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Schweinegrippe: Ein Virus auf Welttournee

"Neue Grippe" nennen sie die Behörden, "Schweinegrippe" der Volksmund. Doch mit Schweinen hat die H1N1-Variante längst nichts mehr zu tun. Sie springt von Mensch zu Mensch - global.

Dagmar Gassen und Christoph Koch

Das Virus traf ihn plötzlich und unerwartet. Als Oliver Reinhardt am 23. Juli gegen 18 Uhr im spanischen Bilbao abflog, spürte er ein leichtes Kratzen im Hals, hin und wieder musste er husten. Bei der Ankunft in Frankfurt tat der Hals schon richtig weh, der Husten wurde stärker. "Verdammte Schweinegrippe", witzelte der 35-jährige Ingenieur, und die drei Kollegen, die mit ihm auf Dienstreise waren, grinsten. Aber daheim in Stuttgart war Schluss mit Spaß: Reinhardt fühlte sich "echt schlapp". Er fiel ins Bett, schlief innerhalb von Sekunden ein. Und als er am nächsten Morgen erwachte, wusste er, dass es ihn voll erwischt hatte. Fieber, Kopf-, Hals- und Gliederschmerzen, das ganze Programm der Warnsignale, bei denen Mediziner sagen: Typisch Influenza.

Weil sein Hausarzt im Urlaub war, rief Reinhardt im nahe gelegenen Robert-Bosch-Krankenhaus an. "Kommen Sie her", hieß es dort, "aber fahren Sie nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und nehmen Sie den Nebeneingang." Ein Arzt mit Schutzbrille, Mundschutz und Gummihandschuhen untersuchte den Maladen, nahm Mundabstrich und Blutprobe. Reinhardt fühlte sich "wie ein Alien". Er bekam eine Infusion und Elektrolyte, um dem Körper zurückzugeben, was er durch das Fieber verloren hatte. Nach zwei Stunden ging er heim, mit zehn Kapseln Tamiflu, einigen Mundschutzmasken und dem Rat, sich von anderen fernzuhalten. Einen Tag später hatte er auch das Testergebnis: positiv, Neue Influenza. "Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass ich tatsächlich diese Schweinegrippe bekomme", sagt er. "Ich dachte, das sei nur ein Medien-Hype."

Dramatischer Anstieg befürchtet

Wie Reinhardt ergeht es derzeit Tausenden. 6800 Fälle meldete Ende Juli das Robert-Koch-Institut für Deutschland, und Experten befürchten, dass die Zahlen innerhalb der kommenden Wochen dramatisch steigen werden. Seit dem Frühjahr hat sich der neue Erreger mit rasanter Geschwindigkeit um den Erdball verbreitet. Allerorten sind die Seuchenschützer alarmiert, tagen die Krisenstäbe, Impf- und Planungskomitees. In der ersten Phase des Virenzugs ließen viele Länder anreisende Fluggäste auf Grippesymptome prüfen. Die chinesischen Behörden setzten ausländische Schüler und Reisende tagelang in Hotels fest. Von New York über London bis Hongkong blieben Schulen geschlossen. Und mehrere arabische Staaten verfügten, dass Kinder und Alte in diesem Jahr nicht nach Mekka pilgern dürfen. Inzwischen gehen Fachleute der Weltgesundheitsorganisation (WHO) davon aus, dass eine Eindämmung des Virus auf Regionen oder Bevölkerungssegmente nicht mehr möglich ist. Und auch wenn die Neue Influenza derzeit nicht gefährlicher zu sein scheint als die übliche Wintergrippe, ist das eine schlechte Nachricht. Denn niemand kann sagen, wie es weitergeht mit H1N1, dem Virus aus Mexiko. Sicher ist: Je größer die Zahl der Infizierten, desto höher ist das Risiko, dass der Erreger zum Bösen mutiert. Desto ausgeprägter ist auch die Gefahr, dass er einen Menschen - oder ein Tier - befällt, in dem bereits ein anderer Influenza-Erreger haust, mit dem er sich mischen kann.

Hinzu kommt: Selbst wohlhabende Gemeinwesen mit gut organisierter Gesundheitsversorgung sind herausgefordert, wenn es darum geht, in kurzer Zeit Millionen Menschen zu impfen oder Zehntausende von Kranken zu behandeln. Da, wo es auch sonst schon nicht zum Besten steht mit der medizinischen Versorgung, bricht in Krisenzeiten Chaos aus. Davon konnte sich die Welt im Frühjahr am mutmaßlichen Ursprungsort des neuen Erregers überzeugen - in Mexiko. Wer sich keine Konsultation in einer Privatklinik leisten konnte, drängte sich bei den ersten Anzeichen von Krankheit mit manchmal Hunderten von anderen in den Notaufnahmen der öffentlichen Krankenhäuser. Stundenlanges Warten, oft stehend oder auf dem nackten Boden sitzend, Grippe-Infizierte zwischen geschwächten chronisch Kranken, zwischen bis dahin noch halbwegs gesunden Kindern und Schwangeren - der Albtraum jedes Seuchenbekämpfers.

Drei Monate später haben die Mexikaner den ersten Schrecken hinter sich, knapp 16 500 Ansteckungen wurden registriert und 146 Tote. Auch im Nachbarland USA, der zweiten Etappe des Viruszugs, ist die öffentliche Aufregung zurückgegangen, für die meisten Zeitungen, TV-Stationen und Bürger ist H1N1 in den Hintergrund gerückt. Nicht jedoch für Experten wie Thomas A. Farley. Er ist der Gesundheitsbeauftragte der Stadt New York, und auf seinem Schreibtisch liegt eine Studie voller gewaltiger Zahlen: 20 bis 40 Prozent der US-Bevölkerung könnten in den nächsten zwei Jahren an der Schweinegrippe erkranken, mehrere Hunderttausend Amerikaner könnten an dem H1N1-Virus sterben - wenn Impfmittel nicht rechtzeitig und in ausreichendem Maße zur Verfügung stehen. Die Studie kommt aus der amerikanischen Seuchenbekämpfungszentrale CDC in Atlanta. "Bitte beachten Sie, dass es sich um ein Worst-case-Szenario handelt", versichert Farley eilig. "Wir gehen nicht davon aus, dass es so schlimm kommen wird."

Zweite Welle zum Schulanfang

Bis zum 30. Juli sind in den USA 44.000 Fälle und 353 Tote registriert worden. Farley und seine Kollegen erwarten eine zweite Welle der Grippe, wenn Anfang September die Schulen wieder öffnen. Präsident Obama hat deshalb 1,5 Milliarden Dollar zur Bekämpfung der Grippe beantragt. Das meiste Geld brauchen die USA für die geplante Impfaktion, mit der im Herbst die Hälfte der Bevölkerung immunisiert werden soll, 160 Millionen Menschen.

Während jenseits des Atlantiks die erste Pandemiewelle abebbt, steht Europa deren Höhepunkt noch bevor. Grippe-Hotspot des Kontinents ist derzeit England. Kürzlich ließ der Direktor der nationalen Gesundheitsbehörde verlauten, dass sich womöglich jeder dritte Brite mit der Schweinegrippe ansteckt und dass bis zu 65.000 Menschen daran sterben könnten. Krankenhäuser in London sagten Schwangerschaftsvorbereitungskurse ab. Das zuständige Ministerium empfahl den Kindergärten, alle Stofftiere zu entfernen, da sie schlecht zu reinigen seien.

Als die Regierung Anfang Juli bekannt gab, dass die Influenza nicht mehr kontrollierbar sei und dass Schulschließungen deshalb keinen Sinn mehr hätten, überrannten besorgte Eltern die Hausarztpraxen. Krankenhäuser mussten ihre Notfallabteilungen provisorisch mit Stellwänden unterteilen, um Menschen mit Grippebeschwerden von anderen Kranken zu trennen. Inzwischen wurde ein Hotline-System eingerichtet, das Verdachtsfälle aus Praxen und Kliniken fernhalten soll: Wer fürchtet, die Schweinegrippe zu haben, gibt telefonisch seine Symptome durch. Falls sie dem gängigen Bild entsprechen, bekommt der Patient eine Nummer, mit deren Hilfe ein nicht erkrankter Dritter in der Apotheke für ihn Tamiflu besorgen kann. Der Schwachpunkt des Systems: 150.000 Anrufer haben sich so schon in den ersten Tagen nach Freischaltung der Notrufnummer das Grippemedikament verschreiben lassen.

Die Jungen stecken sich an

Weltweit sind unter den Infizierten erheblich mehr junge Menschen als bei der gewohnten Wintergrippe. Einige Experten vermuten, dass viele Ältere über einen gewissen Schutz verfügen, weil sie schon mit anderen Varianten von H1N1 infiziert waren. Darüber hinaus machen gerade die Jungen es dem Virus oftmals leicht, von einem zum anderen zu springen, jedenfalls im Sommer.

Fürs Trinken 50 Euro, 10 fürs Essen, zweimal am Tag eine Mahlzeit: Manfred, 20, hat den Mallorca-Urlaub mit seinen Freunden genau kalkuliert. 800 Euro kostet der Spaß inklusive Flug und Unterkunft, sieben lange Nächte, sieben kurze Tage. Flatrate-Trinken rund um die Uhr: um eins am Mittag an den Strand, dann ab in den "Mega-Park", die Sau rauslassen. Der Schlachtruf der Saison: "Schweinegrippe, Schweinegrippe, oink, oink, oink".

Manfred und seine Freunde wollen noch einmal "abfeiern", bevor jeder seiner Wege geht. Der eine macht Zivildienst, den anderen zieht es ins Ausland. Jetzt ziehen sie erst mal einen Einkaufswagen hinter sich her - gefüllt mit Manfred, einer Melone und fünf Flaschen Wodka. Dazu lange Strohhalme für jeden und für alle Fälle einen Mundschutz. "Wir haben unseren Eltern versprochen, nicht leichtsinnig zu sein", sagt Manfred. Den Einkaufswagen hat er desinfiziert, aber eher aus Spaß. "So schlimm wird diese Schweinegrippe auch nicht sein."

Die Partymeile auf Mallorca

Spanien ist neben Großbritannien der Brutkasten der Epidemie in Europa. Am Flughafen von Palma de Mallorca werden im Jahr mehr als 22 Millionen Gäste abgefertigt. Zur Partymeile an der "Platja de Palma", auf Deutsch "Ballermann", sind es mit Auto und Bus kaum 15 Minuten. Und allein im "Mega-Park" in Nähe der "Schinkenstrasse" schwitzen, saufen und knuddeln sich im Sommer von elf Uhr morgens bis fünf in der Frühe 8000 Feiernde auf engstem Raum. Hier klebt alles: das Bier auf dem Boden, das Shirt am Körper, der Mann an der Frau. Einige singen statt "Ro-sa-munde" "Schwei-ne-grippe". Ein paar Kellner tragen Handschuhe, vorsichtshalber, ein paar Gäste desinfizieren sich ab und zu die Hände. "Aber anstecken", sagt der "Mega-Park"-Marketingchef, "anstecken kann man sich überall. Ich habe hier noch keinen getroffen, der Schweinegrippe hat."

Sorgen machen sich eher Familien mit kleinen Kindern. Jana und Oliver Graefen aus dem niederrheinischen Neukirchen-Vluyn haben ihren Kindern Niklas, 11, Stella, 9, Louisa, 8, und Henri, 3, beigebracht, im Hotel keine Türklinken anzufassen und sich so oft wie möglich die Hände zu waschen. Mama hat außerdem das Schlangestehen am Büfett gestrichen. "Das nervt", sagt der älteste Sohn Niklas, "aber besser, als sich eine Tröpfcheninfektion zu holen."

Die Vorsichtsmaßnahmen sind nicht ganz unberechtigt: Von den 6800 Fällen, die das Robert-Koch-Institut Ende Juli in Deutschland verzeichnete, haben sich rund vier Fünftel im Ausland infiziert. Zum Beispiel Daniel Hink, ein weizenblonder, schlanker Junge, Auszubildender zum Fahrzeuglackierer. Der 17-Jährige wohnt bei seinen Eltern in Apensen, einem Dorf bei Buxtehude. Am Freitag, dem 10. Juli, steigt er in Hamburg mit sechs Kumpels in den Reisebus. Als die Clique nach 23 Stunden bei sengender Sonne im spanischen Lloret de Mar ankommt, geht es schnell an den Strand und abends in die Disco. Am Montag schlafen die Jungs bis 13 Uhr. Als Daniel aufwacht, hat er leichte Kopfschmerzen. Kein Grund, im Bett zu bleiben. Dienstagmorgen sind die Kopfschmerzen schlimmer, die Glieder tun weh, die Nasennebenhöhlen scheinen verstopft. Und bald erwischt es auch die Kumpels. Alle husten, klagen über Kopf- und Gliederschmerzen. Samstag müssen die Jungs um 10 Uhr das Hotel verlassen. Der Bus aber fährt erst abends um 23 Uhr ab, sie hängen in den Sesseln einer Hotellobby, teils schlafend. Und im Bus husten dann alle Fahrgäste, etwa 70 Leute. Die Rückfahrt ist beschwerlich. "Es war saukalt im Bus, weil die Klimaanlage lief. Wir haben gefroren und gehustet", erzählt Daniel. "Die Zeit ging nicht um." In Hannover, nach über 20 Stunden Fahrt, müssen die Fahrgäste aussteigen. Ein neuer Bus soll sie nach Hamburg bringen. "In unseren Bus stieg eine neue Reisegruppe ein. Desinfiziert wurde er nicht", sagt Daniel.

Kontaktsperre und Tamiflu

Am Sonntag, dem 19. Juli, gegen Mitternacht ist der junge Urlauber wieder in Apensen. Er hustet, es geht ihm schlecht. Sein Hausarzt macht einen Abstrich, und einen Tag später meldet sich das Gesundheitsamt: Daniel hat sich mit dem H1N1-Virus angesteckt. Die Frau vom Gesundheitsamt gibt der Familie ein paar Vorsichtsmaßnahmen mit auf den Weg. Daniel und auch seine Eltern werden krankgeschrieben, alle drei sollen Mundschutz tragen. Der Junge bekommt Tamiflu und Desinfektionsmittel. Er darf nicht raus, soll nicht mal sein Zimmer verlassen. Kontaktsperre für drei Tage. Daniel spielt mit seiner Xbox, guckt Fernsehen, starrt an die Decke. "Das war das Schlimmste an der ganzen Krankheit", sagt er, "das war so langweilig." Erst am Samstag nach der Rückkehr aus Spanien ist der Spuk vorbei.

Pionier-Patienten wie Daniel können sich der Aufmerksamkeit von Ärzten und Ämtern gewiss sein. Was aber, wenn die Zahlen prognosegemäß in die Höhe schnellen? Ist Deutschland hinreichend vorbereitet?

Im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen demonstrieren die Landesbehörden Gelassenheit. Über 2500 Fälle gab es bis vergangene Woche, so viele wie in keinem anderen Land, und am 17. August enden die Sommerferien. "Wir beobachten die Situation und behalten uns vor, eine Woche bevor die Schule wieder losgeht, geeignete Maßnahmen zu ergreifen", sagt Kathrin Rebbe, Sprecherin des Düsseldorfer Arbeits- und Sozialministeriums. "Aber zurzeit sieht es ganz gut aus. Jedenfalls nicht so, als wenn zum Ferienende in NRW die Schulen nicht öffnen könnten." Allein dem Düsseldorfer Gesundheitsamtsleiter Heiko Schneitler geht die Infektionsbekämpfung viel zu lax vonstatten. Am liebsten würde er alle Reisebusse aus Südeuropa kontrollieren lassen, eine Quarantäne- Klinik einrichten. Auch der Flughafen Düsseldorf, die größte Urlauber-Umschlagsstelle des Landes, erregt seinen Eifer. Gern würde er jeden Ankommenden befragen lassen. Doch Schneitler wird gebremst. Das Land ist gegenüber der Kommune weisungsbefugt, und dort geben sie nicht viel auf Schneitlers Pläne. Im Innenministerium hält man die Idee einer Quarantäne-Klinik für "maßlos überzogen". Und im Gesundheitsministerium ist man der Ansicht, dass es genüge, in konkreten Verdachtsfällen einen Arzt in ankommende Flugzeuge zu schicken.

Viele sind sorglos

Zurzeit erinnern am Düsseldorfer Flughafen deshalb nur weiße DIN-A1-Plakate im Ankunftsbereich an das neue Virus. Darauf gibt das Düsseldorfer Gesundheitsamt Verhaltenstipps, die vor einer Ansteckung mit der "Influenza A/H1N1" schützen sollen. Viele Heimkehrer sind sorglos: Heilpraktiker Winfried Bolik, 51, ist gerade nach 14 Tagen Fuerteventura-Urlaub gelandet. Jetzt raucht er eine Zigarette und sagt: "Die Schweinegrippe ist eine Grippe wie jede andere auch. Hier geht es nur um den Impfstoff, der verkauft werden soll. Doch in dem finden Sie Quecksilber. Und das halte ich für gefährlich." Sagt's, drückt die qualmende Zigarette im Ascher aus und geht.

Die deutsche Wirtschaft hingegen nimmt die Neue Grippe sehr ernst, wie eine Umfrage des stern unter den 30 Dax-Konzernen zeigt. Die meisten haben Krisenstäbe eingerichtet. Daneben gibt es E-Mail-Hotlines, in denen sich Mitarbeiter über Krankheit und Verlauf informieren können. Aufklärungskampagnen und Aushänge an den sanitären Einrichtungen weisen die Beschäftigten auf Hygienemaßnahmen hin. "Sie entsprechen den Empfehlungen des Robert- Koch-Instituts sowie der Weltgesundheitsorganisation", teilt beispielsweise der Pharmakonzern Bayer mit. Mitarbeiter, die beruflich ins Ausland reisen, werden bei vielen Firmen zuvor vom Betriebsarzt beraten.

Auf den Ausbruch einer Pandemie sind vor allem international tätige Konzerne seit Aufkommen der Vogelgrippe vor vier Jahren vorbereitet. Daimler, Bayer und BASF greifen auf fertige Pandemiepläne zurück. Bei Thyssen- Krupp heißt es, man habe Medikamente zur Therapie und Prophylaxe sowie Schutzausrüstung eingelagert. Die Telekom gibt an, dass sie mit ihren Tamiflu-Vorräten 50 Prozent der Belegschaft versorgen kann.

Arbeiten am Ausweichplatz

Der Düngemittelhersteller K + S hat für die Beschäftigten ihrer Abteilung Informationstechnologie zur Vorsorge nicht nur Atemschutzmasken und Tamiflu organisiert, sondern jedem Mitarbeiter im Vorfeld einen Ausweicharbeitsplatz zugeteilt. Das ist vernünftig, denn generell gilt: Für die Gesunden ist "weit weg" besser als "maskiert".

Denn zumindest die verbreiteten, papiernen Chirurgen-Gesichtsmasken schließen nicht dicht ab. Sie sind auch nicht geeignet, kleinere virushaltige Partikel aufzuhalten. Und: Masken können ihre Träger zwar davon abhalten, die Hände in die Nähe der Schleimhäute zu bringen. Doch besteht bei schlecht sitzenden Masken die Gefahr, dass die Zahl der Gesichtsberührungen steigt.

Ob der Gebrauch von Atemschutzmasken innerhalb eines Flugzeuges etwas bringt, ist bislang nicht klar. Sollte allerdings jemand während eines Fluges erkranken, empfehlen Experten, ihm eine Maske anzulegen und diesen Passagier von den anderen zu isolieren. Dementsprechend haben auch die Fluggesellschaften aufgerüstet. Lufthansa, Tuifly und Air Berlin erweiterten die medizinische Ausrüstung an Bord um Mundschutz, Einmalhandschuhe und Desinfektionsmittel. Ihre Flugzeuge sind zudem mit Filtern ausgestattet, die mehr als 99 Prozent aller Keime aus dem Belüftungssystem filtern können.

Mehr als alle Hilfs- und Arzneimittel nützt es jedoch, wenn jeder, der die typischen Symptome spürt, zu Hause bleibt. Ärzte raten Arbeitgebern deshalb, lieber nachsichtig zu sein, als auf einer sofortigen Krankschreibung zu bestehen und die Maladen so in die Praxen oder - zur Abgabe des "gelben Scheins" - in die Betriebe zu treiben.

Gerangel der Länder und Kassen

Eines eint Behörden und Unternehmen: Sie hoffen auf die H1N1-Impfung. Eine große Zahl Geimpfter könnte bei der im Herbst und Winter zu erwartenden Welle den Krankenstand entscheidend verringern. Doch die Vakzine kommt später, als sie hätte kommen können. Und ihre Ankunft dürfte von Gezänk und Gerangel begleitet werden.

Schon jetzt ist zwischen Regierung, Ländern und Krankenkassen eine Debatte entbrannt, wer überhaupt Impfstoff braucht und wer ihn bezahlt. Niemand hatte in der Infektionsschutz-Planung mit einem neuen Pandemie-Virus gerechnet, das sich zwar als sehr ansteckend, aber zugleich als wenig tödlich erweist. Und somit, sagen nun sparsame Skeptiker, seien H1N1-Impfstoffe eine Art teure Versicherung für den Ernstfall, die wohl nicht wirklich gebraucht werde.

Noch dazu wurde die Police spät gezeichnet. Das geht zurück auf eine heikle Entscheidung der WHO Mitte Mai: Einen Monat nach dem Auftauchen der Schweinegrippe in Mexiko und der schnellen Entzifferung des Virus-Erbguts hätten deren Experten die schon hochtourig laufende Herstellung der normalen saisonalen Impfstoffe noch stoppen können. Das aber hätte bedeutet, dass Ältere und Kleinkinder auf der Nordhalbkugel im Herbst erstmals ohne Impfstoff gegen die winterliche Grippewelle dagestanden hätten. Dieses Risiko mochte niemand eingehen.

Andere Länder kauften ein

Noch bevor die meisten Hersteller dann im Juli auf die Produktion von H1N1-Impfstoff umschwenkten, begannen Regierungen zu pokern, um sich Lieferoptionen zu sichern. Großbritannien orderte für einen Großteil der Bevölkerung. Frankreich bestellte 90 Millionen Impfdosen. Die USA kauften bei fünf Herstellern Rohstoffe im Wert von fast einer Milliarde Dollar.

Deutschland pflegte unterdessen seine Tradition: Föderalismus-Querelen und Kompetenzgerangel. Nach einem Eiertanz um Kosten, Sinn und Zweck der Massenimpfung haben Bund und Länder Ende Juli beschlossen, zunächst für ein Drittel der Bundesbürger einzukaufen. Nur einer der beiden Optionsverträge wurde in eine Bestellung umgewandelt: 50 Millionen Dosen wurden beim Konzern Glaxo-Smith-Kline (GSK) geordert, Konkurrent Novartis ging bislang leer aus. 25 Millionen Bundesbürger könnten nun aus der GSK-Tranche geimpft werden. In Dresden eigens als Pandemie-Impfstoff entwickelt, unterscheidet sich die Vakzine allerdings durch ihre zusätzlichen Inhaltsstoffe stark von den gewohnten saisonalen Impfstoffen.

Im GSK-eigenen Dresdner Serumwerk soll erstmals ein neues Verfahren zum Einsatz kommen, bei dem der Hilfsstoff AS03 zugesetzt wird. Das sogenannte Adjuvans (lateinisch von adiuvare, "helfen") steigert die Ausbeute an Impfstoff, die mit den bisher verfügbaren H1N1-Produktionsstämmen in Hühnereiern erreicht werden. Und stachelt es zusätzlich die Immunabwehr an, um auch gegen ein genetisch leicht verändertes Pandemie-Virus zuverlässigen Schutz bieten zu können. Das gibt Impfkritikern Zündstoff für Zweifel an der Sicherheit der Impfung: AS03 ist bisher nicht in saisonalen Grippeimpfungen zugelassen, sondern nur in anderen Impfungen wie der HPV-Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs erregende Viren als sicher bewertet worden. Einen Vorgeschmack auf die aufkeimende Sicherheitsdebatte lieferte Anfang vergangener Woche das "Arznei-Telegramm": bei der geplanten Impfaktion handele es sich um einen "Großversuch an der deutschen Bevölkerung".

Obwohl die Impfung vermutlich wenig riskant ist, fällt das Abwägen des Nutzens gegenüber potenziellen Risiken schwer. Vor allem weil Menschen, die zeitnah zur Impfung erkranken, ihr Leiden dann auf die Impfspritze zurückführen. "Die Abwägung dürfte uns umso schwerer fallen, je milder der Seuchenzug von H1N1 verläuft", sagt Johannes Löwer, Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts nahe Frankfurt, das über die Zulassung der Pandemie-Impfstoffe entscheiden muss: Es wird ein heißer Impfherbst.

Giuseppe Di Grazia, Ingrid Eißele, Gerd Elendt, Cornelia Fuchs, Steffen Gassel, Uli Hauser, Matthias Lauerer, Frank Ochmann, Inga Olfen, Nina Poelchau, Joachim Reuter, Guido Schmidtke, Kerstin Schneider, Volker Stollorz

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