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Anschlag auf Politikerin: Mord an Jo Cox versetzt Großbritannien in eine Schockstarre

Das Gezeter des Brexit-Wahlkampfs ist beigelegt: Nach dem Mord an der Abgeordneten Jo Cox, einer Pro-Europäerin, schweigt Großbritannien. Es ist eine Stille, die bisher unversöhnliche Lager vereint. Zumindest für kurze Zeit.

Von Michael Streck, London

Trauer um Jo Cox in London. Die 41-jährige Labour-Abgeordnete war am Donnerstag in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire auf offener Straße niedergestochen und niedergeschossen worden. Sie starb Stunden später im Krankenhaus.

Trauer um Jo Cox in London. Die 41-jährige Labour-Abgeordnete war am Donnerstag in der nordenglischen Grafschaft Yorkshire auf offener Straße niedergestochen und niedergeschossen worden. Sie starb Stunden später im Krankenhaus.

Am Tag danach legte sich Stille über das Land. Eine Stille, die jeder in Großbritannien wahrnahm. Eine Stille, die sich dramatisch abhob von der Schrille und der Lautstärke und der Aggression der Brexit-Gegenwart in Großbritannien.


Nach dem Mord an der jungen Labour-Abgeordneten Jo Cox stellten Bleiben - und Verlassen-Fraktionen den Wahlkampf vor dem EU-Referendum bis zum Wochenende ein. Und erstmals seit Wochen herrschte Partei- und Lager-übergreifend Einigkeit. Auch und gerade in der Beurteilung von Jo Cox, die erst im vergangenen Mai ins Parlament gewählt worden war, in Westminster aber in diesen zwölf Monaten bereits einen überragenden Eindruck hinterließ. "Rising star", "aufgehender Stern", nannten sie Kollegen aller Parteien. Warm, aufgeschlossen, freundlich. Und vor allem kooperationsbereit über alle Gräben hinweg.

Jo Cox hatte, was anderen fehlt

Sie repräsentierte das, was diesem Land zurzeit am meisten fehlt: eine authentische Herzenswärme, die sie auch lebte. Blumen und Gedenken deshalb landesweit. Entsetzen und Schockstarre auch landesweit. Es war der erste Mord an einem britischen Politiker seit 25 Jahren, als der konservative Abgeordnete Ian Gow durch eine IRA-Bombe unter seinem Auto starb. Damals tobte in Nordirland Bürgerkrieg, das Friedensabkommen lag noch in weiter Ferne. Andere Zeiten waren das. Zeiten, von denen die Briten glaubten, sie seien ein für alle Mal vorüber.

Jo Cox, 41 Jahre jung, Mutter von zwei Kindern, stand für ein aufgeschlossenes, modernes Großbritannien. Eine Frau, die zuvor für Hilfsorganisationen arbeitete, die nach Dafur reiste und Ruanda und Uganda, die sich für Flüchtlinge aus Syrien einsetzte und als Vorsitzende einen parlamentarischen Ausschuss leitete. Die in ihrer Jungfernrede im Unterhaus einen versöhnlichen und herzlichen Ton anschlug, mit Stolz über ihren ethnisch vielfältigen Wahlkreis in West Yorkshire sprach und Gemeinsamkeiten über Unterschiede stellte. Und die, keine Überraschung, einen klar pro-europäischen Standpunkt vertrat.

Sicher ist: Thomas Mair hatte Probleme

Die Ermittlungen werden nun zeigen, ob der Attentäter Thomas Mair, 52, tatsächlich ein politisch Getriebener war oder ein psychisch Gestörter. Oder beides. Das Bild des Täters ist nicht kongruent. Augenzeugen, auf die sich BBC und "Guardian" berufen, wollen gehört haben, dass Mair "Britain First" gerufen habe. Das ließe auf rechtsgewirkte Gesinnung schließen. Verwandte, darunter seine Brüder und Mutter, aber auch Nachbarn zeichnen dagegen das Porträt eines eher milden und verhuschten Mannes, der seit vielen Jahren unter psychologischen Problemen litt. Eines Mannes, der viel las und gärtnerte, freundlich grüßte und für seine alte Mutter zweimal die Woche die Einkäufe erledigte. Die Schnittmenge beider Ansätze: Mair, so scheint es zumindest, war ein Außenseiter, der die Einsamkeit suchte. Zum zweiten Mal binnen weniger Tage macht nunmehr das Wort vom "loner" und "lone wolf" die Runde. Erst Orlando, nun Birstall bei Leeds.

Manchmal haben die Parolen der Politik Folgen

Am Ende spielt es auch keine Rolle. Jo Cox ist tot. Und wenn ihr Tod, sinnlos und furchtbar, irgendetwas bewirkt, dann womöglich ein Innehalten. Der Schock, der sich über das Land legte, ist auch eine Mahnung. Und zwar eine Mahnung, dass die Rhetorik der vergangenen Wochen und Monate ein unerträgliches Maß an Schärfe erlangt hat. Die Debatte um das Referendum hat - auf beiden Seiten - die hässliche Fratze des Polit-Betriebs offenbart. Die Briten sind dieser Rhetorik überdrüssig. Sie verlieren zusehends das Vertrauen in die Eliten - und insbesondere die politischen Eliten ihres Landes.
Am Tag, als Jo Cox vor einer Bücherei getötet wurde, veröffentlichte das Leave-Lager ein Wahlkampf-Poster, das wie ein Ausrufezeichen und Schrei daherkam. Flüchtlinge an einer Grenze, die ins Land wollen, darüber die Zeile "Breaking Point", Zerreißgrenze. Die Botschaft: Dies ist die Zukunft Britanniens, wenn wir in der EU bleiben. Der kluge Kolumnist Alex Massie schrieb dazu in seinem "Spectator"-Blog: "Wenn du immer und immer wieder Breaking Point rufst, darfst du nicht überrascht sein, wenn jemand wirklich bricht. Wenn du Politik als eine Sache von Leben und Tod präsentierst, als eine Frage des nationalen Überlebens, darfst du nicht überrascht sein, wenn dich auch jemand beim Wort nimmt…manchmal hat politische Rhetorik eben doch Konsequenzen…"

Nun Stille und Scham in Großbritannien

Cox stand für das exakte Gegenteil von "Breaking Point". Sie stand für offene Arme. Sie stand, das sagen Politiker aller Fraktionen, für eine leuchtende Zukunft, sie war das freundliche Gesicht dieser Politik. Sie hätte das Plakat verurteilt. Aber sie konnte es nicht mehr.
Nun Stille und Scham in Großbritannien. Der Wahlkampf ausgesetzt zumindest bis zum Wochenende. Stille aber auch, weil Jo Cox’ Stimme künftig fehlen wird. Im Parlament, in ihrem Wahlkreis. Und auf ihrem Hausboot nahe der Tower Bridge. Sie hinterlässt einen Mann, zwei kleine Kinder. Und sehr viel Leere.