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"Urinierende Prostituierte": Das steht in dem Dossier über Trump, von dem Comey sagt, dass es möglicherweise wahr ist

Besitzt Russland kompromittierendes Material über Donald Trump? Ex-FBI-Chef James Comey sagt, es könnte sein, dass die Gerüchte stimmen. Der Autor Luke Harding hat versucht, ihnen auf den Grund zu gehen.

Von Luke Harding

Sätze wie diese sind - öffentlich jedenfalls - noch nie zuvor aus dem Mund eines Präsidenten der Vereinigten Staaten zu hören gewesen: "Auf keinen Fall würde ich Leute in meiner Gegenwart sich gegenseitig anpinkeln lassen. Auf gar keinen Fall." So soll Donald Trump auf pikante Details des "Steele-Reports" reagiert haben. So jedenfalls erinnert sich Ex-FBI-Chef James Comey in seinem Buch an ein Donald Trumps Aussage.

In "Größer als das Amt" beschreibt er ein Treffen mit dem gewählten US-Präsidenten, bei dem es um Verschwörungsgerüchte ging, die in einem 35-seitigen Dokument auftauchten. Genauer: um kompromittierendes Material, das in Russland gegen den US-Präsidenten vorliegen. Unter anderem wird beschrieben, wie der Immobilienmilliardär 2013 eine Nacht in einem Moskauer Luxushotel zusammen mit urinierenden Prostituierten verbracht haben soll.

Donald Trump Miss Universe Wahl

Donald Trump auf der Party in Moskau zur "Miss Universe"-Wahl 2013. Der Wettbewerb gehörte ihm damals anteilig

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Ob die Geschichte stimmt, so wie die anderen Geschichten vom "Dreck", den die Russen über Trump haben sollen, kann der frühere Chef der US-Bundespolizei nicht beantworten.  "Bei allen Präsidenten mit denen ich zu tun hatte, würde ich das ausschließen. Bei Trump jedoch sei er sich nicht sicher. "Es ist möglich, ich weiß es nicht."

Der Londoner Journalist Luke Harding hat versucht, die Details des "Steele-Dossiers" auf ihre Plausibilität zu durchleuchten. Er ging den Quellen in Moskau nach, wo er bis 2011 für den "Guardian" als Korrespondent gearbeitet hatte. Das Ergebnis ist unter dem Titel "Verrat" als Buch erschien. 

Aus aktuellem Anlass veröffentlichen wir die Auszüge aus seinem Buch erneut:

Das ist das "Steele-Dossier"

Eines der wichtigsten Dokumente in dieser Frage ist das "Steele-Dossier". Es besteht aus 17 Einzelberichten, verfasst 2016 von Christopher Steele, einem ehemaligen Geheimagenten des britischen MI6. Er war zunächst von einem republikanischen Gegenkandidaten Trumps angeheuert worden, später arbeitete er im Auftrag der Demokratischen Partei. Vieles in Steeles Berichten deutet auf Konspiration zwischen dem Kreml und dem Wahlkampfteam Donald Trumps hin. Alles zusammengenommen ergibt ein verstörendes Bild, das zeigt, wie sich der russische Geheimdienst seit Jahren auf Trumps Kandidatur als US-Präsident vorbereitete. Das Dossier beschreibt, wie russische Agenten amerikanische Beamte für sich instrumentalisierten, Männer, die später in Trumps Team wichtige Rollen übernahmen: Carter Page (Außenpolitikexperte) etwa oder Michael Flynn (Sicherheitsberater). Die CIA attestierte Steele, ein anerkannter Kollege zu sein, 16 weitere Geheimdienste stufen das Dossier als glaubwürdig ein.


Der Auftrag

An dem Gebäude in London, Grosvenor Gardens Nr. 9–11, findet sich keinerlei Hinweis darauf, wer oder was im Innern ist. (...)* Zwei Säulen rahmen eine anonyme schwarze Eingangstür. Ein Videoüberwachung-Hinweisschild warnt den Besucher. Keine Namen an der Türklingel. Man wähnt sich in den Räumen eines kleinen, diskreten Beratungsunternehmens.

Und damit liegt man nicht falsch, denn hier hat die britische Firma Orbis Business Intelligence Limited ihren Sitz. Das Unternehmen betreibt Spionage für gewerbliche Kunden – es erforscht die Geheimnisse von Privatpersonen und Institutionen, Regierungen und internationalen Organisationen. Der Chef von Orbis heißt Christopher Steele. Sein Büro liefert nur wenige Anhaltspunkte, was die Art dieser verdeckten Aktionen anbelangt. Eigentlich gibt es nur einen Hinweis. In der Nähe des Schreibtischs sind russische Puppen – Matrjoschkas – aufgereiht. Ein Souvenir aus Moskau.

In den turbulenten Tagen des Jahres 2016 waren die Puppen eine ausgezeichnete Metapher für die erstaunlichen geheimen Nachforschungen, mit denen Steele gerade beauftragt worden war. Es war ein brisanter Auftrag – die innersten Geheimnisse der Beziehungen des Kreml zu einem gewissen Donald J. Trump aufzudecken, sie zu entschachteln wie diese Puppen, bis die Wahrheit schließlich ans Tageslicht käme. Seine Schlussfolgerungen sollten die US-amerikanischen Nachrichtendienste erschüttern und ein politisches Erdbeben auslösen, wie man es seit den dunklen Tagen des Watergate-Skandals während der Amtszeit von Präsident Nixon nicht mehr erlebt hatte.

Ein Treffen von Trump mit dem damaligen russischen Botschafter Sergej Kisljak (rechts)

Ein Treffen von Trump mit dem damaligen russischen Botschafter Sergej Kisljak (rechts)

Die Ergebnisse der Nachforschungen Steeles waren sensationell, und das darauf basierende Dossier sollte den gewählten Präsidenten Trump des schlimmsten Verbrechens bezichtigen: verbotener geheimer Absprachen mit einer ausländischen Regierung. Diese ausländische Regierung ist die russische. Das mutmaßliche Verbrechen – das entschieden geleugnet und bestritten und in manchen zentralen Punkten wohl nicht zu beweisen sein wird – ist Hochverrat.

Steeles Informanten berichteten, das Trump-Team habe sich bereit erklärt, die russische Militärintervention in der Ukraine während des Wahlkampfs unter den Tisch fallen zu lassen. Um "die Aufmerksamkeit abzulenken", würde Trump stattdessen die Beistandsverpflichtungen der USA und der Nato im Baltikum und Osteuropa in den Vordergrund rücken. Das würde Putin helfen, der das Ukraine-Problem "verschwinden lassen musste".

Das Dossier

Das war der Deal. Als Gegenleistung für die Unterstützung des Kreml würde Trump die Position der Republikanischen Partei in der Ukraine-Frage abschwächen und die Aufmerksamkeit auf Lettland, Litauen und Estland lenken. Diese Nato-Mitglieder im Hinterhof Russlands hatten ein angespanntes Verhältnis zu Moskau. Und dort lebten beträchtliche russischstämmige Minderheiten. Diese Menschen bezogen ihre Information vor allem aus dem russischen Staatsfernsehen. Daher waren die baltischen Länder besonders verwundbar, nämlich sowohl durch eine äußere Aggression als auch durch Subversion von innen. Trumps Aufgabe bestand anscheinend darin, das Thema zu wechseln – er sollte dafür sorgen, dass in der amerikanischen Politik weniger über Putins illegale Annexionen und Militärinterventionen und mehr über die unbestreitbare Tatsache diskutiert wurde, dass kaum ein europäischer Nato-Partner seinen Beitragsverpflichtungen nachkam. Die Forderung nach höheren Beiträgen der Europäer entsprach Trumps isolationistischen Neigungen. Und sie diente den Interessen des Kreml.

Steele war über eine Verschwörung gestolpert. Im Mittelpunkt standen der Kreml und Donald Trump. Steeles Quellen behaupteten, die Beziehung bestehe schon seit Langem. Der russische Geheimdienst unterhalte seit mindestens fünf Jahren eine geheime Verbindung zu Trump. Die Operation laufe besser, als sich die Leute im Kreml in ihren kühnsten Träumen ausgemalt hatten. Trump hatte nicht nur die amerikanische Politik auf den Kopf gestellt, überall, wo er hinkam, Chaos und Verwirrung gestiftet und sich die Nominierung gesichert: Es bestand tatsächlich die Möglichkeit, dass er der nächste Präsident werden würde.

Wenn Steeles Berichte zutrafen, arbeitete Trump insgeheim mit Russland zusammen. Es war ein für beide Seiten vorteilhaftes Geschäft. Steele hatte herausgefunden, dass Trump "mehrere einträgliche Immobilienentwicklungsdeals in Russland" ausgeschlagen hatte, insbesondere in Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft, die im Sommer 2018 in Russland stattfinden wird. Aber er hatte bereitwillig nachrichtendienstliches Material aus dem Kreml akzeptiert, das ihm anscheinend über Personen in seinem engsten Beraterkreis zugespielt worden war. Das bedeutete nicht unbedingt, dass der Kandidat ein russischer Agent war. Aber es bedeutete, dass sich der führende russische Geheimdienst sehr bemüht hatte, eine enge Beziehung zu Trump und damit auch zu seiner Familie und seinen Freunden, Mitarbeitern und Geschäftspartnern und nicht zuletzt zu seinem Wahlkampfmanager und seinem persönlichen Rechtsberater zu knüpfen.

Das Ritz-Carlton-Hotels in Moskau: Laut dem Steele-Dossier hat sich Donald Trump hier mit Prostituierten vergnügt und ist dabei vom russischen Geheimdienst beobachtet worden

Das Ritz-Carlton-Hotels in Moskau: Laut dem Steele-Dossier hat sich Donald Trump hier mit Prostituierten vergnügt und ist dabei vom russischen Geheimdienst beobachtet worden

In dem Bericht hieß es, Trump habe ungewöhnliche sexuelle Vorlieben. Damit war er erpressbar. Steeles Informanten lieferten schlüpfrige Details. Anscheinend hatte der russische Geheimdienst FSB während eines Moskau-Besuchs von Trump im Jahr 2013 ein Unterhaltungsprogramm organisiert, um die "persönlichen Obsessionen und sexuellen Perversionen" des amerikanischen Gasts auszunutzen. Angeblich war die Operation ein Erfolg gewesen. Der Immobilienmagnat hatte Quartier in der Präsidentensuite im Ritz-Carlton bezogen, die, das wusste er, auch "Präsident OBAMA und seine Gattin (die er hasste) bei einem ihrer Staatsbesuche in Russland genutzt hatten".

"Es ist bekannt, dass das Hotel vom FSB kontrolliert wird"

Dort hatte Trump das Bett, in dem die Obamas geschlafen hatten, gezielt "geschändet". Mehrere Prostituierte hatten "vor seinen Augen eine 'goldene Dusche' aufgeführt (uriniert)". In dem Bericht hieß es: "Es ist bekannt, dass das Hotel vom FSB kontrolliert wird. In den wichtigsten Zimmern wird mit Mikrofonen und versteckten Kameras alles aufgenommen, was den FSB interessiert."

Steeles Informanten behaupteten, Mitarbeiter Trumps hätten sich in Mitteleuropa, Moskau und anderswo mehrfach heimlich mit russischen Spionen getroffen. Die Russen verstanden ihr Handwerk sehr gut.

Wladimir Putin zeigte in seiner Reaktion auf die Veröffentlichung des Trump-Dossiers meisterhaft, wie man mehrere Botschaften auf einmal senden kann. Warum, fragte er, hätte sich Trump nach seiner Ankunft in Russland augenblicklich mit Moskauer Prostituierten einlassen sollen? Trump sei ein "erwachsener Mann, der obendrein an die Gesellschaft schöner Frauen bei Schönheitswettbewerben in aller Welt gewöhnt sei. Damit wollte Putin sagen, Trump sei gegen derartige Versuchungen gefeit. Er fuhr fort: "Es fällt mir schwer zu glauben, dass er in ein Hotel ging, um sich mit Frauen mit geringem sozialen Verantwortungsbewusstsein zu treffen, obwohl sie [die russischen Prostituierten] zweifellos die besten der Welt sind, zweifellos. Aber ich bezweifle, dass Trump angebissen hätte."

Es sah so aus, als wollte der russische Machthaber Trump, den designierten Präsidenten einer Supermacht, verteidigen. In Wahrheit hob Putin hervor, dass die russischen Prostituierten unwiderstehlich seien. Und er drückte keineswegs völlige Überzeugung aus, indem er "ich bezweifle" sagte. Und er beschwor das unangenehme Bild eines Fischs herauf, der nach dem Köder schnappte.

Es ist durchaus möglich, dass Putin mit dem für ihn charakteristischen sarkastischen Humor eine zweite Botschaft sendete, deren Konturen unter der bewegten Wasseroberfläche der ersten erkennbar waren: Wir haben das Video, Donald! Wenn dies die unterschwellige Botschaft Putins war, so hatte sie der designierte US-Präsident zweifellos verstanden.

Trump in Russland

Trumps Verbindungen nach Russland reichen weit in die Vergangenheit zurück – bis zu einer Reise, die so gut wie sicher vom KGB arrangiert wurde. In seinem Bestseller "So werden Sie erfolgreich" schreibt Trump: "Im Januar 1987 erhielt ich einen Brief von Jurij Dubinin, dem sowjetischen Botschafter in den USA. Er begann: 'Ich freue mich, Ihnen gute Nachrichten aus Moskau überbringen zu können.' Wie es weiter hieß, habe das staatliche Büro für Internationalen Tourismus, Goscomintourist, sein Interesse an einem Joint Venture – wobei mir Bau und Leitung eines Hotels in Moskau übertragen werden sollte – bekundet."

So wie es Trump erzählt, sei ihm die Idee zu seiner ersten Reise nach Moskau gekommen, nachdem er zufällig neben dem sowjetischen Botschafter Jurij Dubinin gesessen habe. Es ist Herbst 1986, und beide sind Gäste von Leonard Lauder, dem Geschäftsmann und Sohn von Estée Lauder, der zum Mittagessen eingeladen hat. Dubinins Tochter Natalia "hatte viel über den Trump Tower gelesen und kannte alle Daten und Fakten", behauptete Trump in "So werden Sie erfolgreich". Trump fuhr fort: "Eins führte zum anderen, und inzwischen hat die sowjetische Regierung nachdrücklich ihr Interesse an einer Zusammenarbeit mit mir bekundet: Man möchte, dass ich den Bau eines Super-Luxushotels übernehme, das gegenüber dem Kreml entstehen soll. Deshalb hat man mich im Juli nach Moskau eingeladen."

Donald Trump mit seiner damaligen Frau Ivana 1988 in New York

Donald Trump mit seiner damaligen Frau Ivana 1988 in New York

Trumps mitteilsame Darstellung der Ereignisse ist unvollständig. Laut Natalija Dubinina ist es tatsächlich so gewesen, dass die sowjetische Regierung zielstrebige Anstrengungen unternimmt, an Trump heranzutreten.

Der Botschafter trifft im März 1986 in New York ein. Dubinina lebt bereits mit ihrer Familie in der Stadt, und sie ist Teil der UN-Delegation. Dubinina sagt, sie habe ihren Vater vom Flughafen abgeholt. Er kommt zum ersten Mal nach New York City. Sie macht mit ihm eine Rundfahrt durch die Stadt. Das erste Gebäude, das sie sahen, sei der Trump Tower in der Fifth Avenue gewesen, sagt sie der Zeitung "Komsomolskaja Prawda". Dubinin ist so begeistert, dass er beschließt, hineinzugehen und den Besitzer zu treffen. Sie steigen in den Aufzug. Oben seien sie Trump begegnet, so Dubinina.

Der Botschafter – "der fließend Englisch spricht und ein echtes Verhandlungsgenie ist" – schmeichelt dem geschäftigen Trump: "Das Erste, was ich in dieser Stadt sehe, ist Ihr Wolkenkratzer!" Dubinina sagt: "Damit war das Eis gebrochen. Trump ist ein emotionaler, leicht impulsiver Mensch. Er braucht Anerkennung. Und wenn er sie bekommt, dann gefällt ihm das natürlich. Der Besuch meines Vaters war Balsam für seine (Trumps) Seele." Diese Begegnung ereignet sich sechs Monate vor dem Lauder-Mittagessen. Dubinina räumt in ihrer Darstellung ein, dass sich ihr Vater bemüht habe, Trump für sich einzunehmen.

Am 4. Juli 1987 fliegt Trump zum ersten Mal nach Moskau

Dubinins zweite Tochter, Irina, sagt, ihr verstorbener Vater – er starb 2013 – habe als Botschafter einen Auftrag gehabt, nämlich Kontakte zur amerikanischen Wirtschaftselite zu knüpfen. Gorbatschows Politbüro ist aus nachvollziehbaren Gründen daran interessiert, den Kapitalismus zu verstehen. Aber Dubinins Einladung an Trump zu einem Moskau-Besuch wirkt wie eine klassische Operation zur "Pflege" eines potenziellen Informanten, die die uneingeschränkte Unterstützung und Zustimmung des KGB gehabt haben dürfte.

Am 4. Juli 1987 fliegt Trump zum ersten Mal nach Moskau; begleitet wird er von seiner Frau Ivana und Lisa Calandra, Ivanas italoamerikanischer Assistentin. Moskau sei, so schreibt Trump, "ein unvergleichliches Erlebnis" gewesen. Die Trumps werden in der Lenin-Suite im Hotel National untergebracht, das am Anfang der Twerskaja-Straße in der Nähe des Roten Platzes liegt. 70 Jahre zuvor, im Oktober 1917, hatten Lenin und seine Frau Nadeschda eine Woche in Zimmer 107 verbracht. Das Hotel ist mit dem Glas- und Betonkomplex Intourist gleich nebenan verbunden und wird – in Wirklichkeit – vom KGB betrieben. Die Lenin-Suite ist wahrscheinlich verwanzt. Das Mausoleum, in dem der einbalsamierte Leichnam des Anführers der Bolschewiki aufgebahrt ist, ist nur wenige Gehminuten entfernt. Andere Sowjetführer sind ebenfalls in der Nekropole an der Kreml-Mauer in einem kommunistischen Pantheon beigesetzt worden: Stalin, Breschnew, Andropow – Chruschtschows ehemaliger Mentor – und Dserschinskij.

Laut der Darstellung in "So werden Sie erfolgreich" besichtigt Trump "mindestens ein halbes Dutzend Grundstücke, wovon mehrere in der Nähe des Roten Platzes lagen". "Ich war beeindruckt von dem Eifer, den die sowjetischen Behörden an den Tag legten, um mit mir ins Geschäft zu kommen", schreibt er. Er besucht auch Leningrad. Ein Foto zeigt Donald und Ivana auf dem Palastplatz in der Stadt, die bald St. Petersburg heißen sollte – er im Anzug, sie in einer getupften Bluse mit einer Perlenkette. Im Hintergrund sieht man den Winterpalast und die Eremitage. Trumps Besuch scheint weniger Beachtung gefunden zu haben. Im Zeitungsarchiv der Moskauer Lenin-Bibliothek wird sein Name nicht erwähnt.

Das private Dossier des KGB über Trump dagegen dürfte dicker geworden sein. Das mehrseitige Persönlichkeitsprofil wird mit frischem Material angereichert worden sein, einschließlich dem, was bei Abhöraktionen gesammelt wurde.


Die Reise scheint nichts gebracht zu haben – jedenfalls keine Geschäftschancen innerhalb Russlands. Auch bei den späteren Moskau-Reisen Trumps bleiben greifbare Ergebnisse aus. Aber als Trump nach New York zurückfliegt, hat er ein neues strategisches Ziel im Sinn. Zum ersten Mal deutet er ernsthaft an, eine politische Karriere zu erwägen. Nicht als Bürgermeister oder Gouverneur oder Senator. Trump denkt darüber nach, für die Präsidentschaft zu kandidieren. Wie immer bei Trump lässt sich auch damals nur schwer sagen, ob sein Flirt mit einer Präsidentschaftskandidatur eine weitere Episode seiner Selbstvermarktungsstrategie ist – oder ob mehr dahintersteckt.

Trumps spätere Immobilienprojekte in Moskau folgen dem gleichen erfolglosen Muster: eine aufsehenerregende öffentliche Ankündigung, die dann im Sand verläuft. Halten ihn die Sowjets absichtlich hin? Falls ja, warum? Oder sind die Reisen nach Moskau nur typisch Trump'sche PR-Inszenierungen, die ihn als einen globalen Akteur darstellen sollen, der sich im kapitalistischen Westen genauso wohlfühlt wie im kommunistischen Osten?

Carter Page – Geheimtreffen in Moskau

Carter Page war Mitte 40, hatte die extrem schlanke Figur eines Radfahrers oder Fitnessfanatikers und kurz geschorenes, bereits über die Stirn zurückweichendes Haar. Wenn er nicht auf seinem Cannondale-Mountainbike saß, trug er Anzug und Krawatte. Er diente fünf Jahre in der Navy und war als Nachrichtendienstoffizier der Marines in der Westsahara stationiert. Er gehörte dem Council on Foreign Relations an und besaß zwei Master-Titel der Georgetown University sowie ein Diplom der Business School der New York University. Dazu kam ein Doktortitel der School of Oriental und African Studies der Universität London.

Seine Sympathie für Russland wurde früh erkennbar. Im Jahr 1998 arbeitete Page drei Monate für die Strategieberatungsfirma Eurasia Group. Deren Gründer Ian Bremmer bezeichnete Page später als seinen "ausgeflipptesten Mitarbeiter". Pages Ansichten standen den Positionen des Kreml derart nahe, dass er "nicht gut zu uns passte", wie Bremmer erklärte.

Im Jahr 2004 zog Page nach Moskau um, wo er als Energieberater bei Merrill Lynch arbeitete. In Pages Darstellung knüpfte er in seiner Tätigkeit als Investmentbanker Kontakt zu Gazprom. Er beriet Gazprom unter anderem beim Kauf eines Anteils an einem Öl- und Gasfeld bei der Insel Sachalin vor der russischen Pazifikküste. Und er kaufte Gazprom-Aktien. Nach drei Jahren kehrte Page nach New York zurück und bezog sein neues Büro im Nachbargebäude des Trump Tower, wo er eine Kapitalbeteiligungsfirma namens Global Energy Capital aufbaute. Sein Partner war ein Russe, ein ehemaliger Gazprom-Manager namens Sergej Jazenko.

In einem Blogpost in der Online-Zeitschrift "Global Policy" schrieb Page, Putin trage keine Schuld am Ukraine-Konflikt. Vielmehr sei die Krise durch die "Haudrauf-Politik" des Weißen Hauses ausgelöst worden. Pages entschieden prorussische Ansichten waren unvereinbar mit der Einschätzung des von Hillary Clinton geführten Außenministeriums und fast aller amerikanischen Russland-Experten. Schließlich war Putin derjenige gewesen, der seinen Generälen Befehl gegeben hatte, Panzer über die Grenze in die Ostukraine zu schmuggeln. Nicht, dass Pages Ansichten für großes Aufsehen gesorgt hätten: "Global Policy", eine Publikation der Universität Durham in Nordengland, hatte nur eine kleine Leserschaft. Die Zeitschrift ließ die Beziehung zu Page einschlafen, als er einen Meinungsartikel schickte, in dem er einen kremlfreundlichen amerikanischen Präsidentschaftskandidaten namens Donald Trump über den grünen Klee lobte.

Und dann geschah etwas Sonderbares. Im März 2016 traf sich Trump mit der Redaktionsleitung der "Washington Post". Mittlerweile war es wahrscheinlich geworden, dass sich Trump tatsächlich die republikanische Nominierung sichern würde. Das Gespräch kam auf die Außenpolitik. Wer waren die außenpolitischen Berater des Kandidaten? Trump las fünf Namen vor, die er sich notiert hatte. Der zweite Name auf der Liste war "Dr. Carter Page".

Setschin war Putins finster dreinblickender Türsteher

Im Juli 2016 kehrte Page mit Erlaubnis von Trumps Wahlkampfteam nach Russland zurück. Dort war das Interesse an seiner Person groß. Page war jemand, der den Vorstellungen des Kandidaten von der Zukunft der amerikanisch-russischen Beziehungen womöglich eine klarere Kontur geben könnte. Aus Moskauer Quellen ist durchgesickert, dass Mitglieder der russischen Regierung Pages Besuch arrangierten. "Sie fragten uns, ob wir den Mann nach Russland holen könnten", erklärt ein Informant, der nicht namentlich genannt werden möchte.

Aus Steeles Dossier geht hervor, dass der wahre Zweck von Pages Russland-Besuch, was dieser vehement abstreitet, ein geheimer war: Er war gekommen, um sich mit den Machthabern im Kreml zu treffen, insbesondere mit Igor Setschin. Setschin ist ein ehemaliger Spion, der Putins absolutes Vertrauen genießt. Tatsächlich ist er der zweitmächtigste Mann in Russland, de facto der stellvertretende Machthaber.

Setschin begann seine Karriere im KGB und war als Militärdolmetscher in Mosambik stationiert. In den 90er Jahren arbeitete er als Putins rechte Hand im Bürgermeisteramt von St. Petersburg. Setschin war Putins finster dreinblickender Türsteher. Er trug die Aktentasche seines Herrn und lauerte vor der Tür von Putins Büro im Petersburger Rathaus.

Elf Tage nachdem Page nach New York zurückgekehrt war, traf in Washington ein Bericht von Steele ein. Er trug das Datum 19. Juli 2016 und folgende Überschrift: "Russland: Trump-Berater Carter Page zu Geheimtreffen im Kreml". Steele berichtete, Page habe in Moskau an zwei Geheimtreffen teilgenommen. Das erste habe ihn mit Setschin zusammengeführt. Der Ort dieses Treffens – sofern es tatsächlich stattfand – ist unbekannt. Sodann habe Page sich mit Igor Diwejkin getroffen, einem hochrangigen Beamten in der innenpolitischen Abteilung des russischen Präsidialamts.

Die Peitsche wurde beim zweiten Treffen von Page geschwungen, bei dem er mit Diwejkin zusammenkam. Der Beamte teilte Page mit, der Kreml habe ein Dossier mit kompromittierendem Material über Hillary Clinton zusammengestellt. Es bestehe die Möglichkeit, dieses Dossier dem Wahlkampfstab Trumps zur Verfügung zu stellen. Doch Steele berichtet auch über eine unheilvolle Warnung Diwejkins. Dieser habe angedeutet – ja "sogar unmissverständlich darauf hingewiesen" –, dass die russische Führung auch über Donald Trump Dinge wisse, von denen die Öffentlichkeit besser nichts erführe. Das solle Trump im Umgang mit dem Kreml "im Auge behalten", so Diwejkin. Das war nichts anderes als Erpressung.

Michael Flynn – Putins General

"Das Aquarium" ist ein Spitzname für ein Moskauer Gebäude. Es gehört der verschwiegensten Geheimorganisation in Russland – der GRU, mit vollständigem Namen: Hauptverwaltung Aufklärung beim Generalstab der Streitkräfte der Russischen Föderation. Im Jahr 2013 erhält das Aquarium ungewöhnlichen Besuch. Der Besucher, der im GRU-Hauptquartier eintrifft, ist ein Berufssoldat. Er arbeitet seit 33 Jahren beim militärischen Nachrichtendienst. Sein Name: Michael T. Flynn. Zu diesem Zeitpunkt ist er Leiter der Defense Intelligence Agency (DIA) – des militärischen Nachrichtendiensts der USA – und Senior Military Intelligence Officer im US-Verteidigungsministerium.

Flynn ist nach Moskau gekommen, um einen Vortrag über Führungsstärke zu halten. "Ich hatte Gelegenheit, vor ihren Offizieren zu sprechen. Ich ging ausführlich auf die gegenwärtige internationale Lage ein", erklärt er der "Washington Post" später. Der GRU-Vortrag sei "in vollem Umfang genehmigt worden", und er fügt hinzu: "Es war eine tolle Reise." Nach Flynns Überzeugung haben Moskau und Washington ein gemeinsames Interesse daran, den IS und den Terrorismus im Nahen und Mittleren Osten zu besiegen. Sie könnten zusammenarbeiten. Weniger klar ist, warum die GRU Flynn eingeladen hat. Wiktor Suworow – ein ehemaliger GRU-Major, der in den Westen überlief – sagt zu mir, er finde Flynns Besuch "sehr merkwürdig".

Im August 2014 scheidet Flynn aus dem Staatsdienst und der Army aus. Er nimmt seinen Abschied ein Jahr vor dem regulären Termin. Der nationale Geheimdienstdirektor James Clapper sagt ihm, er solle seinen Hut nehmen. Flynn beklagt sich bitterlich über seine Entlassung, für die er Obama verantwortlich macht.

Im Dezember 2015 kehrt er nach Russland zurück. Der Kreml lädt ihn zu einem besonderen Ereignis ein: einer Gala zur Feier des zehnjährigen Bestehens des russischen Auslandsfernsehsenders RT. Die Lieblingspersönlichkeiten des Kreml sind da. Julian Assange – der in der ecuadorianischen Botschaft in London festsitzt – wird per Satellit zugeschaltet. RT-Moderatorin Sophie Schewardnadse interviewt Flynn auf der Bühne, vor rund 100 Gästen. Sie stellt ein paar Putin-freundliche Fragen. Im Hintergrund prangt das grüne Logo des Senders. Die Organisatoren haben für Flynn einen Ehrenplatz ausgesucht: direkt neben Wladimir Putin.

Im Frühjahr 2016 ist Flynn ein lautstarker Unterstützer Trumps und außenpolitischer Berater seines Wahlkampfteams. Auf Twitter übt er immer schärfere Kritik an Clinton – sie sei eine korrupte, unehrliche, schreckliche Frau. Er verbreitet Verschwörungstheorien, die sich andere ausgedacht haben – Obama sei ein "Dschihadist", der Geldwäsche betreibe –, und twittert4 "Angst vor Muslimen ist VERNÜNFTIG". Man munkelt, Flynn könnte von Trump als Kandidat für die Vizepräsidentschaft nominiert werden.

Geben Sie diesem Mann keinen Posten

Er ist jetzt Stammgast in Fernsehstudios und Talkshows. Außerdem hat er Zugang zu Geheimdienstberichten. Am 17. August nimmt er gemeinsam mit Trump im Trump Tower an dem Briefing durch die US-Geheimdienste teil, wie es üblicherweise beide Präsidentschaftsanwärter noch vor der Wahl erhalten.

In der scheidenden US-Regierung und bei den US-Nachrichtendiensten besteht nun die Sorge, Flynn würde möglicherweise eine herausragende Position im US-Sicherheitsapparat erhalten. Grund für diese Befürchtungen ist das Verhalten des Generals. Flynns zahlreiche Russland-Kontakte, die Tatsache, dass er Geld von dubiosen ausländischen Quellen angenommen hat, sein unangemessenes Benehmen, der Umstand, dass er notorisch die Unwahrheit sagt – all dies lässt Zweifel an seiner Eignung für ein hohes Amt aufkommen.

Bei seinem Treffen mit Trump im Oval Office am Tag nach dessen völlig überraschendem Wahlsieg äußert Obama genau diese Bedenken. Nach Aussage dreier ehemaliger Regierungsbeamter, die von NBC interviewt wurden, sagt Obama Trump ausdrücklich: Geben Sie diesem Mann keinen Posten. Trump setzt sich über Obamas Warnung hinweg. Drei Tage später gibt er bekannt, Flynn werde sein neuer Nationaler Sicherheitsberater.

Während der Übergangszeit hält Flynn Kontakt zu Russlands Botschafter Sergej Kisljak. Flynn hat anscheinend bei seinen Gesprächen mit Kisljak eine informelle (und nach US-Gesetzen verbotene) Vereinbarung erzielt. Selbstverständlich gibt es keine schriftlichen Belege dafür. Aber es erscheint logisch und plausibel, dass der General während der Unterhaltung ein paar Andeutungen fallen lässt. Er gibt zu verstehen, dass eine zukünftige Regierung Trump die von Obama gegen Russland verhängten Sanktionen aufheben – oder zumindest abschwächen – würde.

Am 13. Februar entlässt Trump Flynn widerwillig. Wie gewöhnlich gibt der Präsident den Medien die Schuld und nicht der Person, die sich verstellt und getäuscht und dadurch womöglich strafbar gemacht hat. Flynn sei ein "wunderbarer Mensch". Es sei "wirklich traurig", was ihm widerfahren sei, so Trump. Und weiter: "Ich denke, er ist von den Medien – den Fake-News-Medien, wie ich sie nenne – in vielen Fällen sehr, sehr unfair behandelt worden." Flynn hat sich 24 Tage gehalten. So kurz ist kein anderer Nationaler Sicherheitsberater im Amt gewesen.

Die Rolle der Deutschen Bank

Laut einer Analyse von Bloomberg schuldet Trump der Deutschen Bank zu dem Zeitpunkt, als er 45. Präsident der Vereinigten Staaten wird, rund 300 Millionen Dollar. Alle vier Kredite werden in den Jahren 2023 und 2024 fällig. Dies ist eine beispiellose Summe für einen neu ins Amt gekommenen Präsidenten, und sie wirft heikle Fragen hinsichtlich möglicher Interessenkonflikte auf.

Zur gleichen Zeit lässt sich die Deutsche Bank auf fragwürdige Geschäfte ein – die das Interesse der Aufseher wecken und eine Strafe nach sich ziehen werden. Die Bank wäscht Geld. Russisches Geld. Keine kleinen Beträge, sondern viele Milliarden Dollar. Die dubiosen Gelder flossen von Moskau nach London und von London nach New York, dorthin, wo einst Friedrich Trump arbeitete, der hier die Grundlagen für den Reichtum seiner Nachkommen legte. Die Deutsche Bank tätigt eine Reihe lukrativer Wertpapiergeschäfte mit VTB.

Wie jeder in Moskau weiß, ist VTB mehr als nur eine Bank. Sie hat Verbindungen zu den russischen Geheimdiensten. Der ehemalige Chef des FSB, Nikolai Patruschew, und dessen Nachfolger, Alexander Bortnikow, brachten ihre Söhne bei der VTB unter. Der stellvertretende Vorstandschef der Bank, Wassili Titow, leitete den öffentlichen Beirat des FSB. Trumps Geschäftspartner Felix Sater schrieb in seiner E-Mail an Michael Cohen, VTB habe sich bereit erklärt, den Trump Tower Moscow zu finanzieren.

Einige gut vernetzte Personen helfen der Deutschen Bank also; zumindest sind sie ihrer Moskauer Tochtergesellschaft behilflich. Und möglicherweise auch Trump. Vielleicht tun sie dies aus Liebenswürdigkeit, aus Gefälligkeit. Vielleicht aber wollen sie auch eine Gegenleistung.

Unterdessen fügte ich die Puzzleteile einer weiteren russischen Geldwäsche-Operation, an der die Deutsche Bank ebenfalls beteiligt war, zusammen. Eine Gruppe Moskauer Banken schaffte Gelder auf einem anderen Weg - über den sogenannten globalen Waschsalon – außer Landes. Putins Cousin, Igor Putin, saß im Vorstand einer dieser Banken. Der "Waschsalon" war zwischen 2010 und 2014 in Betrieb. Durch ihn wurden mindestens 20 Milliarden Dollar ins Ausland transferiert. Tatsächlich könnten es sogar eher 80 Milliarden Dollar gewesen sein.

Hat Trump in dieser Zeit Gelder aus russischen Quellen angenommen? Richard Dearlove, der ehemalige Chef des MI6, sagte, diese unbeantwortete Frage überschatte Trumps Präsidentschaft. Dearlove sagte dem Magazin "Prospect": "Die Frage, ob – und zu welchen Konditionen – Trump nach der Finanzkrise 2008, als ihm im Westen niemand Kredite gewähren wollte, russisches Geld angenommen hat, hängt wie ein Damoklesschwert über ihm."

Dieser Text ist im November 2017 im stern und bei stern.de erschienen