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Sergej Schoigu Putins Krieg läuft nicht wie von ihm geplant. Seinen Sündenbock hat er schon gefunden

Sergej Schoigu, Verteidigungsminister von Russland
Sergej Schoigu, Verteidigungsminister von Russland
© Uncredited / Russian Defense Ministry Press Service / AP / DPA
Sergej Schoigu befehligt die russischen Truppen, steht als Verteidigungsminister also mit an vordester Front. Genau dort, wo es am gefährlichsten ist. Das bekommt er jetzt zu spüren.

Seit die Ukraine ihre Gegenoffensive gestartet hat, läuft die russische Invasion im Rückwärtsgang: Die Besatzer verlieren beinahe täglich Gebiete, Städte, Ortschaften. Charkiw, Isjum, Kupjansk, jetzt Lyman und die Region um Cherson – die Ukrainer sind auf Rückeroberungskurs. Eigentlich sollte der Donbass seit einer Woche der Russischen Föderation angehören. Doch wegen des resoluten Vormarschs der Ukrainer verschieben sich die Grenzen immer wieder. Auch das Ergebnis des Scheinreferendums vermag es nicht, sie zu stoppen. Da fällt es selbst Russland schwer, den Überblick zu behalten und am Ende weiß noch nicht mal mehr der Kreml, welche Gebiete er jetzt de facto beherrscht und welche nicht.

Mit der Teilmobilisierung kann Putin das Problem nicht lösen. Gerade deswegen laufen ihm die Leute buchstäblich weg, in Russland brodelt die Stimmung wegen der Rekrutierung und selbst politisch verliert er langsam den Rückhalt. Sowohl innen- als auch außenpolitisch. Die eigentlich als Blitzkrieg gedachte Invasion entpuppt sich zunehmend als russisches Desaster. Doch Putin selbst will natürlich nicht schuld sein. Der Kremlherrscher hat sich seinen Sündenbock wohl sogar schon ausgesucht.

Herhalten für die Verfehlungen, die sich Moskau seit sieben Monaten leistet, muss höchstwahrscheinlich Verteidigungsminister Sergej Schoigu. Ausgerechnet der Mann, der seit zehn Jahren eine der größten Armeen der Welt befehligt, die militärische Annexion der Krim organisierte und diese als "Friedenserhaltung" bezeichnete. Dafür erhielt er eine Verdienst-Medaille und wurde zusätzlich mehrfach "Person des Jahres". Zudem war er als Heerführer an den Einsätzen in Syrien, Georgien, Lybien und Armenien beteiligt. Angesichts dieser Erfahrungsgeschichte offenbar ein Grund für ihn, Ex-Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer als "Grundschülerin" abzustempeln.

Auch Privat hat es Schoigu in Russland weit gebracht. Den Sommerurlaub verbringt er regelmäßig mit dem Staatschef persönlich im südsibirischen Tuwa – Schoigus Heimatregion, wo sich der Ärger über die angeordnete Teilmobilmachung zuletzt in heftigen Protesten äußerte.

Putin lastet Schoigu Versäumnisse an

Doch Sommerfreundschaft hin oder her: Jetzt will Putin dem Verteidigungsminister offenbar an den Kragen. Ein hochrangiger Diplomat in Moskau prophezeite bereits: "Putin wird bald einen Sündenbock präsentieren müssen, um nicht selbst ins Fadenkreuz der internen Kritik zu geraten." Selbst das Institute for the Study of War weist in seinem aktuellsten Bericht darauf hin, dass Putin Schoigu für die Verfehlungen im Ukraine-Krieg verantwortlich macht. Schon jetzt würde sich Putin rhetorisch von seinem Verteidigungsminister distanzieren, heißt es in dem Bericht. So hatte Putin vor wenigen Tagen die Mobilisierung von Studierenden verschoben, "weil das Verteidigungsministerium es versäumt hat, den Gesetzesrahmen zeitnah zu ändern".

In Moskau kursieren derweil erste Gerüchte, dass Schoigu abgelöst werden könnte, während Vertreter des russischen Parlaments mit einer Vorladung des Verteidigungsministers liebäugeln. Und auch im Netz formiert sich Widerstand in Form von Militärbloggern aus der ultra-nationalistischen Ecke. Sie fordern bereits, dass die Militärführung ausgetauscht wird.

Dem Wunsch ist Putin nun nachgekommen, indem er drei der schärfsten Militärkritiker beförderte. Unter ihnen: Der tschetschenische Präsidenten Ramsan Kadyrow, auch bekannt als Putins "Bluthund". Er ist nun Generaloberst und hatte immer ein härteres Durchgreifen in der Ukraine gefordert – darunter auch den Einsatz von Atomwaffen "geringer Schlagkraft". Im Kreml wurde bereits der "heldenhafte Beitrag" Kadyrows zur Offensive in der Ukraine gelobt. Der tschetschenische Präsident beteiligt sich daran seit ihrem Beginn intensiv. Tschetschenische Einheiten kämpfen im Land an der Seite der russischen Streitkräfte. Darunter ist auch Kadyrows unter dem Namen "Kadyrowzy" bekannte berüchtigte persönliche Miliz. Kadyrow will auch drei Söhne zum Kämpfen in die Ukraine schicken.

Kann sich Schoigu noch retten?

Wie lange Sergej Schoigu noch die größte Armee der Welt befehligen darf, ist fraglich. Laut den ISW-Analysten wird Putin noch so lange mit seiner Entlassung warten, wie er den Verteidigungsminister für seine militärischen Verfehlungen verantwortlich machen kann. Zudem müsse Putin noch die Unterstützung aus anderen Fraktionen, wie dem ultra-nationalistischen Lager stärken.

Unterdessen versucht der Verteidigungsminister die Teilmobilisierung noch als Erfolg zu verkaufen. Es seien 200.000 von 300.000 Menschen eingezogen worden, hieß es zuletzt aus seinem Ministerium. Die Ausbildung solle auf 80 Übungsplätzen und in 6 Ausbildungszentren erfolgen. Auch zu der mangelhaften Ausrüstung an der Front äußerte sich der Verteidigungsminister. Die zuständigen Stellen seien angewiesen worden, den Rekruten die notwendige Kleidung und Ausrüstung zur Verfügung zu stellen und sie einzuweisen.

Experten des britischen Verteidigungsministeriums hatten zuvor noch von erheblichen Problemen berichtet. Russland sei nicht mehr in der Lage, ausreichend Ausrüstung und militärisches Training für die große Zahl an Rekruten bereitzustellen, hieß im täglichen Kurzbericht.

Die Meldungen dürften dem Verteidigungsminister auch in der russischen Bevölkerung einige Sympathiepunkte gekostet haben. Die Motivation, dem Aufruf Schoigus an die Front in die Ukraine zu folgen ist weiterhin gering, wie Medienberichte über flüchtende Russen zeigen. Aber ob ein anderer das Problem lösen kann, ist auch nicht gesagt. Dafür haben die jüngsten Enthüllungen über die Situation des russischen Militärs und an der Front gesorgt.

Quellen: Institute for the Study of War, nTV/RTL, mit Material von DPA

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