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Drei Jahre nach Fukushima: Herr Harada, (k)ein Leben nach dem GAU

Die Meiler sind noch instabil, radioaktives Wasser fließt in den Pazifik, 100.000 Menschen leben in Notunterkünften. Herr Harada fährt immer wieder in die Gefahrenzone - auf der Suche nach Heimat.

Zwischen umgestürzten Glasvitrinen, verwüsteten Regalen und einem Chaos an Unterlagen tastet sich Yuichi Harada mit einer Taschenlampe durch seinen abgedunkelten Laden. "Hier, wieder eine Ratte." Der 64-jährige Japaner hebt die Falle mit dem toten Tier auf und vergräbt beides wenig später draußen zwischen meterhohem Unkraut. Bis vor drei Jahren war dies Haradas Zuhause. Hier lebte er mit seiner Familie vom Handel mit Brillen, Uhren und Schmuck - seine Tochter ist schon die vierte Generation. Doch die Geschichte seines Geschäftes endete jäh am 11. März 2011. Jenem Tag, als ein Erdbeben und ein Tsunami seinen Heimatort Namie heimsuchten und es in dem nur einen Steinwurf entfernten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi zum schwersten Atomunfall seit der Katastrophe von Tschernobyl kam.

Noch heute, drei Jahre nach Beginn der Atomkatastrophe, ist Namie eine Geisterstadt. Die Straßen sind verlassen, hinter verwüsteten Schaufenstern wehen zerschlissene Gardinen wie Wundfetzen im Wind. In weiten Gebieten liegt die Strahlung weiter bei über 50 Millisievert im Jahr und damit weit über der Evakuierungsgrenze von 20 Millisievert. Doch auch in den geringer verstrahlten Sperrzonen der Stadt darf man sich nur mit amtlicher Sondergenehmigung und nur für ein paar Stunden am Tag aufhalten. Wohnen darf hier nach wie vor niemand. Mitarbeiter des Atombetreibers Tepco notieren vor der Zufahrt die Nummernschilder und stellen weiße Schutzanzüge bereit.

Angst vor der Atomruine

Haradas früherer Nachbar raucht in Ruhe eine Zigarette. Ihre früheren Geschäfts- und Wohnhäuser liegen in einer vergleichsweise niedrig verstrahlten Gegend. Trotzdem ahnen sie, dass sie wohl nie mehr hier werden leben können. Sie kommen nur deswegen noch ab und zu ins Sperrgebiet, um Akten zu holen und nach dem Familiengrab zu schauen. Sonst ruhten ihre Seele nicht, sagt Harada. "Die Leute hier fürchten nicht die Strahlen, sondern die Nähe zum Atomkraftwerk", sagt er und zeigt auf die in der Ferne sichtbare Atomruine Fukushima.

"Solange von dort noch ein Risiko ausgeht, will ich hier nicht leben", sagt Harada. In dem Meiler, der jahrzehntelang das Wohlergehen dieser strukturschwachen bäuerlichen Region sicherte, pumpt der Betreiberkonzern Tepco weiterhin täglich riesige Mengen Wasser in die Reaktoren 1 bis 3, um die geschmolzenen Brennstäbe zu kühlen - von denen bis heute keiner weiß, wo sie sich genau befinden.

Tepco pfuscht, Regierung schweigt

Bei der Kühlung wird das eingepumpte Wasser radioaktiv verseucht. Da die Reaktorgebäude zudem Risse haben, dringen jeden Tag zusätzlich 400 Tonnen an Grundwasser in die Gebäude. Ein Teil sickert ständig in den Pazifischen Ozean. Tepco will das Wasser in einem geschlossenen Kreislauf weiterverwenden und in Tanks zwischenlagern - mittlerweile mehr als 400 Millionen Liter. Doch die Anlage zur Entfernung von Strahlen bereitet ständig Probleme. Um Geld zu sparen, stellte Tepco zudem Tanks auf, die einfach zusammengenietet wurden - mit der Folge, dass immer wieder Lecks auftreten. Um den Zufluss von Grundwasser zu stoppen, soll nun ein gigantischer unterirdischer Wall aus gefrorener Erde gebaut werden. Ob das Erfolg haben wird, ist jedoch ungewiss.

Doch trotz all der andauernden Probleme und Pfuschereien von Tepco erklärte Ministerpräsident Shinzo Abe kürzlich bei der Bewerbung Tokios um die Olympischen Spiele 2020, die Lage sei "unter Kontrolle". Die Herren vom Internationalen Olympischen Komitee konnte er damit überzeugen. Harada glaubt jedoch nicht daran. Auch nicht, wenn regierungsnahe Experten ihm versichern, die Niedrigstrahlung sei für Menschen ungefährlich. So etwas behaupteten die Regierung und die weiterhin mächtige Atomlobby nur deswegen, weil sie die nach Fukushima abgeschalteten Reaktoren im Lande wieder hochfahren wollten. Zudem wolle der Staat Entschädigungsgelder einsparen. "Daher wollen sie so schnell wie möglich den Unfall für beendet erklären."

Japan unter Innovationsdruck

Regierungschef Abe machte am Vorabend des Jahrestages der Katastrophe unmissverständlich deutlich, dass er wieder Atomkraftwerke ans Netz bringen will. "Ich möchte Reaktoren hochfahren, die gemäß den strikten Sicherheitsauflagen der Atomaufsicht für sicher befunden wurden und zugleich das Verständnis der lokalen Bevölkerung gewinnen", sagte Abe am Montag vor einem Parlamentsausschuss.

Zuvor hatten mehr als 30.000 Menschen vor seinem Amtssitz in Tokio gegen Atomkraft protestiert. Derweil lässt der Staat in der Katastrophenregion Millionen von Kubikmetern verstrahlter Erde abtragen. Über weitläufige Gebiete stapeln sich schwarze Säcke mit verstrahltem Abraum. Viele Menschen bezweifeln jedoch den Sinn dieses gigantischen Aufwands, da von den Bergen bei Regen eh immerzu neues verstrahltes Material nachrutsche.

Provisorien auf Dauer

Einigen Bewohnern Namies wurde Hoffnung gemacht, noch im März heimkehren zu dürfen. Da die Dekontaminierung auch aus Mangel an Arbeitskräften aber nicht wie geplant vorankommt, wurden sie auf weitere drei Jahre vertröstet. Und so bleiben die Menschen verstreut auf andere Regionen. "Der Verlust unserer sozialen Bindungen ist das Schlimmste", sagt Harada. Er ist mit Frau und Mutter in einer Behelfswohnung im 50 Kilometer entfernen Nihonmatsu untergekommen. Mit einer Hilfsorganisation kämpft er dafür, Namies Bürger wieder zusammenzuholen, aber an einem sicherem Ort.

"Wir sollten nicht mehr zurückblicken", sagt Harada. Andere, vor allem Alte, deren Familien schon seit Jahrhunderten hier leben, wollen ihre Heimat jedoch nicht aufgeben. "Diese Ungewissheit ist furchtbar", sagt Schulleiter Hiromichi Endo. Da seine Schule in Minamisoma in der Evakuierungszone um das Atomkraftwerk Fukushima liegt, ist er mit seinen 94 Schülern auch nach drei Jahren noch immer in einem provisorischen Behelfsgebäude untergebracht.

Kinder gewöhnen sich an die Lage

Auch ihnen war Hoffnung auf eine baldige Rückkehr gemacht worden, nun müssen auch sie sich weitere drei Jahre gedulden. Auch die 15 Jahre alte Sayaka Ohara geht hier zur Schule. Ihr Wohnhaus überstand zwar den Tsunami, wegen der Strahlen kann ihre fünfköpfige Familie aber weiterhin nicht hier leben und musste in eine Behelfsunterkunft. "Es ist alles so eingeengt", erzählt das schüchterne Mädchen mit leiser Stimme und hat dabei Tränen in den Augen. Aber sie will sich nicht beklagen. Mit ihren Klassenkameradinnen übt sie an diesem Tag ein Chorlied, das von Freundschaft und Zusammenhalt handelt.

"Es gibt immer weniger Äußerungen der Unzufriedenheit", erzählt Schulleiter Endo. Viele hätten sich mit der Situation inzwischen abgefunden. Das mache ihm große Sorgen. "In gewissem Sinne sind die Kinder so erwachsen geworden. Sie haben gelernt, den Erwachsenen keinen Kummer durch ihren Willen zu machen." Früher seien sie über Wiesen und Reisfelder gelaufen und wohnten als Kinder von Bauern und Fischern in großen, geräumigen Häusern. Heute müssten sie in engen Behelfsunterkünften die Zeit totschlagen. "Ich bewundere die Geduld der Kinder. Trotzdem finde ich, dass sie zu viel erdulden", sagt Endo. Ihre größte Angst sei, vergessen zu werden. "Wenn die Kinder mitkriegen, dass das Leben woanders ganz normal weitergeht, spüren sie umso mehr, wie wenig ihre eigenen Familien vorangekommen sind."

Krebsrate auf ein Vielfaches gestiegen

Während die Hauptstadt Tokio, wo die Wähler kürzlich bei der Wahl zum Gouverneur ein klares Plädoyer für den Wiedereinstieg in die Atomkraft abgegeben haben, nachts längst wieder genauso erstrahlt wie vor der Katastrophe, müssen in den Tsunamigebieten noch immer rund 140.000 Opfer in containerähnlichen Behelfsunterkünften hausen. Einer Erhebung des Gesundheitsministeriums zufolge leiden mehr als 30 Prozent der Kinder in den vom Erdbeben und Tsunami betroffenen Gebieten unter posttraumatischen Belastungsstörungen (PTSD). Kritische Ärzte berichten zudem von einer Krebsrate bei Jugendlichen in der Region, die um das Vielfache über der im übrigen Land liege.

Zwar ist in Folge des Super-Gaus in Fukushima niemand unmittelbar ums Leben gekommen. Nach einer Erhebung der japanischen Zeitung "Tokyo Shimbun" sind jedoch bereits mehr als 1000 Menschen an den gesundheitlichen Folgen des jahrelangen Lebens auf der Flucht vor dem Atomunfall gestorben. Viele besonders alte Menschen leiden unter Depressionen, Vereinsamung und den veränderten Essgewohnheiten.

Erfolge beim Wiederaufbau

Erschwert wird die Lage dadurch, dass der Wiederaufbau nur schleppend vorankommt. Immerhin, die Trümmer des Tsunamis sind fast überall beseitigt. Auch sieht man inzwischen mehr Anzeichen für einen Neuanfang. Rund 70 Prozent der beim Tsunami zerstörten Agrarflächen könnten von diesem Frühjahr an wieder benutzt werden, gab das Landwirtschaftsministerium dieser Tage bekannt. Eine leichte Verbesserung gegenüber dem Vorjahr, als es 63 Prozent waren. Auch seien nun 143 der 319 beim Tsunami zerstörten Fischereihäfen wieder vollständig aufgebaut. Vergangenes Jahr waren es erst 115 gewesen.

Neue Geschäfte ziehen ein, wenn auch teils zunächst in Übergangsgebäuden. Auch in Namie, in unmittelbarer Nähe der Atomruine, wird für einen Bereich der Stadt, wo die Strahlung niedrig ist, an Plänen gearbeitet, Unterkünfte und Geschäfte zu errichten. Manche sehen in den Atomarbeitern von Fukushima neue Kundschaft. Schließlich werde der Abriss der Ruine laut Tepco noch 30 bis 40 Jahre dauern, und so lange werde es dort Arbeiter und damit Kunden geben. Doch nicht jeder ist von der Idee begeistert. "So machen wir uns doch letztlich schon wieder abhängig vom Atomkraftwerk", sagt ein Bürger.

Olympia lenkt vom Schicksal ab

Die Regierung hat zugesagt, den Wiederaufbau zu beschleunigen. Mehr als 100 000 Häuser wurden zerstört. In den vom Tsunami überschwemmten Regionen müssen ganze Orte umgesiedelt werden. Das gestaltet sich jedoch schwierig. "Der Kauf von Land läuft nur sehr schleppend, daher können wir nicht anfangen zu bauen", schildert Toshihiro Ozumi, Vize-Bürgermeister der Stadt Otsuchi, in einer Zeitung eines der Probleme. Oft sind die Besitzer der für den Wiederaufbau vorgesehenen Flächen nur schwer auffindbar. In anderen Fällen muss langwierig die Einwilligung von teils mehreren Grundstückserben eingeholt werden. Ein weiterer Grund ist der Mangel an Bauarbeitern. Ein Problem, das sich durch die Olympia-Vergabe an Tokio noch verschärfen könnte. Viele Opfer in den Katastrophengebieten befürchten bereits, dass ihr eigenes Schicksal wegen der Spiele noch mehr in Vergessenheit gerät.

Lars Nicolaysen/DPA / DPA