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Beste Reportage (Egon Erwin Kisch-Preis): Der Machtflüsterer

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Erschienen in DER SPIEGEL vom 03.05.2004

Alexander Osang

Geboren 1962 in Berlin. Nach dem Studium in Leipzig wurde er Reporter, dann Chefreporter der BERLINER ZEITUNG, für die er auch heute noch als Kolumnist arbeitet. Seit September 1999 ist er beim SPIEGEL, für den er zurzeit aus New York berichtet. Osang erhielt 1995 den Theodor-Wolff-Preis sowie 1993, 1999 und 2001 den Egon Erwin Kisch-Preis. Buchveröffentlichungen u.a.: „Hannelore auf Kaffeefahrt“ (1998), „die nachrichten“ (2000), „Lunkebergs Fest“.

Der Machtflüsterer


George Gorton ist Spin Doctor, seit 35 Jahren macht er Präsidenten, Bürgermeister, Gouverneure. Arnold Schwarzenegger und sogar Boris Jelzin haben mit seinen Tricks gewonnen. Er wüsste auch, wie George W. Bush die Wiederwahl gelingen könnte.

Der Mann, der Boris Jelzin und Richard Nixon dabei half, Präsidenten der wichtigsten Länder dieser Welt zu werden, scheint für einen Moment die Orientierung verloren zu haben. Er steht vor seinem Garagentor in der klaren, warmen Abendluft des Topanga-Canyons und denkt über seinen nächsten Schritt nach. Der große Lexus parkt in Sacramento, das sind 400 Meilen von hier, mit dem Cabrio ist seine Frau Kiki vor drei Minuten nach Beverly Hills aufgebrochen, um sich mit einer Freundin zu einem dieser endlosen Cocktailgespräche zu treffen, sein Handy funktioniert hier oben in den Bergen über Los Angeles nicht, und gerade merkt er, dass er auch keinen Hausschlüssel hat. Es ist sehr still. George Gorton kippt von einem Bein aufs andere, die Abendsonne färbt sein Gesicht orangerot, seine Finger massieren den kleinen, grau melierten Bart an seinem Kinn. Im Haus hört man ein Telefon klingeln, sechsmal, womöglich Schwarzenegger. Dann ist es wieder still. Irgendwann sagt Gorton: "Vielleicht ist ein Hintereingang offen."

Wir steigen eine steile Treppe hinunter ins Tal, laufen an einem dösenden Husky vorbei, Gorton klinkt an verschiedenen Türen, schließlich gibt eine nach, wir tasten uns durch Kellerräume und steigen im Inneren des Hauses wieder nach oben. Überall liegen Sachen verstreut, Papier- und Kleiderhaufen, Fotos, Kissen, Kisten.

"Entschuldigen Sie das Chaos, ich bin etwas durch den Wind. Ich muss in den nächsten Wochen nach Sacramento ziehen, um näher an Arnold zu sein. Ich hab mir da oben gerade ein Haus gekauft, da ist auch mein Wagen, und eigentlich sollte ich genau in diesem Moment auch dort sein", sagt er. Er sieht sich um. Kein Auto, kein Telefon, die falsche Stadt. Man hätte einen anderen, organisierteren Mann erwartet. Gorton ist einer der erfahrensten politischen Strategen Amerikas, er ist Gouverneur Schwarzeneggers rechte Hand. Irgendetwas scheint schief zu laufen. So war es eigentlich immer, wenn sein Leben eine halbwegs feste Form zu bekommen schien.

George Gorton lebt von Veränderung. Er betritt ein Zimmer, in dem ein breiter Schreibtisch vor einem großen Fenster steht, durch das man einen atemberaubenden Blick in den rot glühenden Topanga-Canyon hat. Es ist sein Arbeitszimmer. Der Schreibtisch sieht aus, als hätte jemand zwei Papierkörbe darauf ausgekippt. An den Wänden kleben Fotos, die ihn neben verschiedenen amerikanischen Präsidenten zeigen, beim Fußballspielen mit seinem Sohn, beim Meditieren mit seinem Guru in Nepal, im Gespräch mit Arnold Schwarzenegger, zusammen mit Jeff Goldblum, der ihn in "Spinning Boris" darstellt, einem Spielfilm über Gortons Russland-Erfahrungen, der gerade Premiere hatte, und, halb nackt, neben einer vollbusigen Blondine, vermutlich seiner Frau Kiki.

Gorton nimmt ein gerahmtes, schwarz-weißes Foto in die Hand, auf dem er in einer Runde mit Richard Nixon im Weißen Haus sitzt, und wischt mit dem Handrücken über das staubige Glas. Er hatte einen dicken Schnurrbart im Gesicht damals, die Haare fielen ihm bis auf die Schultern, er war 24 Jahre alt, und es galt als sicher, dass er der jüngste Staatssekretär in der Geschichte der Vereinigten Staaten werden würde. Gorton schaut das Bild an. "Ein halbes Jahr später explodierte Watergate, mein Name war fünf Tage lang auf der Titelseite der 'Washington Post', meine Freundin machte mit mir Schluss, und meine alten politischen Kumpel wechselten die Straßenseite, wenn sie mich sahen", sagt er. Gorton wirft das Bild auf den Schreibtisch und steigt weiter nach oben ins Wohnzimmer. Auf dem Anrufbeantworter ist Arnold Schwarzenegger, der ihn morgen Nachmittag um 17 Uhr zu einem Gespräch sehen will. Es geht um die Probleme, die Kalifornien mit illegalen Immigranten hat. Gorton lässt sich in einen breiten Ledersessel fallen, als würde er damit die Welt anhalten. Neben dem gewaltigen Kamin steht ein großer Fernseher, daneben eine Karaoke-Maschine, überall Holzfiguren und heilige Steine, die Gorton von seinen Meditationstouren aus Asien mitbrachte. An der Wand neben ihm hängen gerahmte Titelblätter russischer und rumänischer Zeitungen, die über den geheimnisvollen Amerikaner berichten, der in den späten neunziger Jahren die Wahlkämpfe in ihren Ländern managte.

Es ist der Voodooraum eines Spin Doctors. Gorton macht seit 35 Jahren Präsidenten, Bürgermeister, Senatoren und Gouverneure. Man weiß nicht genau, wo man anfangen soll. Es ist ein weiter Weg von Richard Nixon zu Boris Jelzin und von da zu Arnold Schwarzenegger, den Gorton im vorigen Herbst zum Gouverneur von Kalifornien machte. Was genau macht er eigentlich? "Oh, ich bin politischer Berater", sagt Gorton. "Ich entwerfe Strategien, Images, Kampagnen. Ich erforsche Stimmungen, ich mache Kandidaten stark, so was. Schwer zu sagen. Als ich damit anfing, gab es diesen Beruf noch gar nicht. Ich war Anfang zwanzig und studierte Politik an der Universität von San Diego. Ich hatte für republikanische Jugendgruppen ein paar Sommercamps organisiert, ehrlich gesagt, ging es eher ums Nacktbaden im Pazifik. Aber es war die Zeit, als das Wahlalter in Amerika auf 18 Jahre heruntergesetzt wurde. Plötzlich wurden die Jugendlichen für die Politiker hochinteressant. Und damit ich. Man holte mich zu einem Senatswahlkampf nach New York, um die Studenten für die Republikaner zu gewinnen. Keine einfache Sache in den Siebzigern, schon gar nicht in New York, bei meinem zweiten Einsatz hab ich gleich eine Faust ins Gesicht bekommen. Aber wir haben gewonnen. Wenig später kam Nixons stellvertretender Wahlkampfchef und holte mich nach Washington. Das war 72. Ich war 24 Jahre alt und hatte plötzlich ein Riesenbüro, 2 Sekretärinnen und 100 Leute, die für mich arbeiteten. Meine Mutter hat mich damals auch gefragt: 'Was machst du eigentlich, Junge?' Ich hab gesagt: 'Ich bin eine Art Politiker, Mom.'"

Wollte er denn selbst mal Politiker werden? "Nach Watergate nicht mehr", sagt er, stöhnt leise und fragt: "Haben Sie was dagegen, wenn ich mich auf den Boden lege?" Er rutscht langsam aus dem Sessel. "Auf den langen Flügen zwischen Russland und Kalifornien hab ich mir den Rücken ruiniert", sagt Gorton, legt sich flach auf den Holzfußboden seines Wohnzimmers und schließt die Augen. Gorton leitete für Nixon die Studentenkampagne. Im Auftrag von Nixons Wahlkampfmanager verpflichtete er einen Studenten namens Ted Brill, der herausfinden sollte, welche Aktionen die linken Studentengruppen planten. Gorton gab dem Jungen Geld, Parteischecks, die er mit seinem Namen unterschrieb. Als Watergate aufflog, meldete sich Brill bei der "Washington Post". Sie schrieb, Gorton habe im Auftrage Nixons Studentenspione beschäftigt. Er bekam zwei Seiten im berühmten Watergate-Buch von Woodward und Bernstein, er verlor sein Büro, seine Sekretärinnen und die 100 Mitarbeiter. Er war jetzt 25 und lief wie ein Untoter durch Washington. George Bush senior, der damals Chef der Partei war, sagte auf einer Pressekonferenz, Gorton werde nie wieder einen Fuß in ihr Gebäude setzen. "Es war eine paranoide Stimmung damals bei den Republikanern. Jeder wollte nur seine Haut retten. Dieser ganze Spionagekindermist war kompletter Unsinn, und ich habe ja auch immer nur im Auftrag des Wahlkampfchefs gehandelt. Ich war jung, sie haben mich einfach fallen gelassen", sagt Gorton. "Bush hat sich als Präsident später bei mir entschuldigt. Aber, scheiß drauf."

Vielleicht hat er damals begriffen, dass es kein langes, wirkliches Leben in der Politik gibt. Gorton war Republikaner geworden, weil er in einer Rhetorikklasse mal Nixon gespielt hatte. Er hatte nie große Überzeugungen gehabt, jetzt waren es noch weniger. Gorton ging nach San Diego zurück und versuchte, eine Schallplatte mit einem Winnie-Pu-Lied zu vermarkten. Wahrscheinlich war das der Tiefpunkt seiner Karriere. Er saß mit einem Karton voller Winnie-Pu-Puppen stundenlang in winzigen Warteräumen unwichtiger Radiostationen. Irgendwann rief ihn sein Studienfreund Jack Ford an, dessen Vater Gerald gerade Präsident geworden war, und holte ihn wieder nach Washington. Gorton zog sich in den Schatten der Politik zurück, in dem es nicht um Botschaften geht, sondern ums Gewinnen. Und wo niemand etwas anderes behauptet. Er machte Pete Wilson zweimal zum Gouverneur von Kalifornien und seine ehemalige Freundin Susan Golding zur Bürgermeisterin von San Diego, er arbeitete in den sieg- reichen Kampagnen von Ronald Reagan und George Bush senior. Er hielt seine rote Nase in den Wind und schnupperte die Stimmung des amerikanischen Volkes. Er recherchierte die Schwächen der gegnerischen Kandidaten. Er liebte aussichtslose Postitionen, es war wie Sport und ein bisschen wie Pokern.

Bei einer Fernsehdebatte für die kalifornischen Gouverneurswahlen 1990 entdeckte er, dass sich Dianne Feinstein, die gegen seinen Kandidaten Wilson mit 30 Prozent führte, immer auf die Handflächen sah. Notizen waren verboten, offenbar hatte sie sich etwas auf die Hände geschrieben. "Ich bin nach der Debatte zu den Journalisten gegangen und habe ihnen erzählt, dass Feinstein betrogen hat wie bei einer Klassenarbeit. Es war lächerlich, aber es hat sie die Wahlen gekostet. Es war so was wie dieser hysterische Auftritt von Howard Dean in diesem Jahr in Iowa. Oder die schlechte Rasur von Richard Nixon in der Fernsehdebatte mit Kennedy. Solche Sachen entscheiden Wahlen, wenn man ihnen den richtigen Dreh gibt. Spin Doctors gehen sofort nach der Debatte unter die Journalisten und erzählen ihnen, Feinstein ist unehrlich, Dean ist cholerisch, Nixon depressiv. Und die schreiben es. Bum."

Die vielleicht perfekte Kampagne hat Gorton im vergangenen Herbst geleitet. Es war eine Kampagne ohne Inhalt, es ging nur noch um ein Image. Gorton war der Chefstratege für die Wahl Arnold Schwarzeneggers zum Gouverneur von Kalifornien. Schwarzenegger hatte keine politischen Erfahrungen, man hätte ihn mit ein paar Detailfragen schlagen können. Er war ein Action-Schauspieler aus Österreich. Er war ein Republikaner in einem demokratischen Staat. Letztlich hat niemand wirklich geglaubt, dass er antritt. Schwarzenegger gab seine Kandidatur bei Jay Leno bekannt, in der beliebtesten Late-Night-Show des Landes. Es war ein Knall, der ihn sofort auf die Titelblätter von "Newsweek" und "Time" brachte. Der Schwung trug ihn durch den kurzen Wahlkampf. Es schien, als habe Schwarzenegger sich diesen Schritt erst während der Sendung überlegt. Als sei hier vor Millionen Fernsehzuschauern der Punkt gekommen, an dem er eingreifen müsse. Selbst Leno stand der Mund offen. Gorton war der Einzige, der in den Minuten, bevor Schwarzenegger nach draußen ging, mit ihm zusammen war. Gorton hat später allen Journalisten gesagt, dass er schon die Presseerklärung in der Jacketttasche hatte, auf der Schwarzenegger seinen Verzicht erklärte. Er sei selbst völlig überrascht worden. Alle haben es so aufgeschrieben. Bum.

Hat er wirklich nichts gewusst? "Keiner hat etwas gewusst", sagt Gorton, der immer noch flach auf dem Boden liegt. Die Sonne steht jetzt tief, man kann sein Gesicht nicht sehen. Vielleicht lacht er, vielleicht nicht. Nach einer Weile stemmt sich Gorton vom Fußboden hoch, verschwindet im Bauch des Hauses und kommt zwei Minuten später mit einem Jackett zurück und sagt: "Können Sie mich vielleicht nach Hollywood fahren? Ich hab da eine Verabredung zum Dinner. Und kein Auto." Dann geht die Sonne unter. George Gorton scheint seine Orientierung wiedergefunden zu haben.

Am nächsten Tag öffnet Gortons Frau Kiki die Tür. Sie ist 23 Jahre jünger, vollbusig, blond. Sie sieht verweint aus und sagt auch gleich, warum. Sie hat in der Post die Rechnung für ein Flugticket nach Los Angeles gefunden, das Gorton vor zwei Wochen einer ehemaligen Geliebten gekauft hat. Gorton rumpelt irgendwo unten im Haus herum. Vielleicht packt er seine Koffer.

Kiki Gorton ist in Tennessee groß geworden und nach Los Angeles gekommen, um Schauspielerin zu werden. Sie hat in einem Werbespot für die Footballmannschaft der Pittsburgh Steelers mitgemacht, in einer Country-Show und zwischendurch auch als politische Beraterin gearbeitet. Meist für kleine, lokale Kampagnen, sagt sie, aber einmal war sie mit dem Internationalen Republikanischen Institut in Osttimor, um die einheimische Bevölkerung über das amerikanische Wahlsystem zu informieren.

Im vorigen Jahr sah es so aus, als gewänne ihre Schauspielkarriere ein bisschen an Tempo. Arnold Schwarzenegger hatte ihr eine kleine Rolle in "Terminator 3" besorgt. Leider wurde sie fast komplett rausgeschnitten, sie ist in einer Barszene noch kurz zu sehen, sagt aber nichts mehr. "Mit mir und George, das sieht schlecht aus. Ich hab vorgestern ein Angebot bekommen, im Sommer für das Internationale Institut der Republikanischen Partei nach Usbekistan zu gehen. Ich soll denen da unten das amerikanische Parteiensystem erklären. Vielleicht mach ich das, oder ich geh in den Irak. Da hab ich auch ein Angebot. Nebenbei schau ich mich nach Rollen um, und ich dekoriere auch Häuser", sagt Kiki Gorton. Sie wirkt jetzt gefasster. Sie ist eine kräftige Frau. Man kann sich vorstellen, wie sie mit Khakihose in Usbekistan aus dem Flugzeug steigt und den Eingeborenen von zu Hause erzählt.

Irgendwann kommt Gorton frisch rasiert und ganz in Schwarz gekleidet ins Wohnzimmer. Er gibt Kiki einen Kuss, er hat eine kleine Reisetasche in der Hand. Sie bringt uns noch zur Tür, ihre Augen füllen sich wieder mit Tränen. Im Wagen sagt Gorton: "Das wird definitiv meine dritte Scheidung." Er holt sein Handy heraus, und während wir die Serpentinen runter zum Meer fahren, schaut er auf das Display, um sofort telefonieren zu können, wenn es wieder ein Netz gibt. Mit dem ersten Anruf warnt er seine vermeintliche Geliebte in Sacramento, mit dem zweiten richtet er sich bei seiner Bank eine neues Konto unter seinem Namen ein, auf das er die Hälfte der Gelder vom Familienkonto überweisen lässt. "Falls meine Frau auf dumme Gedanken kommt", sagt er seinem Bankberater und lacht. Als wir am Meer ankommen, hat er alles geregelt. Eine kleine, private Kampagne. Er wirkt jetzt ruhiger. Er holt eine stullenbüchsengroße Schachtel aus seiner Tasche und öffnet sie vorsichtig. Sie ist mit verschiedenfarbigen Pillen gefüllt. Er nimmt sechs. Was ist das? "Oh, das ist Wunderzeug. Ich habe seit acht Jahren Parkinson. Am Anfang hat mir der Arzt gesagt, dass ich in fünf Jahren mit eingefrorenem Gesicht im Rollstuhl sitzen werde, aber dann kamen diese Pillen heraus. Sie kontrollieren es vollständig." Gorton schließt die Packung wieder sorgfältig. Er schaut aufs Meer.

Es ist schockierend, wie offen das Leben dieses Mannes daliegt, der davon lebt, andere Leben zu glätten, zu verschönen, zu verdrehen. Er macht sich keine Mühe, gesünder und ordentlicher zu wirken, als er ist. Offenbar genießt er es, kein Politiker zu sein. Bevor er einen Auftrag übernimmt, setzt sich Gorton mit dem Kandidaten zusammen und geht eine Checkliste mit ihm durch. Frauengeschichten, Pleiten, Scheidungen, Steuerbetrug, Autounfälle, Trinkgewohnheiten. "Ich hoffe, dass mein Kandidat ehrlich ist, denn die Gegner finden alles. Es gibt Leute, die wir dafür anheuern. Sehr gute Leute mit dicken Brillen und schlechter Haut. Wir wussten zum Beispiel, dass diese Frauengeschichten auf Arnold zukommen würden. Wir wussten nicht wann, aber dass es passiert, war klar. Wir haben das alles mit Arnold durchgesprochen. Er hatte eine Antwort. Wenn man keine Antworten auf solche schwierigen Fragen hat, sollte man nicht antreten", sagt er.

Gorton lässt repräsentative Gruppen, so genannte Fokusgruppen, befragen, was sie von seinem Kandidaten und dessen Konkurrenten halten, die Diskussionen beobachtet er durch eine halb verspiegelte Wand. Die Leute schauen sich Videoaufzeichnungen seines Kandidaten und die seiner Konkurrenten an und zeichnen über Sensoren auf, was sie von dessen Gesten, seiner Art zu reden, seiner Frisur halten. Mit diesen Ergebnissen fängt Gorton an, seinen Kandidaten zu modellieren, er füttert die Medien mit den leichten Imageveränderungen und überprüft an Umfragen, ob es funktioniert. Es ist ein Handwerk, sagt Gorton. Er ist überzeugt davon, dass man es überall auf der Welt ausführen kann.

Gorton ging 1984 zum ersten Mal ins Ausland. Er arbeitete im Wahlkampfteam von Nicolás Barletta in Panama. Barletta war eine Marionette der US-Regierung, die eigentliche Macht im Lande hatte Manuel Noriega, Kommandeur der Nationalgarde. Gortons Erinnerung an die Zeit in Panama ist unscharf, wahrscheinlich will er das so. "Barletta war ein guter Junge, aber Panama war eine wilde Welt. Als ich Noriega das erste Mal sah, hatte er einen einteiligen weißen Anzug mit riesigem Kragen an. Wie Elvis. Ich hab ihn für einen Freak gehalten, ich wusste nichts von den Drogengeschäften, ich ahnte nicht, wie gefährlich der war. Barletta hat die Wahlen gewonnen, aber als er dachte, er kann wirklich regieren, hat Noriega einem Politikerfreund von Barletta den Kopf abgeschnitten und in einem US-Postsack nach Honduras geschickt", sagt Gorton. War Gorton da noch im Land? "Oh, um Himmels willen, nein. Es gibt nichts Sinnloseres als einen politischen Berater nach der Wahl. Es gibt zwei Regeln für eine politische Kampagne im Ausland. Erstens: Lass dich bezahlen, bevor du mit der Arbeit anfängst. Zweitens: Sei weit weg, wenn gewählt wird." Er kannte sich nicht in Panama aus, und als er im Jahr 1996 zusammen mit fünf Kollegen den Auftrag bekam, den Präsidentschaftswahlkampf von Boris Jelzin zu übernehmen, hatte er auch keine Ahnung von den politischen Verhältnissen in Russland. Der Mann am Telefon hatte ihnen 250 000 Dollar plus Spesen geboten, bis zur Wahl waren es noch sechs Monate. In Amerika verdient Gorton für einen Wahlkampf zwischen einer und zwei Millionen Dollar. Aber der dauert dann auch anderthalb Jahre. Gorton sagte zu, druckte sich ein bisschen was über Russland aus dem Internet aus. Jelzin hatte eine Zustimmungsrate von 5 Prozent. Sein kommunistischer Gegenspieler stand bei 25 Prozent. Gorton hatte vier Monate, um das zu drehen. Das klang nach einer Herausforderung.

Ihr Auftraggeber brachte die Amerikaner in einem parteieigenen Hotel unter, das von Soldaten bewacht wurde. Am ersten Abend wurden Gorton und seine Leute in eine Sauna eingeladen, man bot ihnen Wodka und Frauen an. Es gab keine Umfragen und nie einen Termin bei Jelzin. Es wurde ihnen oft versprochen, dass sie Jelzin in einer halben Stunde treffen würden, aber es kam immer etwas dazwischen. Einmal war wenigstens Jelzins Tochter im Zimmer. Sie war die Einzige, der Jelzin vertraute, hieß es. Und sie wurde Gortons engste Kampfgefährtin. Er erklärte ihr sein System der Fokusgruppen, negativen Werbespots und Umfragen. Sie erzählte ihrem Vater davon, ihr Vater wollte nicht. Gorton umschwirrte sie, bearbeitete sie, er hat fast eine Affäre mit ihr angefangen. Schließlich machte sie mit. "Papa dreht die Werbespots", sagte Tatjana. "Versteh mich nicht falsch, Tatjana. Aber er muss unbedingt nüchtern wirken", sagte Gorton. "Dann sollten wir sehr früh am Morgen filmen", sagte Tatjana.

Am Ende tanzte Jelzin in Werbespots auf Volksfesten, er pflanzte Bäume und schimpfte auf die Kommunisten. Gorton ließ russische Bauern und Arbeiter befragen, er arrangierte über einen Freund in Washington, dass Präsident Clinton in einer Ansprache Jelzins Verdienste für das russische Volk und den Weltfrieden lobte. Es wurde im russischen Fernsehen gezeigt, immer wieder. In Werbespots malten Gortons Leute düstere Bilder für den Fall eines kommunistischen Wahlsiegers. Jelzins Werte stiegen. Im Moment, als Gorton begriff, dass sie es schaffen konnten, kaufte er Lukoil-Aktien. Jelzin gewann, Lukoil stieg. "Ich habe mit diesen verdammten Aktien mehr verdient als mit dem gesamten Wahlkampf", sagt Gorton. Der britische Regisseur Roger Spottiswoode hat Gortons Russland-Reise als Abenteuer verfilmt. Spottiswoode hat Filme gemacht wie "Der Morgen stirbt nie" und "Under Fire", und "Spinning Boris" ist ganz ähnlich geworden. George Gorton wirkt wie ein Action-Held. Ein Mann, der die Tochter des Präsidenten streichelt, um Russland vor dem Bürgerkrieg zu retten. Er ist Republikaner. Hatte er nie Skrupel, für einen ehemaligen Kommunisten zu arbeiten? "Nein. Jelzin war das kleinere Übel", sagt Gorton. Warum ging er dann nach seinem Moskau-Einsatz nach Rumänien, um für die sozialistische Partei PDSR zu arbeiten? "Es war ein Abenteuer. Wir haben in einer ehemaligen Villa von Ceauçescu gewohnt, mit Indoor-Pool und Gemälden aus dem 14. Jahrhundert", sagt er. "Und wir haben sehr, sehr viel Geld verdient." Er weiß nichts über Rumänien, außer, dass dort Dracula und Ilie Nastase herkommen. Er weiß etwas über Wähler und Kandidaten. Es ist, als würde man ein Haus bauen, sagt er. In gewisser Weise ist er ein Montagearbeiter. Seine ganze Familie baut Häuser. Seine Frau geht nach Usbekistan, sein großer Sohn Steve ist seit einem Jahr im Irak, er ist Berater der Übergangsregierung. Was macht er da genau? "Keine Ahnung", sagt Gorton gut gelaunt. Das stimmt sicher nicht. Er ist stolz auf seinen Sohn. Er ist überzeugt davon, dass er da unten schon das Richtige tut. Man könnte Amerikas Rolle auch mit dem Leben von George Gorton beschreiben. Im Film "Spinning Boris" wird George Gorton von Jeff Goldblum gespielt. Gorton hat nichts von der schläfrigen, langgliedrigen Eleganz Goldblums. Gorton erinnert an einen anderen großen Spin Doctor des amerikanischen Kinos. An Robert De Niro, der in "Wag the Dog" einen politischen Strategen spielt, der dem amerikanischen Volk einen Krieg mit Albanien vorgaukelt, um von einer Affäre des Präsidenten abzulenken. In "Wag the Dog" sagt der Spin Doctor, den Robert De Niro spielt: "Wen zur Hölle interessiert der beschissene Weg. Hauptsache, wir sind da." "Es ist besser, die Babys zu küssen, als die Väter zu erschießen", sagt Gorton. Wahrscheinlich meinen sie in etwa dasselbe.

Wir fahren durch Santa Monica und tauchen in die Tiefgarage unter Schwarzeneggers Wahlkampfzentrale. Ein Backsteinwürfel mit weißen, leeren Fluren, an den Wänden hängen Poster aus Schwarzenegger-Filmen, in den Zimmern stehen Kopierer, Wasserspender und Stapel mit Druckerpapier. Alles sieht seltsam unbenötigt aus, auch die Frauen, die in den Zimmern sitzen. Gorton schüttelt ein paar Hände und lächelt die Mädchen an, sie lächeln zurück. Vielleicht sollen sie alle nur den Eindruck zerstreuen, Schwarzenegger und seine drei, vier Buddys machen alles allein. Gorton fährt in den obersten Stock, wo Schwarzenegger hinter einem riesigen Schreibtisch sitzt. Er redet mit ihm über die Position zur Schwulenehe, über den Stopp der illegalen Einwanderer, über die Marines im Irak, die Steuern für die Indianer, die Casinos in Kalifornien betreiben, und das Arbeitslosengeld. Schwarzenegger ist vielleicht als Image Gouverneur geworden, aber jetzt will er wirklich was verändern.

Drei Stunden später kommt Gorton ins "Schatzi's", das österreichische Restaurant neben Schwarzeneggers Kommandozentrale. Er wirkt müde. Er wird jetzt nach Sacramento ziehen, Regierungssitz Kaliforniens, eine Beamtenstadt. Sein Chef ist der beliebteste Gouverneur, den Kalifornien je hatte. Schwarzeneggers Zustimmungsrate ist jetzt schon höher, als die von Ronald Reagan jemals war. Eigentlich ist in Sacramento für George Gorton nichts mehr zu tun. Wäre Bush eine Herausforderung? "Na ja", sagt er. "Ich glaube nicht, dass sie mich fragen. Ich kenne Bushs Berater, Karl Rove, von früher. Die denken anders. Sie igeln sich ein, die betrachten das, was sie nicht kennen, entweder als feindlich, oder sie nehmen es nicht ernst." Aber ist im Moment, wo im Irak alles drunter und drüber geht, nicht jemand wie Gorton gefragt? "Ich glaube nicht, dass der Irak die Wahlen entscheidet. Die werden in den einzelnen Bundesstaaten entschieden. Man braucht eine Idee für jeden Staat. Alle sind verschieden. Hier in Kalifornien geht es um Verschuldung, Einwandererprobleme. Dafür braucht man Antworten, und da könnte ich helfen. Bush und seine Leute begreifen Kalifornien nicht. Die denken, wir sind schwul, schlafen in Wasserbetten und sitzen in Whirlpools. So gewinnst du nichts. Das ist in der ganzen Welt so. Ich habe zum Beispiel gedacht, dass Jelzins Alkoholismus ein Riesenproblem für die Leute sei. Aber in den Umfragen kam heraus, dass die Russen Jelzin für korrupt, unflexibel und machtgeil hielten, aber für einen Trinker hielten ihn die wenigsten", sagt Gorton.

"Aber Bush hat alle Chancen, wiedergewählt zu werden. Sehen Sie sich Kerry an. Vor einem halben Jahr war der politisch tot. Er ist derselbe Mann, er hat nur sein Image ändern lassen. Erst war er steif, jetzt ist er präsidiabel. Er hat gute politische Berater. Aber das könnte man auch wieder umdrehen. Ganz sicher." Gorton schüttelt sich. Ach was. Er zieht erst mal nach Sacramento und wartet auf bessere Angebote. Irgendwo muss sicher wieder die Welt gerettet werden. Würde er Gerhard Schröder coachen?

"Deutschland ist bestimmt Fun", sagt Gorton und schlürft den Schaum von seinem bayerischen Weißbier. Die Welt der Politik scheint klein und überraschend schlicht, von diesem Kneipentisch in Santa Monica aus betrachtet. Was heißt es, wenn ein Mann wie Gorton für 250 000 Dollar überall auf der Welt Wahlen gewinnen kann? Wenn ein Mädchen wie Kiki entweder eine Bierwerbung macht oder Usbekistan unterrichtet? Zwei Tische weiter sitzt Armin Mueller-Stahl. Der Wirt erzählt, dass sein Eis das beste auf der Welt sei und dass Arnold Schwarzenegger Präsident werde. Hundertprozentig. Gorton nickt, er ist müde. Er sieht ein bisschen aus wie Harald Juhnke, jetzt. Er braucht einen Wagen.

Eine Stunde später steht George Gorton mit lauter müden Dienstreisenden in der Schlange der Budget-Autovermietung am Flughafen in Los Angeles. Er fällt nicht auf. Ein kleiner untersetzter Mann mit einer leichten Reisetasche, ein politischer Handelsreisender.

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