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US-Einsatz gegen bin Laden: Osama war auf Flucht vorbereitet

Osama bin Laden hätte jederzeit flüchten können: In seine Kleidung waren US-Medien zufolge 500 Euro und zwei Telefonnummern eingenäht. Über den Tod des Al-Kaida-Chef kommen nach und nach weitere Einzelheiten ans Licht.

Knapp drei Tage nach der Liquidierung von Osama bin Laden werden immer mehr Details über die US-Militäraktion bekannt. Medienberichten zufolge haben die Einsatzkräfte große Datenmengen aus dem gestürmten Anwesen im pakistanische Abbottabad mitgenommen. Wie der Nachrichtensender CNN am Mittwoch berichtete, stellte das US-Sonderkommando zehn Festplatten, fünf Computer und mehr als einhundert Speichermedien wie Disketten, DVDs und USB-Sticks sicher. Von der Auswertung erhoffen sich die Geheimdienste den Angaben zufolge Hinweise auf die Verstecke weiterer hochrangiger Mitglieder des Terrornetzwerks al Kaida sowie mögliche Anschlagspläne.

Nach Informationen der Online-Nachrichtenseite "Politico" und des TV-Senders CBS hatte bin Laden 500 Euro und zwei Telefonnummern in seine Kleidung eingenäht. Dies habe CIA-Direktor Leon Panetta am Dienstagabend bei einer vertraulichen Unterrichtung von Kongressabgeordneten mitgeteilt, berichteten beide Medien unter Berufung auf informierte Kreise. Der Al-Kaida-Chef sei vorbereitet gewesen, um schnell aus dem Anwesen zu fliehen. Auf die Frage, warum der Unterschlupf in Abbottabad nicht stärker bewacht gewesen sei, habe Panetta geantwortet, dass bin Laden überzeugt gewesen sei, bei einem möglichen Angriff rechtzeitig vorgewarnt zu werden.

Tochter sah bei bin Ladens Erschießung zu

Eine Tochter von Al-Kaida-Chef Osama bin Laden hat nach pakistanischen Medienberichten die Erschießung ihres Vaters hautnah miterlebt. Wie die Zeitung "The News" unter Berufung auf Sicherheitskreise in Pakistan berichtete, wurde bin Laden nach Aussage des zwölfjährigen Mädchens bei der Kommandoaktionzunächst lebend gefasst und wenig später vor den Augen seiner Familie erschossen. Die Leiche sei von den Amerikanern abtransportiert worden.

Nach Aussage der Tochter sei eine zweite Person von den US-Truppen in einem Hubschrauber mitgenommen worden, berichtete "The News". Dabei soll es sich um einen Sohn bin Ladens gehandelt haben. Unklar sei allerdings, ob dieser zu diesem Zeitpunkt noch am Leben war.

Dem Bericht zufolge befindet sich die Tochter mit anderen Familienmitgliedern in der Hand der pakistanischen Behörden. Darunter seien zwei Frauen und sechs Kinder im Alter zwischen zwei und zwölf Jahren sowie weitere, nicht näher benannte Personen. Pakistanische Sicherheitskräfte hätten nach Ende des US-Einsatzes insgesamt 16 Menschen lebend und mit gefesselten Händen in dem Haus angetroffen.

Pakistan wehrt sich gegen Kritik

Pakistan hat nach Angaben des Außenministeriums die USA bereits vor zwei Jahren über das Anwesen im pakistanischen Abbottabad als mögliches Versteck von Osama bin Laden informiert. Der pakistanische Geheimdienst habe die US-Kollegen auf das Gelände aufmerksam gemacht, und diese hätten die nötige Ausrüstung gehabt, der Sache nachzugehen, sagte der Staatssekretär im pakistanischen Außenministerium, Salman Bashir, am Mittwoch der britischen BBC. Jedoch sei damals keinesfalls klar gewesen, dass sich der nun getötete Terrorchef dort aufhalte und es habe "Millionen" andere mutmaßliche Verstecke gegeben, fügte Bashir hinzu.

Der US-Geheimdienst CIA hatte am Dienstag mitgeteilt, die pakistanischen Behörden seien nicht vorab über den Angriff auf bin Laden informiert worden, weil die Gefahr bestanden habe, er könne gewarnt werden. Das bestreitet Bashir entschieden. "Was den Erfolg im globalen Anti-Terror-Kampf betrifft, so hat Pakistan da eine entscheidende Rolle gespielt, deshalb finden wir solche Kommentare etwas beunruhigend", sagte er der BBC. Pakistan arbeite mit den USA und besonders mit der CIA zusammen.

Neue Details über bin Ladens Tod

Auch die US-Regierung hat weitere Details über die Militäraktion bekanntgegeben: Bin Laden war entgegen früheren Angaben unbewaffnet, als er von einem US-Spezialkommando erschossen wurde. Das bestätigte der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney, am Dienstag. Zunächst hatten Regierungsvertreter gesagt, bin Laden habe sich der Sondereinheit widersetzt und sich an einem "Feuergefecht beteiligt", bei dem er getötet worden sei.

Carney blieb am Dienstag dabei, dass sich der Al-Kaida-Chef widersetzt habe. "Widerstand zu leisten erfordert keine Feuerwaffe", sagte er wörtlich. Auch CIA-Chef Leon Panetta äußerte sich dazu: "Ich glaube nicht, dass er bewaffnet war. Es gab aber Schießereien, als sich die Soldaten ihren Weg in die oberen Stockwerke des Gebäudes erkämpft haben", sagte Panetta in einem Interview des US-Senders PBS. "Allerdings hat es wohl bedrohliche Bewegungen gegeben, die unsere Jungs gefährdet haben. Darum haben sie geschossen", sagte Panetta dem Sender am Dienstagabend. Hätte er die Hände hochgenommen und aufgegeben oder ein anderes Zeichen gemacht, dass er keine Gefahr darstellt, dann hätten ihn die Soldaten festgenommen. "Aber sie hatten absolute Befugnis ihn zu töten", so Panetta.

Nach Angaben des CIA-Chefs waren 25 Soldaten an der Aktion "Geronimo" in Abbottabad beteiligt. "Es gab 25 Soldaten, die von zwei Hubschraubern auf dem Anwesen abgesetzt wurden. Der eine Hubschrauber sollte Soldaten im Hof herunterlassen, damit sie von dort ins Haus konnten. Der zweite Hubschrauber sollte die anderen Soldaten auf dem Dach des Gebäudes absetzen. Allerdings hatte der zweite Hubschrauber Probleme, sodass beide landen mussten. Die Soldaten mussten drei, vier Mauern niederreißen, dann sind sie zusammen in das Gebäude gestürmt."

Die Einsatzkräfte waren laut Panetta erfahrene Spezialisten. "Sie haben sehr viel Erfahrung, wie man das macht. Sie machen das in Afghanistan fast jede Nacht." Laut US-Sender MSNBC erforderte diese Mission Übung. Deshalb sei auf der US-Luftwaffenbasis im afghanischen Bagram das Anwesen bin Ladens in Abbottabad nachgebaut worden. Dort sei der spätere Einsatz in Pakistan seit diesem April geprobt worden.

USA hatten keine Beweise für bin Ladens Zufluchtsort

Nach Panettas Angaben hatten die USA keine Fotos oder andere Beweise, dass bin Laden auf dem Anwesen bei Islamabad lebte, in dem er dann erschossen wurde. CIA-Analytiker seien nur zu 60 bis 80 Prozent sicher gewesen, dass der Terroristenchef dort vorgefunden würde. "Die Realität ist, dass wir dort hätten reingehen können, ohne Bin Laden zu finden." US-Präsident Barack Obama habe die Operation dennoch gebilligt, weil es nur noch geringe Chancen gegeben habe, konkretere geheimdienstliche Erkenntnisse über bin Ladens Aufenthaltsort zu gewinnen.

Der Sprecher des Weißen Hauses, Carney, bekräftigte, dass das Ziel des Einsatzes die Festnahme und nicht die Tötung bin Ladens gewesen sei. Wegen des "großen Widerstandes" sei der Al-Kaida-Chef aber erschossen worden.

Bei der Kommandoaktion wurden nach Angaben des Weißen Hauses außer bin Laden vier weitere Menschen getötet. Zwei Kuriere des Terrornetzwerks und eine Frau seien im ersten Stock des Hauptgebäudes getötet worden, während sich der Terrorchef und seine Angehörigen im zweiten und im dritten Stock aufgehalten hätten, sagte Carney. Bei dem fünften Getöteten handele es sich vermutlich um einen Sohn bin Ladens.

USA zögern mit Veröffentlichung von Leichenfoto

Wie Carney weiter sagte, hat das Weiße Haus noch nicht entschieden, ob Fotos von der Leiche des Terroristenchefs veröffentlicht werden sollen. Die Bilder seien zweifellos "grausig". Vor diesem Hintergrund werde geprüft, ob es nötig sei, sie zu veröffentlichen, um Zweifel auszuräumen, dass der Al-Kaida-Führer tatsächlich tot sei. Bin Laden soll zwei Mal getroffen worden sein, einmal direkt über dem linken Auge. Wie es in Medienberichten hieß, "explodierte sein Kopf".

Skeptiker in der US-Regierung hätten argumentiert, dass die Aufnahmen "zu grausig" seien, um sie freizugeben. Befürworter meinten hingegen, die Veröffentlichung sei nötig, um Zweifel auszuräumen, dass bin Laden tatsächlich tot sei. CIA-Chef Leon Panetta geht davon aus, dass ein Foto des toten Terroristenchefs veröffentlicht wird. Die Entscheidung müsse letztlich vom Weißen Haus getroffen werden.

Über den Einsatz des Spezialkommandos sei Pakistan nicht vorab informiert gewesen, erklärte Panetta. "Man hat entschieden, dass alle Versuche einer Zusammenarbeit mit den Pakistanern die Mission gefährden könnten." Die USA hätten befürchtet, dass "sie die Ziele alarmieren könnten".

ukl/kng/DPA/AFP / DPA