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Taliban-Herrschaft 3000 Euro für eine Sechsjährige: Warum verzweifelte afghanische Familien ihre Töchter verkaufen

Farishteh (r.) und Shokriya (2 v. l.) mit ihrem Vater vor ihrem Zelt im Flüchtlingscamp
Verkauft an die Familien ihrer künftigen Ehemänner: Farishteh (r.) und Shokriya (2 v. l.) mit ihrem Vater vor ihrem Zelt im Camp Shamal Darya für Binnenflüchtlinge in Qala-i-Naw in der afghanischen Provinz Badghis
© Hoshang Hashimi / AFP
Der wirtschaftliche Kollaps nach der Machtübernahme durch die Taliban treibt den afghanischen Mittelstand in Armut und Hunger – und ohnehin schon arme Familien zu verzweifelten Entscheidungen.

Afghanistan leidet unter einer gewaltigen Wirtschaftskrise. Der islamischen Republik ging es auch vor der Eroberung durch die Taliban nicht besonders gut, doch seit die Islamisten in Kabul an der Macht sind, hat sich die Lage dramatisch verschlechtert. Hilfsorganisationen zufolge zeichnet sich eine humanitäre Katastrophe in dem Land ab. Eine Dürre und der anstehende Winter mit steigenden Preisen verschärfen die Lage weiter. Die Vereinten Nationen warnten bereits Ende Oktober vor einer Hungersnot, weil von November an mehr als die Hälfte der Bevölkerung nicht ausreichend zu essen haben werde.

Sogar Familien, die bisher dem Mittelstand angehörten, sind in die Armut abgerutscht und von Hunger bedroht. Sie haben ihre Arbeit verloren, sind auf Lebensmittelspenden angewiesen und können das Schulgeld für ihre Kinder nicht mehr bezahlen. Manche Familien sind in so großer Not, dass sie ihre eigenen Kinder verkaufen, um zu überleben.

Uno hilft mit Lebensmitteln und Geld

"Wir haben alles verloren. Wir haben den Verstand verloren", erzählt Ferishta Salihi der Nachrichtenagentur Associated Press (AP), nachdem sie sich in Kabul beim Welternährungsprogramm der Uno registrieren lassen hat, um Lebensmittelhilfen und Bargeld zu erhalten. Vor nicht allzu langer Zeit hätten sie noch ein gutes Leben geführt. Ihr Mann habe bei der Weltbank gearbeitet und ein gutes Gehalt bekommen. Mehrere ihrer Töchter hätten Privatschulen besucht. Doch nach der Machtübernahme der Taliban habe ihr Mann seinen Job verloren. Die Schulgebühren könnten sie sich jetzt nicht mehr leisten, und die Taliban erlaubten Mädchen im Teenageralter bisher nicht, öffentliche Schulen zu besuchen, klagt die Mutter. "Ich will nichts für mich, ich will nur, dass meine Kinder eine Ausbildung erhalten."

Die Menschen in Afghanistan brauchen Unterstützung. Wir leiten Ihre Spenden an Organisationen weiter, die sich um Flüchtende kümmern. Hier können Sie spenden.
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Salihi ist jetzt die einzige Einkommensquelle der Familie, berichtet AP. Einer ihrer Nachbarn verkaufe Nüsse. Er gebe ihr Säcke mit Nüssen, die sie zu Hause schäle, und sie verkaufe die Schalen dann an Leute, die sie als Brennmaterial verwenden. Ihr Mann verbringe seinen Tag damit, im Viertel herumzulaufen und nach Arbeit zu suchen.

Auch Nouria Sarvari hatte früher ein gutes Auskommen. Die 45-jährige Witwe arbeitete AP zufolge im Ministerium für höhere Bildung. Doch in der vergangenen Woche stand sie gemeinsam mit Hunderten Männern und Frauen in einer Kabuler Turnhalle Schlange, um vom Welternährungsprogramm finanzielle Unterstützung zu bekommen: 3500 Afghanis pro Monat, umgerechnet knapp 34 Euro.

stern-Reporter Jonas Breng besucht Taliban in Afghanistan

Die Tailban hatten nach ihrer Machtübernahme die meisten weiblichen Regierungsangestellten aufgefordert, zu Hause zu bleiben. Seitdem habe Sarvari kein Gehalt mehr erhalten und kämpfe darum, ihre drei Kinder, die noch bei ihr leben, zu ernähren, berichtet AP. Ihr 14-jähriger Sohn Sajjad verkaufe auf dem Markt Plastiktüten, um ein wenig Geld zu verdienen. Sarvari sei auf die Hilfe von Nachbarn angewiesen. "Ich kaufe bei Ladenbesitzern auf Kredit", sagt sie. "Ich schulde so vielen Ladenbesitzern etwas, und das meiste von dem, was ich heute bekomme, wird für die Begleichung meiner Schulden verwendet."

Selbst Kleinkinder werden als Bräute verkauft

Ferishta Salihi und Nouria Sarvari sind in existenzieller Not, und doch gibt es afghanische Familien, deren Lage noch verzweifelter ist: Murad Khan ist Tagelöhner und hat seit Monaten keine Arbeit mehr. Er muss acht Kinder ernähren, und weil er nicht mehr weiß, wie er sie auch nur halbwegs satt bekommen soll, hat er eines von ihnen verkauft: eine Tochter. Benazir. Acht Jahre alt.

Umgerechnet knapp 1800 Euro habe ihm eine Familie im Iran dafür gezahlt, dass Benazir einen ihrer Söhne heiraten werde, sobald sie die Pubertät erreicht habe, erklärt der 55-Jährige dem US-Sender NBC News seinen verzweifelten Schritt. "Wir sind zehn Personen in der Familie. Ich versuche, zehn am Leben zu erhalten, indem ich eine opfere."

Noch habe er die Mitgift nicht erhalten, berichtet Murad Khan, doch sobald er das Geld habe, werde der Käufer seiner Tochter Benazir abholen. "Er wird einfach ihre Hand nehmen und sie mir wegnehmen. Er wird sie wegnehmen und sagen: 'Sie gehört jetzt uns.'"

Das gleiche Schicksal erwartet Faristeh und Shokriya. Die Sechsjährige und ihre erst 18 Monate alte Schwester aus einem Camp für Binnenflüchtlinge in Qala-i-Naw in der Provinz Badghis wurden ebenfalls von ihrem Vater als zukünftige Ehefrauen verkauft. "Mein Mann sagte, wenn wir unsere Töchter nicht weggeben, werden wir alle sterben, weil wir nichts zu essen haben", schildert die Mutter der Kinder, Fahima, der AFP-Reporterin Elise Blanchard ihre dramatische Lage.

Der Brautpreis für Faristeh betrug umgerechnet rund 3000 Euro, ihre kleine Schwester wurde für knapp 2500 Euro verkauft. Das Geld werde in Raten über mehrere Jahre hinweg fällig, bis die Mädchen, deren zukünftige Ehemänner selbst noch minderjährig seien, zu ihren neuen Familien zögen, berichtet die Nachrichtenagentur. Der Handel hilft Fahima, ihrem Mann und ihren Kindern zu überleben. Doch er lastet schwer auf der Mutter: Sie habe seit dem Verkauf viel geweint, erzählt Fahima. "Ich fühle mich schlecht, meine Töchter für Geld wegzugeben."

Auch Mohammad Assan weint, als er Blanchard in einem anderen Flüchtlingslager in Qala-i-Naw Fotos seiner Töchter zeigt. Die neunjährige Siana und die sechs Jahre alte Edi Gul leben jetzt weit weg mit ihren jungen Bräutigamen. "Wir wollten das nicht, aber wir mussten unsere anderen Kinder ernähren", erzählt er Blanchard, während er auf Brotkrumen weist, die seine Nachbarn für ihn aufgehoben haben. "Wir haben sie seitdem nie wieder gesehen."

Assan und seine Familie hatten AFP zufolge während der heftigen Kämpfe der letzten Jahre Schutz in dem Übergangslager gesucht. Der Vater versucht, sich mit dem Gedanken zu trösten, dass es den Mädchen dort, wo sie jetzt sind, sicher besser gehe. "Sie haben etwas zu essen", sagt er.

Kinderheirat ist in Afghanistan traurige Tradition und seit Jahrhunderten erhalten die Familien der Bräute eine Mitgift für die Hochzeit. Aber Armut und Hunger treiben Eltern dazu, immer früher im Leben ihrer Töchter deren Ehe zu arrangieren. Und dabei handele es sich nicht um Einzelfälle, erklärt Blanchard. "Ich habe mehr als 15 Familien in Lagern und Dörfern interviewt und von mehr als 100 Fällen in Badghis gehört. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs", twitterte sie Ende Oktober. "Es war herzzerreißend. Nicht nur für die Mädchen. Der Schmerz der Eltern."

Und es könnte noch schlimmer kommen: Nach UN-Angaben litten Ende Oktober 18,8 Millionen der rund 39 Millionen Einwohner Afghanistans täglich Hunger. Diese Zahl könne bis Jahresende auf 22,8 Millionen Menschen steigen, darunter mehr als drei Millionen Kinder unter fünf Jahren. Sie bräuchten dringend Hilfe in Form von Nahrungsmitteln, Trinkwasser, medizinischer Versorgung und vernünftigen Unterkünften für den Winter.

Taliban fordern Freigabe afghanischer Geldreserven

Die Not setzt auch die Taliban unter Druck: Vergangene Woche forderte ihr Außenminister Amir Chan Mutaki die US-Regierung eindringlich auf, Reserven der afghanischen Zentralbank freizugeben. Das Einfrieren afghanischer Vermögenswerte löse keine Probleme und sei auch keine Forderung des amerikanischen Volkes, daher müsse Washington die Reserven freigeben, schrieb Mutaki in einem offenen Brief an den Kongress. Er warnte vor Massenmigration in der Region und negative Folgen etwa für Bildung und Gesundheitsversorgung im Land.

Dass ein Kind an Unterernährung leide, eine Mutter wegen mangelnder Gesundheitsversorgung sterbe, gewöhnliche Afghanen Hunger litten oder keine Medikamente hätten, habe keine politische oder logische Rechtfertigung, heißt es in dem Schreiben. Es schade dem Ansehen der USA, da dies eine rein humanitäre Angelegenheit sei.

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Vor der Machtergreifung durch die Taliban Mitte August hatte Afghanistan laut einem Bericht der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network jährlich militärische und zivile Hilfsgelder in Höhe von 8,5 Milliarden US-Dollar erhalten. Damit wurden 75 Prozent der öffentlichen Ausgaben finanziert. Nach dem Machtwechsel wurde der Großteil der Hilfen eingestellt. Rund neun Milliarden US-Dollar an Reserven der afghanischen Zentralbank, die zum großen Teil in den USA geparkt sind, wurden eingefroren.

"Wir brauchen für die Bekämpfung unsere Probleme den Zugang zu unserem eingefrorenen Vermögen im Ausland und auch die Möglichkeit, am internationalen Zahlungsverkehr teilzunehmen ", forderte auch der Leiter der afghanischen Handels- und Investitionskammer, Mohammad Younis Mohmand, vor einigen Tagen im Gespräch mit der Deutschen Welle. Die Taliban planten, den Zusammenbruch der Wirtschaft zu verhindern und das Leid der Menschen zu lindern. Mit einem Sofortprogram solle die Zahl der Arbeitslosen gesenkt und der Hunger im Land verringert werden. Das Finanzministerium in Kabul kündigte zudem am vergangenen Samstag die Zahlung von ausstehenden Gehältern der Staatsbediensteten und eine neue Islam-Steuer zur Finanzierung von Hilfsprojekten für Arme und Waisenkinder an.

Für Mohammad Assan und seine letzte verbliebene Tochter könnten diese Hilfspläne zu spät kommen. Assans Frau sei krank, berichtet AFP-Reporterin Blanchard, und er müsse die Arztrechnungen bezahlen. Deshalb habe er bereits damit begonnen, auch für die Vierjährige einen Freier zu suchen.

Quellen: Vereinte Nationen, Associated Press, NBC News, AFP, Deutsche Welle


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