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Annektierte Halbinsel Was die Explosionen auf der Krim (für den weiteren Kriegsverlauf) bedeuten

Saky, Ukraine. Am Strand steigt Rauch nach einer Explosion auf.
Saky, Ukraine. Am Strand steigt Rauch nach einer Explosion auf.
© Uncredited/Anonymous/AP / DPA
Ein PR-Desaster, Sicherheitsrisiko und verlustreicher Schlag: Die Explosionen am russischen Militärflughafen Saky auf der Krim sind ein Fiasko für Russland. Aber eins nach dem anderen.

Als gesichert gilt zu diesem Zeitpunkt wenig, außer: Humor haben sie, die Ukrainer, sofern sich das in diesen humorlosen Zeiten überhaupt sagen lässt.  

Es hat gekracht auf der Krim, der von Russland annektierten Halbinsel. Und zwar gewaltig. Videos zeigen, wie Strandbesucher das Weite suchen, nachdem es am Dienstag zu mehreren Explosionen am russischen Militärflughafen Saky gekommen ist. Die Zerstörung ist offenbar enorm, wie aktuelle Satellitenbilder zeigen.

Hat die Ukraine dem Aggressor einen schweren Gegenschlag verpasst? Russland bestreitet das, ohne jedoch die Explosion zu leugnen. Stattdessen führt das Verteidigungsministerium mutmaßliche Verstöße gegen die Brandschutzbestimmungen ins Feld, als sei es völlig normal, wenn ein wichtiger Militärstützpunkt im großen Stil Feuer fängt.

Auch die Ukrainer wollen sich nicht ins Blatt schauen lassen, dementieren einen Angriff – versehen mit dem Hinweis, dass man in der Nähe von explosivem Material nunmal nicht rauchen sollte.

Hinter der hämischen Pointe steckt womöglich ein Militärmanöver von großer Tragweite: Die Ukraine könnte nun jene großangelegte Gegenoffensive ins Werk gesetzt haben, die schon seit Längerem erwartet wird (lesen Sie hier mehr dazu). 

Viele Fragen, wenige Antworten – aus Gründen

"Dieser russische Krieg gegen die Ukraine, gegen das ganze freie Europa, hat mit der Krim begonnen und muss mit der Krim enden, mit ihrer Befreiung", sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nach der Explosion auf dem Luftwaffenstützpunkt am Dienstagabend. Man wolle mit Blick auf die nächste Heizperiode "maximale Maßnahmen" ergreifen, "um den aktiven Teil des Krieges bis Ende Herbst zu beenden", sagte sein Stabschef nur einen Tag später.

Ganz gleich, was hinter den Detonationen auf dem Militärflughafen steckt, die Schäden auf russischer Seite sind offenkundig groß. 

Entgegen der Darstellung Moskaus zeigen Satellitenbilder die Zerstörung mehrerer Kampfjets. Das renommierte US-Institut Institute for the Study of War (ISW) zählte am Donnerstag mindestens acht abgebrannte Flugzeuge, Kiew gar ein Dutzend. Russland hingegen hält an der Version fest: Ein Brand aufgrund von Fahrlässigkeit habe Munition zur Explosion gebracht, und keine Militärtechnik.

Ein Unfall gilt jedoch als unwahrscheinlich. Experten gehen von einem ukrainischen Raketeneinschlag aus. Unklar ist bisher, von welchem Absender. Präsidentenberater Mychajlo Podoljak deutete an, dass möglicherweise Partisanen beteiligt waren. Die "Washington Post" berichtet, ukrainische Spezialeinheiten hätten den Angriff verübt. Während einem Bericht der "New York Times" zufolge ein ranghoher Militär bestätigt haben soll, dass die ukrainischen Streitkräfte den Angriff verübt haben.

Allein: Wie konnte dieser Schlag gelingen?  

Seit Jahren brüstet sich Moskau damit, dass die Krim eine "uneinnehmbare Festung" sei, etwa wegen der starken Flugabwehr, aber auch Experten halten die Schwarzmeer-Insel für leichter zu verteidigen als anzugreifen. Darüber hinaus liegt der Militärstützpunkt Saky rund 200 Kilometer entfernt von den Stellungen der ukrainischen Armee – einer Distanz, für die es entsprechendes Geschütz bedarf. 

So hat die bisher (offiziell) gelieferte Munition etwa für die Himars-Mehrfachraketenwerfer jedoch nur eine Reichweite von 80 Kilometern. Es wird spekuliert, ob die USA nun auch weitreichendere Munition geliefert haben – eine entsprechende Angabe fehlt auf einem aktuellen Lieferschein. Beobachter halten auch den Einsatz von selbstentwickelten Waffen der Ukraine für denkbar.

Derzeit gibt es mehr Fragen als Antworten. Und das soll offenkundig so bleiben. Der ukrainische Präsident Selenskyj rief nun alle Behördenvertreter zu Verschwiegenheit auf. Sie sollten sich mit Kommentaren zur militärischen Lage zurückhalten, um Operationen nicht zu gefährden, forderte er in seiner Videoansprache am Freitag.

Das deutet darauf hin, dass Kiew eine gewisse Unklarheit darüber bewahren möchte, wie der mutmaßliche Angriff stattgefunden hat – wohl nicht zuletzt in der Hoffnung, den Erfolg wiederholen zu können. 

"Auf jeden Fall macht es die Russen nervös"

Für Russland ist die annektierte Schwarzmeer-Halbinsel von strategisch großer Bedeutung. Sie dient als Transport- und Logistikzentrum, Tausende Soldaten wurden über die Krim verlegt, um die Stellungen in der Südukraine zu verstärken.

Auch vor diesem Hintergrund könnte der mutmaßliche Raketenangriff der Ukraine ein Wendepunkt bedeuten, meinen Experten.

Krim-Explosionen: “Dieser Schlag hat Russland schwer getroffen“

Justin Bronk, Analyst beim Thinktank Royal United Services Institute, geht davon aus, dass die russische Luftwaffe fortan "weniger Vertrauen in ihre Fähigkeiten zum Schutz der Streitkräfte innerhalb von mehreren Hundert Kilometern von der Frontlinie" haben wird. Die Folge: Es müssten "mehr Truppen, Ausrüstung und Anstrengungen zum Schutz ihrer Luftwaffenstützpunkte" aufgewendet werden, die dann an anderer Stelle fehlen würden, sagt Bronk zum "Guardian".  

"Auf jeden Fall macht es die Russen nervös", sagt der Militärexperte Gustav Gressel zum ZDF. Sollte die ukrainische Seite tatsächlich in Besitz von Raketen mit höherer Reichweite sein, wären "eine ganze Reihe von Luftwaffenstützpunkten, von Nachschublagern, von Eisenbahn-Knotenpunkten" angreifbar. Die russische Seite müsse sich nun Gedanken machen, wie sie diese schützt. Das binde Kapazitäten.

Der Krieg erreicht die Köpfe

Und es würde auch dem russischen Narrativ widersprechen, die "Militär-Operation", wie der Krieg in Russland genannt werden muss, verlaufe "streng nach Plan". Schon jetzt dürfte der offenkundige Verlust von zahlreichen Kampfjets – und vielleicht sogar Piloten – ein PR-Desaster für Moskau darstellen, das vergleichbar ist mit dem Untergang des Raketenkreuzers "Moskau" oder dem Fiasko bei einer Flussüberquerung in der Ostukraine, das verheerende Folgen für die russischen Streitkräfte hatte.

Die weitaus größere Sorge könnte der Kreml allerdings in den russischen Kreml-Strandurlaubern sehen, die Zeugen der Explosionen wurden und den Krieg nun in ihren Köpfen tragen – und nach ihrer hastigen Flucht, von der Videos zeugen, womöglich ins ganze Land. Schon jetzt gehen Clips von mutmaßlichen Betroffenen viral

Es verwundert daher kaum, dass eine russische Vergeltungsaktion nach dem mutmaßlichen Angriff auf Saky bislang ausgeblieben ist. Offenkundig hält Moskau lieber an der Erzählung fest, es habe sich um einen Unfall gehandelt – statt der ukrainischen Seite einen bedeutsamen Militärschlag zuzugestehen, der die eigenen Truppen als angreifbar und verwundbar erscheinen lassen würde. 

Friedensgespräche rücken weiter in Ferne

Dass die Ukraine möglicherweise zum Gegenschlag im größeren Stil ausgeholt hat, dürfte eine Verhandlungslösung jedoch in weiter(e) Ferne rücken lassen: Beide Seiten gehen davon aus, dass sie Geländegewinne erzielen können.

"Als jemand, der viele Jahre Friedensverhandlungen geführt hat, kann ich nur sagen: Verhandlungen in der gegenwärtigen, akuten Kriegsphase scheinen mir nicht zielführend", sagt die ehemalige OSZE-Diplomatin Heidi Tagliavini zum "Spiegel", die jahrzehntelang in Konflikten mit Russland vermittelt hat. Der Zeitpunkt dafür sei noch nicht gekommen. "Wir sind noch in einer Phase, in der eine Partei ein Land erobern will und das andere sich verteidigt. Es gibt keine Gesprächsbereitschaft", so Tagliavini.

Tatsächlich ist ein Ende der Kampfhandlungen nicht absehbar. Eine Videobotschaft an russische Krim-Reisende könnte nun auch als Andeutung verstanden werden, dass die Ukraine Ziele auf der Halbinsel ins Visier nimmt.

"Wir raten unseren geschätzten russischen Gästen, die ukrainische Krim nicht zu besuchen", heißt es in dem Clip des ukrainischen Verteidigungsministeriums, "sofern sie keine unangenehm heißen Sommerferien wünschen." Kein Sonnenschutzmittel schütze vor den "gefährlichen Auswirkungen des Rauchens in nicht zugelassenen Bereichen".

Keine Pointe.


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