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Irak: Eskalation der Gewalt

In Irak liefern sich die Milizen des radikalen Schiitenführers El Sadr und Besatzungstruppen weiter heftige Kämpfe. El Sadr hat die Moschee in Kufa verlassen und soll sich in der Stadt Nadschaf aufhalten. Gegen ihn liegt ein Haftbefehl vor.

Nach der Androhung eines Aufstandes durch den radikalen Schiitenführer Muktada el Sadr ist es in Irak erneut zu Feuergefechten zwischen Milizionären des Geistlichen und Koalitionssoldaten gekommen. Dabei wurden am Dienstag laut Augenzeugen in Amarah mehrere Iraker getötet. El Sadr verschanzte sich derweil in der heiligen Stadt Nadschaf. In Falludscha begannen US-Truppen eine umfassende Militäraktion, in der Gegend kamen nach Angaben der Streitkräfte vier Soldaten und sechs Iraker ums Leben.

El Sadr, der von den US-Truppen wegen der Ermordung eines schiitischen Geistlichen vor einem Jahr gesucht wird, hatte sich zuvor zwei Tage lang in einer Moschee in Kufa bei Nadschaf aufgehalten. Die Mosche hat der radikale Schiitenführer jetzt wieder verlassen. Der Schiitenführer habe mit der Verlegung seines Quartiers nach Nadschaf Blutvergießen in der Moschee vermeiden wollen, sagte ein Vertrauter El Sadrs.

"Wenn El Sadr umgebracht wird, stehen tausende Märtyrer bereit"

Scheich Kais el Chasali, ein Sprecher des jungen Geistlichen, sagte am Dienstag vor der Presse in Nadschaf, El Sadr halte sich aber immer noch in der Stadt auf. El Chasali warnte die US-Armee davor, El Sadr zu töten. "Wenn El Sadr umgebracht wird, stehen tausende Märtyrer bereit", sagte er. Großajatollah Ali el Sistani habe am Dienstag eine Delegation zu den El-Sadr-Anhängern geschickt, die gewarnt habe, die Besatzungsmacht versuche, die verschiedenen schiitischen Gruppierungen gegeneinander aufzuwiegeln. El Sistani habe El Sadr außerdem seine Unterstützung zugesichert.

In Falludscha waren bis zum Morgen Explosionen und Schüsse zu hören. Hunderte US-Soldaten und irakische Sicherheitskräfte riegelten die Stadt weiterhin ab. In einem Stadtteil lieferten sich US-Marineinfanteristen Gefechte mit Aufständischen. Ein Soldat verbrannte in einem Auto, wie ein Augenzeuge berichtete. Truppen führten in mehreren Häusern und einer Moschee Razzien durch.

Ein mehrstündiges Gefecht mit 500 italienischen Besatzungssoldaten

Im südirakischen Nassirija lieferte sich Sadrs Miliz ein mehrstündiges Gefecht mit rund 500 italienischen Besatzungssoldaten, bei dem 15 Iraker getötet worden sein sollen. Die Gefechte begannen den Besatzungstruppen zufolge, als Angehörige von Sadrs Miliz am frühen Morgen Militärpatrouillen beschossen, die in der Stadt verstärkt worden waren. Während der seit Samstag anhaltenden Proteste hat Sadrs Miliz in Nassirija mehrere Brücken über den Euphrat unter Kontrolle gebracht und Konvois mit Nahrungsmitteln und Hilfsgütern gestoppt. "Die Stadt war zweigeteilt und die Brücken waren unter ihrer Kontrolle. Wir mussten einschreiten und die Situation klären, bevor die Lage eskaliert", sagte der Sprecher der italienischen Truppen.

In der Provinz Anbar, in der Falludscha liegt, kamen am Montag nach Angaben der Streitkräfte vier US-Marineinfanteristen ums Leben. Augenzeugen berichteten von einem weiteren getöteten Soldaten am Dienstag. Im Norden der Stadt kamen zwei Marineinfanteristen unter Beschuss und wurden verwundet. Nach Militärangaben wurden am Montag sechs bewaffnete Iraker getötet, Anwohner berichteten dagegen, fünf der Toten seien Zivilpersonen.

Insgesamt 614 getötete US-Soldaten seit Kriegsende

In der Gegend um Bagdad kamen drei US-Soldaten ums Leben, die Zahl der seit Kriegsbeginn getöteten Soldaten stieg damit auf 614. Für den Fall einer weiteren Eskalation der Gewalt erwägt das Weiße Haus nach Angaben eines ranghohen Offiziers eine Verstärkung seiner Truppen. US-Präsident George W. Bush bekräftigte jedoch, dass er trotz der Gewalt am 30. Juni als Termin für die Machtübergabe festhalten werde.

Insgesamt kamen bei den blutigen Kämpfen zwischen US-Truppen und Milizionären in Bagdad nach Informationen des Senders CNN in der Nacht zu Dienstag mindestens 60 Menschen ums Leben gekommen. Der Sender bezieht sich auf Angaben von Armeesprecher Brian O’Malley in Bagdad.

Gefechte über mehrere Stunden hinweg

US-Truppen hätten sich am Montagabend im Stadtteil Sadr-City mehrere Stunden Gefechte mit el Sadr-Milizen geliefert, sagte O’Malley nach Angaben von CNN. Mehrere Polizeiwachen und Regierungsgebäude seien umkämpft gewesen. Auch aus einem Krankenhaus sei auf US-Truppen geschossen worden.

Bei einem Feuergefecht in Ramadi wurde nach Angaben von Ärzten ein Iraker getötet, drei weitere wurden verletzt. In Bakuba erschossen Unbekannte einen Übersetzer, der für die Koalitionstruppen arbeitete, wie ein Polizeisprecher sagte. In Nassirija seien bei einem Angriff zwölf italienische Soldaten verwundet worden, teilte das Verteidigungsministerium in Rom mit.

Die Rückkehr irakischer Flüchtlinge wurde eingestellt

Angesichts der verheerenden Sicherheitslage hat das UN-Flüchtlingshilfswerk die Rückführung irakischer Flüchtlinge aus Iran vorübergehend eingestellt. Ein UNHCR-Sprecher erklärte, vor dem Sturz Saddam Husseins seien rund 202.000 Iraker in das Nachbarland ins Exil gegangen. Bisher hat die UNHCR an drei Tage in der Woche Konvois nach Basra organisiert. Allein aus Iran wurden bereits 5.000 Iraker in ihre Heimat zurückbegleitet, weitere 5.000 Flüchtlinge kamen aus Saudi-Arabien und Libanon.

Der irakische Außenminister Hoschjar Sebari wandte sich in einem BBC-Interview entschieden dagegen, den geplanten Termin für die Machtübergabe zu verschieben. Das Datum müsse eingehalten werden, sagte Sebari am Montagabend. US-Präsident George W. Bush bekräftigte erneut, dass er am 30. Juni als Termin festhalten werde.

Südkorea entsendet Truppen

Südkorea will im Laufe der Woche ein militärisches Erkundungsteam nach Irak entsenden, das einen Ort für die Stationierung von rund 3.600 Soldaten ausmachen soll. Das teilte das Verteidigungsministerium am Dienstag in Seoul mit. Mit der Truppenstationierung würde Südkorea der drittgrößte Koalitionspartner in Irak nach den USA und Großbritannien.

Großbritannien entsendet in den nächsten Tagen 4.500 Soldaten als Ablösung für im Süden Iraks stationierten Truppen, wie das Verteidigungsministerium am Dienstag bekannt gab. London hat insgesamt 8.700 Soldaten in Irak stationiert.