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Mord an Theo van Gogh: Tödliche Fehleinschätzung

Mohammed Bouyeri, Mörder des niederländischen Publizisten Theo van Gogh, steht in Amsterdam vor Gericht. In einer dreiteiligen Serie berichtet stern.de über die fatale Fehleinschätzung des niederländischen Geheimdienstes, der ihn für ungefährlich hielt.

Von Albert Eikenaar und Uli Rauss

Am Tag vor dem Attentat taucht ein Mitbewohner des Täters unter. Ein junger Fundamentalist, Marokkaner, Nouredine al Fathni heißt er. Wie der Mörder hat er selbst ein Testament als Märtyrer verfasst. Er plante selbst ein spektakuläres Attentat, knapp fünf Monate zuvor, beim Eröffnungs-Bankett der Fußball-Europameisterschaft in Portugal. Ermittler glauben, dass er und zwei Mittäter den damaligen Regierungschef Jose Manuel Barroso töten wollten. Sie wurden festgenommen und kamen wieder frei, die Beweise reichten nicht. Nouredine al Fatnih weiß, was sein Freund und Vermieter in Amsterdam vor hat. Also verschwindet er.

Am Tag des Attentats taucht der Mentor des Täters unter. 45 Jahre alt, Syrer, "Scheich Abu Khaled" nennen ihn seine Anhänger, Riduan al Issa heißt er. Er kennt den Koran auswendig, hat Charisma, Autorität, wenn er spricht, kleben die Blicke der jungen Anhänger an seinen Lippen. Er leitet ein Terrornetzwerk in Holland mit Verbindungen nach London, Spanien, Deutschland, Marokko, Pakistan, in die Schweiz. Er schickt Jugendliche in den Heiligen Krieg nach Tschetschenien, einen 16-jährigen etwa, und freut sich, dass der später in Holland Anschläge auf das Parlament und das Kernkraftwerk Borselle vorbereitet. Am Tag des Attentats hat er sich nach Brüssel abgesetzt. Sechs Stunden später sitzt er in einem Flugzeug der Fluggesellschaft Onurnair nach Athen, in Istanbul verliert sich die Spur von Abu Khaled.

Sieben Schüsse und eine durchschnittene Kehle

Am Morgen des 2. November 2004 ist der Attentäter allein. 26 Jahre alt, Niederländer, marokkanische Eltern. Mohammed Bouyeri möchte als Märtyrer in die Geschichte eingehen. Der bärtige Mann im weißen Langhemd wartet im trüben Nebel auf der Linnaeusstraat in Amsterdam auf den Filmemacher Theo van Gogh, 47. Als das Opfer herbeiradelt treffen sieben Kugeln den Körper, Van Gogh fällt vom Rad, fleht um Gnade. Laut Obduktionsbericht wird dann "seine Kehle mindestens zweimal bis zur Halswirbelsäule durchschnitten". Der Mörder sticht mit einer Machete in den Rumpf, rammt dann ein Messer und einen mehrseitigen Brief in den Bauch. Er steht auf, tritt den Sterbenden, wischt sich mit einem Tuch das Blut von den Händen und lädt, ganz ruhig, seine Pistole nach. "Das kannst Du doch nicht machen", sagt ein Zeuge, der den Mord wie gelähmt beobachtete. "Warum nicht? Er hat das so gewollt", sagt Mohammed Bouyeri. Er droht dem Zeugen, geht durch einen Park, schießt aus sieben Metern einem Polizisten in die kugelsichere Weste, wird selbst ins Bein getroffen und überwältigt. "In mein Bein", sagt er, vorwurfsvoll und enttäuscht, dass er weiterleben muss.

Nun steht dieser Mörder vor Gericht. Während der Untersuchungshaft hat er sich "auf mein Schweigerecht" berufen. Und darauf beharrt er auch im Prozess. Vorgeworfen werden ihm unter anderem: Mord, versuchter Mord an einem Polizisten, illegaler Waffenbesitz, versuchter Totschlag an Passanten und "Zerrüttung der politischen, konstitutionellen, wirtschaftlichen, sozialen Strukturen der Niederlande". Letzteres bezieht sich auf den Schrecken, den Terror, den seine Tat verbreitete.

Ein Mord verändert das Land

Der Mord an Theo van Gogh hat die Niederlande schockiert. Der provokante Publizist starb, nachdem er in einem Kurzfilm mit Koranversen auf nackter Frauenhaut die Unterdrückung von Frauen im Islam kritisiert hatte. Sein Mörder und dessen Umfeld sind keineswegs soziale Außenseiter, wie zunächst vermutet wurde. Er ist Niederländer marokkanischer Herkunft, spricht fließend niederländisch, hat Betriebsinformatik studiert und als Sozialhelfer gearbeitet – und ist zum islamistischen Fanatiker geworden. Der Prozess wird zeigen, dass Bouyeri nicht allein agierte. Er fungierte als Stratege, Organisator und Quartiergeber einer Terrororganisation mit internationalen Verbindungen. Seine Tat machte mit einem Mal klar, dass der Terrorismus längst auch in einem Land eingenistet war, das lange berühmt war für liberale Ausländerpolitik und wo nun aus Rache Moscheen angezündet wurden.

Der Mord von Mohammed Bouyeri hat die Niederlande verändert. Heute hat der Inlandsgeheimdienst AIVD 500 zusätzliche Mitarbeiter, der Etat wurde um 135 Millionen Euro aufgestockt. Das Strafgesetzbuch stellt nun auch "terroristische Verschwörung" und damit das Planen von Anschlägen unter Strafe. Vor Gericht sollen künftig auch Ermittlungsergebnisse der Geheimdienste verwendet werden, ohne dass sie publik werden. Innenminister Johann Remkes verlangt eine tägliche Meldefrist für Terrorverdächtige, und er sagt: "Wir müssen unsere V-Männer in Moscheen, Bürgerhäuser, Internetcafés, Schulen, öffentliche Dienststellen schicken, überall hin, wo potenzielle Täter sich bewegen. Die Niederlande muss über ihren eigenen Schatten springen und akzeptieren, dass die Privatsphäre verletzt werden kann und muss - für die Sicherheit der Bürger." Der Prozess gegen den Mörder von Theo van Gogh dürfte zeigen, dass zahllose Pannen und Fehler der Ermittler die Tat erst ermöglicht haben. Der Drahtzieher und gefährliche Verdächtige sind entkommen, obwohl die Fahnder sie kannten, ihre Telefonnummern hatten, sie observierten. Mehr als ein Dutzend weitere Verdächtige aus dem so genannten "Hofstad-Netz" warten in Untersuchungshaft auf ihr Verfahren.

Mohammed Bouyeris Vater wanderte in den 60er Jahren nach Holland ein, er spricht gebrochen niederländisch, die Beine sind kaputt von harter Arbeit. Mohammed wächst mit drei Schwestern und einem Bruder behütet auf. 1994 verläßt er die Mondriaan-Realschule mit guten Noten, seine Lehrer sehen in ihm einen viel versprechenden jungen Mann, einen "Positivo", wie sie hier in Amsterdam Neu-West sagen. An der Fachhochschule in Diemen studiert er Informatik. Gleichzeitig wendet er sich der Jugendarbeit im Ausländerviertel Overtoomse Veld zu, geht mit Kindern ins Kino, organisiert Fußballspiele und Leseabende für Jugendliche. Er ist einer, an den sich auch die Älteren wenden, weil er mit Stadträten und Sozialarbeitern reden kann und sich auskennt in den bürokratischen Verästelungen des niederländischen Wohlfahrtssystems. "Hallo, liebe Leser. Ich bin neues Redaktionsmitglied dieses Blattes und möchte mich kurz vorstellen", schreibt er 2002 in der Stadtteilzeitung "Over´t Veld". "Mein Name lautet Mohammed Bouyeri. Alter 24 Jahre. Seit meiner Geburt wohne ich im Overtoomse Veld Noord. Ich will mich für die Lebensqualität hier einsetzen."

Die Radikalisierung der Integrierten

Seit einer Weile ist auch Abu Khaled in Holland. Er reiste 1995 aus Damaskus mit falschen Papieren nach Frankfurt aus, beantragte Asyl und lebte mit Unterbrechungen mehrere Jahre im sauerländischen Olsberg. In Aachen wurde er mal mit Drogen festgenommen. In Holland lebt er in einem Asylantenheim in der Provinz Drenthe, im Örtchen Borger. Er besorgt sich einen Computer, ein Fahrrad, lernt schnell niederländisch und bereist das Land. Er besucht Asylantenheime und muslimische Gemeinden und versucht, Jugendliche und junge Männer an sich zu binden. Er lehrt sie, nach den strengen Regeln des Islam zu leben. Dieser immer ruhig und freundlich auftretende Mann ist ein islamistischer Wanderprediger. Er gehört zur extrem radikalen Gruppe Takfir Wal Hijra und vertritt ein unerbittlich-salafistisches Weltbild, das keinen Raum kennt für Andersdenkende. Er hat sich zur Aufgabe gemacht, die westliche Gesellschaft von innen heraus zu zerstören. In Borger, Den Haag, Amsterdam rekrutiert er bald ein Netz treuer Anhänger. Einen Jugendlichen nimmt er als Sohn auf, gibt ihm in einer Zeremonie von der Muttermilch seiner Frau zu trinken, die aus Surinam stammt.

Der charismatische Abu Khaled beeindruckt auch Mohammed Bouyeri in Amsterdam. Er lässt den Prediger schon bald bei sich wohnen, wenn der nach Amsterdam kommt. Abu Khaled erkennt das Potenzial des intelligenten jungen Mannes, und er beeinflusst ihn. Bouyeri setzt sich für den Umbau von Sozialwohnungen in der Hart Nibbigstraat ein und fordert von der Baugesellschaft, Frauen müssten von draußen direkt in die Küche kommen könne, ohne von Gästen im Wohnzimmer gesehen zu werden. Das wird abgelehnt. Er entwickelt Pläne für ein Jugendzentrum – und erfährt, dass es dafür kein Geld gibt. Ihm wird eine Stelle als Verwalter im Bürgerhaus des Stadtteils angeboten, und als er nicht durchsetzen kann, dass Frauen und Männer dort getrennt empfangen werden, lehnt er den Job ab. Bei Treffen mit Gemeindevertretern schreit er laut, es gebe nur den einen Gott, Allah. Bald trinkt er nicht mehr, tauscht Jeans und Turnschuhe mit Dschabella-Langhemd und Gebetskappe. Frauen gibt er nicht mehr die Hand. Den Imam seiner Moschee rügt er wegen einer gemäßigten Koran-Interpretation. Bouyeri wechselt mit etlichen anderen in die al-Tawhid-Moschee, wo Syrer und Algerier aus Deutschland und Frankreich lehren. Seine Wohnung in der Marianne Philipsstraat wird zum Treff für junge radikalisierte Moslems. Hier hält Abu Khaled Vorträge und leitet Gebete vor Besuchern, die teils zweimal pro Woche aus Den Haag anreisen. Es sind meist Jugendliche mit Vollbärten und Langhemden. Abu Khaled führt ihnen Videos vor, die für den Heiligen Krieg werben. Auf einem ist zu sehen, wie Tschetschenen einen russischen Soldaten zwischen zwei Autos binden und ihn zerreißen.

Lesen Sie in Teil 2 - Im Visier von V-Männern, wie der niederländische Inlandsgeheimdienst auf die Gruppierung aufmerksam wird.