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Ratingagentur droht mit Herabstufung: Deutschlands Top-Bonität in Gefahr

Die Ratingagentur Standard & Poor's hat Euro-Ländern mit Top-Bonitätsnote (AAA) eine Herabstufung angedroht. Gründe seien die politischen Dauerturbulenzen und die schwächere Konjunktur.

Von Christine Mai, Frankfurt

Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hat Deutschland und 14 weitere Euro-Staaten vor einem Verlust der Topbonitätsnote gewarnt. S&P bestätigte am Abend eine entsprechende Meldung der Financial Times. Bemerkenswert vor allem, dass die Agentur den Ausblick für die Ratings von Deutschland, Frankreich, Österreich, Finnland, Luxemburg und den Niederlanden - also den Ländern mit der besten Bonitätsnote AAA - auf "negativ" setzte. Als Grund führten die Bonitätswächter die sich verschärfenden politischen und wirtschaftlichen Turbulenzen in der Euro-Zone an, hieß es.

Die Ratingagentur begründete den Schritt am späten Montagabend damit, dass die Probleme in der Eurozone in den vergangenen Wochen ein Maß erreicht hätten, das die Zone als Ganzes unter Druck setze. S&P benannte auch das ihrer Meinung nach unkoordinierte und unentschlossene Handeln der Politiker als Grund für die Abwertung. Es gebe das Risiko, dass die Eurozone als Ganzes im kommenden Jahr in die Rezession rutsche, hieß es weiter. Die Wahrscheinlichkeit liege bei 40 Prozent. Für Staaten wie Spanien, Portugal und Griechenland geht S&P sicher von einem Wirtschaftsabschwung aus.

Euro fällt unter 1,34 Dollar

Der Schritt kommt zu einem heiklen Zeitpunkt: Bei einem EU-Gipfel Ende dieser Woche sollen weitreichende Reformen auf den Weg gebracht werden, mit denen die Staatsverschuldungskrise in der Währungsunion gelöst werden soll. In jüngster Zeit hatten sich Warnungen gehäuft, dass die Krise von den Peripherieländern der Euro-Zone auf den Kern überzugreifen beginnt. Länder wie Deutschland und Frankreich müssen das Gros der Kosten für die Rettung der kriselnden Staaten schultern.

Auch eine misslungene Auktion von deutschen Bundesanleihen war von einer Reihe von Beobachtern als Warnschuss betrachtet worden. Bei einer neuerlichen Emission deutscher Papiere am Montag war die Nachfrage jedoch wieder deutlich höher. S&P will die Überprüfung der Ratings der sechs "AAA"-Staaten so rasch wie möglich nach dem EU-Gipfel abschließen.

Der Euro fiel nach Bekanntwerden der Berichte unter 1,34 Dollar. Zuletzt notierte der Euro bei 1,3389 Dollar. Tagsüber habe die Hoffnung auf ein Eingreifen der Europäischen Zentralbank (EZB) vor ihrer Zinsentscheidung am Donnerstag der Währung noch geholfen, hieß es von Händlern. Die EZB hatte den Euro-Referenzkurs auf 1,3442 (Freitag: 1,3511) Dollar festgesetzt. Der Dollar hatte damit 0,7439 (0,7401) Euro gekostet. Auf dem US-Aktienmarkt sorgte die Drohung einer Herabstufung der Euro-Staaten - nach anfänglich positivem Handel - für neue Sorgen und Verunsicherung. Es handele sich um einen Weckruf für die europäischen Staaten und Banken, hieß es am Markt.

Merkel und Sarkozy demonstrieren Gelassenheit

Deutschland und Frankreich nahmen die S&P-Ankündigung, wie es hieß, "zur Kenntnis". Das teilten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy am späten Montagabend in einer in Berlin verbreiteten gemeinsamen Erklärung mit.

"Deutschland und Frankreich bekräftigen ihre Überzeugung, dass die heute von beiden Regierungen gemeinsam gemachten Vorschläge die haushalts- und wirtschaftspolitische Koordinierung der Eurozone stärken und so Stabilität, Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum fördern werden", hieß es in der Erklärung, die das Presse- und Informationsamt der Bundesregierung veröffentlichte. Beide Ländern seien "solidarisch in ihrer Entschlossenheit, gemeinsam mit ihren europäischen Partnern und den europäischen Institutionen alle notwendigen Maßnahmen zu treffen, um die Stabilität der Eurozone zu gewährleisten."

Urteil der Ratingagenturen sehr beachtet

Die großen Ratingagenturen werden immer wieder angegriffen; Kritiker werfen ihnen vor, mit ihren Ankündigungen und Herabstufungen die Krise zu verschärfen. Anleger maßen Entscheidungen und Warnschüssen der Ratingagenturen in den vergangenen Monaten extrem viel Bedeutung bei. S&P hatte vor knapp vier Wochen mit einer fehlerhaften Meldung über eine Herabstufung der Bonität Frankreichs die Kapitalmärkte weltweit durchgeschüttelt. Die Agentur verschickte eine Mail an Kunden, die nur den Schluss zuließ, dass das Pariser "AAA" hin sei. S&P musste den Irrtum offen eingestehen und begründete ihn mit einem Fehler im firmeninternen Computersystem. Seither wird eifrig spekuliert, wann Standard & Poor's Frankreich die Topnote entzieht.

mit Agenturen / FTD