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ENF-Kongress in Koblenz: Treffen der Rechtspopulisten: Was die schreckliche nette Familie eint

In Koblenz kommen die Spitzen der Rechtspopulisten Europas zum ENF-Kongress zusammen und demonstrieren Einigkeit. Dabei schweißt sie vor allem das Pochen auf Unterschiede zusammen.

Von Christine Luz, Koblenz

Geert Wilders und Frauke Petry: Schulterschluss in Koblenz

Geert Wilders und Frauke Petry: Schulterschluss in Koblenz

Das rote Band stört den Mann von der AfD gewaltig. Er hat sich vor einer jungen Frau aufgebaut, um sich zu beschweren. "Sie haben damit die gleichen Rechte, die Farbe spielt keine Rolle", beschwichtigt ihn die Dame. Es hilft nichts, er möchte ein anderes. Die farbigen Bänder ums Handgelenk sind an diesem Tag die Eintrittskarte ins Innere der Rhein-Mosel-Halle, wo sich die Spitzen der Rechtspopulisten Europas zum ENF-Kongress treffen. Blau ist den akkreditieren Mitgliedern der AfD vorbehalten und als solches möchte der Mann gefälligst auch wahrgenommen werden.

Viele von ihnen waren an diesem Morgen nach Koblenz gekommen, was eigentlich erstaunlich ist. Immerhin wurde im Vorfeld der Veranstaltung von Parteiseite immer wieder betont, dass dies keine AfD-Veranstaltung sei. Eingeladen hatte zwar der Vorsitzende des nordrhein-westfälischen  Landesverbandes Marcus Pretzell, allerdings in seiner Eigenschaft als Europa-Abgeordneter. Noch bemerkenswerter ist, dass auch seine Frau dabei war,  AfD-Chefin Frauke Petry.


ENF-Kongress: Rechtspopulistisch bis rechtsextrem

Denn mit den anderen Rednern dieses Kongresses können sich längst nicht alle Mitglieder der Alternative für Deutschland anfreunden. Marine Le Pen vom französischen Front National war ebenso gekommen, wie der Niederländer Geert Wilders von der PVV und Matteo Salvini von der italienischen Lega Nord. Allesamt für rechtspopulistisches bis rechtsextremes Gedankengut bekannt. Für manches Parteimitglied stehen diese Politiker schon zu weit rechts, um noch akzeptabel zu sein. Nun aber hat Frauke Petry erstmals öffentlich den Schulterschluss gesucht und verkündet, es sei ihr eine Ehre, in dieser Reihe von Rednern zu stehen.

In dieser Hinsicht war es ein historischer Augenblick, als dicht hintereinander Petry, Le Pen, Salvini und Wilders die Halle betraten. Noch nie vorher hatte es ein gemeinsames Treffen der vier gegeben. Sie wurden wie Superstars begrüßt. Die Besucher regten die Hälse, Smartphones wurden gezückt, die Musik erhob sich zu einem Crescendo. Es fehlte nur noch, dass jemand im Takt ein Feuerzeug schwenkte. Im Vorfeld waren Schilder mit den Namen der Hauptredner verteilt worden, die von den Besuchern nun begeistert in die Höhe gehalten wurden.

"2017. Das Jahr der Patrioten" stand auf einem Veranstaltungsbanner. 2017, so die Hoffnung, wird das Jahr, in dem die Spitzenpolitiker sich an die Spitze ihrer Länder stellen. Im Programm ließ man bereits verlauten, dass sie kurz davor stünden, "in ihren Ländern die Regierungsverantwortung zu übernehmen." Marie Le Pen strebt bei den diesjährigen Wahlen nach dem Präsidentenamt in Frankreich, Geert Wilders geht fest davon aus, die Wahlen in den Niederlanden zu gewinnen und Frauke Petry soll die AfD in den Bundestag führen. Einer aus den Reihen der Ihren, der das bereits vorgemacht hat, ist aus ihrer Sicht Donald Trump. "Gestern ein neues Amerika, heute ein neues Koblenz und morgen ein neues Europa", verkündete Wilders. Der Wahlsieg Trumps, das wurde deutlich, ist für sie ein Zeichen auf dem richtigen Weg zu sein. Ganz im Gegensatz zu den "Herrschaften da draußen in der Kälte", wie Marcus Pretzell mit Verweis auf die zahlreichen Gegendemonstranten anführte.

Deutschland, Frankreich, die Niederlanden, Italien – wie die Vertreter ihrer Länder da nebeneinander auf der Bühne standen, hätten sie eigentlich ein schönes Beispiel für die Zusammenarbeit innerhalb Europas geben können. Der Saal war mit Flaggen von Belgien, Kroatien, Schweden, England und vielen anderen Ländern dekoriert. Einig aber, das machten alle Redner klar, ist man sich vor allem in seinen unterschiedlichen, nationalstaatlichen Interessen. Das verbindende Element ist das Streben nach Unabhängigkeit. Ein Ende der "Tyrannei", wie sie die Europäische Union laut le Pen führt. "Wir erleben das Ende einer Welt und die Geburt einer neuen", war sich die Vorsitzende  des  Front  National sicher. Und auch Frauke Petry warb für einen Kontinent der Vielfalt. Bedroht sahen die beiden Frauen vor allem die Kultur ihrer Länder.

"Merkel muss weg, Merkel muss weg"

Wilders hielt seine Rede auf Deutsch. "Hallo Deutschland", rief er in die Menge. "Hallo", schallte es zurück. Ein Bühnenstar und seine Fans. Er sah einen "patriotischer Frühling" in Europa gekommen. Während er allerdings für Seitenhiebe in Richtung Islam nur bedingt Applaus erhielt, konnte er punkten mit der Aussage: "Europa braucht Frauke statt Angela". Die Menge fiel ein: "Merkel muss weg, Merkel muss weg."

AfD-Mitglieder, die in der Pause zusammenstanden, sympathisierten nur bedingt mit Wilders. Allerdings, räumt einer zu seiner Verteidigung ein, hätten die in Holland ja auch ein viel massiveres Ausländerproblem. Schön sei das Treffen dennoch. Man merke, man sei mit seinen Ansichten nicht allein.

Am Ende versammelten sich die Spitzenpolitiker noch einmal gemeinsam auf der Bühne. Klatschen und Pfeifen in den Reihen, die Namensschilder schnellten in die Höhe. Wilders zückte sein Telefon und hielt es in Richtung Zuhörer. Vielleicht wollte er festhalten, wie die Anhänger begeistert den Beginn des "neuen Europas" feiern. Was man auf dem Foto nicht sehen wird, sind die "Herrschaften da draußen in der Kälte", die 5000 Gegendemonstranten, die am selben Tag in Koblenz auf die Straße gegangen sind.

Von Christine Luz, Koblenz