Israel Selbstmordanschlag unterbricht Nahostfriedensprozess


Bei einem mutmaßlichen Selbstmordanschlag auf einen Linienbus sind in Jerusalem nach Augenzeugenberichten zahlreiche Menschen getötet worden.

Der schwere palästinensische Selbstmordanschlag mit mindestens 18 Toten in Jerusalem hat den Nahostfriedensprozess vorerst unterbrochen. Israel stoppte in der Nacht zum Mittwoch alle Sicherheitsgespräche mit den Palästinensern und den weiteren Truppenrückzug aus dem Westjordanland. Dies berichtete die israelische Zeitung "Haaretz" unter Berufung auf Regierungskreise. Israel riegelte zudem das palästinensische Westjordanland und den Gazastreifen erneut ab. Polizeikräfte in Israel wurden in die zweithöchste Alarmstufe versetzt.

Ministerpräsident Ariel Scharon will heute in Sicherheitsgesprächen mögliche Konsequenzen nach dem Anschlag beraten. Gut unterrichtete Kreise in Jerusalem erklärten, alle Vereinbarungen mit den Palästinensern über die Übergabe der Sicherheitsverantwortung in den Städten des Westjordanlandes würden für nichtig erklärt.

18 Israelis getötet

Bei dem Selbstmordanschlag auf einen mit orthodoxen Juden besetzten Linienbus waren am Dienstagabend im Zentrum von Jerusalem mindestens 18 Israelis getötet und mehr als 110 zum Teil schwer verletzt worden. Der Anschlag war international und auch von der Palästinensischen Autonomiebehörde verurteilt worden. Wie der Polizeichef von Jerusalem, Michael Levy, am Abend mitteilte, befanden sich unter den Opfern auch zahlreiche Kinder.

"Todesstoß für den Friedensprozess"?

Unmittelbar nach Bekanntwerden der Tat stoppte die Regierung in Jerusalem die für diese Woche vereinbarte Übergabe der Städte Kalkilia und Jericho an die Palästinensische Autonomiebehörde. Der israelische Botschafter bei der UN nannte den Anschlag "möglicherweise den Todesstoß für den Friedensprozess". Die Extremistengruppe Islamischer Dschihad bekannte sich in einem Anruf bei der libanesischen TV-Station El Manar zu der Tat. Ihre Führer hatten am vergangenen Donnerstag einen Vergeltungsanschlag angekündigt, nachdem die israelische Armee in der Stadt Hebron den örtlichen Kommandanten ihres bewaffneten Flügels, Mohammed Sider, getötet hatte. Der 21-jährige Selbstmordattentäter kam nach israelischen Angaben aus der Stadt Hebron im Westjordanland.

Die Palästinensische Autonomiebehörde verurteilte den Anschlag aufs Schärfste. Das Weiße Haus in Washington erklärte: "Unsere Gedanken und Gebete sind bei den Familien der Opfer und den Opfern". Die radikale Hamas-Organisation bezeichnete die Tat in einer Erklärung in Gaza dagegen als "natürliche Reaktion" auf die Handlungsweise Israels. Bundesaußenminister Joschka Fischer sagte, wieder einmal versuchten die Feinde des Friedens, "die in den vergangenen Wochen aufkeimende Hoffnung auf Fortschritte im Friedensprozess zunichte zu machen".

Der voll besetzte Linienbus war auf dem Weg von der Klagemauer in der Altstadt Jerusalems in den Westteil der Stadt, als sich im Stadtteil Schmuel Hagai die Explosion ereignete. Bei den meisten Fahrgästen handelte es sich um gläubige Juden, die vom Gebet an dem jüdischen Heiligtum auf dem Heimweg in das Orthodoxen-Viertel Har Nof waren. Unbestätigten Berichten zufolge hatte sich der Attentäter als ultraorthodoxer Jude verkleidet unter die Gläubigen gemischt. Auch er wurde bei der Explosion getötet.

Anschlag zu "kritischem Zeitpunkt"

Der palästinensische Informationsminister Nabil Amer verdammte das Attentat. Der Anschlag sei zu einem "kritischen Zeitpunkt" gekommen, bei dem es um die Bewahrung der Waffenruhe (Hudna) durch die palästinensischen Extremisten ging. Kurz vor der Tat hatte der palästinensische Ministerpräsident Mahmud Abbas in Gaza Verhandlungen mit Dschihad-Führern über die Fortsetzung der dreimonatigen Waffenruhe aufgenommen.

Die israelische Regierung hatte am Dienstag bekannt gegeben, dass sie noch in dieser Woche die am Sonntag aufgeschobene Übergabe der Kontrolle in den Städten Kalkilia und Jericho an die Palästinenser in den kommenden Tagen nachholen werde. Verteidigungsminister Schaul Mofas kündigte an, die Übergabe solle bis Ende der Woche erfolgen. Die Städte Ramallah und Tulkarem sollten dann in der kommenden Woche geräumt werden, sagte der Minister.


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