AUSLAND Die Akte Milosevic


Er ist der erste Staatspräsident, der sich vor dem Haager Kriegsverbrechertribunal verantworten muss. 300 000 Tote sind die Bilanz seiner Kriege. Der stern spürte Zeugen auf, die das Terrorregime des Slobodan Milosevic miterlebten - oder sogar das blutige Geschäft des Diktators betrieben. Aus stern Nr. 36/2001.

Der Opa ist voller Sorge. Sein Enkel hat Ohrenentzündung, und er ist so weit weg von Marko, seinem Liebling. Zu allem Übel hat die Oma dem Dreijährigen auch noch ein starkes Medikament verabreicht. Das macht den Großvater in der Gefängniszelle wütend. »Warum denn gleich Antibiotika?«, hat er am Telefon geschimpft. »Man muss es doch zuerst mit Ohrentropfen versuchen.«

Das war vor einer Stunde. Slobodan Milosevic ruft täglich zweimal zu Hause an. Pünktlich mittags um zwölf und dann noch einmal um 16 Uhr. Der erste Staatspräsident der Welt, der sich vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten muss, erkundigt sich fürsorglich nach dem Wohl seiner Familie. »Er weiß immer einen Rat«, sagt Mirjana Markovic, seine Ehefrau, die mit ihren gold-braun geschminkten Augenlidern, dem pechschwarzen Haar und dem stechenden Blick eher wie eine schlecht gelaunte Wahrsagerin aussieht. »Er wusste sofort, welchen Arzt wir für Marko rufen sollen.«

Erst eine Woche zuvor hat sie ihren Slobodan in den Niederlanden im Gefängnis besucht. An drei Tagen durfte sie bei ihm sein. Von früh um neun bis nachmittags um fünf. Aus Angst vor Entführung des prominenten Häftlings ist das Gefängnis inzwischen zusätzlich mit einem Elektrozaun gesichert worden - sogar auf dem Dach. Mira Markovic war von ihrem Mann durch eine Glasscheibe getrennt. Doch sie nutzte jede Minute. »Es ist wahre Liebe zwischen uns«, sagt sie. »Er ist schön, er ist klug, und er glaubt nur an das Gute im Menschen.«

Aber daran, dass das Mikrofon bei ihrem Besuch aus purem Zufall kaputt war, daran glauben sie beide nicht. »Er hat nur jedes zweite Wort von mir verstanden«, sagt sie und fragt: »Zufall? Nicht in Den Haag.« Man wolle ihn mürbe machen.

»Riesiger Berg mit Leichen«

Es geht um Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. »Es gibt einen riesigen Berg mit Leichen. Und für Den Haag sitzt Milosevic oben drauf«, sagt dessen Belgrader Anwalt Toma Fila, der seinen Klienten jedoch nur in der Heimat vertritt, gegen den Vorwurf des Amtsmissbrauchs, der Korruption und der Veruntreuung von mehreren hundert Millionen Mark. »Aber die müssen ihm in Den Haag die Befehlskette nachweisen. Das ist wie bei den Nürnberger Prozessen.«

Die »beherrschende politische Figur in Serbien« wird Milosevic in der Den Haager Anklageschrift genannt. »De facto« habe er als Jugoslawiens Präsident sowohl die Bundes- als auch die Staatsregierung gesteuert. 300 000 Menschen mussten seinen Traum vom »himmlischen Volk« in einem Großserbischen Reich mit dem Leben bezahlen. Doch auf dem Schlachtfeld war der Staatsmann nie. »Von Leichen hat er nie etwas gewusst«, sagt seine Frau und erhebt die Stimme, erregt über die Frage nach den Massengräbern in ihrem Land. »Die Menschen, die da jetzt graben, haben doch kranke Hirne. Die sind morbid. Die Knochen sind 200 Jahre alt. Sie können auf dem Planeten buddeln, wo Sie wollen: Knochen werden sie überall finden.«

So dachten viele Serben. Und so dachte auch Dragan Karleusa, stellvertretender Kripo-Chef in Belgrad, Abteilung »Organisierte Kriminalität«. Bis Ende April. Da berichtete die Zeitung »Timocka Krimi Revija« (»Timok-Krimirevue«) über einen mit Leichen voll gestopften Tiefkühl-Lkw, der während des Krieges in der Donau versenkt, später aber aufgetaucht sei, samt

Leichen von Frauen, Alten und Kindern. »Ich dachte an eine erfundene Horrorstory und fuhr in der Annahme da hin, ich würde eine Zeitungsente aufklären«, sagt der Kripo-Mann.

Massengräber auf serbischem Boden

Er sprach mit Polizisten vor Ort, mit Anwohnern, mit Landwirten, die Augenzeugen des Geschehens waren. Und später sogar mit jenen, die die Leichen in Massengräbern auf serbischem Boden hatten verschwinden lassen müssen. »Die Geschichte stimmte. Es ist ein unglaubliches Verbrechen«, sagt Karleusa, dem immer noch viele der damals eingeweihten Polizeikräfte die Mitarbeit verweigern. Die Vertuschungsaktion war Staatsgeheimnis, Codename »Tiefe 2«. »Aber wir kriegen die Informationen. Aus dem einen Vorfall ist ein riesiges Ding geworden.«

Mindestens zehn, vielleicht aber auch Dutzende von Lastwagen mit Leichen wurden vom Schlachtfeld nach Serbien gefahren, im Wasser oder in Erdgruben versenkt. Zuletzt konnte Karleusa die Spur von 50 Toten aus einem Massengrab bei Belgrad bis zu einem Stausee bei Perucac verfolgen. Dort waren sie zunächst in einem Kühl-Lkw versenkt und am 8. April 1999 an die Oberfläche getrieben worden. Dann hat man sie verscharrt. Seit Karleusa seine Arbeit aufgenommen hat, wurden in neun verschiedenen Massengräbern knapp 1000 Leichen entdeckt.

»Frauen, Kinder, alles ist dabei. Die meisten Kosovo-Albaner. Möglicherweise aber auch serbische Soldaten, die Befehle verweigerten«, sagt der Kripo-Chef. Zu Hunderten stapeln sich die Fotos neben seinem Schreibtisch. Die Exhumierung der

Leichen ist zu sehen, Skelette, Totenschädel, verfaultes Fleisch, Krankenversicherungsheftchen von Opfern aus dem Ort Suva Reka, wo serbische Polizisten am 26. März 1999 Menschen in eine Gaststätte trieben, eine Handgranate in den Raum warfen und 34 Menschen ermordeten. Frühjahr 1999 ist auch das Datum, das die Gerichtsmediziner als Todeszeitpunkt jener Menschen bestimmen, deren Leichen nun gefunden werden. Der Mitgliedsausweis eines Albaners für die Discothek »Meti« ist fotografisch dokumentiert, daneben liegen Bilder, die Kopftücher von alten Frauen zeigen, die Fetzen eines rosafarbenen Kinder-T-Shirts mit Mickymaus-Aufdruck und die Knochenreste eines Ungeborenen, das zusammen mit der Mutter starb. »Ein Fötus, vielleicht acht Monate alt«, sagt Karleusa und nimmt einen Schluck Whisky.

Bis zu 50 000 Mark für Hinweise

3525 Kosovo-Albaner werden offiziell noch vermisst. Manche ihrer Angehörigen bieten bis zu 50 000 Mark für Hinweise, wo sie die sterblichen Überreste finden können. Es wird Monate dauern, bis alle Leichen exhumiert, obduziert und identifiziert sind. »Eine unangenehme Aufgabe, aber wichtig für unser Land: Ich werde nicht aufgeben, bevor wir nicht wissen, wer den Befehl für die Gemetzel gegeben, wer sie ausgeführt hat.«

Dass Slobodan Milosevic persönlich die Vertuschung der Verbrechen angeordnet hat, daran haben Kripo-Chef Karleusa und sein Innenminister Dusan Mihajlovic keinen Zweifel. Nachdem Milosevic einen CNN-Bericht über frische Massengräber im

Kosovo gesehen hatte, die mit Wärmebildkameras aufgespürt worden waren, »gab er persönlich die Anweisung, alle Spuren und Beweise zu beseitigen, die Gegenstand einer Anklage werden könnten«, sagt der Minister. Das könne er mit Aussagen von Milosevic-Vertrauten belegen, die dabei waren.

Damals, kurz nach dem Beginn des Nato-Bombardements, saß Milosevic schon im Bunker unterhalb des »Instituts für Sicherheit«, mitten in Belgrad, gleich neben der Militär-Medizinischen-Akademie VMA. Ein Hochhaus mit Krankenstation und Computerzentrale, 30 Meter unter der Erde, durch einen unterirdischen Tunnel direkt erreichbar von seinem Regierungssitz im so genannten Weißen Haus.

»Leute von der Stasi«

Die wichtigste Lagebesprechung war jeden Montag um acht. Zutritt hatten nur Milosevics engste Vertraute. »Fast ausschließlich Leute von der Stasi, in deren Händen er sich befand«, sagt Bozidar Spasic, bei der jugoslawischen Staatssicherheit früher Chef der Abteilung »Psychologische Kriegsführung«. »In dieser Phase war er schon paranoid, fühlte sich verfolgt und bedroht vom Rest der Welt, von allem. Das war ähnlich wie bei Hitler am Ende des Zweiten Weltkriegs im Führerbunker.«

Und so wie damals bei Hitler, der sich durch Selbstmord der Verantwortung entzog, fürchten nun viele, auch Milosevic, der rund um die Uhr per Video überwacht wird, würde sich umbringen, wenn er nur könnte. Sein Vater, ein Priester und

Religionslehrer, hatte die Familie früh verlassen und sich später erschossen. Seine Mutter erhängte sich elf Jahre später. Wie bei Hitler, spekuliert Biograf Rajko Djuric, habe auch bei Milosevic der frühe Verlust des Vaters das Bedürfnis geweckt, ein »symbolischer Vater« zu werden, »überzeugt, die Welt führen zu sollen« und »fest überzeugt, nur das Gute zu tun«.

Für den letzten Präsidenten des alten Jugoslawiens und Milosevics langjährigen Weggefährten, Borisav Jovic, war er dagegen »ein Diktator, dem es in Wahrheit nur um die Macht ging. Kaum war er an der Macht, hat er alle Entscheidungen allein gefällt, sämtliche Gremien umgangen«, sagt Jovic, damals Vize-Chef der sozialistischen Partei. Vom Regierungsbeschluss, alle Wirtschaftsbeziehungen mit Slowenien abzubrechen, sei er durch eine Radiomeldung überrascht worden. »Ich habe eine Woche auf ihn eingeredet, das zurückzunehmen, weil es unsere Wirtschaft ruinierte und den Zerfall Jugoslawiens anheizte. Aber da war nichts zu machen. Er hat sich nur noch mit Leuten umgeben, die ihm nach dem Mund redeten.«

Milosevics taktisches Kalkül

Das war 1991 zu Beginn des Krieges auf dem Balkan, als die Jugoslawische Volksarmee dem Kommando von Milosevic unterstellt wurde. Die Verbrechen der Kriege in Bosnien und Kroatien sind zwar noch nicht Teil der Anklage vor dem Haager Tribunal. Aber bereits hier zeigt sich Milosevics taktisches Kalkül. »Die Metzeleien wurden bewusst angezettelt, um Hass zu schüren«, sagt Milosevic-Biograf Djuric. »Und obwohl die Armee - die viertgrößte in Europa - in seinen Händen war, erlaubte Milosevic in dem Wissen, dass die Gesetze der kriminellen Welt viel grausamer sind, dass sich auch Banditen für den Krieg bewaffneten.«

Ex-Staatssicherheits-Oberst Spasic, der derzeit ein Buch über diese Zeit verfasst (Titel: »Staatsterror«), war im Vorzimmer des Präsidenten, als dieser in seinen Gemächern den damals schon per Interpol-Haftbefehl gesuchten Verbrecher Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, mit Kampfgefährten empfing. »Er gab Befehl, Arkans «Tigern» Kasernen zur Verfügung zu stellen, sie mit Waffen und Geld zu versorgen«, sagt Spasic. »Und ich hörte sehr deutlich, wie Milosevic gegenüber dem damaligen stellvertretenden Innenminister anordnete, aus den Reihen der serbischen Polizei eine schlagkräftige paramilitärische Truppe aufzustellen.«

Scheck über 50 Millionen Mark

Er ließ Dafina Milanovic, die Inhaberin der »Dafiment-Bank«, holen, die Milosevic im Gegenzug für Importmonopole einen Scheck über 50 Millionen Mark überreichte. Der Diktator hielt den Scheck hoch und sagte: »Das benutzen wir für unsere schnelle Eisenbahn.« Das war das Codewort für Säuberung und Vertreibung. Lokführer dieser »Bahn« sollte die neue Truppe sein. Offiziell war sie für den Schutz der Serben zuständig.

»Man hat die Stärksten von uns ausgewählt«, sagt einer jener Elite-Polizisten, die dann zu Milosevics staatlich organisierten Killertrupps beordert wurden. Er ist heute noch Polizist in der serbischen Provinz. Seine Augen wirken freundlich. Nur die aschfahlen Haare des inzwischen 38-Jährigen verraten, dass die Kriegsjahre nicht spurlos an ihm vorbeigegangen sind. Wir sollen ihn »Milan« nennen. Die Preisgabe seiner Identität würde ihn direkt in eine der Haftzellen des Haager Tribunals befördern. Denn er hat mindestens 100 Menschenleben auf dem Gewissen. »Aber gezählt hab ich das nie. Ich habe mich

immer so schnell wie möglich in Sicherheit gebracht», sagt er und erklärt sein verlegenes Lächeln: «Ich habe darüber noch nie in meinem Leben gesprochen.»

Anfang einer Killer-Karriere

Der Anfang seiner Killer-Karriere war eher konventionell: Schießübungen, Häuser stürmen, Konditionstraining. »Wir wussten gar nicht, wozu wir das eigentlich alles machen sollten«, sagt Milan. 1992 dann der erste Einsatz: »Wir trafen uns mitten in der Nacht und wurden in Busse verfrachtet. Früh um drei Uhr ging es los.« Kurz vor der Grenze zu Bosnien mussten sie aussteigen und sämtliche persönlichen Dokumente abgeben. Sie bekamen schwarze Spezialuniformen und gefälschte Ausweise. »Da war zwar mein Foto drauf. Aber Name und Wohnort waren falsch«, sagt Milan. »Den Papieren zufolge war ich bosnischer Serbe und Kriegsfreiwilliger. Aber auch das stimmte nicht. Wir waren keine Freiwilligen. Wäre ich dem Ruf zur Spezialeinheit nicht gefolgt, hätte mich die Polizei gefeuert.«

Am fünften Tag in Bosnien begann sein Einsatz. Milan musste als Erstes eine Straßenblockade räumen. In der Woche darauf hieß die Aufgabe schon, ein muslimisches Dorf zu »säubern«. Milans Einheit und zwei weitere hatten das Dorf umzingelt und dann das Feuer eröffnet. Das Gefecht dauerte fünf Tage. Dann waren die Bewohner entweder geflohen oder tot. »Am Anfang war das ein komisches Gefühl«, sagt Milan, wenn er über das Töten spricht. »Am Anfang fühlte ich mich missbraucht. Aber man gewöhnt sich irgendwie daran. Dann ging alles von allein.« Die Arbeit funktionierte fortan stets nach dem gleichen Muster:

»Wir nannten das säubern.« Pro Tag gab?s 20 Mark Zulage für den Dienst beim staatlich organisierten Massenmord. Einmal, bei der »Befreiung« des Dorfes Gazde, kämpfte Milan mit seiner Einheit an der Seite von Arkan.

Das furchtbare Ausmaß ihres Treibens und die damit einhergehende Vertuschungstaktik wurde ihm spätestens bewusst, als er 1994 bei der Umbettung von 5000 Leichen aus einem Massengrab bei Vukovar half. Man befürchtete, es könnte entdeckt werden, weil das Gebiet an Kroatien zurückgegeben werden sollte. Mit Baggern luden sie die Leichen auf sieben Lkws, vergruben sie auf Feldern, die anschließend gewässert wurden, um Spuren zu verwischen. »Ich musste 45-mal fahren«, sagt Milan. »Die Stelle finde ich heute noch im Schlaf.«

Drei mehrmonatige Einsätze absolvierte Milan in den verschiedenen Kriegen, bis Milosevic beim Friedensabkommen von Dayton (14. Dezember 1995) als »Garant des Friedens auf dem Balkan« glänzen durfte. Während Milan und seine Kampfgenossen längst wieder normalen Dienst schoben, kehrte der Staatschef von den Verhandlungen zurück. »Mit dieser Unterschrift«, sagte er zu seinem Freund Jovic, »bleiben wir noch 20 Jahre an der Macht.«

Krieg und Vertreibung

Wenig später servierte er auch Jovic ab, weil er den serbischen Eroberungskrieg in Bosnien offen kritisiert hatte. Er feuerte Minister, die nicht spurten, hatte seine Frau zur Mehrheitsbeschaffung im Parlament eine Partei gründen lassen, die JUL (»Jugoslawische Linke«). Und er setzte weiter auf Krieg und Vertreibung. Diesmal im Kosovo. »Ich habe ihm gesagt, dass es

ein langer Krieg werden wird und dass ich ihn für ihn führe», sagt der ehemalige Generalstabschef der Armee, Momcilo Perisic. «Aber als ich verlangte, er solle den Marschbefehl vom Parlament absegnen lassen, hat er mich entlassen.»

Willfährige Armeechefs

Slobodan Milosevic fand willfährige Armeechefs und durfte sich weiter auf die Hilfe seiner geübten paramilitärischen Truppe verlassen. Insgesamt acht Einheiten, jeweils 450 Mann, wurden zum »Antiterroristischen Einsatz« beordert. Laut Milan gingen die Säuberungstrupps strategisch gut organisiert vor. Ihr Stab war in Pristina. Für jeden Bezirk waren Listen der zu »säubernden« Dörfer erstellt worden. Eines nach dem anderen wurde abgehakt. Als erstes war das Dorf Donji Prekaz dran. Hier hatte sich UCK-Chef Adem Jashari auf seinem Hof verschanzt.

»Wir hatten das Dorf umzingelt und lieferten uns zwei Tage und zwei Nächte lang ein Feuergefecht. Dann haben wir Hilfe gerufen«, berichtet Milan. Zur Unterstützung kamen vier Panzer von der Armee. »Aber sie waren blau gestrichen. Blau wie unsere Polizei. Offiziell war ja kein Kriegszustand.« Die Panzer feuerten in die Häuser, aus denen geschossen wurde. Als sich nichts mehr regte, rückten die »Säuberer« vor. Sie durchsuchten jeden Winkel, schossen auf die Schränke. Milan: »Ab und zu lief dann aus den Schränken unten Blut heraus.« Als immer noch Schüsse aus vermeintlich »gesäuberten« Häusern kamen, entdeckten sie ein Tunnelsystem unter den Gebäuden. Sie schütteten Benzin hinein und zündeten alles an. Die Überlebenden wurden zusammengetrieben und dann verjagt.

Milan war nach eigener Schätzung bei 150 bis 200 Einsätzen dabei. »Manchmal brauchten wir nur einen Tag für ein Dorf.« Skrupel? Im Gegenteil. Der Hass auf die Kosovaren wuchs. »Ich habe drei meiner besten Freunde verloren und ihre Leichen unter Beschuss geborgen.« Aber trotz des Hasses habe er auf Zivilisten Rücksicht genommen. »Wir haben nur die erschossen, die die Terroristen als menschliche Schutzschilde benutzten«, sagt Milan. Erst als das Nato-Bombardement begonnen hatte, seien alle Dämme gebrochen. Milan: »Da gab es keine Gnade mehr. Wer nicht verschwunden war, wenn wir kamen, hatte keine Chance.«

»Jetzt gibt?s wieder Gratis-Strom«

Milan kann nicht begreifen, dass fast täglich neue Massengräber mit Kosovo-Opfern entdeckt werden. »Die Leichen wurden doch alle zum Heizkraftwerk in Obilic geschafft und dort verbrannt«, sagt er. »Wir sagten damals immer: Jetzt gibt?s wieder Gratis-Strom in Serbien.«

Wie viel hat Milosevic davon gewusst, wie viel davon womöglich angeordnet? Den Haag muss ihm jetzt seine Verstrickung in die Verbrechen nachweisen. Doch mit Befehlen war der Diktator vorsichtig - spätestens seit dem Treffen mit der amerikanischen Außenministerin 1997. »Die Albright sagte ihm, dass der US-Nachrichtendienst jedes Wort ihrer Gespräche aufzeichnen kann und daher genau weiß, was sie gerade im Kosovo anstellen«, berichtet Ex-Staatssicherheits-Oberst Spasic. »Als Beweis schickte sie ihm zwei Stunden später das Tonbandprotokoll ihrer Unterredung ins Büro. Damit hat sie für Den Haag viel vermasselt.«

Direkte Mitwisser gibt es nicht mehr viele. Radovan Stojcic »Badza«, ehemaliger stellvertretender Innenminister, der von Milosevic persönlich den Auftrag zum Aufbau einer paramilitärischen Truppe erhalten haben soll, kann nicht mehr befragt werden. Er wurde im April 1997 im Belgrader Cafe »Mamma Mia« von Attentätern durch Schüsse aus einer Maschinenpistole des Typs »Ingram M11« in Kopf und Rücken getötet.

Am 15. Januar 2000 wurde Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, im Foyer des Belgrader Hotels »Intercontinental« erschossen. Nur drei Wochen später der ehemalige Verteidigungsminister Pavle Bulatovic. Arkan hatte seit 1997 auf einer geheimen Liste des Haager Tribunals gestanden. Es hieß, er wolle gegen Slobodan Milosevic aussagen, um als Kronzeuge eine mildere Strafe zu bekommen.

Sämtliche Morde ungeklärt

Nicht nur weite Teile der jugoslawischen Öffentlichkeit spekulieren, Arkan und die zwei Minister könnten Opfer eines von langer Hand geplanten staatlichen Zeugenbeseitigungsprogramms geworden sein. Die Belgrader Kripo ermittelt in 25 Mordfällen an ehemals hochgestellten Funktionären. »Es gibt Hinweise, dass Milosevic hinter diesen Morden steckt«, so Innenminister Dusan Mihajlovic. Mehr könne er dazu im Moment noch nicht sagen. Sämtliche Morde gelten bis jetzt als ungeklärt. Auffallend ist nur, dass in allen Fällen mindestens ein Polizist in nächster Nähe des Tatorts war.

Und die überlebenden Zeugen? Der ehemalige Polizeichef Vlastimir Djordjevic ist in Russland untergetaucht. Milosevics Sohn

Marko, der in den letzten Monaten der tatsächliche Chef der Staatssicherheit gewesen sein soll, hat versucht, sich nach China abzusetzen, doch selbst dort gilt er als unerwünschte Person. Von ihm fehlt inzwischen jede Spur. Und Milosevic letzter Innenminister, Vlajko Stoiljkovic, Taufpate von Milosevics Sohn Marko und der Mann, der im Auftrag des Präsidenten die so genannte Assanierung der Leichen aus dem Kosovo zurück nach Serbien angeordnet haben soll, hält sich in Serbiens Wäldern versteckt. »Bevor ich nach Den Haag gehe, bringe ich mich um«, sagte er Freunden. Seinen Abschiedsbrief habe er bereits geschrieben.

Auf den Spuren Dimitrows

Slobodan Milosevics Belgrader Anwalt wollte zur Verteidigung seines Mandanten ein internationales Team von renommierten Strafrechtlern zusammenstellen. Er legte sein Mandat nieder, weil Mira Markovic ihm die Linie vorgeben wollte. Jetzt will Milosevic es machen wie der Bulgare Georgi Dimitrow, der spätere Generalsekretär der Komintern, der 1933 als Mitverschwörer im Prozess um den Berliner Reichstagsbrand angeklagt war. Er hat sich vor Gericht selbst verteidigt und einen Freispruch erkämpft. In Den Haag soll jetzt eine Gruppe von Anwälten unter Führung des kanadischen Juristen Christopher Black, streitbarer Anhänger des Inhaftierten, Milosevic beraten. Der Ex-Diktator geriert sich immer noch so, als hätte er alles im Griff. Offiziell ist er noch Vorsitzender der Sozialisten, schaltet sich per Telefon in Parteisitzungen ein, wollte zuletzt den Rausschmiss eines hohen Funktionärs anordnen. Doch keiner hört mehr auf Milosevic.

»Eigentlich wäre ich seine beste Verteidigerin«, sagt Mira Markovic während des Gesprächs in der Zentrale ihrer Partei. Die

wichtigsten Mitarbeiter ihrer »JUL« sind längst übergewechselt zu anderen Parteien. Am Eingang der monströsen Villa, den einst Dutzende von Sicherheitsbeamten bewachten, sitzt nur ein kleiner, milchbärtiger Junge. Selbst die Sekretärin, die Coca-Cola serviert, musste erst von zu Hause gerufen werden. »Alle im Urlaub«, sagt Mira Markovic, als wäre ihr entgangen, dass ihre Zeit abgelaufen ist und keiner mehr auf ihr Kommando wartet.

Doch dann hat sie es eilig. Es ist kurz vor 16 Uhr. Der zweite Anruf ihres Gatten steht bevor. Sie muss schnell nach Hause. Sie hat gute Nachricht für ihren Slobodan. Der Arzt war da und hat die Ohren seines Enkels untersucht. Opas Liebling ist auf dem Weg der Besserung.

Joachim Rienhardt / Fotos: Uli Reinhardt


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