Vogelgrippe Die Welt rüstet sich gegen die Seuche


Die Vogelgrippe fordert immer neue Opfer. Das aggressive Virus ist schon mutiert, springt aber noch nicht von Mensch zu Mensch über. Im Kampf gegen die Seuche werden Milliarden Dollar bereitgestellt; Staaten und Unternehmen rüsten sich gegen eine drohende Katastrophe.

Die Behörden in China und Indonesien haben weitere Todesfälle durch die Vogelgrippe gemeldet. In Jakarta sei bei einem dreijährigen Jungen, der in dieser Woche gestorben war, der aggressive Virustyp H5N1 nachgewiesen worden. Seine dreizehnjährige Schwester war bereits am Wochenende der Seuche erlegen. Ein drittes Kind und der Vater der Familie zeigte ebenfalls einschlägige Symptome.

In der Nähe ihres Hauses waren mehrere Hühner an der Seuche verendet. "Wir schaffen es nicht, mit den Problemen allein fertig zu werden", sagte ein indonesischer Delegierter in Peking. "Ohne internationale Hilfe wird Indonesien große Schwierigkeiten haben, seine nationalen Maßnahmen umzusetzen."

80 Todesopfer weltweit

Die WHO bestätigte bislang zwölf Todesfälle in Indonesien. In China wurde der sechste Tote durch die Vogelgrippe bestätigt. Die Zahl der offiziell eingeräumten Infektionen unter Menschen in der Volksrepublik stieg damit auf neun.

Der Virus hat sich inzwischen bis in die Türkei ausgebreitet. Im ostanatolischen Erzurum starb am Mittwoch ein elfjähriges Mädchen, bei dem Verdacht auf Vogelgrippe bestand. Sollte sich der Verdacht bestätigen, wäre sie die fünfte Tote durch den Erreger H5N1 in der Türkei.

Möglicherweise hat die Vogelgrippe auch im Irak ein erstes Todesopfer gefordert. Ein 14-jähriges Mädchen aus dem kurdischen Sulaimaniya sei womöglich an dem Virus gestorben, erklärte der Gesundheitsminister der Region. Weltweit starben bislang rund 80 Menschen an der Viruskrankheit.

Gemeinsames Vorgehen

Doch die Welt rüstet sich: Überraschend mobilisierte eine internationale Geberkonferenz in Peking mit 1,9 Milliarden US-Dollar (1,57 Milliarden Euro) am Mittwoch 400 Millionen Dollar mehr als erwartet. Angesichts der drohenden Gefahr einer globalen Epidemie mit Millionen Toten riefen die Teilnehmer in einer "Pekinger Erklärung" zu einem "koordinierten, schnellen und entschlossenen" Vorgehen auf. UN-Generalsekretär Kofi Annan appellierte in einer Botschaft an die 700 Delegierten von 90 Staaten und mehr als 20 Organisationen: "Es darf keine Zeit verschwendet werden." Die Bundesregierung stellt bis 2008 mindestens 26 Millionen Euro zur Verfügung

Mit dem Geld sollen vor allem die Gesundheitsdienste und die tiermedizinischen Kontrollen in Entwicklungsländern unterstützt werden. "Wenn die internationale Gemeinschaft die Kontrollmaßnahmen jetzt nicht unterstützt, werden die möglichen langfristigen Kosten für die Staatengemeinschaft viel höher sein", warnte Weltbank-Chef Paul Wolfowitz auf der Konferenz. Die Weltbank sagte eine Kreditlinie von 500 Millionen Dollar zu. Die USA stellten 334 Millionen Dollar zur Verfügung, die Europäische Union 250 Millionen Dollar.

"Nur eine Frage der Zeit, bis Virus auf Menschen überspringt"

Bislang springt der Virus nicht von Mensch zu Mensch über. Experten zufolge ist es aber schon so weit mutiert, dass er leichter an menschliche Zellen andockt als früher. Bei einer Übertragung von Mensch zu Mensch droht eine Pandemie mit Millionen Todesopfern. "Es ist nur eine Frage der Zeit", mahnte WHO-Direktor Jong Wook Lee.

Die Weltbank schätzt die Kosten einer solchen Katastrophe auf 800 Millionen Dollar. Die Welternährungsorganisation FAO unterstrich auf der Konferenz, die Eindämmung des Virus' bei Tieren sei der effektivste Weg, eine Pandemie zu verhindern.

Gefahr für Ausbruch in Deutschland gewachsen

Am Mittwoch war die Vogelgruppe Thema einer Aktuellen Stunde im Bundestag. Die Gefahr eines Ausbruchs der Vogelgrippe auch in Deutschland ist nach Einschätzung von Bundesverbraucherschutzminister Horst Seehofer gewachsen. Man sei sich aber einig, "dass mit Wachsamkeit, Vorsicht und vor allem Nachdruck alles Menschenmögliche getan werden muss, um diese Tierseuche von Deutschland fern zu halten".

Der Kampf gegen die Vogelgrippe in der EU soll verschärft werden. "Kein Staat dieser Erde kann diese schlimme Tierseuche alleine bekämpfen", sagte Seehofer. Die größte Gefahr gehe weiter von der illegalen Einfuhr von Geflügel und Geflügelprodukten aus betroffenen Gebieten aus. Seehofer hatte mit den Bundesländern in der vergangenen Woche ein Aktionsprogramm beschlossen, das schärfere Kontrollen auf Flughäfen und Straßen vorsieht.

Erneute Stallpflicht

Wegen der im Frühjahr wieder steigenden Vogelgrippe-Gefahr müssen sich die deutschen Geflügelzüchter auf eine erneute Stallpflicht für ihr Federvieh einstellen. Seehofer machte eine endgültige Entscheidung von einer noch ausstehenden wissenschaftlich fundierten Risikoanalyse abhängig. Er fügte aber hinzu, beim Frühjahrsvogelzug werde es "mit höchster Wahrscheinlichkeit" eine erneute Stallpflicht geben.

Nach Angaben Seehofers ist eine Einschleppung des Virus durch Zugvögel im Moment sehr unwahrscheinlich. Mit der Rückkehr der Zugvögel in der Zeit Februar bis April werde sich das aber ändern, und man wolle sich nicht darauf verlassen, dass der Zug an Deutschland vorbei gehe.

Impfschutz dauert fünf Monate

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat angesichts der Vogelgrippefälle bei Menschen in der Türkei vor Panikmache gewarnt. Es gebe in Deutschland keine neue Gefährdungssituation, sagte Schmidt bei der Aktuellen Stunde. "Eine Gefährdung der Bevölkerung ist aktuell nicht gegeben." Eine Infektion von Mensch zu Mensch mit dem H5N1-Virus gebe es derzeit nicht, sagte die Ministerin.

Fachleute des Paul-Ehrlich- und des Robert-Koch-Instituts berichteten den Abgeordneten, dass mit der Entwicklung eines Impfstoffes sinnvollerweise erst dann begonnen werden könne, wenn das Vogelgrippe-Virus H5N1 zu einem von Mensch zu Mensch übertragbarem Virus mutiert sei und man seine genetische Zusammensetzung kenne. Danach werde es zehn Wochen dauern, bis ausreichend Impfstoff für die deutsche Bevölkerung produziert worden sei. Da für einen wirksamen Schutz zwei Mal geimpft werden müsse, werde es fünf Monate dauern, bis die Bevölkerung "durchgeimpft" sei.

Unternehmen sorgen vor

Unterdessen wappnen sich die deutschen Unternehmen für den möglichen Ausbruch einer Vogelgrippe-Pandemie. Nach Recherchen der "Wirtschaftswoche" haben bereits 18 der 30 im Dax notierten Börsenunternehmen einen Notfallplan erstellt oder arbeiten daran.

Zwölf Konzerne informieren ihre Mitarbeiter im Intranet oder per Newsletter über potenzielle Gefahren. Sieben gaben offiziell an, größere Mengen der Grippemittel Tamiflu oder Relenza gekauft und für ihre Angestellten eingelagert zu haben, weitere haben das vor. Der Softwarekonzern SAP etwa habe für den Notfall schon die komplette Evakuierung der Unternehmenszentrale in Walldorf geplant.

DPA/AP/Reuters AP DPA Reuters

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker