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US-Wahl: Der Nächste, bitte

Die beiden Bewerber um das Amt des amerikanischen Präsidenten liefern sich ein kopf-an-Kopf-Rennen. Mit jedem Tag wird die Hektik größer, der Ton zwischen George W. Bush und John F. Kerry schärfer. Wenn die Welt mitbestimmen dürfte, wäre der Wahlausgang klar.

Marlton, New Jersey Dieser Tag soll ihm gehören. Heute wird er attackieren. 80 Meilen südlich von Ground Zero, wo er die Mission seines Lebens fand, will Präsident George W. Bush einen Befreiungsschlag landen für einen Wahlsieg am 2. November. Er steht unter Druck, er hat die drei Fernsehdebatten gegen John Kerry verloren, und seine Popularitätsquote dümpelt knapp unter der alarmierenden 50-Prozent-Marke. Er muss jetzt Stärke zeigen.

700 Anhänger warten im Evesham Recreation Center auf ihren Präsidenten. Sie haben sich um Tickets bewerben müssen, und am Eingang werden sie durchleuchtet und abgetastet wie vor einem Flug nach Übersee. Es ist Wahlkampf in Zeiten des Krieges. Countrymusik und patriotische Lieder donnern aus den Boxen, "I'm proud to be an American".

Um 13.15 Uhr federt Bush unter tosendem Applaus und "Four more years"-Rufen ans Rednerpult, und weil der Beifall nicht enden will, beschwichtigt er das Auditorium. In den folgenden 48 Minuten findet er den Weg von den Trümmern des 11. September zum Siegeszug der Demokratie um die Welt. Nur zwei Dinge stehen dem entgegen - die Terroristen und eine Niederlage gegen John Kerry. Fünfmal benutzt Bush die Worte "schwach" oder "Schwäche" im Zusammenhang mit Kerry und den Demokraten. In einer Ära der Massenvernichtungswaffen sei das Warten auf die Bedrohung "eine Einladung zum Desaster".

Fear and Force, Furcht und Stärke, sind die Stützpfeiler von Bushs Kampagne. Er spielt, je nach Sichtweise, virtuos oder schamlos mit der Angst: Ihr habt die Wahl zwischen Freiheit und Untergang. Die Leute toben. Sie haben verstanden und machen sich selbstbewusst auf den Heimweg. An einer Ausfallstraße bepöbeln einige den Kriegsgegner Rick Kigewski. Der hat dort seinen Pick-up geparkt und ein Schild an der Ladeklappe befestigt - "Ein verrückter Mullah im Nahen Osten ist nicht so gefährlich wie ein verrückter Mullah im Weißen Haus". Einer brüllt: "Geh doch nach Russland!" Rick sagt: "Diese Wahl kann die Welt verändern. Es ist verdammt schade, dass nur Amerikaner wählen dürfen.“

Am Abend schaltet die Bush-Kampagne einen TV-Spot: "John Kerry und seine liberalen Alliierten, können wir uns dieses Risiko leisten?"

West Palm Beach, Florida

Es hätte ein so schöner Tag werden können für John Forbes Kerry. Am Morgen weckte ihn Floridas warme Sonne und nicht der Anruf seines Assistenten Marvin. In den Zeitungen, nach denen er giert wie nach Schoko-Milchshakes, las er vom Sieg seines Lieblingsteams Boston Red Sox gegen die New York Yankees. Doch schon beim Frühstück ist Kerry klar: Heute wird Bush die Schlagzeilen liefern. Er muss dessen Angriffen zuvorkommen. Wenn Kerry eines gelernt hat in diesem schmutzigen Wahlkampf, dann dies: Wehr dich. Zeig dich so taff, wie du als Präsident wärst im Kampf gegen al Qaeda.

Dort draußen, auf seiner ersten Wahlveranstaltung des Tages in der Seniorensiedlung Century Village, sitzen alte Juden, die von ihm etwas über Israel hören wollen, und jüdische Alte, die etwas über Grippeimpfungen hören wollen. Aber Kerry geht hinaus in die Morgenhitze und ruft: "Der Präsident will euch heute wieder in die Irre führen ... Der Charakter unserer Nation steht auf dem Spiel. Wir brauchen endlich einen Präsidenten, der Amerika die Wahrheit sagt ... Dies sind die wichtigsten Wahlen eures Lebens." Da jubeln die Senioren, von denen einige schon die Reichstagswahlen 1933 erlebt haben.

In der Menge entdeckt John Kerry einen kleinen Jungen, der ihm einen Korb entgegenstreckt. Wie heißt du?, fragt Kerry. Michael, sagt der Junge. Was hast du in deinem Korb, Michael? Geld für Sie. Wo hast du es her? Von Papa weggenommen. Kerry blickt beseelt ins Publikum. Ein siebenjähriger Junge stiebitzt Papas Geld, damit Kerry die Wahl gewinnen kann. "Dieses Geld wird mir helfen, für dich ein besseres Amerika zu schaffen", sagt Kerry und streichelt dem Kleinen über den Kopf. Ein Amerika, das wieder respektiert wird in der Welt. Das seine Bürger nicht mehr ausspioniert. Das Kritik nicht für Hochverrat hält. Es klingt wie die Wahl zwischen Freiheit und Untergang.

Am Mittag fliegt Kerry vom Atlantik weiter an den Golf von Mexiko und nach Orlando. Er könnte sich hier inzwischen ein Apartment nehmen. So oft ist er in Florida, wo Bush vor vier Jahren gegen Al Gore mit nur 537 Stimmen vorn lag. Hier muss er unbedingt gewinnen. Kerry redet mit Haitianern über ein Haiti ohne Hunger. Mit Kubanern über ein Kuba ohne Castro. Mit Christen über seinen unbändigen Glauben an Christus. Und den Juden sagt Kerry, dass er Israel besser beschützen wird als Bush. Vielleicht ist das ein bisschen viel. Aber so ist er nun mal.

In erster Linie wollen die Leute wissen, ob der Senator von Massachussetts das Land verteidigen kann, also ruft er in den Abendhimmel: "Ich werde es verteidigen mit jedem Gramm Leidenschaft, das ich in mir trage. Ich habe als junger Mann für mein Land geblutet. Und ich werde es verteidigen als Präsident." Er kämpfte gegen die Vietcong, als Bush noch gegen die Langeweile kämpfte. Er brachte als Staatsanwalt Mafiosi hinter Gitter, während Bush das Geld seines Papas aufs Spiel setzte. Er rang im Senat für das Ende des Kalten Krieges, als Bush noch mit seiner Liebe zu Johnnie Walker rang. Aus den Boxen dröhnt Bruce Springsteens "No Surrender". Darum geht es jetzt. Niemals aufgeben.

Am Abend gewinnen die Red Sox gegen die Yankees. Sie verkürzen ihren Rückstand auf zwei zu drei. Niemals aufgeben.

Die Kandidaten haben in den letzten Monaten mehr als 250 000 Kilometer zurückgelegt. Es gibt Tage, da treten sie in drei verschiedenen Staaten, Zeit- und Klimazonen auf. 3,9 Milliarden Dollar haben beide Seiten ausgegeben. 72 Prozent der Amerikaner sagen, dass die Wahl ihr Leben unmittelbar beeinflusst. Die Wählerregistrierung erreicht Rekordhöhen. Die Wahl hat alles, was ein großes Drama braucht. Sie ist spannend. Sie ist voller Emotionen. Sie spaltet das Land. Sie bewegt die Welt. Sie hat zwei Kandidaten, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Bush liest seine Rede ab, Kerry hält sie frei. Bei Bush erklingt Countrymusik, bei Kerry Rock. Bush liebt die einfachen Sätze, Kerry die Weitschweifigkeit. Sie haben nicht viel gemeinsam außer dem Studium in Yale und der Liebe zum Baseball. Für Bush ist die Welt selbst nach vier Jahren im Amt noch so fremd wie Mitteltexas für Kerry. Bush glaubt an eine Mission, Kerry an ein Mandat. Bush glaubt an höhere Bestimmung, Kerry an die Wirklichkeit.

St. Petersburg, Florida

Der Präsident reist mit seinem Bruder Jeb, dem Gouverneur von Florida. Er hat in den vergangenen Monaten immer wieder diesen Staat besucht. Als die Hurrikans dort ganze Landstriche verwüsteten, flog Bush in die Region und verteilte Wasser und Eis an die Opfer, und jede Fernsehstation zeigte diese Bilder. Bush, der Retter. Bush, der Typ von nebenan, der die Ärmel hochkrempelt. Am Morgen steht er nun wieder mit hochgekrempelten Hemdsärmeln vor 8000 Fans in einem Stadion. Eine Frau im dunklen Kostüm hält ein Plakat hoch - "You make me feel safe". Seine Botschaft ist angekommen.

Der Präsident hat gute Laune. Er ist unter Freunden und Wohlgesinnten, fernab von Washington, das ihn nicht mag und das er verachtet. In den fast vier Jahren seiner Amtszeit hielt Bush gerade 15 Pressekonferenzen ab. Bill Clinton brachte es auf 42, George Bush senior auf 83 Auftritte. Bush macht das nur, wenn er gar nicht anders kann.

Der 43. Präsident der USA lebt in einer abgeschirmten Welt, jenseits von Kritik und Zweifel. Und wenn er diese Welt verlassen und sich stellen muss - wie in den Fernsehdebatten -, wirkt er plötzlich hölzern, anfällig. Er gerät ins Stottern, und wenn er über Fehler reden soll, fallen ihm keine ein. Aber hier, auf Wahlkampftour, fragt niemand nach Fehlern. Er wird gefeiert. Bush ist ein guter Redner, solange er sich bewegen kann in dieser Blase aus Zuneigung und Ehrerbietung und keine Demonstranten stören oder Reporter mit kritischen Fragen. Er zitiert den Boxer Joe Louis, wenn er über Kerry lästert: "You can run, but you cannot hide", du kannst weglaufen, aber du kannst dich nicht verstecken. Nach dem zweiten Mal intoniert auch die Menge: "É but you cannot hide".

Am Nachmittag spricht Bush in dem Retortenort The Villages vor 15 000 Senioren. Einige kommen mit Golfwägelchen; viele gehen an Krücken. Sie repräsentieren das weiße, das reiche, das "Corporate America". Bushs Amerika. Die Welt von The Villages ist ebenso künstlich und abgeschirmt wie seine. Dem Geistlichen Jim Wallis vertraute der Präsident vor vier Jahren an: "Ich habe nie unter armen Menschen gelebt. Ich weiß nicht, was sie denken. Ich bin ein weißer Republikaner, der sie nicht versteht." Er hat sie bis heute nicht verstanden.

Dayton, Ohio Im Lager der Demokraten macht sich Unruhe breit. Kerry scheint nicht an Bush vorbeiziehen zu können. Obschon dessen Bilanz verheerend ist: Amerika hat 700 000 Jobs verloren. 43 Millionen US-Bürger sind ohne Krankenversicherung. 36 Millionen leben unterhalb der Armutsgrenze. Das Haushaltsdefizit ist auf 445 Milliarden Dollar gestiegen. Bush hat vier Steuersenkungen durchgesetzt und die Kluft zwischen Arm und Reich dramatisch vergrößert. Aber Kerry kann davon nicht profitieren. Amerika vertraut ihm noch nicht richtig. Bush mag ein Versager sein. Aber in Kriegszeiten haben die Amerikaner noch nie ihren Präsidenten abgewählt.

Also haben Kerrys Berater für ihn neue Schlachtfelder gesucht. Er braucht mehr besorgte Mütter, und so warnt Kerry vor 10 000 Menschen im Baseballstadion der Dayton Dragons vor der Einführung der Wehrpflicht, obwohl Bush das kategorisch ausschließt. Er braucht mehr Alte, also warnt Kerry vor der Privatisierung des Rentensystems unter Bush, obwohl der das vehement bestreitet. Er braucht mehr Verunsicherte und sagt, unter Bush könnten sich Kranke das Kranksein nicht mehr leisten. Er macht es wie der Präsident. Er setzt auf die Karte Angst. Die Zuschauer toben. Sie haben verstanden.

Am Abend fliegt Kerry weiter nach Iowa. Der Pilot seiner Maschine gibt die Zwischenstände aus dem Yankee-Stadion durch. Die Red Sox gewinnen das Spiel in New York und gleichen sensationell zum 3 : 3 aus. Kerry findet, es gibt da ein paar Gemeinsamkeiten.

Waterloo, Iowa

Es ist ein bewölkter Morgen über den weiten Feldern des Agrarstaates. Iowa (7 Wahlmänner) ist ähnlich umkämpft wie Wisconsin (10) und Pennsylvania (21), wie Ohio (20) und Florida (27) und sechs weitere Staaten. Hier werden die Wahlspots geschaltet. Hier treten die Kandidaten auf. Hier entscheidet sich die Zukunft.

Die Kandidaten treten zeitgleich an, nur 80 Meilen voneinander entfernt. Am Abend zuvor hat Vizepräsident Dick Cheney die Gefahr eines Terrorangriffs mit Atomwaffen heraufbeschworen und Kerry als Weichei präsentiert. Im Radio warnen Republikaner vor Kerry, der "Ratte", dem "Franzosen", dem "Verräter". Die Kampagne der Republikaner mag an die ideologischen Wahlschlachten zu Zeiten des Kalten Krieges erinnern, aber sie funktioniert. Beim Thema Nummer eins, dem Kampf gegen den Terrorismus, liegt Bush noch immer um die 20 Prozent vorn.

Heute muss Kerry zurückschlagen. Er redet im Kongresszentrum der Kleinstadt Waterloo. Neun US-Flaggen stehen auf der Bühne, daneben Generäle und Veteranen. Die Menschen singen "Gott segne Amerika", als Kerry die Bühne besteigt. Er zitiert Bushs Parteifreund Senator Richard Lugar, der die Kriegführung im Irak als inkompetent bezeichnet, und den früheren US-Statthalter Paul Bremer, der frühzeitig ein größeres Truppenkontingent gefordert hat. Er verweist auf General Sanchez, der die Ausrüstung der Armee kritisierte, und die 9/11-Kommission, die keine Verbindung zwischen Saddam und al Quaeda fand. Dann legt er richtig los, und was nun folgt, ist die Anklage im Namen der Welt, die Bilanz eines verblendeten und von Ideologen geleiteten Präsidenten: Bush hat den Bezug zur Realität verloren und Alliierte mit Verachtung behandelt.

Amerika ist gefährdeter als je zuvor. Im Irak hat der Präsident einen Zufluchtsort für Terroristen geschaffen. Er hat Amerika vom Rest der Welt isoliert. Er hat bin Laden entkommen lassen. Al Qaeda breitet sich aus mit Tausenden von militanten Kämpfern. Seit dem 11. September hat die Zahl massiver Terrorattacken den höchsten Stand seit 20 Jahren erreicht. Kerry ist endlich dort angekommen, wo die Basis ihn seit einem Jahr haben will.

Inzwischen glaubt die Mehrheit der Amerikaner, dass der Krieg ihres Präsidenten ein Fehler war. Aber auf die Frage, welcher der Kandidaten geeigneter sei, die USA aus dem Chaos herauszuführen, antworten sie: Bush. So funktioniert Amerika, dieses zutiefst verunsicherte Land.

Rochester, Minnesota

Bush ignoriert Kerrys Attacken aus Iowa. Zumindest tut er so. Er hält ihm vor, erst für den Krieg gestimmt zu haben und nun dagegen. Er nennt ihn stets einen Linksaußen und wirft ihm seine Senatsbilanz vor: "In 20 Jahren hat Kerry 98-mal für höhere Steuern gestimmt. Und wird es wieder tun." Er verdammt ihn als Wendehals, der alles sage, um den Geschmack des Publikums zu treffen. Die Bush-Anhänger schwenken dazu Flipflops zu 15 Dollar mit dem Foto von Kerry darauf.

Bush bedient sich einer Melange aus Halbwahrheit und Übertreibung, aber ganz Unrecht hat er nicht. Kerrys Jahre im Senat haben auch auf politische Beobachter wenig Eindruck gemacht. Kerry ist ein idealer Gegner, um von der eigenen Bilanz abzulenken. Mittags hält Bush in einem Flugzeughangar eine Rede zur Wirtschaftslage. Er holt zwei Männer und zwei Frauen auf die Bühne, die seine Steuerpolitik preisen, die niedrigen Bauzinsen, seine Bildungspolitik und das Engagement für Mittelständler. Er zieht das Jackett aus, "wir haben hier Arbeit zu tun", und schlendert mit dem Mikrofon über die Bühne. "Sehen Sie, sehen Sie", sagt er bei jeder Lobhudelei. Er ist ein guter Verkäufer. Die Leute würden ihm auch Trockenhauben oder Fritteusen aus den Händen reißen.

Die Zuhörer wollen nicht wissen, dass der Staat bankrott ist. Sie wollen nicht hören, dass es keinen Ausweg aus dem Irak gibt. Sie wollen nicht wissen, dass Amerikas Ansehen im Rest der Welt so schlecht ist wie nie zuvor. Sie wollen nur eines: Bush behalten.

Nach der Veranstaltung ist Jill Wooten fast in Trance. Ihre Augen glänzen, ihr Lachen ist zahnweiß. Jill stand auf der Bühne für den Part "Eigenheime" und musste erzählen, dass sie und ihr Mann pro Jahr 2500 Dollar sparen durch Bushs Politik. "Der Präsident war so warm und herzlich wie mein eigener Vater." Der Vater steht neben Jill und lächelt stolz.

Am Abend läuft in den umkämpften Staaten ein neuer Wahlspot der Republikaner. Er zeigt den Präsidenten, wie er die 16 Jahre alte Ashley Faulkner aus Ohio in den Arm nimmt, deren Mutter bei den Anschlägen des 11. September ums Leben gekommen ist. Am Ende sagt Ashley: "Er ist der mächtigste Mann der Welt, und alles, was er will, ist, dass ich sicher bin."

Springfield Township, Ohio

Spät in der Nacht sitzt John Kerry noch im Hotelzimmer und schaut sich das entscheidende Spiel zwischen den Red Sox und den Yankees an. In der Hand hält er ein Bier, die Füße liegen auf dem Tisch, und bei den Home-Runs jubelt er für die Fotografen. Die Red Sox gewinnen. Die Sensation ist perfekt. Kerry sieht aus wie einer, der gerade die Wahl gewonnen hat.

Als Marvin den Senator nach nur drei Stunden Schlaf um fünf Uhr wecken will, ist der schon wach. Er sei munter, sagt er. Er sei bereit. Er will jetzt Gänse jagen.

Mit einem Parteifreund verschwindet der Jäger John Kerry in einem Maisfeld und schießt eine Wildgans. Danach präsentieren sie die Beute den Medien. Kerry trägt Tarnjacke und Boots. Er streichelt einen Labrador. Sein Berater sagt, sie wollten Kerry in diesen Schlusstagen als Typen von nebenan präsentieren, um Wechselwähler zu überzeugen. Er soll über Waffen reden statt über Gedichte. Über Baseball statt Windsurfing. Er soll das Image des elitären Patriziers von der Ostküste loswerden.

Am Abend in Minneapolis erwarten ihn 30 000 Zuschauer, die bisher größte Kulisse. Kerry trägt eine sandfarbene Jacke, die zu seinem Erkennungszeichen geworden ist. Er kann kaum noch aus den Augen schauen. Aber er ruft: "Schaut mir in die Augen. Schaut in meinen Bauch und mein Herz. Ich schaue euch in die Augen. Ich sehe eine Sehnsucht nach Hoffnung." Er zeichnet das Amerika des George W. Bush, in dem die Flüsse sterben und die Schüler verdummen, die Soldaten umkommen und Terroristen triumphieren. "Ich werde all das ändern", ruft er. "Ich werde euch wieder stolz machen."

Die Massen jubeln. Sie wollen jetzt nicht wissen, wie er all seine Versprechen bezahlen wird. Sie wollen nicht hören, dass Kerry auch keinen Ausweg aus dem Irak weiß. Sie wollen nur eines: Bush loswerden. Eine Frau hält ein Transparent hoch mit der Aufschrift "Errette uns, John". Sie spricht für den Rest der Welt. Und die Hälfte Amerikas.

Hershey, Pennsylvania Eine Regenfront zieht über den Osten. 20 000 Menschen in Winterjacken frieren im Football-Stadion des Schokoladenherstellers der Ankunft ihres Präsidenten entgegen. Eine Band tritt auf, danach ein Prediger, der für den Präsidenten betet, "und gib ihm die Kraft für dieses Amt, in das du ihn berufen hast. Amen".

Der Präsident ist leicht verspätet. Er hat in Philadelphia einen Stopp eingelegt bei Erzbischof Justin Rigali. Der hat gesagt, jeder Katholik habe die Pflicht, für den Kandidaten zu stimmen, der Abtreibung als Sünde begreift. Kerry ist Katholik, aber er begreift Abtreibung nicht als Gesetzesbruch. Ein Drittel der Bevölkerung Pennsylvanias ist katholisch; Bush will diese Stimmen. Die der fundamentalistischen Protestanten hat er längst. In dieser Woche sagt sein Justizminister John Ashcroft, göttliche Vorsehung und die helfende Hand des Präsidenten hätten weitere Anschläge verhindert. In dieser Woche sagt aber auch Pastor Pat Robertson, Sprachrohr der Christlichen Rechten, Bush habe ihm vor dem Irak-Krieg erklärt, es werde keine Toten geben.

George W. Bush weiß, dass er den frierenden Menschen in Hershey warme Worte schuldet: "In diesen Zeiten unterstützen wir die Institutionen, die unserem Leben Richtung und Sinn geben - unsere Familien, unsere Schulen, unsere religiösen Gemeinden. Wir stehen für eine Kultur, in der jede Person wichtig ist und jedes Wesen zählt. Wir stehen für Heirat und Familie, die Basis unserer Gesellschaft sind ..." "Four more years"-Rufe. Er nennt Freiheit "das Geschenk des Allmächtigen an jeden Mann und jede Frau". Bush redet nicht, er predigt.

Fort Lauderdale, Florida

Kerry wollte seinen Glauben eigentlich aus dem Wahlkampf heraushalten. Aber 70 Prozent der Amerikaner wollen einen Präsidenten, für den die Religion von großer Bedeutung ist. Also sagt der einstige Messdiener den schwarzen Kirchgängern von Mount Hermon an diesem Sonntag, dass die Religion für ihn eine große Bedeutung habe. Gott habe ihn durch den Vietnamkrieg gebracht. Gott werde an seiner Seite stehen im Weißen Haus. Gott gehört nicht Bush allein.

Eine Woche zuvor stand Kerry vor der Gemeinde der Mount Zion Baptist Church in Cleveland und sagte, er sei nicht hier, um zu predigen, aber er predigte dann doch: "Es reicht nicht, mein Bruder, zu sagen, dass du glaubst, wenn du keine Werke folgen lässt. Glaube ohne Werke ist tot." Er erzählte das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. "Vier Jahre mag George Bush über Mitgefühl geredet haben. Er mag Menschen in Not gesehen haben, aber er wechselte die Straßenseite."

John Kerry kann den Kampf um die Stimmen der tiefgläubigen Christen nicht gewinnen. Er kann bestenfalls ein paar Zweifel ausräumen. Er wird Gott nicht um Erlaubnis bitten, bevor er einen Krieg führt. Aber um Beistand. Das sollte reichen für das Amerika des 21. Jahrhunderts.

Fort Myers, Florida

Bushs Vorsprung in den Umfragen ist dahin. Die Nachrichten aus dem Irak sind schlimmer denn je, und der Commander in Chief setzt auf Symbolkraft: Sein Hubschrauber "Marine One" wird von schwer bewaffneten Helikoptern eskortiert. Bei der Landung ertönt der Titelsong aus "Top Gun". "Die Welt und Amerika sind sicherer mit Saddam in einer Gefängniszelle", sagt er. Stunden später werden 50 irakische Soldaten abgeschlachtet. Die Realität hält sich nicht an seine Worte. So bemüht er die ferne Zukunft."Eines Tages", sagt Bush gern, "wird ein amerikanischer Präsident mit seinem gewählten Kollegen aus dem Irak zusammensitzen und über Frieden reden, und unsere Kinder und Enkel werden sicherer sein." Vielleicht glaubt er das wirklich.

Am Abend schaltet die Bush-Kampagne den bislang bissigsten Anti-Kerry-Spot: Wölfe lauern am Waldrand und bewegen sich bedrohlich auf die Kamera zu. Eine Stimme sagt: "Schwäche zieht die an, die Amerika treffen wollen." Die Kerry-Kampagne kontert mit Aufnahmen von einem Adler, der erhaben durch die Luft schwebt, und einem Strauß, der den Kopf in die verdorrte Erde steckt. "Wenn wir die Wahl haben in diesen herausfordernden Zeiten - sollten wir da nicht wieder der Adler sein?"

Washington, D.C.

Eine Woche vor der Wahl liegen die Kandidaten gleichauf. Bush wird noch Arnold Schwarzenegger ins Rennen schicken, Kerry vertraut auf das Charisma des wieder genesenen Herzpatienten Bill Clinton. Und sollten sie knapp verlieren, setzen beide auf mehr als 10 000 Anwälte, die eine Fülle von Wahlmanipulationen vor Gericht bringen könnten. Am Wochenende wurde bekannt, dass eine von den Republikanern beauftragte Firma Registrierungskarten der Demokraten zerriss und sich 68 000 Wähler doppelt einschreiben ließen. Wer die wichtigste Wahl der Welt gewinnt, entscheiden womöglich wieder Richter. Vielleicht wäre Amerika ein guter Platz für UN-Beobachter.

Michael Streck und Jan Christoph Wiechmann / print