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Obama-Merkel-Treffen: Prima Klima verzweifelt gesucht

Fast ein halbes Jahr hat es gedauert, bis Angela Merkel einen Termin im Weißen Haus bekommen hat. Nun trifft sie auf einen Barack Obama, dem Deutschland suspekt ist: zu nörgelig, zu zögerlich, zu diffus. Die Kanzlerin will wohl auch deshalb gegen den Präsidenten punkten: mit dem Dauerstreitthema Klimapolitik.

Von Katja Gloger

Wurde aber auch Zeit. Eigentlich hätte sie ja schon vor drei Monaten zum Schnupperbesuch fahren sollen. Ein erstes Tête-a-Tête mit Mr. President, dem wichtigsten Mann der Welt, dazu ein paar werbewirksame Fotos im Oval Office. So will es das politische Ritual, fast schon erinnert es an die Royals: Der neu gewählte US-Präsident empfängt Freunde, Alliierte bei sich zu Hause - und an der Reihenfolge der Besucher konnte man ablesen, wer gerade die besondere Gunst des Präsidenten genießt. Oder aber: Wen man zappeln lässt.

Im März also, zwei ziemlich lange Monate nach Barack Obamas Amtsantritt, hätte Angela Merkel nach Washington reisen können, schon wurden mögliche Termine gestreut. Doch offenbar konnte - oder wollte - sich der Präsident nicht ausreichend Zeit für die Dame aus Deutschland nehmen. Merkel jedenfalls blieb zu Hause. Man sprach per Videoschaltung miteinander. Jetzt, im Monat Fünf der Ära Obama, waren eigentlich schon alle zu Besuch - selbst der Präsident von Costa Rica hatte einen Termin.

Jetzt also, endlich, die Kanzlerin. Gerüchte um Verstimmungen und transatlantische Probleme schmettert man in Berlin ab: Angela Merkel sehe sich nicht in einem Sympathie-Wettstreit. Man verfolge Interessen, die Dame sei auf Geschäftsreise. Und außerdem habe man sich innerhalb eines Jahres ja schon viermal getroffen, beinahe ein Rekord. Man tut also ganz cool in Berlin. Aber man ist es nicht. Denn schon immer wurde das deutsch-amerikanische Verhältnis bestimmt von der Chemie zwischen Präsident und Kanzler, von einem persönlichen Verhältnis zum mächtigsten Politiker der Welt.

Mit Bush konnte Merkel gut

Ach, wie nett es doch war mit George W. Bush. Mit dem musste sie zwar vorsichtig umgehen, wollte nicht zuviel Nähe zeigen (Irak-Krieg, Folter, Guantanamo), doch George W. erwies seiner "Freundin", wie er sagte, alle nur erdenklichen Ehren. Ausgedehnte Treffen, lange Mittagessen, sogar ein Privatbesuch auf der Ranch in Texas, da briet der Präsident ihr die Hamburger höchstpersönlich. Und stets schien es, als sei Bush aufrichtig begeistert von ihrem Aufstieg zur Macht: Ihre Ost-Biografie entsprach seinem Weltbild von der ewigen Sehnsucht nach Freiheit. Er konnte gut mit ihr, mit einer starken, bloß nicht zu fraulichen Frau, ein bisschen gestreng-belehrende Mama, viel Kumpel. Kein Wunder, dass er ihr die verspannten Schultern massieren wollte. Spätestens damals, in St. Petersburg, wurde klar: Er hatte das Machtprinzip Merkel nicht verstanden.

Sie wusste ja, sie hatte ihn im Griff. Bush würde keine politischen Zugeständnisse von ihr verlangen - er wollte ja selbst keine geben, etwa in Klimafragen. Sie wusste mit ihm umzugehen, schließlich ist auch George W. Bush nur ein Mann, ein "Swagger", wie es im Englischen heißt: ein bisschen aufschneiderisch, ein bisschen Prahlhans eben. Für sie sind das bekannte Verhaltensmuster, ein bisschen Eitelkeit und viel Gerangel um die Macht. Diese Wege hatte Angela Merkel noch immer durchkreuzt.

Doch dieses Mal ist es anders. Barack Obama, das wurde Anwesenden schon nach der ersten, eher kühlen Begegnung der beiden im Kanzleramt im vergangenen Juli klar, ist eine andere Kategorie. Seine eigene Geschichte ist unschlagbar, sie bewegt Millionen, sie fasziniert, über kulturelle, religiöse, soziale Grenzen hinweg. Ihre Ost-Biografie ist klein dagegen.

Vor allem aber: Dieser Mann scheint sich den herkömmlichen Kategorien von Politik in Männerwelten zu entziehen. Er rangelt nicht um die Pole-Position. Er macht noch nicht mal anzügliche Witze.

"Hab ich Dich gekriegt, du Mistvieh"

Er ist vielmehr so cool, so beherrscht, dass er während eines Fernsehinterviews eine Fliege fängt, auf seinem Arm zerquetscht, mit elegantem Fingerschnippen auf den Boden wirft. "Hab ich Dich gekriegt, du Mistvieh", den Kameramann auffordert: "Film das!" und sich ungerührt Detailfragen zur Regulierung des Finanzmarktes zuwendet. "Wo waren wir stehen geblieben?"

"Knallhart" sei der, hieß es nach dem ersten Meeting mit Merkel im Kanzleramt im vergangenen Jahr. Da war Obama noch lange nicht Präsident. Schon damals klang eine Menge Respekt mit - aber auch Sorge. Dieser Mann hat höchstens Zeit für rudimentäre Höflichkeiten. Dann kommt er zur Sache. Offiziell ist man zwar noch im "Zuhör-Modus", wie es im Weißen Haus heißt. Doch in Wahrheit fordert man Entscheidungen. Und man glaubt, dass die Deutschen nicht genug für die gemeinsame Sache tun. "Obamas Popularität in Europa führt nicht zu konkreter Unterstützung für Amerikas Politik", kommentiert das Magazin "Newsweek" bissig.

Der Mann ist eisenhart, ganz Business, nie zeigt er seine Sympathien, und manchmal agiert er an der Grenze zur Unhöflichkeit. Neulich, in Dresden, musste man ihm den gemeinsamen Besuch in der Frauenkirche, das Treffen mit Merkel, regelrecht abringen, heißt es. Obama war nicht wegen ihr nach Deutschland gekommen. Er wollte ein ehemaliges Konzentrationslager besuchen. Es war eine Botschaft an Israel und das politische Establishment in den USA, nach seiner Rede in Kairo. Wie kein anderer beherrscht Obama die Macht der Bilder, wie kaum ein anderer kontrolliert er die Botschaft. Berlin? Keine Zeit für diesen Zwischenstopp. Merkel? Brauchte man eigentlich nicht. Sie kriegte 35 Minuten unter vier Augen. Selbst die anschließende Pressekonferenz dauerte länger. Und wie zum Ausgleich für die Brüskierung hatte er einen Tag später, zu Besuch in Frankreich, keine Zeit für ein Dinner mit Frankreichs Präsident Sarkozy. Er führte seine eigens eingeflogene Gattin Michelle lieber zum romantischen Diner am Eiffelturm aus.

Bush wollte CEO sein, Obama ist es

Obamas Vorgänger George W. Bush redete immer nur davon, er wolle wie ein CEO, ein Vorstandsvorsitzender, regieren. Barack Obama aber ist der CEO. Der US-Präsident müsse eine große Führungsfigur sein, "a great leader". Das hatte er schon gesagt, bevor er überhaupt seine Kandidatur erklärte. Und seine Politik beschreibt er selbst als "rücksichtslos pragmatisch".

Die ewig vorsichtigen Deutschen passen nicht in dieses neue Schema. Die Kanzlerin sage nicht Ja und sie sage nicht Nein, heißt es in Washington. Zu diffus, zu taktisch scheint das der so erbarmungslos auf Effizienz getrimmten Obama-Mannschaft. Der Chef will verwertbare Ergebnisse, "commitment". Echtes Engagement.

Das aktuelle Symbol für diese Hinhaltepolitik ist Guantanamo. Waren es nicht die Deutschen, die mit moralischer Entrüstung gefordert hatten, das Lager zu schließen? Aber jetzt, da es geschlossen werden soll, führen sie seit Monaten eine würdelose Diskussion darüber, ob Deutschland ein paar Gefangene aufnimmt. Zeigen mit dem Finger auf die USA, die nähmen ja selbst keine. Und müssen sich dabei von der pazifischen Miniinsel Palau vorführen lassen, die mehrere Gefangene aufnehmen will. Von Frankreichs Sarkozy, der öffentlich ankündigte, einen Insassen aufzunehmen, und sogar von Italiens Weiberheld Berlusconi, der entschied: Wir nehmen drei!

Das zweite Beispiel: Das Krisengebiet Afghanistan/Pakistan, "AfPak" im amerikanischen Polit-Slang. In Washington weiß man, dass Deutschland keine weiteren Soldaten dorthin schicken wird, auch nicht in den gefährlichen Süden. Man weiß, das ist politisch nicht durchsetzbar. Aber die Deutschen könnten sich noch mehr bei der Ausbildung von Polizisten engagieren. Warum müssten die USA mehr als Hälfte der Kosten für den Unterhalt von Flüchtlingslagern in Afghanistan und Pakistan tragen? Und warum machten die Deutschen nicht mehr Druck auf Pakistan, fragt auch Richard Holbrooke, Obamas Sondergesandter für Afghanistan und Pakistan. "Wir brauchen Ihre Unterstützung, wir brauchen ihren vollen Einsatz."

"Deutschland will immer irgendwie mitmachen"

Dazu das großkoalitonäre Kompetenzgerangel. Mal wird Außenpolitik im Auswärtigen Amt formuliert, mal im Kanzleramt. Tapfer versuchen US-Diplomaten, Signale zu deuten, Wege im Nebel der Andeutungen zu finden. "Deutschland will immer irgendwie mitmachen", klagt ein Spitzendiplomat. "Aber führen will Deutschland nicht." Und schon tun sich transatlantische Gräben auf.

In dieser Woche aber will Angela Merkel punkten, zumindest ein bisschen. Und hat sich dafür den Streit um die Klimapolitik gesucht. Obama werde seinem wichtigen Wahlversprechen nicht gerecht, den Klimawandel rasch zu bekämpfen, heißt es, die CO₂-Reduzierungsziele seien zu niedrig. Und die Obama-Regierung wolle sich nicht auf einen Weltklimavertrag verpflichten, der im Dezember in Kopenhagen verabschiedet werden soll. Gerade hat der US-Senat ein Klimagesetz verabschiedet, 932 Seiten lang. Zu wenig Substanz, mahnen die Kritiker. Immerhin ein Anfang, beschwichtigen die Obama-Leute.

Und dann die Weltfinanzkrise. Da hatte sich Obama beim großen G-20-Treffen in London offiziell für Amerikas Fehler entschuldigt. "Ja, wir tragen die Verantwortung", hatte er zur Überraschung der Anwesenden zugegeben, stärkere Regulierung und Kontrolle versprochen.

Jetzt macht Amerika Schulden, dass es kracht: mit 13 Prozent des Bruttosozialprodukts ist das Haushaltsdefizit so groß wie noch nie. Und die US-Konjunktur - bislang noch immer Motor der Weltwirtschaft - soll durch niedrige Zinsen angekurbelt werden. Viel billiges Geld führt zu Inflation, macht Geld weniger wert, baut damit Staatsschulden quasi von selbst ab. Außerdem halten niedrige Zinsen die eigene Währung schwächer - das wiederum verteuert Importe, etwa aus Deutschland. Konjunkturbelebung durch Inflation fordert auch der Nobelpreisträger für Ökonomie, Paul Krugman: "Eine maßvolle Inflation ist nicht unbedingt gefährliches Teufelszeug" sagte er jüngst dem stern. "Ein erwarteter Preisanstieg könnte die Menschen davon abhalten, ihr Geld zu horten. Das wäre sehr hilfreich."

Schlimmer könnte es für Angela Merkel kaum kommen

Schreckgespenst Inflation? Und das auch noch während des Wahlkampfes? Schlimmer könnte es für Angela Merkel kaum kommen. Sie hält die restriktive Zinspolitik der Europäischen Zentralbank gegen Amerikas Modell: hohe Zinsen sollen Inflation vermeiden, das historische Trauma der Deutschen, der Europäer. "Wir müssen zu einer Politik der Vernunft zurückkehren", sagt Merkel.

Anders als in Dresden nimmt sich Obama dieses Mal mehr Zeit. Eine Stunde im Oval Office, eine Pressekonferenz unter Rosen, dann noch ein anständiges Mittagessen. Angela Merkel kann sich nicht beklagen. Genug Zeit, um Barack Obama zu überzeugen, dass ihre Politik der Vernunft mehr bedeutet als ein Zaudern. Denn in seiner Welt zaudert man nicht. Und wenn es mit den Deutschen nicht geht, dann wird sich Barack Obama andere Partner suchen. Er ist eben "rücksichtslos pragmatisch".