Bosnien-Herzegowina Jagd nach Yetis


In den vergangenen Jahren wurde mehrfach berichtet, die Schlinge ziehe sich enger zu. Doch Radovan Karadzic, einst Führer der bosnischen Serben, und sein Militärchef Ratko Mladic entziehen sich seit nunmehr zehn Jahren der Justiz.

Gleich im Dutzend haben sich ehemals hohe serbische Militärs im Frühjahr dem UN-Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien gestellt. Sie meldeten sich freiwillig, obwohl ihnen sehr lange Freiheitsstrafen drohen. Die Regierung in Belgrad hat sie dazu - wie auch immer - bewegt, weil sie zwangsweise Auslieferungen aus innenpolitischen Gründen scheut. Doch seit Ende April hat niemand mehr ans Tor des Gefängnisses im Den Haager Stadtteil Scheveningen geklopft.

"Grenzen erreicht"

"Es scheint, dass die Politik der freiwilligen Überstellung ihre Grenzen erreicht hat", resümiert die UN-Chefanklägerin Den Haag, Carla Del Ponte. Dabei denkt sie vor allem an die beiden meistgesuchten Angeklagten: Radovan Karadzic, der einstige Führer der bosnischen Serben, und sein Militärchef Ratko Mladic entziehen sich seit nunmehr zehn Jahren der internationalen Justiz.

Am 25. Juli 1995 nahm das Gericht die Anklage gegen die beiden an. Sie lautete auf Völkermord, das ist das schwerste vom Tribunal zu ahndende Verbrechen. Opfer waren die bosnischen Muslime, deren Auslöschung die Serben in den von ihnen beanspruchten Gebieten anstrebten. Karadzic, der damals gerade 50-jährige Psychiater, Dichter, Komponist und Präsident der "Republika Srpska" (bosnischen Serbenrepublik), lieferte die ideologischen Grundlagen. General Mladic, ein damals 52-jähriger Karrieresoldat, setzte die mörderischen Pläne mit seinen Truppen um.

Das Massaker von Srebrenica an bis zu 8000 Muslimen war erst zwei Wochen alt und noch nicht in Details bekannt, als die Anklage gegen Karadzic und Mladic erhoben wurde. Es wurde den beiden erst mit einer weiteren Anklage im November 1995 zur Last gelegt. Doch schon mit der ersten erging Haftbefehl - zunächst adressiert an die Beschuldigten und an die serbischen Behörden. Weil die nicht reagierten, erließ das Gericht im Juli 1996 internationalen Haftbefehl.

Fahndung ohne Erfolg

Mehrfach versuchten die internationalen Friedenstruppen in Bosnien, Karadzic zu ergreifen, doch der konnte stets rechtzeitig fliehen. Mladic soll lange unter dem Schutz serbischer Militärs in Belgrad gelebt haben. Mehrfach wurde berichtet, die Schlinge ziehe sich nun enger zu. Der serbische Präsident Boris Tadic sagte kürzlich, wenn Mladic sich nicht stelle, werde der Staat "diese Aufgabe beenden". Ohne die Lösung des Falles könne Serbien keine Fortschritte mache. Die internationale Gemeinschaft will Taten sehen.

Am zehnten Jahrestag des Massakers von Srebrenica kam Anklägerin Del Ponte nicht zur Feier in Potocari - aus Protest dagegen, dass Mladic und Karadzic noch in Freiheit sind. Gerichtspräsident Theodor Meron entschied sich anders und sprach bei der Gedenkfeier: "Die Zeit der Flüchtigen im Versteck muss enden. Nicht im nächsten Monat, sondern in diesem Monat, nicht morgen, sondern heute."

Das 1993 eingerichtete Jugoslawien-Tribunal soll nach dem Willen des UN-Sicherheitsrates alle Fälle in erster Instanz bis 2008 und in zweiter Instanz bis 2010 beendet haben. Das ist angesichts der Fülle der noch anstehenden Fälle kaum zu schaffen. Und der Präsident versichert: "Das Tribunal wird seine historische Aufgabe nicht erfüllt haben - und seine Tore nicht schließen - solange Karadzic und Mladic nicht verhaftet, nach Den Haag gebracht und vor Gericht gestellt sind."

Thomas P. Spieker/DPA DPA

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