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US-Vorwahl: 500 Millionen Dollar für Wahlwerbung sind nicht genug – fünf Lehren aus dem "Super Tuesday"

Nach dem "Super Tuesday" zeichnet sich ein Zweikampf zwischen Joe Biden und Bernie Sanders um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten ab. Aber welche Erkenntnisse lieferte die wichtige Wahlnacht noch? Eine Zusammenfassung.

Joe Biden siegt am "Super Tuesday": Was das für Donald Trump bedeutet, erklärt unser stern-Korrespondent

Das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur der US-Demokraten verengt sich auf ein hart umkämpftes Duell zwischen Joe Biden und Bernie Sanders. Die beiden Rivalen schnitten am sogenannten "Super Tuesday", dem wichtigsten Tag der Vorwahlen, mit Abstand am besten ab. Vor allem der noch vor einer Woche abgeschriebene Ex-Vizepräsident Biden startete durch. Der 77-Jährige, der für das moderate Lager steht, feierte überraschend in den meisten der 14 Bundesstaaten, in denen am Dienstag abgestimmt wurde, wichtige Siege.

Doch auch der bisherige Spitzenreiter Sanders vom linken Parteiflügel fuhr mehrere Etappenerfolge ein. Der Kampf um die Nominierung verschärft sich damit immer mehr zum Richtungsstreit: Wollen die Demokraten die USA nach links rücken oder versuchen sie, mit einem Kandidaten der politischen Mitte bei der Präsidentenwahl im November den Republikaner Donald Trump aus dem Weißen Haus zu verdrängen?

"Super Tuesday": Erkenntnisse aus der Vorwahlnacht

Die Ausgangslage gestaltet sich nach dem "Super Tuesday" jedenfalls anders, als es viele Experten vorher vermutet hatten. Das betrifft auch einige der anderen (Ex-)Kandidaten im Rennen.

Fünf Lehren aus der wichtigen US-Vorwahlnacht:

1. Joe Biden ist plötzlich Favorit

Eigentlich galt Bernie Sanders als aussichtsreichster Kandidat für den "Super Tuesday" – doch der angeschlagene Joe Biden setzte alles auf eine Karte, nämlich die Vorwahl am vergangenen Samstag in South Carolina. Und es hat sich ausgezahlt: Nach der Primary in dem südöstlichen Bundesstaat und der ebenfalls erfolgreichen Superwahlnacht ist das Momentum plötzlich auf Bidens Seite – oder wie US-Medien schreiben: "Das Joementum ist echt!"

Die prominenten Abgeordneten und Gouverneure laufen deshalb bereits zu ihm über. Und schon in einer Woche wählen weitere Staaten, wo Biden Favorit ist: Missouri und Mississippi. "Für alle, die umgehauen, ausgezählt und zurückgelassen wurden: Das ist eure Kampagne", rief Biden jubelnden Anhängern in Los Angeles zu. "Wir sind noch sehr lebendig." Der Mann, der ursprünglich als Favorit ins Rennen gegangen war und danach von Bernie Sanders überholt wurde, hat sich diese Ausgangsposition nach wilden Wochen endgültig zurückgeholt.

2. Entschieden ist aber noch gar nichts

Nach dem "Super Tuesday" läuft nun alles auf einen Zweikampf Biden vs. Sanders hinaus. Biden argumentiert, dass ein Kandidat Sanders mit aus amerikanischer Sicht teils radikal linken Positionen viele Wähler verprellen und in die Arme Trumps treiben könnte. Er empfiehlt sich dagegen als der Bewerber, der das nach vier Jahren Trump tief gespaltene Land über die Parteigräben hinweg wieder einen kann. Ideen wie den von Sanders geforderten Ausbau der allgemeinen Krankenversicherung hält er für finanziell nicht umsetzbar.

Sanders schürt dagegen Hoffnungen, dass die USA nach Trump einen echten Wandel hin zu einer gerechteren Gesellschaft einleiten. Der selbst ernannte "demokratische Sozialist" wirbt für kostenlose Universitäten, Mindestlöhne und will Steuern so erhöhen, das es besonders Reiche trifft. Sollte der Wall-Street-Kritiker Kandidat werden und gegen Trump gewinnen, dürfte das an den Börsen für Unruhe sorgen. Wann eine Entscheidung in dem Zweikampf fällt, ist derzeit nicht absehbar. Biden ist zwar nach dem "Super Tuesday" wieder obenauf. Aber Sanders hat bereits einmal bewiesen, wie zäh er ist: 2016 bot er – damals noch als klarer Außenseiter – der hochfavorisierten Hillary Clinton monatelang die Stirn. Erst kurz vor dem Nominierungsparteitag räumte er seine Niederlage ein. Die Demokraten kürten Clinton, die aber anschließend gegen Trump verlor.

3. Geld allein kann Erfolg nicht kaufen – auch sehr viel Geld nicht

Für alle anderen Bewerber außer Biden und Sanders verlief der Super-Wahltag enttäuschend. Die linke Senatorin Elizabeth Warren schaffte es nicht einmal, in ihrem Heimatstaat Massachusetts vor Biden und Sanders zu landen. Der Milliardär Michael Bloomberg konnte nur im US-Außengebiet Amerikanisch-Samoa einen Sieg verbuchen.

Der Ex-Bürgermeister von New York stand das erste Mal auf den Wahlzetteln. Die ersten vier Vorwahlen ließ er aus, konzentrierte sich stattdessen ganz auf den "Super Tuesday" und steckte 500 Millionen Dollar in Wahlwerbung – sehr viel Geld, aber offenbar nicht genug, um sich den Erfolg zu kaufen. Einer Sprecherin zufolge will er die Zukunft seiner Bewerbung überdenken. Dies müsse aber nicht heißen, dass er das Handtuch werfe. Sollte er aussteigen, dürfte davon am ehesten Biden profitieren, da auch Bloomberg vor allem Wähler in der politischen Mitte anspricht.

4. Biden kann auf schwarze Wähler und auf Frauen zählen

Biden, der acht Jahre Stellvertreter des ersten schwarzen US-Präsidenten Barack Obama war, gelang die spektakuläre Wende dank seiner Beliebtheit bei afroamerikanischen Wählern. Auch bei Älteren, wohlhabenden Vorstädtern und Frauen kam er vielerorts besser an als Senator Sanders ...

5. Mit Bernie Sanders ist es kompliziert

... und trotzdem gibt sich der 78-jährige Sanders, der besonders bei jüngeren Wählern Euphorie auslöst, siegessicher: "Wir werden die Nominierung der Demokraten gewinnen, und wir werden den gefährlichsten Präsidenten in der Geschichte dieses Landes besiegen", sagte er in Vermont. Sanders holte dort sowie in Colorado und Utah die meisten Stimmen. Außerdem steuerte er in Kalifornien auf einen symbolisch wichtigen Sieg zu. Der bevölkerungsreichste US-Bundesstaat hat die meisten Delegierten zu vergeben. Sanders weiß hier die am schnellsten wachsende Minderheit der Latinos hinter sich, die eine wichtige Säule der demokratischen Anhängerschaft bilden.

Trotzdem ist es kompliziert mit Sanders, denn am "Super Tuesday" ist er zumindest teilweise auch gescheitert: Schließlich hatte er nicht nur im besten Fall alle Staaten gewinnen, sondern auch so viele Delegiertenstimmen auf sich vereinen wollen, dass er von nun an uneinholbar gewesen wäre. Dass dies nicht geklappt hat, liegt auch daran, dass es Sanders nicht gelingt, die alten oder gemäßigten Wähler hinter sich zu versammeln, nicht die Frauen, und erst recht nicht die Schwarzen: "Die mangelnde Unterstützung von Afro-Amerikanern hat ihm schon vor vier Jahren das Genick gegen Hillary Clinton gebrochen", schreibt Jan Christoph Wiechmann, USA-Korrespondent des stern in einer ersten Analyse der Wahlnacht: "Und jetzt womöglich wieder. Er hat nichts gelernt."

tim mit Agenturen