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Amtseinführung von Joe Biden "Es ist eine Zeitenwende": So kommentiert die deutsche Presse den Machtwechsel in Washington

Sehen Sie im Video: Impressionen des Machtwechsels in Washington – Highlights der Amtseinführung von Joe Biden.






Washington D.C. / USA: Amtseinführung von Joe Biden und Kamala Harris. Biden schwört auf die Bibel. Viele ehemalige US-Präsidenten dabei. Lady Gaga und Jennifer Lopez singen. Kamala Harris erste Vizepräsidentin der USA.
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Eine neue Ära beginnt in den USA: Der Demokrat Joe Biden löst Donald Trump im Weißen Haus ab. Er übernimmt ein tief gespaltenes und krisengeplagtes Land. Die Pressestimmen.

Zu seinem Amtsantritt als neuer Präsident der Vereinigten Staaten hat Joe Biden die Amerikaner zu Einheit und Versöhnung aufgerufen. Der 78-Jährige legte in einer feierlichen Zeremonie vor dem US-Kapitol in der Hauptstadt Washington seinen Amtseid ab. Kamala Harris wurde als erste Vizepräsidentin des Landes vereidigt. In seiner Antrittsrede versprach Biden, alles dafür zu tun, um das Land zu einen und zu heilen. Er appellierte an die Bürger, neu anzufangen, einander zuzuhören und aufeinander zuzugehen. Er versprach: "Ich werde ein Präsident für alle Amerikaner sein." Doch gelingt ihm das wirklich in diesem nach vier Jahren Trump-Regentschaft tief gespaltenem Land? Die deutsche Presse schwankt zwischen Skepsis und Optimismus.

Das Medienecho zur Amtseinführung von Joe Biden: "Mehr als ein Machtwechsel. Es ist eine Zeitenwende"

"Süddeutsche Zeitung": Joe Biden hat sich an dem Tag, an dem er seinen Aufstieg zum Präsidenten und damit das Erreichen seines Lebensziels hätte feiern können, darum gekümmert, dass Mieter, die wegen der Pandemie ihren Job verloren haben, ihre Wohnungen trotz säumiger Zahlungen nicht verlieren, und dass Studierende studieren können, obwohl sie die Gebühren gerade nicht bezahlen können. Er hat sich an seinem ersten Tag um das Große und um das Kleine gekümmert. Er war nicht ein Mann des Wortes oder des Schmerzes. Er war ein Mann der Tat. Es ist gut möglich, dass die amerikanische Gesellschaft zu viel Schaden genommen hat, um repariert werden zu können. Aber wenn man es, mit ein wenig Optimismus, einem Menschen zutrauen kann, diesen Schaden zumindest teilweise in den Griff zu bekommen und in einen erfreulichen Januar 2022 zu überführen, dann ist es der 78 Jahre alte Joe Biden, der in seiner langen Karriere vor allem eines gelernt zu haben scheint: was wirklich wichtig ist.

Feuerwerk über dem Weißen Haus zur Feier der Amtseinführung von Joe Biden 
Feuerwerk über dem Weißen Haus zur Feier der Amtseinführung von Joe Biden 
© Patrick T. Fallon / AFP

"Mittelbayerische Zeitung" (Regensburg): Da die Wunden tief sind, wird die Heilung Zeit brauchen. Aber der Prozess hat an diesem Mittwoch begonnen. Joe Biden ist als Versöhner und Tröster der richtige Mann an der Spitze der USA im richtigen Moment. Hoffentlich hat er Erfolg und macht Amerika wieder großartig.

"Badische Zeitung" (Freiburg): Joe Biden hat auf den Stufen des vor zwei Wochen geschändeten Kapitols nicht nur feierlich den Amtseid geleistet, er hat dem aufgewühlten Land noch etwas anderes geschworen - dass er ein Präsident des Anstands, der Wahrheit und der Versöhnung sein werde. (...) Dass er mehr als ein großer Umarmer ist, dass er die gewaltigen Probleme entschlossen angehen will, hat er mit ersten Dekreten gezeigt. Nach mehr als 400000 Toten haben die USA endlich einen Präsidenten, der die Corona-Pandemie ernst nimmt. Mit der Rückkehr in den Klimapakt und die Weltgesundheitsorganisation aber hat Biden auch eine Botschaft an die Welt: Die USA wollen wieder ein verlässlicher Partner sein.

"Nürnberger Nachrichten": Jahrzehntelang hat er sich um Zusammenarbeit mit den Republikanern bemüht, Ideologie ist ihm stets fremd gewesen. Deshalb taugt Biden nur bedingt als Hassfigur für Amerikas Rechte. Ängste wie auf Barack Obama, einen Schwarzen mit muslimisch klingendem Namen, lassen sich auf ihn jedenfalls nicht projizieren. Und dennoch droht Biden, was Obama erlebte: eine Total-Opposition der Republikaner im Kongress - und ein Fortdauern der erbittert geführten Kulturkämpfe um Waffen, die Rechte von Minderheiten und die Geschichte des Landes.

"Reutlinger General-Anzeiger": Insofern ist die Amtseinführung von Joe Biden mehr als ein Machtwechsel wie jeder andere. Es ist eine Zeitenwende. Biden will Amerika vereinen, den Staat und seine Institutionen stützen, mit befreundeten Ländern zusammenarbeiten und Bündnisse schließen. Natürlich wird auch Biden die Zeit nicht einfach zurückdrehen können. Er muss die Trump-Wähler zurückgewinnen. Auch Biden wird die nationalen Interessen in den Vordergrund stellen. Aber mit ihm wird man diskutieren und Kompromisse finden können. Amerika befindet sich nicht mehr im Modus eines Dauer-Wahlkampfs. Mit Biden sitzt ein Präsident im Weißen Haus, der das Wohl seines Landes und aller Bürger im Blick hat. Es ist die Rückkehr der Politik.

"Freie Presse" (Chemnitz): Vor allem aber dürften die USA in den nächsten Jahren eine Art Testlabor der liberalen Demokratie werden: Wie viel Polarisierung kann eine Demokratie auf Dauer aushalten? Für Jubel oder auch nur Entspannung bleibt vom ersten Tag an für Bidens Team keine Zeit. Die Geister von Wut, Chaos und Gewalt sind immer noch wach, sehr wach. US-Präsident Biden wird mit Optimismus und Mut dagegenhalten.

"Nürnberger Zeitung": Unter Biden wird das Land zu einer Art von Diskurs zurückkehren müssen, der wieder auf Tatsachen basiert. Natürlich geht das nicht ohne die Republikaner, die ihren eigenen Scherbenhaufen aufzukehren haben. Einige sind in ihrer Treue zu Trump so weit gegangen, dass man sich fragen muss, ob sie nicht eigentlich autokratische Verhältnisse anstreben; sie zumindest in Kauf nehmen, solange der eigene Mann an der Macht ist.

"Stuttgarter Nachrichten": Alles auf Anfang? Schön wär's. Doch leider stand die Amtseinführung des neuen US-Präsidenten Joe Biden allzu sehr unter den Vorzeichen dessen, was derzeit Amerikaner von Amerikanern trennt. Und negativ abstrahlt auf die meisten parlamentarisch-demokratisch geprägten Gesellschaften in der Welt. Völlig richtig hat Biden die Einheit des Landes in seiner Antrittsrede als das große Anliegen seiner Amtszeit gesetzt. Und klugerweise von vornherein darauf verwiesen, dass es viel Zeit brauchen wird, um die Spaltung zu überwinden. Das sollte auch in Deutschland nicht überhört werden, wo merkwürdigerweise neue US-Präsidenten immer wieder mit messianischen Erwartungen überhäuft werden. Biden kann sich bemühen, Wunder wirken kann er nicht.

"Neue Osnabrücker Zeitung": Mit dem Amtseid von Joe Biden als 46. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika geht der wohl größte Irrtum in der Geschichte der USA zu Ende. Donald Trump hat zu keiner Zeit allen Ansprüchen seines Amtes genügt, ist selbst nach seiner Wahlniederlage im November noch irrlichternd durch das Weiße Haus getobt und gebarte sich realitätsferner denn je. Der Gipfel seiner Ignoranz war sein Fortbleiben bei der Vereidigung seines Nachfolgers. Joe Biden muss nicht nur die Scherben wieder einsammeln, die Trump wie ein Elefant im Porzellanladen

"Badisches Tagblatt" (Baden-Baden): Und nun, zum Schluss, eine letzte Schäbigkeit: Trump blieb der Vereidigung Joe Bidens fern. Doch das ändert nichts daran, dass der Stab seit gestern übergeben ist. Biden kann anfangen, das Porzellan zu kitten. Er hat in seiner langen politischen Karriere bewiesen, dass er versöhnen kann. Dennoch steht eine Herkulesaufgabe vor dem 78-Jährigen. Für Amerika und die Welt wäre es gut, wenn er nicht an ihr scheitert.

"Volksstimme" (Magdeburg): Der neue US-Präsident Joe Biden soll Corona besiegen, die Demokratie stärken, die Amerikaner einen, die Völker verbinden und das Klima retten - unter anderem. Auf die neue Administration in Washington wird alles projiziert, was sich in vier misslichen Trump-Jahre an Gegensätzen in den USA verstärkt und neu aufgebaut hat. Ein bisschen viel für Biden, auch wenn die Regierung mit dem Zehn-Tage-Programm sofort voll durchstarten will. Zu Recht steht die Corona-Bekämpfung an erster Stelle. Das Land aus dem Würgegriff der Seuche zu befreien, kann Vertrauen auch bei politischen Gegnern schaffen. Ermutigend sind die Signale über den Atlantik. Deutschland, von Trump fast zum Paria-Staat herabgestuft, wird wieder als Partner gesehen. Joe Biden ist - bedingt durch Lebensalter und Aufgabenfülle - ein Mann des Übergangs. Dennoch legt er ein beeindruckendes Tempo vor. Statt "Make America great again" gilt ab sofort "Make America fair again".

"Südkurier" (Konstanz): Auch in Deutschland haben viele Menschen diesen Tag herbeigesehnt. Donald Trump hat das Weiße Haus verlassen, ein vierjähriger Albtraum ist zu Ende. Sein Nachfolger Joe Biden wird vieles, wenn auch nicht alles, anders anpacken. Die Antrittsrede des neuen Präsidenten unterstreicht, was sich in Wortwahl und Tonfall ändern wird: Wo Trump spaltete, will Biden zusammenführen. Wo der Vorgänger Mauern baute, will der Nachfolger Brücken schlagen. Auch Europa hat allen Grund zum Aufatmen. Trotzdem: Seinen Amtseid leistete Biden vor weitgehend leeren Kulissen. Washington gleicht einem Hochsicherheitstrakt - was nicht allein an Corona liegt. Die Bilder der Polizeiketten am Rande der Feierlichkeiten machen deutlich, unter welch traurigen Umständen Biden sein Amt antritt. Trump ist zwar abgewählt. Doch sein Geist wird bleiben, weil sich Amerikas Probleme mit dem Amtswechsel nicht in Luft auflösen. Er wird dem Nachfolger vier Jahre lang im Nacken sitzen.

"Ludwigsburger Kreiszeitung": Hoffentlich hat Biden die Kraft für einen wirklichen politischen Neustart. Auch außenpolitisch. Die Nato-Partner und die EU hoffen darauf. Doch sollte sich niemand etwas vormachen: Biden ist zwar bekennender Multilateralist, was auch seine ersten Dekrete dokumentieren. Dennoch wird es nach vier Jahren Trump und "Americafirst" in Washington keine 180-Grad-Wende geben. Die Europäer sollten nicht darauf setzen, dass die USA ab jetzt wieder für sie die Kastanien aus dem Feuer holen.

"Augsburger Allgemeine": Dieser Tag bedeutet nicht nur für die USA eine Zäsur. Natürlich wird mit dem neuen Präsidenten nicht mit einem Fingerschnippen wieder alles gut. Biden wurde vor allem deshalb gewählt, weil er nicht Trump ist. Doch das reicht für den Augenblick. Bis jetzt hat er jedenfalls schon einmal vieles richtig gemacht: Er versöhnt, statt zu hetzen. Er hat ein Kabinett berufen, das die Vielfalt des Landes widerspiegelt. Er hat ein Programm angekündigt, das Amerika wieder zum verlässlichen Partner werden lassen kann. Biden sucht das Gute in seinen Mitmenschen, während Trump stets das Schlechteste vermutete. Der amerikanische Albtraum, er ist vorbei.

"Darmstädter Echo": Der Anfang ist gemacht. In Washington hat sich die Demokratie vorbildlich behauptet. Sie wird es auch weiter tun müssen, denn Millionen gefährlich Enthemmter und Entfernter sind noch da. Auch deshalb sollte Europa das autokratische Experiment vor allem in seinem Osten nicht wiederholen. Sondern gemeinsam mit anderen darauf hoffen, dass Amerika sich jetzt wenigstens wieder auf den Weg zu sich selbst macht. Der routinierte Brückenbauer Biden ist der richtige Mann, um die USA nicht groß (das sind sie noch), sondern wieder heil werden zu lassen. So please - make America whole again.

"Südwest Presse" (Ulm): Waren früher neue US-Präsidenten mit überbordenden Erwartungen konfrontiert, hat Joe Biden das Glück, einfach nur ein normaler Amtsträger sein zu müssen. Menschliche Regungen jenseits der Trumpschen Wut und Aggression hat man an dieser Position lange vermisst. Mehr noch: Mit Joe Biden kehrt die Würde zurück in das Amt, das von seinem Vorgänger für eine gigantische Ego-Show missbraucht wurde.

"Frankenpost" (Hof): Dass ein Mann wie Trump Präsident werden konnte, muss im höchsten Maß irritieren. Viel mehr Anlass zur Sorge gibt, dass eine so alte, so gefestigte Demokratie wie die amerikanische an diesen Punkt geraten konnte. Bei aller Erregung über den Präsidenten, der nun glücklicherweise Geschichte ist, darf das nicht aus dem Blick geraten. Zumal in der Betrachtung von außen. Schließlich weisen viele Demokratien auch in Europa ähnliche Tendenzen auf: das Erstarken populistischer Kräfte, die abnehmende Toleranz und die sinkenden Hemmschwellen in der politischen Auseinandersetzung.

kng DPA AFP

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