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US-Einsatz im Irak: Geostrategie im humanitären Gewand

Dass der Militäreinsatz der Amerikaner gegen die IS-Islamisten aus Gründen der Menschlichkeit erfolgt, ist ein Trugschluss. Den USA geht es vor allem um die Kontrolle der Ölfelder Iraks.

Ein Kommentar von Hans-Hermann Klare

Man könnte es sich leicht machen, um den Einsatz der Amerikaner für die Jesiden im Norden des Irak zu erklären und zu rechtfertigen. Wer schließlich könnte dagegen sein, einer bedrohten Minderheit zu helfen, der Verfolgung und dem Morden zu entkommen? Soweit erscheint das Abwerfen von Lebensmitteln und der Einsatz von Drohnen wie Kampfflugzeugen als humanitärer Einsatz der USA und ihres Präsidenten Barack Obama. Ein Korridor, der Tausenden Menschen einen Weg in Sicherheit bietet; eine Luftbrücke, die den Zurückgebliebenen das Nötigste zum Überleben sichert – beides ist das Gebot der Stunde.

Und doch muss man daran zweifeln, dass der Militäreinsatz der Amerikaner aus Gründen der Menschlichkeit erfolgt. Die Weltmacht behält sich stets vor, wann und wo sie aktiv wird. Darum schauen die USA etwa dem Bürgerkrieg im Kongo seit 20 Jahren zu, ohne aktiv zu werden. Und das Schicksal der Uiguren im Nordwesten Chinas war amerikanischen Regierungen bisher auch keinen besonderen Einsatz wert.

Mit den Bomben gegen die ultraradikalen Kämpfer des Islamischen Staates (IS) widerlegt Amerikas Präsident Obama seine ärgsten Kritiker, die ihn als Weichei und Zauderer charakterisieren. Und zugleich führt er auf andere Weise den Krieg weiter, den sein Vorgänger George Bush dort vor elf Jahren vom Zaum gebrochen hatte. Amerikas Außenminister Colin Powell hatte einst mit der Bemerkung vor einem Irak-Krieg gewarnt, für einen Militäreinsatz in der Region gelte dieselbe Regel wie für die Möbel- und Krimskrams-Kette Pottery Barn: "If you brake it, you own it." – Was du kaputt machst, gehört Dir.

USA als Wegbereiter der IS

Irak liegt seither in Trümmern, und Obama muss die Zeche bezahlen. Nach dem Ende des Krieges übernahmen in Bagdad die bisher benachteiligten Schiiten die Macht. Die drängten mit amerikanischer Unterstützung sogleich all jene sunnitischen Beamten aus dem Apparat und all jene sunnitischen Offiziere aus der Armee, die einst das Rückgrat für die Herrschaft Saddam Husseins gebildet hatten. Bürgerkrieg war die Folge, zunächst noch unter Teilnahme amerikanischer GI’s.

Auch elf Jahre danach denkt der schiitische Premier des Irak Nuri al-Maliki nicht daran, Sunniten wieder an der Macht zu beteiligen. Das Land ist entlang seiner religiösen Grenzen so geteilt wie nie. So war es nicht überraschend, dass die sunnitischen Terrortruppen der IS in weiten Teilen des Irak wohlwollend aufgenommen wurden und Unterstützung bei all jenen Ex-Militärs und Clan-Chefs fanden, die einst das Sagen hatten. Sie überrannten ganze Landstriche im Nordwesten, in denen die Sunniten des Irak leben.

Ölvorkommen in Gefahr

Die Lage änderte sich aus der Sicht der USA dramatisch, seit nun auch noch die Kurden-Gebiete des Irak bedroht sind. Die Kurden hatten nach 2003 einen florierenden Staat im Staat gegründet. Nicht nur der ist nun bedroht, sondern mit ihm sind es zugleich einige der größten Ölvorkommen des Landes. Die nämlich liegen entweder in den Kurden-Gebieten oder in Gegenden, welche die Kurden für sich beanspruchen, zum Beispiel nahe der Stadt Kirkuk.

Schon im Nachbarland Syrien ist es den IS-Kämpfern gelungen, die dortigen Ölquellen zu erobern. Mit den Erträgen daraus lässt sich der Kampf um einen ultramuslimischen Gottesstaat wunderbar finanzieren. Die Kontrolle über Iraks Ölvorkommen wären zudem ein perfektes Druckmittel im Kampf gegen den Westen. Schließlich gehören sie zu den größten der Welt.

Barack Obama mag darum Kampfflugzeuge und Drohnen gegen die IS-Kämpfer schicken und damit viele Jesiden vor dem Tod bewahren. Das ist verdienstvoll. Aber das Schicksal einer mysteriösen Religionsgemeinschaft und ihrer Anhänger allein hätte nicht gereicht, um den Einsatzbefehl zu geben. Was wir erleben, ist Geostrategie im humanitären Gewand.