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"Was die Welt bewegt": Obama allein unter Freunden

US-Präsident Barack Obama hat sich mit seiner Forderung nach mehr Geld für nationale Konjunkturprogramme wohl nicht durchsetzen können. In ihrer neuen Kolumne "Was die Welt bewegt" schreibt stern-Autorin Katja Gloger über Obamas kühlen Empfang in Europa und die Folgen für die Weltwirtschaft.

Er soll eigentlich ständig schlecht gelaunt sein, heißt es. Er selbst nennt sich einen "geborenen Pessimisten". Jedenfalls war der Mann ein leidenschaftlicher Kritiker der Bush-Regierung: Jahrelang zog er gegen den Irak-Krieg, gegen die unfähige Regierung zu Felde, zweimal in der Woche mit seinem Kommentar in der "New York Times".

Im vergangenen Oktober, die Weltwirtschaft war gerade im freien Fall, bekam er den lang ersehnten Nobelpreis für Ökonomie. Dann gewann Barack Obama die Präsidentschaftswahlen. Doch das besserte Paul Krugmans Laune keineswegs.

Im Gegenteil. Denn jetzt blickt Professor Krugman jeden Tag in den Abgrund. Immer noch muss er die Mächtigen ermahnen. Als ich vor einigen Wochen mit ihm sprach, erlebte ich einen überaus höflichen, aber beinahe verzweifelten Mann. Als ob er bereits sehe, was sich Andere nicht einmal vorstellen können. Die Welt müsse doch viel mehr tun, um diese Krise zu bekämpfen, sagte er im Interview, fast flehentlich. Viele, viele Milliarden Dollar und Euro, mehr für mehr globale Konjunkturprogramme - und zwar rasch. Vor allem aber müsse gemeinsam handeln - und zwar rasch. Nur dann gäbe es noch eine Chance, eine lange Weltenkrise abzuwenden.

Die Welt trotzt der Vernunft

Doch es scheint, als habe sich die Welt entschlossen, seiner Vernunft erst einmal zu trotzen. Und allen voran - so sieht es zumindest der Nobelpreisträger - die Deutschen, die Kanzlerin und ihr Finanzminister. Ihnen bescheinigt Krugman, zu patzen, den Ernst der Lage schlicht nicht zu überblicken.

Typisch amerikanisch? Mal wieder Prügel für Europa, um von eigenen Fehlern, der Gier in der Wall Street, der wahren Verantwortung für die Krise abzulenken? Schön, wenn es so einfach wäre. Ist es aber nicht.

Denn gerade einmal acht Wochen nach Obamas Amtsantritt erweist sich dieser Paul Krugman auch als hartnäckiger Kritiker seines eigenen Präsidenten. Obamas Konjunkturpaket? Auch das zu klein, seziert er gnadenlos. Obamas Bankenrettungsplan? "Cash for trash" fürchtet er - jede Menge Steuergelder für faktisch wertlose Bankpapiere. Und Obamas Finanzminister Tim Geithner, wegen der vielen noch unbesetzten Stellen im Finanzministerium auch "Tim, allein zu Haus" genannt? Ein Mann der Wall Street, eine Fortsetzung der Politik unter Bush, meint er.

Krugman ist nicht allein mit seiner Kritik. Sein Kollege Joseph Stieglitz, auch er Nobelpreisträger, teilt seine Meinung. Der konservative Ökonom sieht Anzeichen von "Inkompetenz", und selbst die liberale New York Times vergleicht Teile von Obamas Rechtspolitik mit - ausgerechnet - George W. Bush.

Nach acht Wochen im Zeitbeschleuniger White House ist Obama auf den Boden der Realitäten geplumpst. Der Messias ist eben auch nur ein Mensch. Er macht Fehler. Er taktiert politisch. International kriegt er gerade die Quittung für die schlimmste Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Alle sind sauer auf Amerika - doch zugleich wartet die Welt darauf, dass der Präsident sie aus dieser Krise führt. Denn wer, wenn nicht Amerikas Konsument, soll letztlich die Weltkonjunktur ankurbeln? Und was liefern ihm die Europäer, allen voran Merkel und Sarkozy? Eine Sonder-Pressekonferenz zum Auftakt des Londoner Gipfels, eine Kampfansage, ein Schmierentheater.

Ein Gipfel jagt den nächsten

Da hastet Obama nun eine Woche in Europa von Gipfel zu Gipfel, stets cool, die schöne Gattin Michelle im Schlepptau. Erst die G20 in London, dann die Nato in Strassburg, anschließend der Europa-Gipfel in Prag, dann noch zwei Tage in der Türkei mit einer Grundsatzrede an die moslemische Welt. So sitzt Mr. President jetzt in London und bittet um global koordinierte Konjunkturprogramme. Nix da, bescheiden ihm Merkel und Sarkozy kühl, die Rettung der Welt muss eben warten. Die Europäer wollen - und bekommen - eine stärkere Kontrolle der Finanzmärkte. Sie fordern Kontrolle über Hedgefonds, das Aus von Steueroasen. Doch Konjunktur-Milliarden? Sollen im Abschlussdokument am besten erst gar nicht erwähnt werden. Man komme sich vor wie bei einem Großbrand, unken entsetzte Beobachter. Da brenne das Gebäude lichterloh, doch die Feuerwehr versuche erst einmal, neue Rauchmelder anzubringen. Paul Krugman sagt es knackiger: "Wir sind dem Untergang geweiht".

Schon vor Beginn der G20 Konferenz - immerhin soll sie den Grundstein für eine neue Weltfinanzordnung legen - hieß es, sei London nur eine Zwischenstation. Sprich: Niemand solle sich große Hoffnungen auf einen echten Durchbruch machen.

Dazu eine Bundeskanzlerin, Europas Nummer Eins, die sich diesen Obama tunlichst auf Distanz hält. Die offenbar glaubt, dass dieser Obama lieber weniger Pressekonferenzen abhalten, ein bisschen weniger First-Family-Show und mehr Substanz liefern sollte. Dabei hatte sie ("Angela mutlos") in dieser Krise eher gezögert, war den Ereignissen hinterhergelaufen. Sie möchte dies als Pragmatismus verstanden wissen und Vorsicht und ein bisschen auch als Widerstand gegen Amerikas überzogene Forderungen. Hatten nicht ihre Mannen dem Druck aus Washington tapfer widerstanden?

An den Deutschen perlen die US-Bemühungen ab

Obama hatte im Vorfeld des Gipfels eigens Emissäre nach Berlin geschickt, um die Deutschen auf Kurs zu bringen: mehr Milliarden, um die Konjunktur anzukurbeln. Wer, wenn nicht die Exportnation Deutschland, könne Verantwortung übernehmen, habe die Ressourcen? "No", sagte die Kanzlerin kühl und verwies auf prall gefüllte Dollar-Tresore in China.

Selbst einen Fototermin im Oval Office hatte die Kanzlerin ausgeschlagen, hielt lieber ein Videotreffen mit Obama ab. Zu lange dauere der Flug, ließ sie verlauten - ganz so, als ob sie früher den weiten Weg zu George W. Bush gescheut hätte. Doch Bush, den konnte sie rasch einschätzen, einwickeln. Bush liebte ihre Geschichte vom Ost-Mädchen zur Kanzlerin. Und er war genau so misstrauisch wie sie. Obama aber, die Lichtgestalt mit Youtube-Ausstrahlung, der ist nicht greifbar für sie. Und seine Geschichte schlägt ihre um Längen.

"Hochintelligent" sei dieser Obama, hieß es im Kanzleramt schon nach ihrer ersten, kühlen Begegnung im vergangenen Sommer. Und "knallhart". Jetzt erweist er sich erst einmal als oberster Europa-Versteher. Barack Obama wahrt die delikate Balance, tastet sich mit Trippelschritten vor. Er demonstriert selbstbewusste Bescheidenheit. "Ich will zuhören, keine Lektionen erteilen", sagt er. "Doch wir müssen unsere Handlungen koordinieren. Jeder muss Schritte unternehmen."

Er kommt mit einem neuen Amerika, Obamas Amerika. Vorsichtig, verbindlich. Er umarmt die Welt, selbst das großmäulig-verunsicherte Russland umgarnt er mit einem möglichen Verzicht auf die Raketenabwehr und schäkert mit Präsident Dimitri Medwedew in die Kameras, als ob sich neue Freunde gefunden hätten. Er wird Moskau und Peking noch in diesem Sommer besuchen. Er will in den UN-Menschenrechtsrat, er reicht Teheran die Hand, schon sollen sich hochrangige Amerikaner mit einem iranischen Vertreter getroffen haben. Er will zuhören, mit Schurken reden, mit den Syrern, mit Taliban. Barack Obama zeigt, dass er Amerikas Macht, seine Größe auch für Gutes einsetzen will. Am liebsten mit Europa. Doch was macht Europa? Merkel mosert, Sarkozy zündelt, und der amtierende EU-Ratspräsident Mirek Topolanek sieht die USA geradewegs auf dem "Weg in die Hölle".

Noch lächelt Obama

Noch lächelt Obama, und er wird am Samstag, beim Nato-Gipfel in Kehl brav über eine Brücke marschieren und Frankreichs formale Rückkehr in das Bündnis loben - obwohl sich wichtige Nato-Mitglieder dem Wunsch nach mehr Truppen nach Afghanistan verweigern. Dann wird er in Prag mit einem EU-Ratspräsidenten aus Tschechien konferieren, der gerade von seinem eigenen Volk gestürzt wurde.

Er wird zuhören, und dann wird Barack Obama Europa mit einer sehr amerikanischen Frage verlassen: Der Frage, ob auf dieses Europa wirklich Verlass sein kann?

Und Paul Krugman, der Mahner? Europa - ein dahindriftender Kontinent, sagt er. Amerika - angeschlagen. Verzweifelt sucht der Nobelpreisträger nach Führungskraft. In Europa jedenfalls findet er sie nicht.

Katja Gloger