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Kongo-Rebell Nkunda festgenommen: Ein Kriegsherr weniger

Überraschende Wende im Kongo-Konflikt: Der Rebellen-General Laurent Nkunda wurde festgenommen. Der Kriegsherr, dem zahlreiche Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden, wurde von seinen Verbündeten in Ruanda fallengelassen. Doch die Hoffnung auf Frieden bleibt vage.

Von Sebastian Huld

Der kongolesische Rebellengeneral Laurent Nkunda ist nach Angaben des kongolesischen Militärs festgenommen worden. Der Anführer des CNDP, der 'Nationale Kongress für die Verteidigung des Volkes', ist für die jüngsten Kämpfe in der Konfliktregion Nord-Kivu verantwortlich, vor denen seit August vergangenen Jahres 250.000 Menschen geflohen sind. Menschenrechtsbeobachter werfen Nkunda und seinen Rebellen schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor, darunter mehrere Massaker, systematische Vergewaltigungen und die Zwangsrekrutierung von Kindersoldaten.

In der schwierigen Gemengelage im Kongo ist Nkunda nur einer von vielen Spielern, die wechselnde Interessen verfolgen. Laurent Nkunda gehört zur Ethnie der Tutsi, die 1994 von der Mehrheit der Hutus im Nachbarland Ruanda massakriert wurde. Nkunda hatte es sich zur Aufgabe gemacht, diese Hutu-Milizen, die nach dem Völkermord in Ruanda in die Wälder des östlichen Kongo geflohen sind, aufzulösen. Bei der Verfolgung dieses Ziels hat der General zahlreiche Gebiete besetzt und an deren Rohstoffen sehr gut verdient. Als er im Jahr 2008 drohte, bis zur kongolesischen Hauptstadt Kinshasa zu marschieren und die dortige Regierung zu entmachten, hielten Beobachter diese Drohung für durchaus glaubwürdig. So mächtig war Nkunda inzwischen.

Vier Millionen Tote

Die Festnahme des Generals erfolgte für alle Beobachter überraschend. Nkunda gilt als Vertrauter von Paul Kagame, dem Präsidenten des Nachbarstaates Ruanda. Doch nun wurde der General ausgerechnet auf ruandischem Territorium festgenommen. Rebellengeneral Nkunda erfuhr scheinbar innerhalb weniger Wochen einen unerwarteten Machtverlust, nachdem sich die bislang verfeindeten Regierungen von Ruanda und Kongo auf ein gemeinsames militärisches Vorgehen geeinigt haben. Dieser Vorstoß galt jedoch ursprünglich nicht Laurent Nkunda und seiner Rebellenarmee, sondern ausgerechnet dem erklärten Feind Nkundas, den Hutu-Milizen des FDLR. Der FDLR ist ein Bündnis von Angehörigen der Hutu-Ethnie, die sich 1994 am Völkermord an den Tutsi in Ruanda beteiligt haben und dann in den östlichen Kongo geflohen sind, und deren Nachkommen.

Die Geschichte und die Ursachen dieses Konflikts sind auch für Experten unübersichtlich. Seit 1994 ist Ruandas Armee gemeinsam mit anderen Nationen zwei Mal in den Kongo einmarschiert, um die Hutu-Milizen des FDLR aufzulösen, der noch immer damit droht, wieder in den Kongo einzufallen. Den immer wiederkehrenden Gefechten im Kongo sollen seit 1994 bis zu vier Millionen Menschen zum Opfer gefallen sein. Seit dem Friedensabkommen im Jahr 2002 führen anstelle der ruandischen Armee die Rebellen des heute 41-jährigen Nkunda den Kampf gegen die FDLR. Kongos Präsident Kabila hatte Ruanda immer wieder vorgeworfen, Nkunda direkt zu unterstützen und so den Friedensprozess in der Region zu unterlaufen. Aus Ruandas Hauptstadt Kabila kam stets der Vorwurf, die kongolesische Armee kooperiere mit den Hutu-Milizen des FDLR. Die Gräben zwischen den Präsidenten Kabila und Kagame sind tief.

Die Vereinten Nationen sind machtlos

Als Laurent Nkunda im August 2008 eine heftige Offensive gegen die FDLR und die kongolesische Armee anführte, eskalierte der Konflikt erneut. Die humanitäre Situation im östlichen Kongo, vor allem in der Provinz Nord-Kivu, nahm katastrophale Ausmaße an, doch die internationale Gemeinschaft war unfähig zu intervenieren. Und das, obwohl die 17.000 Mann starke UN-Truppe Monuc im Kongo stationiert ist. Nicht einmal Friedensgespräche zwischen den verfeindeten Parteien kamen zustande. Alexander Stroh, Experte für die Region am GIGA Institut für Afrika-Studien, urteilt: "Die Internationale Gemeinschaft beweist im Kongo militärisch vollkommenes Versagen."

Wie machtlos die Vereinten Nationen vor Ort sind, hat Ruanda der Welt nun wieder vor Augen geführt, als es gemeinsam mit dem Kongo die Karten selbst in die Hand nahm. Die Außenministerien beider Länder haben sich scheinbar auf ein gemeinsames Vorgehen gegen den FDLR geeinigt. Anfang der Woche marschierte ein Kontingent von 3500 ruandischen Soldaten in den Kongo ein, offiziell auf Einladung des Kongos als so genannte Beobachtergruppe. Tatsächlich waren es aber die Ruander, die anstelle der hoffnungslos überforderten Armee des Kongos, den Kampf gegen die Hutu-Milizen führten.

Während dieser Aktion ist es offenkundig zum Bruch zwischen dem CNDP von Laurent Nkunda und der ruandischen Regierung gekommen. Da die Kämpfe unter anderem in von Nkunda besetzten Gebieten stattfanden, mussten Nkundas Soldaten plötzlich den bisherigen Feind, die kongolesische Armee, passieren lassen. Die Mehrheit von Nkundas Getreuen fügte sich offenbar dem Befehl aus Ruanda. Nkunda selbst suchte mit dem verbliebenen Teil seiner Truppe die Konfrontation mit der kongolesischen und ruandischen Armee. Als Nkunda unterlag und nach Ruanda floh, wurde er festgenommen. Sein bisheriger Verbündeter Kagame hatte ihn fallengelassen.

"Kein Grund zur Euphorie"

Experten sind sich uneins, wie diese Entwicklungen zu bewerten sind. Alexander Stroh, Experte für die Region, sieht "eine Chance zum Wandel, aber keinen Grund zur Euphorie." Seiner Einschätzung nach, hat die ruandische Regierung auch weiterhin Interesse daran, ihren Einfluss im Kongo zu wahren. Bislang hatte es sich Kigali vorbehalten notfalls im Kogo militärisch zu intervenieren, sollte die kongolesische Regierung das FDLR-Problem nicht lösen und weiterhin mit der FDLR zusammenarbeiten. Eine vollkommene Auflösung des FDLR käme Ruandas Regierung nicht unbedingt gelegen

Gleiches gilt für Nkundas CNDP: Mit den kongolesischen Provinzen, die der Rebellengeneral bislang besetzt hielt, herrschte ein reger Handel. Viele Rohstoffe, des an Bodenschätzen reichen Kongos, wurden über Ruanda ausgeflogen. Experte Alexander Stroh: "Ruanda ist der entscheidende Machtfaktor in der Region. Man muss jetzt abwarten, was Präsident Kagame vor hat."

Auch die Zukunft des bis vor kurzem so mächtigen Generals Nkunda ist zunächst ungeklärt. Ein Pressesprecher der kongolesischen Armee ging im Gespräch mit der englischen BBC davon aus, dass Nkunda an die Behörden des Kongo übergeben wird. Zugleich wird darüber spekuliert, ob Nkunda dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag übergeben werden könnte. Zu den dokumentierten Menschenrechtsverletzungen unter Nkundas Befehl gehört unter anderem die Ermordung von 160 Deserteuren in der Stadt Kisangani im Jahr 2002 und die Besetzung der Stadt Bukavu. Nachdem Nkundas Soldaten die Stadt im Osten des Kongos eingenommen hatten, hielten die Morde und Vergewaltigungen über Tage an