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Der Tod des Al-Kaida-Chefs: Wie das Weiße Haus Osama hetzte

Lange haben sie ihn gejagt, und es war eine peinliche Reihe von Fehlschlägen - bis zur Aktion in Abbottabad. Wie die USA bin Laden töteten. Chronologie eines Racheakts.

Von Sabine Muscat, Washington

Wie Raubvögel senken sich die Hubschrauber aus dem Nichts der Nacht über der pakistanischen Stadt Abbottabad. Mit dröhnenden Motoren nehmen die Maschinen von Typ MH-60 Black Hawk Kurs auf ihr Ziel: ein dreistöckiges Gebäude in der Kakul Road im Villenviertel Thanda Choha, verschanzt hinter fünf Meter hohen Mauern mit Stacheldraht. "Ich hörte ein Donnern, gefolgt von schwerem Geschützfeuer. Dann haben die Schüsse plötzlich aufgehört", beschreibt der Anwohner Mohammad Haroon Rasheed gegenüber Reuters. "Danach war wieder Donner zu hören und schließlich eine große Explosion." Andere Nachbarn sehen, wie die Black Hawks im Staub landen, wie Männer aussteigen, die das Haus umstellen. Nach 45 Minuten ist es wieder still in der Stadt. Totenstill.

Es ist das Ende eines lange geplanten Geheimkommandos gegen Amerikas Staatsfeind Nummer eins. In der Nacht zum 1. Mai erschossen amerikanische Elitesoldaten im pakistanischen Abbottabad den meistgesuchten Terroristen aller Zeiten, Osama bin Laden, den Drahtzieher der Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September 2001. Gegen ein Uhr am Morgen drangen die Soldaten in den Gebäudekomplex ein und töteten den Topterroristen durch zwei Schüsse in den Kopf.

In Abbottabad war es schon wieder hell, als am anderen Ende der Welt US-Präsident Barack Obama im nächtlichen Washington vor die Kameras trat. "Der Tod von bin Laden markiert die bisher bedeutendste Errungenschaft im Kampf unserer Nation gegen al Kaida", sagte er. "Heute Nacht haben wir einmal mehr daran erinnert, dass Amerika alles schaffen kann, was es anstrebt." Für den Präsidenten ist dieser Moment einer seiner größten Erfolge, für die Nation ist es eine Erlösung.

Über zehn Jahre dauerte die Jagd

Die Jagd auf Osama bin Laden war für die USA eine peinliche Serie von Fehlschlägen. Seit mehr als einem Jahrzehnt haben amerikanische Geheimdienste und Spezialkräfte versucht, den Terrorfürsten mit gezielten Anschlägen zu stoppen. Bereits der damalige US-Präsident Bill Clinton gab 1998 die erste Freigabe, bin Laden notfalls zu töten, doch Raketenangriffe in Afghanistan und im Sudan verfehlten ihr Ziel. Spätestens seit den Attacken auf das World Trade Center und das Pentagon war bin Laden dann Staatsfeind Nummer eins.

US-Präsident George W. Bush wollte ihn "tot oder lebendig". Die mächtigste Nation der Welt setzte ein Kopfgeld von 50 Mio. Dollar aus, schickte Spezialeinheiten in die unwegsamsten Gegenden. Ohne Erfolg. Immer wieder entwischte bin Laden seinen Häschern. Sogar als amerikanische Spezialeinheiten den afghanischen Höhlenkomplex Tora Bora nahe der pakistanischen Grenze eroberten. bin Laden konnte ins bergige Nirgendwo entwischen - eine peinliche Niederlage für die Weltmacht.

Eine heiße Spur

Lange hatten die USA den Al-Kaida-Führer danach in der unzugänglichen Region vermutet, wo die Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan verschwimmt. In dieser Region haben paschtunische Stammesführer und islamistische Fanatiker mehr zu sagen als die Regierungen in Kabul oder Islamabad. In der Grenzstadt Peshawar verscherbeln die Händler im Zentrum Kalaschnikows, am Stadtrand bauen sich die Drogenhändler große Villen. Doch bin Laden blieb unsichtbar, ein verhasstes Phantom, nie kamen ihm die Amerikaner nahe genug. Dann kam die Wende.

Die heiße Spur finden die Jäger bereits vor etwa vier Jahren, ohne es damals zu wissen. CIA-Agenten werden auf einen Kurier des Terrornetzwerks aufmerksam. Name und Auftrag des Mannes müssen sie mühsam herausfinden. Erst nach zwei Jahren können sie die Gegend einkreisen, in der der Mann und sein Bruder leben. Mehr und mehr sind sich die Ermittler sicher, eine Verbindung zur Spitze des Terrornetzwerks gefunden zu haben: Wer sich so gut tarnt, muss etwas zu verbergen haben.

Im August aufgespürt

Im vergangenen August dann spüren die Terrorfahnder die Residenz auf, die die Brüder bereits im Jahr 2005 am Stadtrand von Abbottabad gebaut haben. Ein Volltreffer. "Als wir den Komplex sahen, waren wir schockiert", berichtet ein ranghoher Regierungsbeamter. Der Gebäudekomplex am staubigen Ende der Kakul Road ähnelt einer Festung. Die Anlage ist achtmal so groß wie die Gebäude in der Nachbarschaft, etwa 1 Mio. Dollar soll sie wert sein. Fünf Meter hohe Mauern sind mit Stacheldraht gesichert, dazu gibt es mehrere Innenmauern und Sicherheitsschleusen. Fenster an den Außenwänden gibt es kaum. Es dringt eh wenig nach draußen: Die Bewohner sind diskret, sie verbrennen ihren Müll und benutzen weder Internet noch Telefone.

Wer wohnt in dem Anwesen?

Für die Geheimdienste ist klar: Diese Anlage wurde errichtet, um ein "High-Value Target" zu verbergen, ein militärisch wichtiges Ziel. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt sicher, dass bin Laden sich hier verbirgt. Aber genau so stellen sich die Agenten das Versteck des Terrorführers vor.

Ab September ist die CIA in ständigem Kontakt mit Präsident Obama. Der hatte von Anfang an die Jagd auf bin Laden als Kern seiner Anti-Terror-Politik ausgegeben. Von nun an forciert er den Einsatz, stellt Mittel und Geld zu Verfügung. Doch es dauert, die Informationslage ist dürftig.

Hatten sie bin Laden nicht immer in einer staubigen Berghöhle vermutet? In der Unterwelt von Peshawar? Oder in der chaotischen Hafenstadt Karatschi im Süden von Pakistan, die schon so vielen Terroristen Unterschlupf geboten hat?

Monate langes Training vor dem Angriff

Abbottabad 60 Kilometer nordwestlich von Islamabad dagegen ist eine wohlhabende Stadt mit rund 100.000 Einwohnern. Gegründet 1856 vom britischen Offizier James Abbott, dient der Ort wegen seines angenehmen Klimas als Pensionssitz ausgedienter Offiziere, viele kommen auch zum Urlaub in das grüne Tal. Eine Brigade der pakistanischen Armee ist hier stationiert, keine 100 Meter von der möglichen Terrorfestung, die im Volksmund nach der Herkunft ihrer Eigentümer nur "Waziristan Mansion" genannt wird, liegt ein Ausbildungszentrum der Armee. Kann es sein, dass sich bin Laden hier versteckt? Vielleicht.

Erst im Februar 2011 sind sich die Geheimdienste sicher genug, um einen Angriff zu planen. Gesteuert wird die Planung maßgeblich von der CIA, Spezialkommandos trainieren die gefährliche Mission, die Festung haben sie dafür nachgebaut. Mindestens fünfmal trifft sich Obamas Nationaler Sicherheitsrat zwischen März und April, zum letzten Mal am Donnerstag vergangener Woche. Die Gespräche sind streng geheim, nur ein kleiner Zirkel um den Präsidenten ist eingeweiht. Jedes Mal will Obama wissen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, wirklich bin Laden persönlich in der Festung in Abbottabad zu finden. Nicht schon wieder darf den USA ein Fehlschlag unterlaufen.

Am Morgen des 29. April, kurz bevor er ins Flugzeug steigt, um die Bürger des tornadogeschüttelten US-Staats Alabama zu besuchen, gibt der Präsident den Einsatzbefehl. Von nun an hat CIA-Chef Leon Panetta das Sagen, dem Obama eine Einheit der Navy Seals unterstellt hat. Die Kommandotruppe ist spezialisiert auf gezielte Anti-Terror-Einsätze am Boden, das Team Six der Navy Seals ist in der Welt des US-Militärs ein Mythos. Der Auftrag ist eine "Kill Mission", wie Regierungskreise später sagen: Die Soldaten sollen bin Laden töten, eine Verhaftung sei nicht vorgesehen. Obamas Anti-Terror-Zar sagt dagegen: "Wenn wir die Chance gehabt hätten, ihn lebendig zu fassen, hätten wir es getan."

Soldaten durchkämmen das Anwesen

In der Nacht zum Sonntag erheben sich von der Ghazi Air Base in Pakistan die Black-Hawk-Kampfhubschrauber. An Bord rund zwei Dutzend Männer, Elitesoldaten von den Navy Seals und ein Team der CIA. Als sie sich dem Anwesen in Abbottabad nähern, fallen Schüsse. Was genau in den nächsten Minuten passiert, ist unklar.

Augenzeugen zufolge muss einer der Helikopter notlanden, Regierungsvertreter sprechen später von einem technischen Defekt, woraufhin die Soldaten die Maschine selbst zerstören.

Die Soldaten dringen in den Komplex ein, Raum für Raum durchkämmen sie das Anwesen. bin Laden verschanzt sich im dreistöckigen Gebäude in der Mitte des Komplexes, umgeben von engen Verwandten und Kurieren. Es kommt zu Feuergefechten. Drei Männer sterben, unter ihnen angeblich einer von bin Ladens Söhnen und ein Kurier, sowie eine Frau. Zwei weitere Frauen werden verletzt. bin Laden leistet Widerstand - und stirbt schließlich durch zwei Schüsse in den Kopf. Mission erfüllt.

Leichnam im Meer versenkt

Aus seinem Kommandozentrum im siebten Stock der Zentrale in Virginia verfolgt CIA-Chef Panetta die gesamten Einsatz live. 45 Minuten dauert die Übertragung. Bei der Nachricht, bin Laden sei getötet, bricht Jubel aus. Wie bei einer Sportübertragung. Dann wird der Präsident unterrichtet.

Im noch intakten Hubschrauber fliegen die Soldaten in fernen Abbottabad in die dunkle Nacht. An Bord haben sie die Leiche bin Ladens und eine Schatztruhe mit Dokumenten über al Kaida, die noch ausgewertet werden müssen. Zunächst fliegen sie nach Afghanistan. Eine DNA-Analyse bestätigt, dass der Tote zweifelsfrei Osama bin Laden ist.

Anschließend wird der Leichnam an Bord des Flugzeugträgers USS "Carl Vinson" gebracht. Zunächst wird er nach traditionellen islamischen Riten gewaschen, dann auf einer Holzplanke aufgebahrt und im Nordarabischen Meer versenkt. Eine Erdbestattung, bei der nach muslimischer Sitte der Kopf nach Mekka zeigt, bleibt dem Al-Kaida-Chef verwehrt. Um alles in der Welt wollen die Amerikaner eine Pilgerstätte für Islamisten verhindern. Denn sogar ein toter bin Laden wäre dann noch eine Bedrohung gewesen.

FTD