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George-Floyd-Beisetzung Bidens Botschaft an die Trauernden: 4 Minuten und 58 Sekunden, die zeigen, wie ein Präsident sein sollte


Deutlicher könnte der Gegensatz nicht sein: Während Donald Trump sich auf Twitter selbst feierte, schickte sein designierter Herausforderer Joe Biden zur Beisetzung von George Floyd den Trauernden und dem Land eine berührende Botschaft.

George Floyds Trauerfeier war ein flammender Aufruf gegen Rassismus und Polizeigewalt. Hunderte hörten diesen Aufruf in der Kirche "Fountain of Praise" in Houston, wo dem bei einem brutalen Polizeieinsatz getöteten Afroamerikaner die letzte Ehre erwiesen wurde, Millionen vernahmen ihn im Fernsehen, live übertragen von den großen US-Nachrichtensendern. Doch da war auch etwas, das die Amerikaner nicht hörten, obwohl sie es dringend gebraucht hätten: Tröstende, verständnisvolle, die Nation einende Worte ihres Präsidenten.

Donald Trump ignoriert Beisetzung

Donald Trump widmete sich während der Trauerfeier lieber seiner Lieblingsbeschäftigung: Er lobte sich selbst. Als sich die Menge am Sarg von George Floyd versammelte, als Pastor Remus Wright den Trauernden zurief: "Wir feiern sein Leben", als Floyds kleiner Bruder Rodney an das Mikrofon trat und mit Tränen in den Augen erzählte, dass er sich manchmal bei dem Versuch ertappe, George anzurufen, da hielt der Präsident sein Handy in der Hand und verkündete via Twitter, es sei "ein historischer Tag für Amerika!" - nicht wegen der Beisetzung von George Floyd, sondern weil er, Donald Trump, mit General Charles Brown erstmals einen Afroamerikaner zum Chef eines US-Militärdienstes gemacht habe.

Später twitterte Trump, er stelle 2,96 Milliarden Dollar an Zuschüssen für obdachlose und von Obdachlosigkeit bedrohte US-Bürger bereit. Und er überweise 187,18 Millionen Dollar an die Verkehrsbetriebe des von seiner republikanischen Partei regierten Bundesstaates Utah. Und schließlich preiste der Präsident noch die "großartige Arbeit" seiner Republikaner im US-Senat.

Keine Wort über Rassismus, Polizeigewalt oder die Beisetzung von George Floyd. Kein Wort des Trostes an die Familie des Afroamerikaners. Kein Wort der Versöhnung an das tief gespaltene Land.

Was eigentlich die Aufgabe des Präsidenten gewesen wäre, übernahm stattdessen sein möglicher Nachfolger im Weißen Haus. Der designierte Präsidentschaftskandidat der Demokraten, Joe Biden, hatte am Tag vor der Beisetzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit Floyds Familie in Houston getroffen und mit dessen sechs Jahre alter Tochter Gianna und der Mutter des Mädchens, Roxie Washington, gesprochen. Biden weiß, was es heißt zu trauern. Der 77-Jährige hat 1972 bei einem Autounfall seine damalige Frau und eine Tochter verloren. 2015 starb sein Sohn Joseph mit 46 Jahren an einem Gehirntumor.

Joe Biden schickt Videobotschaft

An dem Gedenkgottesdienst selbst wollte der ehemalige Vizepräsident der Vereinigten Staaten nicht Teilnehmen. Da er vom Secret Service beschützt und begleitet wird, hätte der Aufwand für seine Sicherheit die Trauerfeier zu sehr gestört. Deshalb wandte er sich in einer emotionalen Videobotschaft an die in der Kirche versammelten Familienangehörigen und Freunde. Seine Ansprache wurde von Applaus, Kopfnicken und Zustimmungsrufen begleitet. Seine Worte wären eines Präsidenten würdig gewesen.

Aber lesen und entscheiden Sie selbst:

"Hallo, alle zusammen, an diesem Tag des Gebets, an dem wir versuchen, in unserem Schmerz Gottes Plan zu verstehen.

An Georges Familie und Freunde: Jill¹ und ich kennen das tiefe Loch in Euren Herzen, wenn Ihr ein Stück Eurer Seele tief in dieser Erde vergrabt. Wie ich Euch persönlich gesagt habe - wir wissen es. Wir wissen, dass Ihr nie wieder dasselbe fühlen werdet.

Für die meisten Menschen wird die Taubheit, die Ihr jetzt fühlt, langsam, Tag für Tag, Jahreszeit für Jahreszeit, durch die Erinnerung an denjenigen, den sie verloren haben, eine Bestimmung bekommen. Aber für Euch ist dieser Tag gekommen, bevor Ihr vollständig trauern könnt. Und im Gegensatz zu den meisten müsst Ihr in der Öffentlichkeit trauern. Und das ist eine Last. Eine Last, die jetzt Eure Aufgabe ist - die Welt im Namen von George Floyd zum Besseren zu verändern.

Wie so viele andere habe ich mit Ehrfurcht beobachtet, wie Ihr den unbedingten Mut aufbringt, Gottes Gnade zu kanalisieren und den guten Mann zu zeigen, der George war. Gerechtigkeit zu wecken, die zu lange geschlafen hat, und Millionen zu bewegen, friedlich und gezielt zu handeln. Aber unter all den Menschen auf der ganzen Welt, die sich mit dieser Tragödie verbunden fühlen, sind diejenigen, die etwas verloren haben, das niemals wieder ersetzt werden kann. 

An die Kinder und das Enkelkind von George: Ich weiß, dass Ihr Euren Papa und Großvater vermisst. 

Kleine Gianna - wie ich Dir gestern sagte, als ich Dich sah: Du bist so tapfer. Papa schaut herab und ist so stolz auf Dich. Und ich weiß, dass du diese Bären-Umarmung vermisst, die nur er geben konnte. Die reine Freude, auf seinen Schultern zu reiten, damit du den Himmel berühren kannst. Die unzähligen Stunden, die er damit verbrachte, jedes Spiel zu spielen, das du spielen wolltest, weil Dein Lächeln, Dein Lachen, Deine Liebe das Einzige ist, was in dem Moment zählte.

Ich weiß, dass Du eine Menge Fragen hast, mein Schatz. Kein Kind sollte solche Fragen stellen müssen, die zu viele schwarze Kinder seit Generationen stellen mussten.

Warum? Warum ist Papa fort?

Wenn wir durch Eure Augen schauen, sollten wir uns alle fragen, warum die Antwort oft so grausam und schmerzhaft ist. Warum wachen in dieser Nation zu viele schwarze Amerikaner mit dem Wissen auf, dass sie ihr Leben verlieren könnten - während sie ihr Leben leben?

Warum rollt die Gerechtigkeit nicht wie ein Fluss und die Rechtschaffenheit nicht wie ein mächtiger Strom? Warum?

Dennoch, meine Damen und Herren - wir können uns nicht abwenden. Wir dürfen uns nicht abwenden. Wir können diesen Augenblick nicht mit dem Gedanken verlassen, dass wir uns wieder einmal vom Rassismus abwenden können, der uns in der Seele brennt. Und vom systemischen Missbrauch, der das amerikanische Leben immer noch plagt.

Wie Thurgood Marshall² einmal beschwor: "Amerika muss sich von der Gleichgültigkeit abwenden. Wir müssen uns von der Angst, dem Hass und dem Misstrauen abwenden. Wir müssen uns abwenden, weil Amerika es besser machen kann. Weil Amerika keine andere Wahl hat, als es besser zu machen.

Ich bin mit der katholischen Soziallehre aufgewachsen, die mich lehrte, dass der Glaube ohne Werke tot ist, und man uns an dem erkennen wird, was wir tun.

Meine Damen und Herren, wir müssen uns damit auseinandersetzen, dass das Versprechen dieser Nation so vielen Menschen so lange verweigert wurde. Es geht darum, wer wir sind, was wir glauben und - vielleicht am Wichtigsten - wer wir sein wollen. Es geht darum sicherzustellen, dass alle Männer und Frauen nicht nur gleich geschaffen wurden, sondern auch gleich behandelt werden.

Wir können die Wunden dieser Nation heilen und uns an ihren Schmerz erinnern - nicht das Herz gefühllos machen und vergessen.

Ich weiß, dass Reverend Sharpton³ heute mit Ihnen in Houston ist. Reverend - ich habe Sie letzte Woche in Minnesota beobachtet, als Sie aus Prediger 3, Vers 1 sprachen: 'Ein jegliches hat seine Stunde und seine Bestimmung und seine Zeit unter dem Himmel'.

Heute, jetzt ist die Stunde, die Bestimmung, die Zeit, um zuzuhören und zu heilen. Jetzt ist die Stunde für Rassengerechtigkeit. Das ist die Antwort, die wir unseren Kindern geben müssen, wenn sie fragen: 'warum?'. Denn wenn es Gerechtigkeit für George Floyd gibt, sind wir wirklich auf dem Weg zur Rassengerechtigkeit in Amerika.

Und dann, wie Du gesagt hast, Gianna, wird Dein Papa "die Welt verändert haben".

Möge Gott mit Dir sein, George Floyd, und mit Deiner Familie.

Und mit den Worten eines Chorals meiner Kirche, der auf dem 91. Psalm basiert: Möge Er Euch auf Adlerflügeln erheben, Euch im Atem der Morgendämmerung tragen, Euch zum Scheinen bringen wie die Sonne und Euch in Seiner Hand halten.

Gott segne euch alle. Gott segne euch alle."

¹ Joe Bidens Ehefrau Jill; ²Erster afroamerikanischer Richter am Obersten Gerichtshof der USA, gest. 1993; ³Bürgerrechtler und Prediger Al Sharpton

Quellen: Donald Trump auf Twitter, Joe Biden auf TwitterKRWG Public Media


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