HOME

Gulbuddin Hekmatyar: "Die islamische Welt erträgt die Sklaverei nicht mehr"

Er ist einer der mächtigsten Warlords in Afghanistan. Gulbuddin Hekmatyar, der Osama bin Laden zur Flucht verholfen hat, droht im stern.de-Interview mit erbittertem Kampf. Eineinhalb Milliarden Muslime seien bereit, ihr Leben dem Islam zu opfern.

Herr Hektmatyar, wo leben Sie heute?

Ich lebe unter dem Himmel und über der Erde, mein Aufenthaltsort ist nicht bestimmt. Von Zeit zu Zeit wechsle ich ihn.

Sie gelten als die womöglich zentrale Figur des Widerstandes in Afghanistan. Kooperieren Sie mit den Taliban und Al-Qaeda?

Wir haben ständig die Einheit der Mujaheddin betont und ihnen gesagt, dass sie in ihren Gebieten jedem beistehen sollen, der gegen die Besatzer kämpft und in einem freien Afghanistan einen islamischen Staat errichten möchte. Mit Taliban und Al-Qaeda haben wir weder organisatorisch noch planerisch eine Beziehung.

Haben Sie Kontakt zum ehemaligen Chef der Taliban, Mullah Omar?

Ich habe Mullah Omar bisher weder getroffen noch irgendeine andere Verbindung mit ihm gehabt. Aber wir respektieren jeden Afghanen, der gegen die Besatzung kämpft.

Vier Jahre nach dem Ende der Taliban-Regierung scheint der Widerstand stärker denn je. Wie beurteilen Sie die Lage?

Gott sei Dank wächst der Widerstand. Die Besatzungsmächte sind nicht in der Lage, ihn einzudämmen. Die USA haben es weder vermocht, ihre Ziele zu erreichen, noch die Sicherheit aufrecht zu erhalten oder eine Regierung zu schaffen, die in der Lage wäre, die Verhältnisse zu kontrollieren. Sie bekommen Anbau und Vermarktung von Drogen nicht in den Griff. Mir erscheinen die Verhältnisse vergleichbar mit der Zeit, als die Sowjetunion sich entschloss, Afghanistan zu verlassen.

Warum hatten die Amerikaner bisher keinen größeren Erfolg?

Das Scheitern der Amerikaner hat mehrere Gründe: Sie meinten, die Afghanen seien durch die vergangenen Kriege ermüdet und deshalb nicht in der Lage, sich zu einem Dschihad gegen Amerika zusammenzuschließen. Sie haben Kabul durch Gruppen der Nordallianz besetzt. Die benutzten sie wie eigene Bodentruppen. Damit haben sie Afghanistan für Moskau und Iran erobern lassen. Die Amerikaner haben erreicht, was diese Länder auch unter hohen Verlusten nicht hätten schaffen können. Und sie haben die Macht an schwache Gruppierungen, an von der Bevölkerung verstoßene Personen, Diebe und Drogenbarone und unfriedliche Persönlichkeiten der Nordallianz übertragen.

Ist das, wofür Sie und Ihre Truppen kämpfen, ein Krieg der Kulturen, West gegen Ost, Christentum gegen Islam?

Der arrogante George Bush und seine Militärjunta haben ein gefährliches Spiel begonnen. Sie haben den Krieg in Afghanistan und Irak als Kreuzzug bezeichnet, obwohl es doch eher Eroberungsfeldzüge von Ölbaronen sind. Sämtliche Kriege Amerikas werden nach Waffenindustrie, Öl- und Gasinteressen geplant. Sämtliche Machthaber Amerikas bezeichnen diese Kriege als Kreuzzüge, während sie weder an das Christentum glauben, noch eine andere Religion vertreten. Mit nahezu eineinhalb Milliarden Muslimen, die bereit sind, ihr Leben dem Islam zu opfern, ist das kein einfaches Spiel. Wenn sie einige umbringen, erwachsen daraus viele andere, die den Kampf fortsetzen. Amerika beansprucht die Führung der Welt und die Stärkung der Demokratie für sich und wird deshalb als Weltpolizist bezeichnet, während in Wahrheit diese bedauerliche Lüge als Grundlage dafür dient, in der Welt Unfrieden zu stiften und Kriege anzuzetteln. George Bush und sein Knecht Tony Blair bezeichnen diese Kriege nicht nur als Kreuzzüge, sie wollen auch, dass sich Sunniten und Schiiten gegenseitig bekämpfen. In Afghanistan und Irak unterstützen sie Schiiten in Armee und Polizei, die ihrerseits die Sunniten bekämpfen. Sogar die Verurteilung Saddam Husseins ist auf der Grundlage erfolgt, dass er 128 Schiiten umgebracht hat, nicht etwa wegen der Morde an Sunniten und Kurden. Die Attentate auf die Moscheen der Sunniten und Heiligtümer der Schiiten sind auch Taten der CIA, die damit interkonfessionelle Kriege fördern will.

Welche Rolle spielen dabei nach Ihrer Ansicht die Deutschen?

Alle Afghanen hatten von den anderen europäischen Staaten erwartet, dass sie mit den Amerikanern gegen die Afghanen kämpfen, nur nicht von Deutschland. Nachdem die Afghanen sich im Zweiten Weltkrieg nicht mit anderen gegen Deutschland verbündet haben, ist das jetzt die Antwort, die die deutsche Regierung den Afghanen gibt?

Was erwarten Sie von der Bundesregierung?

Von der Bundeskanzlerin haben wir erwartet, dass sie deutsche Söhne nicht für amerikanische Interessen opfert und dass sie deutsche Truppen aus Afghanistan abzieht. Leider hat sie das nicht getan. Ziehen Sie Ihre Soldaten aus Afghanistan ab! Die islamische Welt erträgt die Sklaverei nicht mehr. Die Zeit von Unterdrückung und Sklaverei ist abgelaufen. Lassen Sie die Muslime in Freiheit leben! Ihr habt drei Jahrhunderte Asien und Afrika ausgebeutet. Ihr habt ihnen tyrannische Könige, Herrscher und Generäle aufgezwungen. Lassen Sie uns politische Systeme und Regierungen frei wählen!

Warum arbeiten Sie nicht mit Hamid Karzai zusammen, der in einer freien Wahl zum Präsidenten gewählt wurde?

Karzai hat während des Krieges gegen die Sowjets mit einer kleinen Partei gearbeitet. Er hat sich damals mit den Taliban verbündet und später den Fehler gemacht, sich von Pakistan mit einem US-Helikopter nach Kabul fliegen zu lassen. Dort hat er den Vorsitz einer Regierung übernommen, die Amerika in Kabul installiert hat.

Was würde passieren, wenn alle fremden Truppen Afghanistan sofort verlassen?

Das Abkommen von Mossaqala...

...dort, in der Provinz Helmand, vermittelten Stammesälteste im September zwischen Briten und Taliban freies Geleit beim britischen Rückzug...

...hat bewiesen, dass die Anwesenheit der fremden Truppen in einer Region die Ursache für die Kriege und auch für ihre Verlängerung ist. Wenn sie das Gebiet verlassen, ist der Krieg beendet. Diejenigen, die behaupten, dass für die Sicherheit die Anwesenheit fremder Truppen notwendig ist, lügen.

Und was würden Sie nach einem Abzug der Ausländer als Erstes tun?

Wir werden alle Afghanen zur Einigung einladen und ihnen empfehlen, gegenseitig auf Rache zu verzichten. Wir werden uns für den Wiederaufbau eines starken Afghanistan einsetzen, in dem alle Afghanen wie Geschwister vertrauensvoll und in Sicherheit zusammen leben und Leib und Ehre eines jeden vor jeglichem Übergriff geschützt sind. Und wir werden unser Volk dazu aufrufen, jede Einmischung der Fremden, insbesondere der Nachbarn zurückzuweisen.

Und wie soll ein Afghanistan unter Ihrer Herrschaft aussehen?

Bildung einer provisorischen Regierung ohne Beteiligung der Gruppen, die 2001 in Bonn...

...auf der Petersberger Konferenz...

...das Dokument der Unterwerfung unterzeichnet haben. Einstellung aller Rundfunk- und TV-Stationen sowie aller Printmedien, die mit ausländischem Geld betrieben, geführt und kontrolliert werden. Anschließend Einberufung der wirklichen Vertreter des Volkes zur Entscheidung über Verfassung, Parlament, Regierung und Nationalarmee. Als Resultat dieser Versammlung soll auf Basis der Verfassung die Regierung gebildet werden. Wenn diese Punkte akzeptiert werden, sind die Mujaheddin bei Waffenstillstand und Wiederherstellung der öffentlichen Sicherheit zu jeder Unterstützung bereit.

Sind auch afghanische Frauen Teil Ihres Plans?

Wir geben Frauen in allen Bereichen sämtliche Rechte, die ihnen bisher gesetzlich gewährt worden sind. Die Rechte, die der Islam den Frauen einräumt, hat keine andere Religion und kein anderes politisches System den Frauen gewährt. Glauben Sie mir, dass im Islam die Pflichten der Frauen im Vergleich zu denen der Männer geringer sind - und die Rechte zahlreicher. Das Recht auf Bildung ist dem der Männer gleichrangig. Frauen haben das Recht auf Arbeit, am Dschihad können sie teilnehmen, sind dazu jedoch nicht verpflichtet. Sie dürfen zum Gebet die Moschee betreten, sind dazu jedoch nicht verpflichtet. Bei Gebeten und Verhandlungen sind sie nicht nur nicht benachteiligt, sondern sogar erheblich im Vorteil.

Wie stehen Sie zur Verschleierung?

Der Islam hat für Männer eine Bekleidung empfohlen, die passt und gut aussieht - und für Frauen eine Bekleidung, die ihnen ebenfalls passt und gut aussieht. Wie wir Vögel betrachten, gibt es beim Federkleid einen großen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Häufig sind männliche äußerlich schöner als weibliche - und die Kleider der weiblichen Tiere sind zurückhaltender in der Farbgebung. Auch jetzt gibt es in der ganzen Welt einen Unterschied in den Bekleidungen der Geschlechter. Was der Islam als Bekleidung für Frauen empfiehlt, empfehlen auch Bibel und Tora.

Es gibt eine Menge Gerüchte über Sie: Haben Sie jemals einem Mädchen in Kabul Säure ins Gesicht geschüttet, das sie nach Ihrer Ansicht ungenügend verschleiert angetroffen haben?

Das war eine kommunistische Propaganda-Behauptung, die auch manche in der westlichen Welt glaubten. Glauben Sie mir, dass in meinen 58 Jahren meine Hand keine Frau weder innerhalb der eigenen Familie und Verwandtschaft noch außerhalb geschlagen noch sonst irgendwie verletzt hat.

Warum haben Sie und die Mudschaheddin es nach dem Abzug der Sowjets 1989 nicht geschafft, eine stabile Regierung zu bilden?

Beim Abzug der sowjetischen Truppen hatten wir es mit einer internationalen Mauschelei zu tun. Moskau und Washington waren übereingekommen, in Afghanistan die Herstellung einer islamischen Regierung durch die Mudschaheddin unter allen Umständen zu verhindern. Dabei haben auch andere Staaten, vor allem unsere Nachbarn, geholfen. Jede Seite suchte im Laufe der Kämpfe eigene Vorteile.

Es lag nicht an Ihren Versuchen, sich gegen andere Warlords durchzusetzen, bis ein kriegsmüdes Volk selbst die Taliban als Erleichterung empfand?

Für Washington war der Kampf gegen den Islam ein satanisches Ziel. Moskau und seine Freunde wollten Öl und sonstige Bodenschätze und Reserven in Zentralasien weiterhin kontrollieren sowie verhindern, dass die Erdöl- und Gasvorkommen über Afghanistan durch amerikanische Firmen nach Indien geliefert würden. Iran wollte die zentralasiatischen Märkte beherrschen. Für die pakistanischen Generäle war die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan ein Problem. Und sie wollten keine starke Regierung in Afghanistan.

Für das Interview schickte der TV-Journalist Christoph Hörstel schriftliche Fragen. Die Antworten Hekmatyars kamen per Video zurück.