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Serie Teil 4: Von 1963 bis 1991: Der Aufstieg des Saddam Hussein

Die Baath-Partei kommt an die Macht. Ihre Ziele sind unklar, ihre Methoden umso rabiater. Saddam mordet sich an die Spitze von Partei und Staat. Er ist Modernisierer und Tyrann, führt mehrere Kriege und lässt sein Volk bitter leiden - bis heute.

Der junge Mann mit dem buschigen Schnauzbart hat sich ohne Zweifel um die Partei verdient gemacht. Als Angehöriger eines Mordkommandos feuerte er 1959 auf General Kassem, den Staatspräsidenten des Irak. Zwar überlebte der populäre Herrscher den Anschlag, und der Schütze musste nach Ägypten flüchten. Doch jetzt, vier Jahre später, hat ein Staatsstreich seine Baath-Partei an die Macht gebracht. Kassem wird als Hochverräter erschossen. Der Attentäter eilt aus dem Exil zurück, in Erwartung einer angemessenen Belohnung. Doch die Putschisten bieten Saddam Hussein nur einen Job in der Landwirtschaftsbehörde an. Das schmerzt.

Der Mann aus dem Städtchen Tikrit nördlich von Bagdad

schluckt seinen Ärger hinunter. Ganz pragmatisch dient er sich General Ahmad Hassan al Bakr an, einem der Drahtzieher des Putsches, der ebenfalls aus Tikrit stammt. Sehr schnell wird er dessen Leibwächter und Vertrauter. Doch bevor der ehrgeizige Aufsteiger mit dem bäuerlichen Akzent und der geringen Bildung noch weiter Karriere machen kann, zerbricht das Bündnis der halbwegs sozialistischen Baathisten und ihrer nationalistischen Mitverschwörer aus der Armee nach nur neun Monaten.

Der Präsident Salam Arif, einst ein enger Freund des gestürzten Kassem und nach dem Militär-Coup sein Henker, stützt sich auf die ihm ergebene Armee. Zwölf der Regierung angehörende Baath-Mitglieder werden entlassen und durch Offiziere ersetzt. Der 26-jährige Saddam geht wie viele Baathisten in den Untergrund. Er wird 1964 verhaftet, als er mit anderen Hitzköpfen einen dilettantischen Putsch plant: Präsident Arifs Flugzeug soll beim Start in Bagdad abgeschossen werden.

Während viele seiner Mitstreiter im Gefängnis böse

Torturen durchstehen müssen - einem Inhaftierten etwa schlagen die Folterer einen Nagel in den Rücken -, lebt Saddam erstaunlich gut hinter Gittern. So gut, dass heute ehemalige Mitstreiter argwöhnen, er habe sich zum Spitzel hergegeben. Im Juli 1966 gelingt ihm die Flucht. Mit zwei anderen Häftlingen überredet er - so die offizielle Saddam-Biografie - auf dem Transport zu einem Gerichtstermin seine Bewacher, mit ihnen in einem Restaurant Mittag zu essen. Sie entwischen zwischen Vorspeise und Hauptgang durch eine Hintertür. Dort wartet schon ein Wagen mit laufendem Motor. Wieder muss Saddam in den Untergrund.

Als er das nächste Mal auftaucht, sitzt er morgens um drei in der Uniform eines irakischen Armeeleutnants auf einem Panzer und hält eine Pistole in der Hand. Man schreibt den 17. Juli 1968, und die Baath-Partei putscht mal wieder. Ihr zweiter Anlauf ist kein richtiger Staatsstreich. Eine Fraktion der herrschenden Klasse schiebt bloß die andere beiseite. Präsident Arif ist 1966 bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen. Sein Bruder Rahman ist ein schwacher Präsident, der die Dinge schleifen lässt. Die Baath-Partei wirft der Regierung Versagen im Sechstagekrieg von 1967 vor, der mit einer bitteren Niederlage der Araber endet.

Als man dieses Mal zum nächtlichen Sturm

auf den Regierungspalast ansetzt, regt sich kaum Widerstand. Rahman Arif telefoniert mit den Garnisonschefs im Lande. Keiner will ihm helfen. Für den wenig widerstrebenden Präsidenten steht ein Flugzeug nach London bereit.

Von nun an wird die Baath-Partei die Macht mit niemandem mehr teilen. Eine neue Verfassung erklärt Irak zu einer Volksrepublik mit dem Ziel der Errichtung eines vereinten Arabiens und eines sozialistischen Systems. Ein Revolutionsrat hält alle Fäden in der Hand. An ein Parlament ist auch irgendwo gedacht, doch bis 1981 werden nicht einmal Schritte unternommen, es ins Leben zu rufen. Der starke Mann heißt, zumindest für den Augenblick, Hassan al Bakr, der General, der schon beim Putsch von 1963 eine führende Rolle gespielt hatte.

Sein Kettenhund ist Saddam Hussein. Diesmal kommt die Partei nicht mehr an ihm vorbei. Präsident al Bakr ernennt den 31-Jährigen zum Chef von Sicherheitsdienst und Parteiapparat. Damit sitzt Saddam an den Schaltstellen der Macht. Anfangs von der Öffentlichkeit wenig bemerkt, arbeitet er sich nach oben.

Bescheiden sitzt er in einer offenen Limousine neben Präsident al Bakr, als in Bagdad die erste große öffentliche Hinrichtung von "Staatsfeinden" stattfindet. Der Präsident nimmt die Ovationen seiner Anhänger entgegen, bevor 14 Männer aufgehängt werden, darunter neun irakische Juden. Rund um die Hinrichtungsstätte herrscht Volksfeststimmung. Die Regierung hat schul- und arbeitsfrei gegeben. Auf dem "Platz der Befreiung" picknicken Familien zwischen den Blumenrabatten. Von den Galgen baumeln noch die Opfer, als al Bakr eine flammende Rede hält: "Wir werden sie gnadenlos und mit stählerner Faust schlagen, diese Ausbeuter und Schurken der fünften Kolonne, die Handlanger des Zionismus und Imperialismus!"

Saddam stimmt nicht ein in die revolutionäre Rhetorik.

Makabre Spektakel dieser Art findet er zwar nützlich, "um dem Volk eine Lehre zu erteilen".

Doch hält er es als Pragmatiker der Macht mehr mit dem alten irakischen Sprichwort: "Friss deinen Feind am Mittag, damit er dich nicht am Abend frisst." Rücksichtslos eliminiert er echte Verschwörer, politische Gegner und mögliche Rivalen in der eigenen Partei. Mal stellt Saddam seine Opfer an den Pranger, bevor er sich ihrer entledigt. Meist aber geht ihre Eliminierung geräuschlos vonstatten: Unter Oppositionellen häufen sich Verkehrsunfälle und tödliche Herzattacken. Letztere, so Exil-Iraker, hervorgerufen durch das Einflößen von Thallium, einem hochgiftigen Schwermetall.

Wer mit dem Leben davonkommt, hat mit langjähriger Haft und systematischer Demütigung zu rechnen. Ein ehemaliger Ministerpräsident muss eine Schubkarre von Zelle zu Zelle schieben und die Toilettenkübel der Insassen einsammeln. Dazu hat der kultivierte Mann laut "Kacke, Kacke!" zu rufen - was, so wird berichtet, Saddam noch heute sehr amüsiert.

Vom Handlanger Al Bakrs wird Saddam Hussein

langsam zu dessen rechter Hand. Doch ist er klug genug, sich noch nicht mit dem Präsidenten anzulegen, der ein Vetter seiner Mutter ist. Saddam erweist sich als treuer Diener seines Herrn in den Kurden-Kriegen. Und er führt geschickt die delikaten Verhandlungen mit den Russen. Die Sowjetunion, größter Waffenlieferant des Irak, ist von der Verfolgung der Kommunisten im Lande und dem Krieg gegen die Kurden wenig angetan. Doch al Bakr und sein Emissär halten beide Konflikte so klein, dass die Sowjets damit leben können. Die Baath-Regierung sichert der kommunistischen Großmacht die Benutzung der irakischen Luftstützpunkte und die Unterstützung der sowjetischen Politik vor der UN zu. Dafür erklärt Moskau sich bereit, irakische Offiziere in ihren Militärakademien auszubilden und dem Land bei seinen Verstaatlichungsplänen zu helfen.

Gedeckt von der Sowjetunion, wagt die Baath-Partei das, so der Saddam-Biograf Con Coughlin, "wohl einzige wahrhaft revolutionäre Ereignis in der Geschichte des Irak": die Verstaatlichung des Öls. Am 1. Juni 1972 geht die Iraq Petroleum Company, das Konsortium mehrerer internationaler Konzerne, in Staatsbesitz über. Mit einem Schlag wird aus dem armen Irak eines der reichsten Länder der Welt. Der Architekt des Coups ist Saddam Hussein. Und die Multis können nicht mit einem Boykott zurückschlagen. Denn die Sowjetunion garantiert dem Irak, alle Überschüsse aus der Förderung aufzukaufen. Frankreich erklärt sich bereit, die Verstaatlichung zu akzeptieren, wenn es in der Zukunft irakisches Öl zu einem fest vereinbarten, niedrigen Preis kaufen kann. Der Irak jubelt und mit ihm die arabische Welt. Das Motto heißt: "Arabisches Öl den Arabern."

Saddam drückt es noch einfacher aus: "Unser Besitz gehört wieder uns." Sein Ansehen steigt enorm. Doch noch achtet er darauf, Präsident al Bakr nicht zu reizen. Noch ist Saddams Büro kleiner als das seines Chefs, noch reist er mit weniger Leibwächtern durchs Land. Zu jedem Problem fragt er pro forma seinen ehemaligen Mentor. In Wahrheit schlägt er längst eine Lösung vor und al Bakr nickt sie ab.

Die Ölkrise von 1973 vervierfacht den Ölpreis, und die Baath-Regierung schwimmt im Geld. Auch wenn das Regime die Menschen im Irak mit stalinistischen Methoden unterdrückt, ist es so populär wie nie zuvor und nie mehr danach. Denn zwischen 1973 und 1980 schiebt die Partei ein gewaltiges Entwicklungsprogramm an, das tatsächlich dem Volk zugute kommt. Die treibende Kraft hinter dieser Modernisierungswelle ist Saddam Hussein.

Um alles kümmert er sich selbst.

Er lässt Krankenhäuser, Schulen, Raffinerien und Eisenbahnen bauen. Das Elektrizitätsnetz erreicht die entlegensten Dörfer. Die Großgrundbesitzer werden teilweise enteignet. Bis 1976 sind mehr als 70 Prozent des staatlichen Landbesitzes an 222000 Bauern verteilt, die mit modernen Maschinen ausgerüstet werden. Die Baathisten schenken armen Familien Kühlschränke und Fernseher. Frauen wird der gleiche Lohn wie Männern garantiert, die Vielehe, wie sie der Koran erlaubt, wird erschwert, und Frauen erhalten das Recht, ihren Ehemann selbst auszusuchen.

Saddam schiebt eine Kampagne an, die landesweit Kurse im Lesen und Schreiben verbindlich macht. Seine Bildungsoffensive beeindruckt die Unesco so, dass sie ihm einen Preis für seine Verdienste im Kampf gegen das Analphabetentum verleiht. Saddam wäre nicht Saddam, wenn er nicht allen, die das kostenlose Angebot ausschlagen, eine Gefängnisstrafe androhte.

Und er wäre nicht Saddam,

wenn er nicht seine enorm gewachsene Popularität nutzte, um immer deutlicher aus dem Schatten al Bakrs zu treten, den er noch ein paar Jahre zuvor als "unseren Vater und Führer" bezeichnet hatte. Saddam lässt sich in den Zeitungen als glücklicher Familienvater beim Urlaub am Meer zeigen und legt Wert darauf, dass seine Frau Saijda fünf Kinder großzieht und dabei noch halbtags als Lehrerin arbeitet. Er geht gern auf die Fasanenjagd, ist ein Fan des gutbürgerlichen Barbecue - Spezialität Spare Ribs - und trinkt bevorzugt portugiesischen Rosè halbtrocken.

Die gleichgeschaltete Presse verbreitet unermüdlich den Mythos vom Aufstieg des kleinen Ziegenhirten zum Denker und Lenker. Ständig tritt Saddam im Fernsehen auf. Bis zu vier Stunden redet er dort über Bildung oder Familienplanung. Mehrmals pro Woche sitzt er an einer Hotline. Seine Mitbürger können ihre Sorgen und Nöte bei ihm loswerden. Saddam zeigt sich geehrt, wenn Eltern ihre Neugeborenen nach ihm benennen, aufstrebende Parteigenossen wiederum ahmen seinen Gang nach und seine Art zu reden. In den Köpfen aller Iraker soll sich festsetzen, was längst Realität ist: Ohne den großen Bruder aus Tikrit geht nichts mehr.

Dafür sorgt al Bakrs Vize auch anderweitig.

Jahr für Jahr drängt er mehr Baath-Genossen aus hohen Ämtern, wenn sie das Pech haben, nicht mit ihm verwandt zu sein oder nicht aus seiner Heimatstadt zu kommen. An ihre Stelle treten Schwäger, Vetter, Stiefbrüder oder alte Schulfreunde. Die Rolle der Partei schrumpft. Was zählt, ist die Zugehörigkeit zum Saddam-Clan. Nicht immer fördern die Blutsbande das intellektuelle Niveau des Regimes. Onkel Khairallah Tulfah etwa, lange Bürgermeister von Bagdad, verbricht einen Essay mit dem Titel: "Drei, die Gott nicht hätte schaffen sollen: Perser, Juden und Fliegen." Darin werden Perser als Tiere in Menschengestalt dargestellt, Juden noch schlechter.

Eingebettet in seinen Klüngel fühlt sich der inzwischen 42-jährige Saddam im Juli 1979 stark genug, endgültig die Macht an sich zu reißen. Der 64-jährige kränkelnde al Bakr wehrt sich kaum. "Aus Gesundheitsgründen" tritt er zurück und empfiehlt im Fernsehen mit warmer Stimme Saddam Hussein als den Besten für die Nachfolge im Amt des Präsidenten. Der Mann mit dem breiten Lächeln und den kalten Augen ist am Ziel.

Muhie Mashhadi, Generalsekretär des Revolutionären Führungskommandos, des höchsten politischen Gremiums im Irak, wagt die automatische Inthronisierung Saddams infrage zu stellen. Nicht mal eine Woche im Amt, ruft Saddam Hussein am 22. Juli ranghohe Mitglieder der Baath-Partei zu einer Sondersitzung zusammen. Zum Entsetzen der Versammlung tritt Mashhadi aufs Podium und beschuldigt Namen für Namen, Detail für Detail, über 60 der Anwesenden, sich wie er mit Syrien zum Sturz von al Bakr und Saddam Hussein verschworen zu haben. Saddam, im eleganten Einreiher, pafft während des Geständnisses ungerührt eine Zigarre.

Was die meisten im Saal nicht wissen: Mashhadi war zuvor gefoltert und vor die Wahl gestellt worden, die Namen zu nennen, die Saddam ihm vorgab - oder man würde seine Frau und seine Töchter vor seinen Augen vergewaltigen und umbringen, ihn selbst als israelischen Spion hinrichten. Mashhadi entschied sich für Kooperation.

Einer nach dem anderen werden die angeblichen

Verschwörer von Sicherheitskräften aus dem Saal geführt. Diejenigen, deren Namen nicht aufgerufen werden, überbieten sich in lautstarken Hochrufen auf den neuen Führer: Der bricht vor Rührung und Erschütterung über den Verrat in Tränen aus. Die ganze Versammlung tut es ihm gleich. Ein Sondergericht urteilt die Hochverräter ab. Für 21 heißt der Spruch: Tod durch Erschießen. Saddam hat sich für ihre Hinrichtung eine neue Variante ausgedacht, die "demokratische Exekution". Er zwingt linientreue Anhänger, ihre Genossen eigenhändig umzubringen. Saddam händigt jedem der Henker aus den Parteizentralen persönlich eine Schusswaffe aus. Die Exekutoren feuern angeblich "unter Beifallsrufen für das Wohlergehen der Partei, die Revolution und ihren Führer".

Unter den Toten sind neben Mashhadi Personen aus dem innersten Zirkel der Macht. "Die Tatsache, dass auch sehr enge Freunde so plötzlich und tödlich aus der Gunst fallen konnten, machte allen klar, von nun an würde keinerlei Opposition, weder inner- noch außerparteilich, mehr geduldet", so die Historiker Marion und Peter Sluglett. Ebenso klar ist allen Teilnehmern an der Hinrichtung, dass von jetzt an ihr eigenes Schicksal mit dem von Saddam Hussein unauflösbar verkettet ist.

Die Masse des irakischen Volks jedoch

haben die Schrecken von Saddams Diktatur noch nicht erreicht. Solange die Menschen ruhig sind, geht es ihnen dank der Ölmilliarden gut. Doch der Diktator hat Höheres im Sinn als nur die absolute Herrschaft im Irak. Schon in seinen letzten Jahren als Vize von al Bakr hat er das Land zu einer waffenstarrenden Militärmacht aufgerüstet. Er kauft Panzer, Kanonen und Mittelstreckenbomber von den Russen. Aber weil er nicht zu sehr von den Kommunisten abhängig sein will, sieht er sich auch im Westen nach Lieferanten um. Von den Franzosen bezieht er 40 hochmoderne Mirage-Kampfflugzeuge, 60 Kampfhubschrauber und die neuesten Boden-Luft-Abwehrraketen. Und er legt den Grundstein für das Waffenprogramm, das der Welt noch heute so viel Schrecken und Kopfzerbrechen bereitet. Saddam baut eine Industrie für chemische und biologische Kampfstoffe auf. Firmen aus Ost und West helfen ihm gern dabei; denn Saddam zahlt gut und pünktlich. Seine Absichten tarnt er mit der Erklärung, die Labors dienten zur Herstellung von Pestiziden oder Impfstoffen.

Auch der Atomreaktor Osirak, den er sich Ende der siebziger Jahre von den Franzosen bauen lässt, dient offiziell nur friedlichen Zwecken. Doch kurz nach der Unterschrift des Vertrags bekennt Saddam in einem Interview mit einem libanesischen Wochenmagazin: "Die Übereinkunft mit Frankreich ist der erste Schritt zu einer arabischen Atombombe." Paris ist so verschreckt, dass es den Vertrag mit einer Menge Sperrklauseln versieht, mit denen die Nutzung des Reaktors als Plutoniumquelle für eine Nuklearwaffe unmöglich gemacht werden soll. Auch Israel, das sich als mögliches Ziel eines Atomschlags durch Saddam sieht, reagiert: 1979 beschädigt ein Mossad-Kommando im Montagewerk Toulon mit einer Sprengladung die beiden Reaktorkerne für den Irak so schwer, dass sich ihre Fertigstellung um viele Monate verzögert.

Im Selben Jahr stürzt im Nachbarland Iran

der Schah. Der schiitische Ayatollah Khomeini ruft die Islamische Republik aus. Fundamentalistische Studenten stürmen die US-Botschaft in Teheran und nehmen das Personal als Geiseln. Der Westen ist tief besorgt - wie Saddam Hussein. Die islamische Revolution könnte auch auf den Irak mit seinem hohen schiitischen Bevölkerungsanteil überspringen.

Im Herbst 1980 greift Saddam die Quelle des Übels an. Offiziere des gestürzten Schahs haben ihm versichert, Khomeinis Iran sei eine leichte Beute, die Luftwaffe nur noch Schrott, die Armee ein demoralisierter Haufen. Die Großmächte versuchen kaum, dem Eroberer Saddam in den Arm zu fallen. Auch sie sind von seinem schnellen Sieg überzeugt und haben keine Sympathien für den Fanatiker Khomeini.

Doch die Offensive der Iraker läuft sich bald fest. Ein jahrelanger, blutiger Abnutzungskrieg beginnt. Der Iran gewinnt sogar die Oberhand. Er besetzt Teile des Mündungsgebiets von Euphrat und Tigris und bedroht Basra, die wichtigste Stadt im Südirak. Khomeinis Hauptwaffe sind schlecht bewaffnete Massenheere junger Freiwilliger, denen er das Paradies nach dem Heldentod verspricht. "Sie stürmten auf uns zu, wie eine Menge, die am Freitag aus der Moschee kommt. Bald feuerten wir nur noch in tote Männer hinein, die über den Stacheldrahtzäunen hingen oder von Minen zerfetzt am Boden lagen", erinnert sich ein irakischer Offizier.

Saddams Streitkräfte können dank moderner Technologie dem Iran standhalten. Aus der Wunderwaffe Atombombe ist zwar nichts geworden: denn die Israelis zerstören 1981 mit einem überraschenden Luftangriff den fast fertigen Reaktor Osirak. Doch die Rüstungsproduzenten der freien Welt versorgen den Irak mit allem, was gut und teuer ist. Franzosen wie Amerikaner stehen weitgehend verlässlich an Saddams Seite. Paris liefert weiterhin Mirage-Jäger und Exocet-Raketen. Washington kommt 1983 zu dem Schluss, die US-Interessen in der Golfregion würden beschädigt, falls der Irak zusammenbricht.

Also helfen sie großzügig mit Darlehen aus,

überlassen Saddam ihre Satellitenfotos und senden einen aufstrebenden Politiker nach Bagdad, um mit dem ehemaligen Feindstaat volle diplomatische Beziehungen aufzunehmen: Donald Rumsfeld, heute Verteidigungsminister der Vereinigten Staaten. Beglückt über den freundlichen Empfang durch den Diktator, "vergisst" Rumsfeld, Kriegsverbrechen durch den Irak anzusprechen, etwa den Einsatz von Giftgas gegen die Iraner und die aufständischen Kurden im eigenen Land.

Als der Krieg 1988 endet, weil ihn keine Partei gewinnen kann, hat er den Irak 120 000 Tote, über 300 000 Verletzte und Auslandsschulden in astronomischer Höhe gekostet. Am meisten haben die irakischen Kurden gelitten. Da sie auf Seiten des Iran für ihre Autonomie kämpfen, setzt Saddam gegen ihre Dörfer Zyanidgas ein, das er mit Hilfe deutscher Berater in seiner Chemiewaffenfabrik Samarra produzieren lässt. Über 5000 Menschen - Männer, Frauen, Kinder - sterben allein in der Stadt Halabja.

Das katastrophale Scheitern seines Eroberungskriegs

hindert Saddam nicht, sich seinem Volk als Sieger zu präsentieren. Bald schon wächst in Bagdad ein gewaltiger Triumphbogen in den Himmel. Er besteht aus zwei riesigen gekreuzten Krummsäbeln, die von zwei Fäusten aus Bronze gehalten werden. Für die siegreichen Fäuste werden Saddams Hände zum Modell genommen. Gleichzeitig beruft sich der große Feldherr auf das antike Erbe Mesopotamiens. Altbabylonische Könige werden mit großem Pomp in neue Grabmale umgebettet, und die neu errichteten Mauern tragen die Inschrift: "Das Babylon Nebukadnezars wurde in der Ära des Präsidenten Saddam Hussein wieder aufgebaut."

In Fleisch und Blut jedoch mischt sich der Nebukadnezar der Neuzeit immer seltener unter sein geliebtes Volk. Weil Saddam Angst um seine Sicherheit hat, verkriecht er sich in seine vielen Paläste, die er abwechselnd bewohnt. Seine Paranoia nimmt groteske Züge an. Wer ihn besucht, muss seine Hände unter Aufsicht in einem Lösungsmittel waschen, damit kein Gift daran kleben kann. Auf Reisen führt der Diktator stets seinen eigenen Sessel mit. An einer fremden Sitzfläche könnte ja jemand etwa eine tödliche Nadel oder einen kleinen Sprengsatz angebracht haben.

Trotz der Misere, die nach dem Iran-Feldzug

im Land herrscht, gibt Saddam seine Großmacht-Träume nicht auf. Nur zwei Jahre nach dem Ende des Irankriegs bedroht er Kuwait. Schon 1937 und 1961 dachten irakische Regierungen laut darüber nach, das Ölscheichtum heim ins Reich zu holen. In den Zeiten der Türkenherrschaft war es tatsächlich Teil der Provinz Basra gewesen. Saddam macht mit dieser Forderung ernst.

Auch jetzt ist er kein blinder Hasardeur. Die Sowjetunion ist zerfallen, die arabischen Staaten sind uneins wie immer. Die einzige Macht, die ihn an seiner Invasion hindern könnte, sind die USA. Kurz vor dem Angriff trifft Saddam die amerikanische Botschafterin in Bagdad. Er macht deutlich, dass der Streit mit Kuwait in einen militärischen Konflikt münden könnte und vergisst auch eine Drohung an die USA nicht: "Wenn Sie Druck ausüben, werden auch wir Druck und Stärke einsetzen. Wir können nicht alle zu Ihnen in die USA kommen, aber einzelnen Arabern könnte es gelingen."

Botschafterin April Glaspie hält Saddams Worte für verbales Säbelrasseln. Sie antwortet: "Wir beziehen keine Position zu arabischen Konflikten wie Ihren Grenzstreitigkeiten mit Kuwait." Saddam nimmt diese Antwort als Freibrief. Am 2. August 1990 marschieren seine Truppen im Nachbarland ein, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen. Der Sabah-Clan, der Kuwait seit Ewigkeiten autokratisch regiert, flieht gerade noch rechtzeitig. Das Scheichtum wird zur irakischen Provinz erklärt. Doch Saddam hat sich verkalkuliert.

Aufgeschreckt von der Aussicht,

der irakische Diktator könnte in Zukunft die Ölförderung der arabischen Halbinsel kontrollieren, und abgeschreckt durch die Brutalität, mit der Saddams Truppen bei der Besetzung Kuwaits vorgehen, lassen die USA ihren ehemaligen Freund fallen. Mit UN-Deckung zimmert Präsident George Bush sen. eine breite Koalition zusammen. Ihr gehören auch viele arabische Staaten an. Ein Ultimatum verlangt vom Irak, bis zum 15. Januar 1991 Kuwait zu räumen. Saddam lehnt es ab und ruft über Radio sein Volk zur "Mutter aller Schlachten" auf.

Am 17. Januar beginnt die Anti-Saddam-Koalition mit der Operation "Wüstensturm". Wenige Tage nach Beginn der Bodenoffensive haben die Alliierten einen durchschlagenden Sieg errungen. Kuwait ist befreit. Aufseiten der Alliierten sind knapp 400 Soldaten gefallen, die Iraker haben - vorsichtig geschätzt - 150 000 Tote zu beklagen. Der Weg nach Bagdad, wo die Medien noch immer von einem "Sieg über die amerikanischen Hegemoniebestrebungen" tönen, steht offen.

Die Tage des Despoten scheinen gezählt.

Von den Amerikanern ausdrücklich ermuntert, erheben sich die Kurden im Norden und die Schiiten im Süden. Doch die alliierten Truppen rollen nicht nach Bagdad. Bush befiehlt, den Vorstoß zu stoppen und die Kampfhandlungen einzustellen . Er und seine arabischen Verbündeten fürchten ein Auseinanderfallen des Iraks. Dies würde eine Stärkung des Irans und Instabilität in der Golfregion bedeuten. Also lässt man Saddam an der Macht und die Aufständischen im Stich. Der Pressesprecher des Weißen Hauses erklärt: "Wir haben nicht die Absicht, uns in die inneren Angelegenheiten des Iraks einzumischen." Bush tröstet sich und die Welt: "Saddam kann nicht überleben. Die Menschen haben ihn satt. Nun sehen sie ihn als den brutalen Diktator, der er ist."

Mit dem letzten Teil seines Statements behält der amerikanische Präsident Recht. Als hätte es den Golfkrieg nie gegeben, schlägt Saddam Hussein die Aufstände in Nord und Süd mit gewohnter Brutalität nieder. Schiitische Geistliche werden zu Hunderten erschossen. Viele Kurden versuchen, in die Berge zu fliehen. Saddams Schergen beweisen einmal mehr ihren Erfindungsreichtum. Sie bestreuen die Flüchtlingstrecks aus der Luft mit Mehl und versetzen sie so in höchste Panik: Die wehrlosen Zivilisten glauben, mit chemischen Kampfstoffen besprüht zu werden. Das Regime Saddam Husseins ist noch lange nicht am Ende.

Teja Fiedler / print