Teil 4: 1919 - 1945 Amerikas Jahrhundert beginnt


Die Nation genießt die wilden Zwanziger bis zum Börsencrash. Ein Präsident im Rollstuhl schiebt ein Beschäftigungsprogramm an. Mit dem Eintritt in den Weltkrieg kommt der Aufschwung. Die Atombombe macht die USA zur mächtigsten Nation.

Es ist eine kleine Sensation. Zum ersten Mal in der Geschichte setzt ein amerikanischer Präsident den Fuß in offizieller Mission auf europäischen Boden. Woodrow Wilson kommt 1919 nach Paris, um dort an den Friedensverhandlungen nach dem Ersten Weltkrieg teilzunehmen. Im Gepäck hat er einen 14-Punkte-Plan zur Neuordnung der internationalen Verhältnisse. Seine Vision: eine friedliche und gerechte Welt unter der moralischen Führung der USA.

Wie ein Wanderprediger in einer Scheune lässt er seine Donnerstimme durch den Spiegelsaal des Schlosses von Versailles schallen. Europa hat jedoch alles andere im Sinn, als sich von Amerika missionieren zu lassen. Der französische Ministerpräsident Georges Clemenceau kommentiert den Auftritt mit den Worten: "Mr. Wilson ödet mich mit seinen 14 Punkten an, selbst der Allmächtige hat nur zehn!" Beleidigt reist der amerikanische Präsident wieder ab. Auch zu Hause gelingt es ihm nicht, seine Parteifreunde noch zu begeistern. Sie nominieren ihn nicht mehr als räsidentschaftskandidaten. Ein neuer Mann zieht ins Weiße Haus. Warren G. Harding gewinnt 1920 die Wahlen mit der Feststellung: "Amerika braucht keine Helden, sondern Heilung; keine Patentrezepte, sondern Normalität; keine Revolution, sondern Restauration." Die Ernüchterung ist wörtlich zu nehmen. Die Prohibition, das gesetzlich geregelte Alkoholverbot, soll das Land trockenlegen. Doch stattdessen brodelt das Leben im Untergrund wilder denn je. Schwarzbrenner, Alkoholschmuggler und Nachtclubbesitzer sind die neuen Helden. Der Gangsterboss Al Capone aus Chicago wird zur Legende.

Die Lust am Laster verändert die Städte

In New York ist es eine Frau, die zur Ikone der Vergnügungssüchtigen aufsteigt. Zwischen Samtvorhängen und chinesischen Laternen rekelt sich Texas Guinan auf dem Klavier eines ihrer Clubs oder sitzt breitbeinig auf einem umgedrehten Stuhl in der Mitte eines schummrig beleuchteten Saales zwischen den zechenden Gästen. Das Toben um sich herum dirigiert sie mit einer Trillerpfeife und einem Humor, der schnell und immer ein wenig ordinär ist.

"Hello sucker", ruft sie jedem zu, der sich in ihr Etablissement traut. Niemand nimmt ihr den Ton übel. Im Gegenteil - Gangster und Geschäftsleute, Pokerspieler und Politiker buhlen um ihre Aufmerksamkeit, berauschen sich am verbotenen Alkohol wie an der verruchten Tex. Wer nahe genug an sie herankommt, bemerkt eine Kette um ihren Hals, an dem eine Sammlung kleiner Schlösser hängt. Sie stehen für die unzähligen Male, die Tex bereits verhaftet worden ist. Die Lady hinter Gittern zu halten ist beinahe ebenso schwer wie ihre Lokale zu schließen, und so wird jede Hausdurchsuchung zum Spiel: Stürmt eine Polizeistreife den Laden, beginnt die Band den "Gefangenenchor" von Verdi zu spielen, und Tex schreitet hocherhobenen Hauptes mit einem Siegerlächeln auf die Polizisten zu, die Arme artig für die Handschellen vorgestreckt. Sie weiß, sie wird wiederkommen.

Für viele Frauen bietet die neue Lust am Laster die Gelegenheit zur Emanzipation. Seit 1920 dürfen sie in Amerika an die Wahlurnen gehen; in den "Roaring Twenties" ändert sich auch ihr Auftreten. Röcke und Haare werden kurz, das Make-up wird dick aufgetragen. Die Vorbilder der jungen Frauen, die sich selber "Flappers" nennen, sind französische Prostituierte - wie sie zwängen sie sich in eng anliegende Kleider, tragen lange Perlenketten und rauchen Zigaretten mit dünnen Spitzen.

Sex ist das Thema der Stunde

Sex ist das Thema der Stunde. In Zeitungen, auf der Kinoleinwand und auf der Theaterbühne - überall wird Intimes öffentlich diskutiert. Die Flappers verschlingen begeistert Sigmund Freuds Thesen über die Befreiung von sexuellen Tabus. Bald sehnt sich der Theaterkritiker des "New Yorker", Robert Benchley, zurück nach den Zeiten der Unschuld. "Ich habe die rebellische Jugend satt, und ich habe die viktorianischen Eltern satt, und es ist mir egal, ob alle kleinen Mädchen in allen Teilen der Vereinigten Staaten ruiniert werden oder ruiniert werden möchten oder sich nicht ruinieren lassen. Alles, was ich will, ist: Schreibt keine Theaterstücke mehr darüber und zwingt mich nicht weiter, solche ansehen zu müssen."

Wer nicht Freud liest, lebt weiterhin ein geregeltes Leben nach puritanischen Grundsätzen. "Geregelt" heißt, dass jeder, der kommunistischer Gesinnung, schwarzer Hautfarbe, katholischen Glaubens ist, die Ordnung ebenso empfindlich stört wie jeder rassisch minderwertige Einwanderer, streikende Arbeiter oder Gegner des Alkoholverbots. So definiert zumindest der Ku-Klux-Klan die Liste der Staatsfeinde. Vor dem Ersten Weltkrieg haben sich die Aktivitäten dieser weißen protestantischen US-Amerikaner hauptsächlich auf die Südstaaten beschränkt. Nun ziehen seine Mitglieder - gut getarnt unter weißen Roben - landesweit im Fackelschein durch die Straßen und setzen in Lynchjustiz durch, was sie für Recht und Ordnung halten.

Es kommt zu Rassenunruhen im ganzen Land. So im Juli 1919, als ein schwarzer Teenager am Strand des Lake Michigan in Chicago zu ertrinken droht. Mit letzter Kraft kann er sich noch an einen Holzbalken klammern und dem rettenden Strand entgegenpaddeln - dem falschen. Der ist nämlich für Weiße reserviert. In ihrer Ruhe gestört, bewerfen die Badegäste den Jungen mit Steinen und treiben ihn zurück in die Strömung. Wenige Minuten später versinkt er im See. Seine Freunde müssen vom Strand der Schwarzen aus zusehen. Sie stürmen den "weißen Strand" und schlagen die Schaulustigen zusammen. Eine Woche herrscht Krieg. 23 Schwarze und 15 Weiße sterben bei Bombenexplosionen, Schusswechseln und Messerstechereien. Wie ein Fieber grassiert unterdes im ganzen Land die Angst vor einer kommunistischen Revolution, die "Rote Panik". Auf Befehl von Generalstaatsanwalt A. Mitchell Palmer in Washington werden in der Nacht des 2. Januar 1920 mehr als 6000 Personen wegen angeblicher Mitgliedschaft in kommunistischen Vereinigungen in über 30 Städten verhaftet. Versammlungs-, Presse- und Redefreiheit werden beschnitten.

Massachusetts, "ich würde die Roten jeden Morgen in einen Gefängnishof führen und erschießen, und am nächsten Tag würde der Prozess stattfinden, um herauszubekommen, ob sie schuldig waren."

"Amerika First" fordern die Politiker

So leidenschaftlich die Kommunisten im eigenen Land verfolgt werden, viele Amerikaner - besonders Intellektuelle - zeigen doch Sympathie mit den Russen, als deren Land 1921 von einer Hungersnot ergriffen wird. 20 Millionen Dollar, meist Spenden aus privater Hand, bringt Amerika für die offiziell so gehassten Feinde zusammen. Die Hilfsbereitschaft speist sich nicht zuletzt aus einem Gefühl wirtschaftlicher Sicherheit. Man sonnt sich im Wohlstand, fernab vom Elend der übrigen Welt. Denn der wähnt sich Amerika weiterhin überlegen. Die USA bleiben dem neu gegründeten Völkerbund in Genf - der Vorläufer-Organisation der UN - fern.

"Wenn es nach mir ginge", erklärt Minister Langtry aus Ihre Beziehungen mit anderen Ländern regeln sie lieber in separaten Verträgen. Die Politiker in Washington können sich solche Arroganz leisten. Die Großmächte des Alten Kontinents stehen bei ihnen nach dem Krieg mit zwölf Milliarden Dollar in der Schuld.

Die USA haben ihre Ziele klar gesteckt. Weiterhin gilt der bereits 1915 von Präsident Wilson geprägte Satz "America first" - Amerika vor allen anderen. Das Land will seine gerade gewonnene Position als Großmacht weiter ausbauen. Die so genannte Monroe-Doktrin - keine Einmischung der Europäer in amerikanische Angelegenheiten - soll gewahrt werden. Und es gilt, die Ausbreitung des Kommunismus unter allen Umständen zu verhindern. Wenn nicht mit dem Rest der Welt, dann ohne ihn.

Stur entziehen sich die USA jeglicher internationalen Verantwortung, die ihre Handlungsfreiheit einschränken könnte. 1924 verweigert Amerika seine Zustimmung zum Genfer Protokoll über ein Garantieabkommen zur friedlichen Regelung internationaler Konflikte. Im Jahr darauf lehnt es den Beitritt zur Genfer Konvention über Waffen- und Munitionshandel ab, weil sich die Praxis des Waffenverkaufs an Kriegsparteien als äußerst lukrativ erwiesen hat. Gleiches gilt für das "Verbot von erstickenden, giftigen oder ähnlichen Gasen sowie von bakteriologischen Mitteln im Krieg". Amerika ist die einzige Großmacht, die sich weigert, ihre Unterschrift unter das Protokoll zu setzten.

Nirgendwo zeigt sich das Vormachtstreben der USA ungehemmter als in Lateinamerika. Hier exerzieren sie, womit sie in Europa gescheitert sind. Dabei beruft sich Washington auf den 1904 verabschiedeten Zusatz zur Monroe-Doktrin. Danach haben die Vereinigten Staaten in Lateinamerika das Vorrecht, in Krisen die "Rolle einer internationalen Polizeimacht" auszuüben. Als der mexikanische Präsident Calles versucht, die Ausbeutung der Erdölvorkommen seines Landes durch die USA einzuschränken, droht der mächtige Nachbar im Norden mit einer militärischen Intervention. Calles bleibt keine andere Wahl, als Amerika weiter freie Hand auf den mexikanischen Ölfeldern zu gewähren. Und als sich in Nicaragua eine nationale Befreiungsbewegung formiert, die für die Unabhängigkeit vom amerikanischen Imperialismus kämpft, setzen US-Soldaten 1927 dem durch einen Einmarsch ein Ende. Denn es gilt, die Investitionen amerikanischer Unternehmen in Mittel- und Südamerika zu schützen.

Doch auch im eigenen Land bleibt noch genug Geld hängen. Nie schien der Traum, Millionär zu werden, so greifbar wie in den zwanziger Jahren. Mit nur zehn Cents in der Hosentasche kann man sich 1929 bereits eine Aktie kaufen. Gutgläubig leeren viele Amerikaner im Vertrauen auf die Stärke ihres Landes Sparstrümpfe, um Aktien zu kaufen. Aus Kellnerinnen und Kassiererinnen werden stolze Besitzerinnen von Wertpapieren. Am Morgen des 29. Oktober starren die Händler an der New Yorker Wall Street mit feuchten Händen auf den Zeiger der großen Uhr im Börsensaal, der quälend langsam auf die Zehn vorrückt - dem Moment, da der Handel beginnen darf.

Fall ins Bodenlose

Seit letzter Woche hat sich ihre Welt verändert. Der Markt ist ins Rutschen gekommen. Nach dem ersten Einbruch am 24. Oktober und weiteren Kursstürzen am darauffolgenden Montag ist unter den Aktionären im Land Panik ausgebrochen. Als der Gongschlag den Handel eröffnet, bewahrheiten sich die schlimmsten Befürchtungen. Die Kurse fallen weiter, ins Bodenlose. Jeder versucht zu retten, was zu retten ist. Bereits am Mittag haben acht Millionen Aktien den Besitzer gewechselt, ein Volumen, das alle bisherigen Rekorde bricht. Insgesamt lösen sich während des Börsencrashs 50 Milliarden Dollar in Luft auf.

Als das volle Ausmaß der Verluste bekannt wird, erfasst eine Todeswelle das Land. Geschäftsleute erliegen Herzanfällen, Spekulanten springen aus Hotelzimmerfenstern, Makler drehen den Gashahn auf, Aktionäre schlucken Gift oder greifen zur Pistole. Der Traum vom Wohlstand, den Hunderttausende Anleger geträumt haben, ist zerplatzt wie eine Seifenblase. Hatte sich das Land eben noch in seiner Stärke gesonnt, schaut es nun auf die Trümmer seiner Selbstherrlichkeit. Gerade erst gebaute Wolkenkratzer in New York und Chicago ragen wie hohle Zähne in den Himmel - Firmen, die sich die Mieten leisten können, gibt es nicht mehr. Selbst eine Sekretärin wird zum unerschwinglichen Luxus. Endlos reihen sich leere Trucks aneinander, die vergebens auf Ladung warten. Am schlimmsten trifft es die Farmer. Ihre Produkte kann niemand mehr kaufen. Um ein weiteres Sinken der Preise zu verhindern, kippen sie die Milch in Flüsse, töten Vieh und stecken Felder in Brand.

In den Jahren zwischen 1929 und 1932 verringert sich der Außenhandel der USA um fast 70 Prozent. In den Großstädten hungern die Arbeitslosen. Sind Ende 1930 knapp fünf Millionen Amerikaner ohne Arbeit, so zählt man im November 1932 schon zwölf Millionen. Für sie gibt es weder Arbeitslosengeld noch soziale Absicherung. "Wer arm ist, hat selber Schuld", glauben immer noch viele Amerikaner.

Der Rollstuhl des Präsidenten ist tabu

Das Heer der Arbeitslosen ist auf 15 Millionen angewachsen, als im März 1933 der Demokrat Franklin Delano Roosevelt das Präsidentenamt übernimmt und einen "New Deal" ankündigt - das Versprechen, die Karten neu zu mischen. Roosevelt ist durch Kinderlähmung seit dem 40. Lebensjahr an den Rollstuhl gefesselt. Doch diese Unbeweglichkeit bekommt das Volk in den zwölf Jahren seiner Präsidentschaft nie zu sehen - die Presse hält sich an die ungeschriebene Regel, Roosevelt niemals als behinderten Mann darzustellen.

Stattdessen sieht man den stiernackigen Kämpfer, der das Land siegessicher aus einer der dunkelsten Zeiten seiner Geschichte führt. Er ist der Held nach Jahren der Heldenlosigkeit. Das Volk liebt ihn - so sehr, dass es ihn 1936 wiederwählt, noch einmal 1940 und schließlich ein drittes Mal 1944. Roosevelts Methoden sind oft unkonventionell, seine Fantasie, Arbeitsplätze zu schaffen, kennt keine Grenzen. Die Menschen Straßen bauen und Bäume pflanzen zu lassen ist eine noch relativ einfache Übung.

Aber um arbeitslose Lehrer, Historiker und Journalisten zu beschäftigen, fasst er diese zusammen und gibt ihnen den Auftrag, einen mehrere hundert Bände umfassenden Reiseführer über die Vereinigten Staaten zu schreiben.

Selbst Nationalfeiertage sind vor dem Organisationstalent des Präsidenten nicht mehr sicher. Traditionell fällt Thanksgiving, das amerikanische Erntedankfest, auf den letzten Donnerstag im November. Doch um das Weihnachtsgeschäft des Einzelhandels anzukurbeln, das immer erst nach Thanksgiving beginnt, verlegt Roosevelt den Feiertag kurzerhand auf den dritten Donnerstag im Monat.Trotz aller Kreativität gelingt es dem Präsidenten aber nicht, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen. Erst als im fernen Europa Adolf Hitler den Zweiten Weltkrieg entfesselt und Großbritannien und Frankreich Nachschub brauchen, strömt das Heer der Arbeitslosen zurück in die Fabriken. "Wir müssen", so Roosevelt, "das Waffenarsenal der Demokratie sein."

Die Entscheidung, nicht nur Waffen zu liefern, sondern auch die selbst gewählte Isolation aufzugeben und sich an einem weiteren Krieg zu beteiligen, fällt am klirrenden Winternachmittag des 7. Dezember 1941. Die Nation hat sich gerade vor ihren Radioempfängern zusammengedrängt, um dem sonntäglichen Konzert der New Yorker Philharmoniker zu lauschen. Nachdem die ersten Takte eines Konzertes von Schostakowitsch erklangen, unterbricht ein Knistern die Übertragung. Eine atemlose Stimme verkündet: "Die Japaner haben Pearl Harbor angegriffen." Mit diesem Angriff auf den Flottenstützpunkt der US-Marine auf Hawaii hat niemand gerechnet.

Der Krieg beendet die Wirtschaftskrise

Die Pazifikflotte wird fast eliminiert. Fünf Schlachtschiffe, drei Kreuzer und vier Zerstörer liegen zerstört im Hafenbecken, drei weitere Schlachtschiffe dümpeln schwer beschädigt daneben. Amerika ist im Krieg. 1944 übersteigt die Produktion von Waffen und Ausrüstung bereits die aller am Zweiten Weltkrieg beteiligten Länder - Freund wie Feind. Die Industrieproduktion der USA erreicht 235 Prozent des Vorkriegsstandes.

Nicht allein die Mengen sind beeindruckend. Die Produkte selbst sind Beweis für Amerikas Streben nach Überlegenheit - auch wenn die Rüstungsfabrikanten auf bizarre Ideen kommen. Auf schwimmende Badewannen zum Beispiel, die unter dem Namen "Liberty-Schiffe" den Atlantik überqueren. Gebaut werden sie von Henry Kaiser, einem Bauingenieur, der nie zuvor ein Schiff entworfen hat. "Bug" und "Heck" sind für ihn Fremdwörter, seine Konstruktionen haben nur ein "vorn" und ein "hinten". Einige von ihnen sind so seeuntauglich, dass sie bereits Tausende von Meilen vor dem Ziel sinken. Die Liberty-Schiffe haben weder Notstromaggregate noch Feuermelder, und als Eisen knapp wird, kürzt man ihre Ankerketten. Aber sie haben unschätzbare Vorteile. Die einzelnen Teile lassen sich auch von ungelernten Arbeitern zusammensetzen. Von Kaisers Männern haben nur zwei Prozent jemals eine Werft von innen gesehen. Aber dass Bauteil A-1 an Bauteil A-2 geschraubt weden muss, verstehen auch sie. So können sie die Liberty-Schiffe innerhalb kürzester Zeit in großer Anzahl herstellen und die Nachschubrouten trotz deutscher U-Boot-Angriffe aufrechterhalten.

Im Morgengrauen des 6. Juni 1944

Im Sommer1944 haben die Amerikaner genug Material und Menschen nach Europa geschafft, um den Angriff auf das von Deutschen besetzte Frankreich zu wagen. Im Morgengrauen des 6. Juni beginnt der D-Day, die größte Invasion von See in der Geschichte. Schon lange bevor die Landungsboote den Strand in der Normandie erreichen, ist vielen Soldaten speiübel. Weniger aus Angst vor dem massiv befestigten Atlantikwall, den deutsche Soldaten verteidigen würden. "Man hatte jedem eine Kotztüte gegeben, aber die war nicht genug", erinnert sich Roger Brugger vom 116. Infanterie-Regiment an die raue Überfahrt in den wenig seetüchtigen Booten von England. "Als wir uns dem Strand näherten, schlugen Granaten dicht neben uns im Wasser ein, Maschinengewehrkugeln pfiffen über unsere Köpfe. Ich schaute zurück zum Boot, das wir gerade verlassen hatten, da wurde es von einer Artilleriegranate getroffen und in die Luft gesprengt. Wir sahen die Körper der Toten in der Brandung dümpeln." An den "Omaha" und "Utah" getauften Strandabschnitten westlich von Cherbourg sterben an diesem ersten Tag über 3000 GIs. Doch am Abend haben die Truppen unter dem Kommando von General Dwight D. Eisenhower einen Brückenkopf errichtet. Von nun an sind die Deutschen auch an der Westfront auf dem Rückmarsch.

Im Pazifik sieht es zu dieser Zeit noch nicht gut aus für die Amerikaner. Schon ein paar Jahre zuvor haben sie begonnen, eine neue Waffe zu entwickeln. Die Idee dazu kommt aus der Alten Welt. Eine Hand voll Wissenschaftler hat bereits zu Beginn des Krieges verzweifelt versucht, die Aufmerksamkeit des Präsidenten zu erregen. Sie wollen ihn vor einer neuen Generation von Waffen warnen, mit denen in deutschen Labors experimentiert wird. Viele dieser Wissenschaftler sind jüdischer Herkunft und mit ihrem Wissen über Nukleartechnologie ins Exil gegangen, solange die Nazis ihnen die Chance dazu gaben.

Ihre Flucht verschafft Amerika den entscheidenden Vorteil im Wettlauf um die Herstellung der Atombombe. Indirekt sind es die Japaner, die mit dem Angriff auf Pearl Harbor den entscheidenden Anstoß geben. Und es ist Japan, wo die Bomben 1945 gezündet werden. Dresden, Hamburg und Berlin sind schwer zerstört, bleiben aber von der Superwaffe verschont, weil Deutschland bereits kapituliert hat, als im Juli des Jahres die Welt zum ersten Mal den Blitz einer Atombombe erblickt. In der Wüste Neu Mexikos, in einem Meer aus Sand, das von den frühen spanischen Siedlern den prophetischen Namen "jornada del muerto" - Reise in den Tod - bekommen hat, wird am 16. Juli um 5 Uhr 29 und 45 Sekunden der Auslöser für die Testbombe gedrückt. Etwa drei Wochen später folgt der Generalprobe der Ernstfall - am 6. August über Hiroshima und am 9. August über Nagasaki. Und dem Vater der Bombe Robert Oppenheimer wird klar, was die Zeilen eines Hindu-Gedichts bedeuten, die ihn seit drei Wochen verfolgen: "Ich bin der Tod geworden. Der Zerschmetterer der Welten."

Angelika Franz print

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