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Lateinamerika: Die Rache der Armen

Nach Jahrzehnten der Diktatur in Lateinamerika haben die jungen Demokratien große Hoffnungen geweckt. Doch das Elend der Massen blieb. Nun setzen sie auf die Linke. Deren Parolen können nicht radikal genug sein.

Von Joachim Rienhardt

Das Paradies liegt in greifbarer Nähe, und Ollanta Humala behauptet, er kenne den Weg. Der ehemalige Offizier der peruanischen Armee reitet auf einem Pferd auf die "Plaza de Armas" des Kolonialstädtchens Huancavelica, 3680 Meter hoch in den Anden. "Hier kommt der Kommandant der Armen," begrüßt ein Sprecher den 42-Jährigen mit der schnittigen Kurzhaarfrisur. Der winkt mit einem federbesetzten Strohhut, schwingt sich auf die Bühne, greift zum Mikrofon: "Wir werden dieses Land umkrempeln. Wir sind eine reiche Nation. Und wir werden dafür sorgen, dass dieser Reichtum zu uns allen kommt."

Korrupte ins Gefängnis werfen

Solche Sprüche hört man gern in einer Region, die vor 500 Jahren mit ihren unerschöpflich scheinenden Silber- und Goldvorkommen die spanischen Eroberer lockte, heute aber zu den ärmsten des Landes zählt. "Wir werden unsere Bodenschätze nicht länger von internationalen Konzernen plündern lassen, die hier nicht einmal Steuern zahlen", poltert Humala. Er nennt das seine "nationalistische Botschaft". "Wir sind Nationalisten", ruft er und streckt dabei drohend seinen Zeigefinger in den Himmel. Die Landwirtschaft will er stärken, wenn er erst einmal Präsident Perus ist, die Polizei und das Militär. "Und dann werden wir alle Korrupten ins Gefängnis werfen."

Ein Viertel sind Analphabeten

Humala ist "das neue Gesicht mit Elan und Mut". So steht es auf den Handzetteln, die seine Helfer im Publikum verteilen. Seine Zuhörer harren aus, obwohl gerade ein heftiger Platzregen niedergeht. Hier, in der Sierra, wo mehr als die Hälfte der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt, hat Humala bis zu 50 Prozent Gefolgschaft.

Drei von zehn Kindern sterben im kargen Hochland der Anden an Unterernährung, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreichen. Viele fliehen in der Hoffnung auf ein besseres Leben in die Hauptstadt, wo sie dann doch nur die Slums bevölkern, die sich täglich weiter den Berg hinaufziehen. Ein Viertel der Erwachsenen sind Analphabeten, ebenso viele sprechen nur die Indiosprache Quechua, viele verstehen Spanisch nur dürftig. Aber sie klatschen, als Humala brüllt: "Wir schicken die Imperialisten nach Hause."

Peru könnte sich Revolte anschließen

Kann Humala sein Programm durchsetzen, wäre Peru das siebte Land, das sich der Revolte Lateinamerikas gegen Globalisierung, Neoliberalismus und den Einfluss der US-Regierung anschließt, die Hugo Chávez in Venezuela 1999 mit seinem überwältigenden Wahlsieg eingeläutet hat.

Aufstand gegen Eliten

"Es ist ein Aufstand gegen die herrschenden Eliten der Vergangenheit. Gegen die Militärdiktaturen und gegen die Politiker vermeintlich demokratischer Regierungen, die die Länder jahrzehntelang ohne Scham ausgenommen haben", sagt der Venezolaner Roberto Briceño, einer der führenden linken Sozialwissenschaftler Lateinamerikas. In Bolivien beispielsweise wurden im Zuge der Privatisierungen Firmen für wenig Geld an private Unternehmer überschrieben. Es genügte die Zusage, den Betrieb zu modernisieren. Eingehalten wurde das selten.

Alle rufen nach dem starken Mann

In Peru, wo der bisherige Präsident Toledo mit seiner liberalen Marktpolitik jährlich sechs Prozent Wirtschaftswachstum erreichte, leben immer noch 50 Prozent der Menschen von zwei Dollar pro Tag - so viel wie zu seinem Amtsantritt vor fünf Jahren. "Es ist eine paradoxe Situation. Wir haben mehr Demokratie und mehr Respekt vor den Menschenrechten", sagt Briceño. "Aber die Armut ist gewachsen, und die Ungleichheit zwischen Arm und Reich ist größer denn je." Die Menschen sehen sich als Verlierer der Globalisierung, konstatiert Carlos Toranzo, Wirtschaftswissenschaftler und politischer Analytiker aus La Paz. "Jetzt sagen alle: Wir wollen ein neues Modell, rufen nach dem starken Mann. Die entsprechenden Kandidaten kommen jetzt und versprechen: Wir machen es anders."

Dominanz der "kupferhäutigen Rasse"

So wie Ollanta Humala, der vor gut fünf Jahren als Führer einer kleinen Militäreinheit eine Meuterei gegen den angeschlagenen Präsidenten Alberto Fujimori anzettelte. Dass er kein Programm hat und keine politische Erfahrung, scheint wenig zu stören. Im Gegenteil. "Ich war Soldat, ich bin kein Politiker", ruft der Napoleon-Verehrer unter Applaus über die "Plaza de Armas". Politisches Rüstzeug hat er allenfalls von seinem Vater Isaac, einem Rechtsanwalt und Linksfaschisten, der von der Dominanz der "kupferhäutigen Rasse" träumt. Vor sieben Monaten gründete der Sohn seine Nationale Partei und möchte die "Zweite Republik" zimmern. Er predigt die Heilslehre des Vaters von der Autarkie der Lebensmittelversorgung. "Die Globalisierer sind die neuen Kolonialherren", sagt er und preist die Einheit der Lateinamerikaner. "Wir leiden alle unter ihnen. Wir sind eine Familie. Wir müssen zusammenstehen."

Anti-CNN für neue Weltsicht

Wegen solcher Bekenntnisse hat ihn Venezuelas Präsident Hugo Chávez zum Freund und Bündnispartner ausgerufen. Chávez sieht sich als Wiedergeburt Simon Bol'vars, des Befreiers Südamerikas. Er träumt davon, einmal den gesamten Subkontinent zu regieren. Mit den Milliarden aus dem Ölgeschäft seines Landes finanziert er seine Allmachtsfantasien. Gründete die Fernsehanstalt Telesur, die von Feuerland bis Kuba als Anti-CNN seine Weltsicht unter die Leute bringt. Legte Pläne für die größte Erdgas-Pipeline der Welt vor, die auf rund 8000 Kilometer Länge den ganzen Kontinent durchziehen soll. Und überwies seinem Freund, dem argentinischen Staatspräsidenten Néstor Kirchner, 2,5 Milliarden Dollar, damit der seine Schulden beim internationalen Währungsfonds begleichen konnte.

Spenden für Sambaschule

Insgesamt, so eine Hochrechnung, belaufen sich Chávez' Solidaritäts-Ausgaben im Ausland auf 16 Milliarden Dollar, das Öl, das er zu Vorzugspreisen an Kuba liefert, mit eingerechnet. Um Punkte bei den Massen zu sammeln, spendete er einer Sambaschule in Rio 1,5 Millionen Dollar, die prompt beim letzten Karneval sämtliche Preise abräumte. Das Motto: "Soy loco por ti, América" - ich bin verrückt nach dir, Amerika.

Neuer Volksheld sorgt für Nahrung

Vielen gilt Chávez als Held. Keiner in Lateinamerika hat das Thema Armut stärker in seine Agenda aufgenommen als er. In Venezuela, wo eine kleine Elite 40 Jahre lang schamlos die Öl-Milliarden unter sich verteilte und die Masse im Elend verkommen ließ, hat er die größten Hoffnungen geweckt. "Ich hätte mir nie träumen lassen, dass es mir einmal im Leben so gut geht", sagt Flora Teresa Tortosa. Die 73-Jährige lebt in einem bescheidenen Häuschen in einem der riesigen Armenviertel von Caracas. In ihrem Wohnzimmer hängt ein großes Bild von Simon Bol'var. Im Schlafzimmer steht direkt neben dem Bild von Jesus Christus das ihres Präsidenten Hugo Chávez. Er hat ihre staatliche Rente auf rund 100 Euro pro Monat fast verdoppelt. Auch bei ihr im Barrio Isa'as Medina Angarita gibt es jetzt einen Gesundheitsposten, besetzt mit kubanischen Ärzten, und seit zwei Jahren kann sie sogar zur Schule gehen, um endlich richtig lesen und schreiben zu lernen. "Ich möchte weitermachen bis zum Abitur", sagt sie stolz und zeigt Kostproben aus dem Lebensmittelpaket, das sie alle drei Monate vom Staat geliefert bekommt: Nudeln, Mortadella, Öl, Sardinen, Milchpulver. "Der Präsident ist ein anständiger Mann. Er kümmert sich um uns", sagt sie und umschließt mit beiden Händen das Bild ihres Führers.

Die Linken aller Welt schauen auf Venezuela

Bei der Linken in aller Welt lösen Geschichten wie die von Flora Teresa Tortosa Euphorie aus. Revolutionstouristen reisen zu Tausenden in den Karibikstaat, um die Erfolge der 5. Republik zu bestaunen. Projekte wie die Kooperative "Fabricio Ojeda" im Stadtteil Catia am Rande der Hauptstadt bekommen jeden Tag Besuch von Delegationen. "Der Wechsel der Persönlichkeit hin zum Kollektiv ist der Beginn der Revolution", steht auf der Mauer am Eingang. Chávez hat für sechs Millionen Dollar eine Sanitätsstation hingesetzt und zwei Produktionshallen für Textilien und Schuhe für Kuba. "Die Augen der Armen aus aller Welt schauen nach Venezuela", sagt Käthe Reichel, langjährige Weggefährtin von Bertolt Brecht, die mit einer Gruppe von Gewerkschaftern auf dreiwöchiger Politreise ist. "Sehr modern", befindet die 80-Jährige die klobigen Halbschuhe, die für den Export nach Kuba bestimmt sind. "So ähnliche habe ich mir mal in Paris gekauft."

In den Fußstapfen von Che Guevara

Die Aufträge für die Kooperative kommen vom Staat, die Löhne ebenso. Dabei sind die rund 300 Arbeiter weit davon entfernt, kostendeckend zu arbeiten. Sie produzieren trotz der neuen Maschinen aus Brasilien nur 350 Paar täglich. Ein privatwirtschaftliches Unternehmen würde 1200 herstellen. Der Eifer, mit dem die Arbeiter zu den politischen Schulungen antreten, ist ebenfalls dürftig. Aber Alexis Mart'nez, ein Basisaktivist und zuständig für Ideologie, ist trotzdem zufrieden: "Wir wollen den neuen Menschen schaffen, wie ihn schon Che Guevara beschrieben hat. Das ist ein langer Prozess. Unsere Gesellschaft ist im Übergang."

Trotzdem blüht der Kapitalismus

Tatsächlich blüht in der "Bolivarianischen Republik" der Kapitalismus. Mit dem Öl macht Chávez mehr Geld denn je, vor allem mit dem Erzfeind USA. "Und dieses Geld verteilt er ohne jegliche staatliche Kontrolle", sagt der Soziologe Roberto Briceño. "Er baut einen Parallelstaat auf, die Institutionen sind abgemeldet. Alles hört auf sein Kommando." Seit den Wahlen im vergangenen Dezember, als die Opposition aus Protest von den Urnen fernblieb, ist das Parlament Teil seines Systems, die Zentralbank entmündigt, die Militärführung hört nur auf ihn. "Und die höchsten Instanzen der Justiz sind mit Gefolgsleuten besetzt", sagt Briceño. "Ein diktatorisches Regime. Aber alles unter der Maske der Legitimität."

Gegner-Liste im Internet veröffentlicht

Chávez selbst preist seine Verfassung, mit der er bei jeder Gelegenheit wedelt, als die demokratischste der Welt. Die Opposition konnte 2004 sogar Unterschriften zu seiner Abwahl sammeln. Die Namenslisten wurden allerdings im Internet veröffentlicht, die Chávez-Gegner standen damit am Pranger. "Viele, die nicht für ihn stimmten, wurden entlassen, haben keine Chance auf Arbeit beim Staat und sind von öffentlichen Zuwendungen ausgeschlossen", sagt Alejandro Plaz, Präsident der Wahlüberwachungsgruppe Sumate. "Es handelt sich hier nicht um klassische Diktatur mit Erschossenen und Entführten. Nur darum nimmt die Weltöffentlichkeit davon kaum Notiz."

Presse am Pranger

Mehrere Journalisten sind derzeit wegen Verunglimpfung des Präsidenten angeklagt, einer saß bis vor kurzem in Haft. Wann immer Hugo Chávez möchte, kann er sich persönlich ans Volk wenden und alle Sender gleichschalten. 177-mal war dies 2004 der Fall. Es kann bis zu sechs Stunden dauern. Seine Botschaften werden eindeutiger: "Es gibt kein Grau mehr. Es gibt nur noch Schwarz oder Weiß", sagt Chávez. "Wer nicht für mich ist, ist gegen mich."

Ohne Öl so arm wie Afrika

Jesuitenpater Luis Ugalde, 67, Rektor der Universidad Católica in Caracas, ist davon überzeugt, dass Chávez einst wirklich die Intention hatte, den Armen zu helfen. "Aber er ist unfähig, dies umzusetzen und unbelehrbar. Und in seiner Umgebung gibt es niemanden, der ihm zu widersprechen wagt", sagt der Priester. "Sein Projekt ist es, sich an der Macht zu halten. Das wird jeden Tag deutlicher." Er beklagt den Zerfall von Gesundheits- und Bildungswesen, den Kollaps der Infrastruktur und der Privatindustrie: "Tausende von Arbeitsplätzen sind verloren gegangen, und das Land lebt mehr als je zuvor vom Öl. Ohne Öl wären wir so arm wie Afrika", sagt Ugalde. "Gleichzeitig sind die Menschen abhängiger vom Staat denn je. So bindet der Präsident Leistungsempfänger an sein ideologisches Projekt, in dem Korruption schlimmer wütet denn je."

Gewalt im Armenviertel

Nur 15 Prozent der 90 000 offiziell vom Staat geförderten Kooperativen konnten die Arbeit überhaupt aufnehmen, weil ein Großteil des angewiesenen Startkapitals von insgesamt fünf Milliarden Dollar versickerte. Manche Offiziere werden reich in kürzester Zeit. Die so genannten nuevos ricos lassen sich in vornehmen Stadtvierteln nieder, bauen luxuriöse Haciendas, vor denen sündteure Neuwagen parken. Die Niederlassungen von BMW und Mercedes verzeichnen mit ihren Nobelkarossen Umsatzrekorde, während die Bewohner der Armenviertel unter einer bislang nie erlebten Welle der Gewalt ächzen. Denn die Polizisten wollen am neuen Reichtum teilhaben und mischen im Drogenhandel mit.

Gewalt und Massendemonstrationen

Mit einem wochenlangen Generalstreik und Massendemonstrationen wollten Unternehmer und Mittelstand Chávez vor vier Jahren in die Knie zwingen. Mit ausländischen Spezialisten gelang es ihm, die Ölindustrie am Laufen und sich an der Macht zu halten. Heute ist die Opposition in Venezuela uneiniger denn je. Obwohl die Probleme immer offenkundiger werden.

Täglich sterben jugendliche Bandenmitglieder

Im Stadtteil der 73-jährigen Flora Teresa Tortosa etwa bringen sich jugendliche Bandenmitglieder am helllichten Tag gegenseitig um. Selbst bei Beerdigungen kommt es zu Schießereien unter verfeindeten Banden. Die Zahl der Morde stieg seit Chávez' Amtsantritt vor sieben Jahren von 4000 auf 13 000 im Jahr 2004. Seither werden keine Zahlen mehr veröffentlicht. "Probleme werden totgeschwiegen", sagt Luis Ugalde. "Oder aber Chávez kreiert Feinde, um davon abzulenken und sich dann ins Zentrum des Widerstands zu stellen."

Groll auf USA schüren

Natürlich kommt der Feind von außen, vornehmlich aus den USA, und Chávez tut alles, um den Groll über den verhassten Nachbarn im Norden zu schüren. Luiz Inácio da Silva, der Präsident Brasiliens, lächelt darüber. Lula ruft den Paten des Linksrucks höchstens zur Mäßigung auf, wenn der Bush mal wieder als "irrsinninigen Massenmörder" bezeichnet. Brasiliens Wirtschaft profitiert davon, wenn die Dominanz der USA beschnitten wird. Überdies macht Lulas Waffenindustrie bei der Aufrüstung Venezuelas gute Geschäfte. Evo Morales, seit 22. Januar Präsident Boliviens, ist noch empfänglicher für Chávez' Parolen. Compañero Evo, der Indio, der sich aus bitterster Armut an die Macht geboxt hat, der edle Wilde, der sogar zum Empfang von Königen im Pullover erscheint, hat kein Öl, um seine Revolution zu befeuern. "Es ist eine gefährliche Allianz. Sie wird die Tragödie des Unrechts und der Benachteiligung vertiefen", sagt Ugalde. "Chávez mit seinem Öl kann sich Fehler erlauben. Bei Morales hingegen besteht keine Relation zwischen den Erwartungen der Menschen und den Mitteln, die er zur Verfügung hat. Und je mehr er Emotionen schürt, desto weniger ist vernünftige Wirtschaftspolitik möglich."

Brot aus Cocablättern

Für seine Antrittsreise rund um den Globus wurde Morales von Chávez nicht nur mit einem Flugzeug ausgestattet, sondern bekam auch gleich 30 Millionen Dollar für Sozialprojekte und 150 000 Fass Dieselöl monatlich zum Vorzugspreis. Jetzt will er sogar Brot mit Mehl von Cocablättern backen. Auch ihm schickt Fidel Castro Ärzte und Hundertschaften von Lehrern zur Alphabetisierung.

Nach 500 Jahren Unterdrückung Herrschaft des Volkes

"Wir brauchen einen guten Start und frühe Erfolge", sagt Román Loayza, 50, ein enger Freund und Weggefährte von Evo Morales, Mitbegründer der Partei "Movimiento Al Socialismo" und Chef des mächtigen Gewerkschaftsverbandes der Campesinos, die mit ihren wohlorganisierten Streiks das Land nach Belieben lahm gelegt haben. "Wenn wir das erste Jahr überstehen, haben wir es geschafft. Dann folgen nach 500 Jahren Unterdrückung 500 Jahre Herrschaft des Volkes. Das ist die Idee."

Don Evo als Führer aller Indios

An der Tür zu seinem Büro hängen Plakate für den Stopp des Freihandelsabkommens mit den USA: "Ein anderes Amerika entsteht." Auf seinem Tisch steht die bolivianische Flagge, an die er die Fahne der Indios mit den bunten Vierecken geheftet hat. Er bastelt daran, das nationale Symbol zu ändern und mit den indianischen Elementen zu versehen. Den Namen des Landes möchte er in "Multinationale Sozialistische Republik Bolivien" ändern, und Don Evo soll der Führer aller Indios Lateinamerikas werden. "Wir werden auch für den ganzen Kontinent eine eigene Währung haben. Wir wollen nicht weiter abhängig sein von Euros oder dem Dollar der Yankees, der uns die Marktgesetze diktiert." Die Währung soll "Bolivarianos" heißen. "Das ist mein Traum", sagt der Gewerkschaftsboss. "In fünf Jahren werden wir mit dem neoliberalen Modell aufgeräumt haben. Und zwar nicht nur hier, sondern in ganz Lateinamerika."

Hektischer Aktivismus

Compañero Evo eilt morgens meist schon vor fünf Uhr im Audi A 6 mit Motorradeskorte in den Präsidentenpalast. "Aber man hat den Eindruck, dass er nicht weiß, was er tun soll", sagt Ulrich Goedeking, Bolivienexperte, der gerade für die Friedrich-Ebert-Stiftung einen Bericht über die Krisensituation verfasst. "Die Ansprüche an ihn sind hoch, und sie kommen von unterschiedlichsten Gruppierungen. Er braucht dringend Geld, um sie zu befriedigen."

Demonstrationen vor dem Büro

Durchs Bürofenster von Morales' Freund Román Loayza im vierten Stock im Zentrum von La Paz dringt der Lärm der Straße. Draußen finden gerade die ersten Demonstrationen seit der Wahl statt: Lehrer, die mehr Unterrichtsmaterial fordern. In der tropischen Region bei Cochabamba haben Minenarbeiter erstmalig wieder eine Straße blockiert. "Ein paar Trotzkisten werden immer gegen uns sein", winkt Loayza ab. "Wir wissen sehr wohl, dass wir die Armen einbinden und um Rat fragen müssen, sonst haben wir verloren. Dann passiert uns das Gleiche wie den Regierungen zuvor."

Viele träumen von Miami

Noch ist es ruhig in El Alto, der tristen Ansiedlung von Landflüchtlingen, die seit Jahrzehnten mit ihren Träumen auf der unwirtlichen Ebene oberhalb von La Paz stranden, 4000 Meter über Normalnull. Knapp eine Million Menschen, viele träumen von Miami, von Reichtum. Sprachinstitute gibt es fast an jeder Ecke: "Englisch in vier Monaten". Die meisten können nicht leben ohne die Überweisungen ihrer Angehörigen, die den Sprung nach Spanien oder in die USA geschafft haben. Doch neuerdings wachsen auch die Träume vom bescheidenen Wohlstand im eigenen Land.

Eisenbahn, Fluglinie und Telekom am Boden

Wenn Abel Mamani, der Präsident der Nachbarschaftsorganisation Fejuve zum 15-Kilometer-Marsch Richtung Zentrum rief, kamen die Massen. Jetzt hat ihn Morales zum Wasserminister ernannt. Seine Leute erwarten von der neuen Regierung weit mehr als nur bezahlbares Wasser, Gas und Anschluss ans Abwassersystem. Evo hat erst mal den Mindestlohn auf rund 100 Dollar erhöht. "Die Mittel holen wir uns aus den Bodenschätzen, die unser Land hat", sagt Antonio Peredo, 60, ein alter Guerillakämpfer, der zwei Brüder an der Seite von Che Guevara verloren hat und jetzt als Senator Boliviens Geschicke mitbestimmt. "Aber es wird ein langer Prozess. Alles ist von den Neoliberalen zu Tode gewirtschaftet. Die Eisenbahn, die Fluglinie, die Telekom. Es wird ewig dauern, bis wir die Teile, die der Neoliberalismus übrig gelassen hat, wieder zusammengesetzt haben." Aber er hat Hoffnung, dass es klappt, anders als zu Che Guevaras Zeiten. "Damals hatten wir ein klares Ziel, Disziplin und die richtige Ideologie. Das Einzige, was uns fehlte, war das Volk", sagt er. "Heute ist das Volk auf unserer Seite, und es wird im letzten Moment vorm großen Streik zurückschrecken."

Im Juli neue Verfassung in Bolivien

Bis Juli, bis zur Verabschiedung der neuen Verfassung, werde es ruhig bleiben, vermutet der Schriftsteller Juan Claudio Lech'n, 50, einer der namhaftesten politischen Analysten des Landes. "Aber frühestens Anfang kommenden Jahres wird es mit der Ruhe vorbei sein." Lech'n erwartet heftige Auseinandersetzungen zwischen den Gewerkschaften und der Staatsmacht, dem Militär, der Polizei, paramilitärischen Gruppen, die Morales-Freund Loayza derzeit gerade aufbaut.

"Evo Morales ist kein Demokrat, und er wird nie ein Staatsmann sein", sagt Lech'n. "Er wird die Demokratie nur dazu benutzen, sich für lange Zeit an der Macht einzunisten. Wie Castro oder sein Vorbild Chávez." Der möchte nach eigenen Aussagen bis 2032 im Amt bleiben, um seine Bolivarianische Republik aufzubauen.

Projekt Paradies in Peru

Auch Ollanta Humala hat viel Zeit einkalkuliert, um sein Projekt vom Paradies in Peru zu vollenden. Er legt seine rechte Hand auf die Brust und verkündet, es sei in fünf Jahren nicht zu schaffen, den Scherbenhaufen der Vorgänger aufzuräumen. "Wir brauchen mindestens 20 Jahre", ruft er über die "Plaza de Armas". Er selbst wolle höchstens fünf Jahre im Amt bleiben, fügt er vorsorglich hinzu. Dann müsse er sich um die Erziehung seiner zwei kleinen Töchter kümmern.

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