlanden Ehec-Fälle. Meistens seien die Erkrankten kurz zuvor in Deutschland gewesen.

Die Gemüse-Branche stimmt sich indes auf immer stärkere Entschädigungen und Kompensationen für Bauern ein. EU-Kommissar Dalli hält Entschädigungen generell für denkbar. Auch EU-Agrarkommissar Dacian Ciolos hat angekündigt, rechtliche Möglichkeiten für Kompensationen betroffener Landwirte auszuloten.

Nach Ansicht der Branche hat die neue Ungewissheit die Lage der Gemüsebauern verschärft. Der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO) zufolge trägt die Kaufzurückhaltung - auch bei anderem Gemüse - zu Umsatzeinbußen von ungefähr vier Millionen Euro pro Tag bei.

Einbußen in Höhe von 30 Millionen Euro

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner, forderte einen finanziellen Ausgleich von der Bundesregierung und der EU für die angeschlagenen Betriebe. "30 Millionen Euro Einbußen sind nicht verkraftbar", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Viele Betriebe stünden wegen der Angst der Verbraucher vor dem EHEC-Erreger vor dem Ruin.

Die Lage der Landwirte dürfte sich verschärfen, denn nun hat auch Russland ein Import-Stopp für Gemüse aus der Europäischen Union verhängt. Der Leiter der Verbraucherschutzbehörde, Gennadi Onischtschenko, sagte der Nachrichtenagentur Interfax, das Einfuhr-Verbot für frisches Gemüse aus allen EU-Ländern sei am Donnerstagmorgen in Kraft getreten. Bereits eingeführtes Gemüse solle im ganzen Land aus den Regalen genommen werden. Am Montag hatte Russland bereits ein Import-Stopp für Gemüse aus Deutschland und Spanien verhängt.

nik/DPA/AFP / DPA

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