Anschlag auf Goldene Moschee Blutige Welle der Gewalt erfasst Irak


Nach dem Anschlag auf ein schiitisches Heiligtum erschüttern Racheakte den Irak. Innerhalb von 24 Stunden wurden mehr als hundert Menschen getötet. Extremisten lockten Demonstranten in eine Falle und ermordeten sie.

Wegen des Anschlags in Samarra sind zehntausende Schiiten im Land auf die Straßen gegangen. Am Rande der Proteste kam es auch zu Ausschreitungen gegen sunnitische Moscheen. Innerhalb von 24 Stunden wurden allein in den beiden größten Städten des Landes, Bagdad und Basra, mehr als 100 Menschen getötet, die meisten davon sunnitische Moslems.

Extremisten haben an einem vorgetäuschten Kontrollpunkt im Süden von Bagdad 47 Menschen erschossen. Bei den Opfern handelte es sich Polizeiangaben zufolge um Sunniten und auch um Schiiten, die an Protesten gegen den Anschlag auf die Goldene Moschee von Samarra teilgenommen hatten.

Die Extremisten zogen ihre Opfer an der Straßensperre aus den Fahrzeugen, erschossen sie und warfen die Leichen anschließend in der Nähe des Dorfes Nahrauan in den Straßengraben, wie die Polizei berichtete. Die Täter hätten den Kontrollpunkt aufgebaut, um Menschen abzufangen, die auf der Heimkehr von Protesten gegen den Anschlag waren.

Warnung vor Bürgerkrieg

In der Hauptstadt Bagdad wurden nach Polizeiangaben vom Donnerstag binnen eines Tages 53 Iraker getötet. In der südirakischen Stadt Basra stürmten Unbekannte ein Gefängnis und töteten elf sunnitische Insassen.

Wegen dieser Racheaktionen haben sich die irakischen Sunniten nun aus den Gesprächen über die Regierungsbildung zurückgezogen. "Wir setzen unsere Beteiligung an den Verhandlungen über eine Regierung mit der schiitischen Allianz aus", sagte Tarek al Haschemi, der Spitzenvertreter der Front Irakische Eintracht. Die Partei hatte zuvor bereits ein Krisengespräch mit Präsident Dschalal Talabani über die Eskalation der Gewalt im Land abgesagt.

Präsident Dschalal Talabani warnte in einem dramatischen Appell vor einem Bürgerkrieg. Die schiitische Regierung lastete das Attentat sunnitischen Rebellen an, die mit der al Kaida im Irak verbündet sind. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen (UN) rief die Bevölkerungsgruppen zur Wahrung der nationalen Einheit auf.

Die Schiiten sind die größte Glaubensgruppe im Lande, ihr gehören 60 Prozent aller Iraker an. Trotzdem waren sie wiederholt das Ziel sunnitischer Attentäter. So wurden 2004 während eines schiitischen Pilgerfestes 170 Menschen getötet. Unter dem Regime Saddam Husseins, der selbst den Sunniten angehört, wurden sie mit aller Gewalt unterdrückt. Nach dem Sturz Saddams füllten die schiitischen Glaubensführer das entstandene Machtvakuum, bei den Parlamentswahlen im vergangenen Dezember verfehlte die Allianz der religiösen Schiiten-Parteien nur knapp die absolute Mehrheit. Eine Regierung wurde bisher allerdings noch nicht gebildet.

Neue Qualität der Anschläge

"Für die Schiiten ist dies ein schwerer Angriff, vergleichbar mit der Bedeutung, die ein Anschlag auf Mekka für alle Moslems hätte", sagte Hassim al Naimi, der an der Bagdader Universität Mustansirija Politikwissenschaft lehrt. Nun sei sicher noch mehr Gewalt zwischen den Religionsgemeinschaften zu erwarten. "Das kann das Land auf einen Bürgerkrieg zutreiben."

Die meisten der bei den Vergeltungsschlägen Getöteten in Bagdad seien Sunniten, teilte die Polizei mit. Sie seien vor und in Moscheen angegriffen worden. Die Polizei verstärkte die Sicherheitsmaßnahmen vor den Moscheen der Stadt. In der nördlich von Bagdad gelegenen Stadt Bakuba eröffneten Unbekannte das Feuer auf eine sunnitische Moschee. Dabei wurden nach Polizeiangaben ein Mensch getötet und zwei weitere verletzt. Bereits unmittelbar nach dem Anschlag in Samarra hatte es zahlreiche gegen Sunniten gerichtete Vergeltungsaktionen gegeben.

In der Nähe Samarras wurden ein Korrespondent des Nachrichtensenders Al-Arabija und zwei seiner Mitarbeiter entführt und später getötet. Das Team habe sich zum Zeitpunkt des Überfalls am Mittwochabend auf dem Rückweg aus Samarra befunden, teilte der Sender mit. Alle drei Mitarbeiter des Senders seien Iraker gewesen.

Gespräche zur Regierungsbildung abgebrochen

Talabani rief führende Vertreter aller Seiten zu einem Krisengespräch zusammen. Der UN-Sicherheitsrat forderte die Iraker zu Besonnenheit und Zurückhaltung auf. Es sei nun wichtig, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden. Die größte Partei der Sunniten im Irak hat die Gespräche zur Regierungsbildung mit den Schiiten und Kurden jedoch aufgrund der Vergeltungsakte abgebrochen.

US-Präsident George W. Bush sagte, die Gewalt spiele nur den Terroristen in die Hände. US-geführte Truppen hatten die von Sunniten dominierte Regierung von Saddam Hussein 2003 gestürzt und haben derzeit rund 130.000 Soldaten im Irak stationiert.

Reuters/pie Reuters

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker