HOME

US-Wahlkampf: Mit Gott ins Weiße Haus

Um wieder Präsident zu werden, mobilisiert George W. Bush die fundamentalistischen Christen. Was ihm nicht schwer fällt, denn er ist einer von ihnen. Ein Streifzug durch eine Welt, in der es nur Gut und Böse gibt.

Wir trafen Jesus in der Mittagspause kurz vor der Kreuzigung. Er saß an einem Brunnen in der Altstadt von Jerusalem, und die Kinder um ihn herum fragten: "Hey, bist du Jesus?" Er trug ein langes, graues Baumwollgewand, die braunen Locken fielen ihm auf die Schulter. Er schaute aus klaren, blauen Augen und tätschelte Kinderköpfe. Dann sprach Jesus: "Ich habe meine Aufgabe gefunden. Gott will mich hier."

Denn Gott wollte Les Cheveldayoff nicht länger als Pilot von Frachtflugzeugen sehen. Glaubt Les, der dem Herrn in Tampa Bay, Florida, begegnete. Vor vielen Jahren war das. Les ist nun 38 und spielt den Gottessohn im "Holy Land Experience", einer Art biblischem Disneyland in Orlando, Florida, mit nachgebautem Tempel und Markt, Via Dolorosa und Souvenirshops, Golgatha und Fressbuden.

Geradewegs nach Golgatha

Es ist ein brüllend heißer Samstag, und Samstage sind für Les/Jesus besonders anstrengend, weil er gleich zweimal gekreuzigt wird. Mittags um zwölf und nachmittags um 15.45 Uhr für jeweils 20 Minuten. Was stets eine gewisse Vorbereitung erfordert, mental und körperlich, weshalb Les Cheveldayoff das Kinderkopftätscheln abbrechen muss. Die Pflicht ruft. Er lässt sich blutrote Peitschenstriemen auf den Körper malen, wirft noch ein wenig Staub über Brust und Rücken, schultert einen massiven Holzbalken und macht sich auf den Leidensweg: am Brunnen rechts, die Via Dolorosa runter, vorbei an Simeons Eisstand und geradewegs nach Golgatha. Tausend Besucher erwarten eine ordentliche Kreuzigung und Auferstehung für die 29,99 Dollar Eintritt, Kinder ermäßigt. Jesus wird ans Kreuz gebunden, stirbt Punkt 15.40 Uhr und steht um 15.45 wieder auf. Begeisterung im Publikum.

Eine Million Menschen kam schon in das Plastik-Jerusalem, und der Erfolg ist so überwältigend, dass der Gründer Marvin Rosenthal an Expansion denkt und Grundstücke sucht auf der anderen Seite des Highways, Disney World zur Linken, die Universal Studios zur Rechten; und mittendrin das Heilige Land, und mitten im Heiligen Land "Noah's Ark", das nächste Millionenprojekt. Gott persönlich will das, sagt Rosenthal. Gott wollte auch, dass er vom Juden- zum Christentum konvertierte und deshalb gerettet ist, rechtzeitig vor dem Weltenende. Denn Armageddon, das große Finale zwischen Gut und Böse, ist nah, so steht es in der Bibel. "Sie ist das Wort Gottes", sagt Rosenthal, "sie erlaubt keine Interpretation."

Marvin Rosenthal ist ein guter Amerikaner. Ein Patriot. Ein Mann mit Werten. Der nach der Schrift lebt und fest daran glaubt, dass die Welt in sieben Tagen erschaffen wurde, Maria unbefleckt empfing und Jesus übers Wasser ging. Rosenthal glaubt auch, dass Homosexualität Sünde ist und Abtreibung Mord und die Frau dem Manne folgen soll. Rosenthal glaubt, was mindestens 30 Millionen fundamentalistische Christen in den USA glauben: an die wörtliche Auslegung der Bibel. Ohne Wenn und Aber. Der Präsident muss sich um Marvin Rosenthal nicht sorgen, am 2. November, am Wahltag. Christen wie Rosenthal wählen Bush, den gottesfürchtigen Präsidenten.

Stützpfeiler der amerikanischen Gesellschaft

Amerika ist ein gottesfürchtiges Land. 84 Prozent der US-Bevölkerung bezeichnen sich als Christen, die Religion ist der Stützpfeiler der amerikanischen Gesellschaft. Die Kirche spielt eine immense Rolle bei der Betreuung von Alten, Pflegebedürftigen, Obdachlosen. Und zusehends auch in der Politik. Von den regelmäßigen Kirchgängern, die wenigstens einmal pro Woche ein Gotteshaus aufsuchen, stimmten bei den vergangenen Präsidentschaftswahlen 68 Prozent für den "born-again Christian" George W. Bush. Den Mann, den drei Millionen bibel- und linientreue US-Bürger, das "Presidential Prayer Team", Tag für Tag in ihre Gebete einschließen: "…Betet für den republikanischen Parteitag…betet für die Sicherheit und den Schutz der Delegierten, Kandidaten und Medien, und zu Gott, auf dass er dort geehrt werde. Betet für den Präsidenten, der mit seinem Team die Sicherheit Amerikas verbessert und den Terror bekämpft…"

Kein anderer Präsident in der Geschichte des Landes verweist so oft auf Gott, den Allmächtigen, den Herrn, die Bibel. Rituell schließt Bush seine Reden mit "May God continue to bless America". Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Ausnahmslos alle US-Präsidenten waren gläubig, und die Entstehungsgeschichte der Nation basiert zu guten Teilen auf den Pilgrim Fathers, die in der Neuen Welt religiöse Freiheit fanden. Nur wird Gott inzwischen als Wahlkampfhelfer instrumentalisiert. Seit Monaten mobilisiert das Weiße Haus seine Gefolgschaft aus dem eher fundamentalen Kirchenflügel, und Bushs Chefstratege Karl Rove hat die Prämisse ausgegeben, dass vier Millionen Evangelikale, die im Jahr 2000 nicht zur Urne gingen, diesmal für den Präsidenten stimmen müssen. Vier Millionen können entscheidend sein; zuletzt gaben 537 Stimmen in Florida den Ausschlag.

Also trommelt die christliche Rechte für den Amtsinhaber, mit einem Netzwerk von erzkonservativen Organisationen. Die heißen "Focus on the Family", "Christian Coalition", "Family Research Council", "Every Home for Christ", "Traditional Values Coalition" und, und, und. Sie stehen stramm hinter ihrem Präsidenten und stramm gegen Herausforderer John Kerry, den Katholiken, den Liberalen, den Flip-Flopper, den Abtreibungsbefürworter und Schwulenfreund - Kampagne und Kanzel werden eins. Vor einigen Wochen schickte Bushs Wahlkampfteam 1600 E-Mails an vermeintlich freundlich gesinnte Gemeinden in Pennsylvania mit der dringenden Bitte, Unterstützung herbeizupredigen. Unverblümt wandte sich das "Republican National Committee" (RNC) mit einem Formbrief an katholische Kirchen, um Namen von Gemeindemitgliedern mit republikanischen Wählerlisten abzugleichen: "Zugang zu diesen Listen wäre wichtig für uns. Denn es erlaubt uns, solche Katholiken zu identifizieren und zu kontaktieren, die vermutlich Präsident Bushs konservative Agenda unterstützen…"

Liberale Organisationen und christliche Gruppen laufen Sturm gegen diese Vereinnahmung der Religion und warnen vor einer schleichenden "Talibanisierung Amerikas". Zeitungen schreiben vom "culture war". Was es mit diesem Kulturkrieg auf sich hat, erlebt man, wo Amerika am amerikanischsten ist. Wo an Bäumen "God allows U-Turns"-Schilder pappen und es "Bible Factory Outlets" gibt, gigantische Devotionaliengeschäfte.

In denen "Passion of the Christ"-Nägel für 16,99 Dollar plus Steuern verkauft werden und Jugendmagazine auf dem Titel fragen: "Are you dating a godly guy?" - triffst du dich mit einem frommen Jungen? Wo den ganzen Tag über Radikalprediger im Radio gegen Sex vor der Ehe schäumen und es mehr Kirchen als Kneipen gibt. So geht es zu im Süden, im Heartland, im Herzen Amerikas.

"Wir fischen Menschen"

Elberton, Georgia, 5000 Einwohner, 45 Granitsteinbrüche, 1 Granitsteinmuseum und Kirchen über Kirchen. US-Provinz. Die beiden Restaurants schließen abends um zehn. Elberton hat nicht viel zu bieten außer Steinen, die zu Grabsteinen werden. Kreuzritter auf Durchreise sind deshalb eine ziemliche Attraktion.

Die Elberton Church of God hat die "Crusaders" des so genannten Power-Teams eingeladen, eine Gruppe von Muskelmissionaren, die im Namen Gottes durchs Land tingeln, Kirchen und Gemeindesäle füllen und darin Ziegelsteine mit der Handkante zerschmettern, Eisenstangen biegen, Telefonbücher zerreißen und Wärmflaschen so lange aufpusten, bis die platzen. Die Mitglieder des Power-Teams kommen aus ganz Amerika, sie reisen in Gruppen zu viert und leben von Spenden. "Gott", sagt der Teamkapitän John Kopta, seit 19 Jahren dabei, "hat jedem von uns Kraft als Talent geschenkt. Kraft ist unser Werkzeug. Und wir sind wie Werkzeuge des Herrn. Wir fischen Menschen." Willie Raines ist ein sehr kräftiger Menschenfischer.

Kopta stellt ihn den Gemeindemitgliedern von Elberton als "human freight train" vor, als "menschlichen Güterzug". Willie, Oberarme dick wie Wassermelonen, schnappt sich sodann einen Baseballschläger und bricht den entzwei, als wär's eine Salzstange. "Dieser Baseballschläger", sagt er, "repräsentiert die Arme Satans". Und ihr Auftrag sei, zurückzugewinnen, "was uns das Böse genommen hat". Die Gläubigen applaudieren und räuspern im Chor "Yes, yes, yes". Willie rollt daraufhin noch eine Bratpfanne zusammen wie einen mexikanischen Burrito und erzählt, wie ihn das Böse einst im Griff hatte und er mit Drogen dealte, in den Knast kam, dort Gott entdeckte und Erlösung fand. Seitdem bricht Willie die Arme des Satans.

Zwei Stunden dauert die Show. Drei der vier Akteure sind wie Präsident Bush "born-again Christians", wiedergeborene Christen, Gläubige also, die nach einem sündigen Leben wieder auf den rechten Weg zurückgefunden haben. Sie hatten, wie der Präsident, Erweckungserlebnisse. Sie glauben, wie der Präsident, dass Homosexualität falsch ist. Sie glauben, wie der Präsident, an "Good and Evil", an Gut und Böse. Und wo immer sie hinkommen, sind die Kirchen voll und die Menschen hingerissen, weil die Botschaft unmissverständlich ist: Das Böse existiert, das Böse muss weg.

"Viele Amerikaner", sagt der Soziologe Christopher Bader von der baptistischen Baylor-University in Waco, Texas, "wollen klare Antworten. Ja oder nein. Richtig oder falsch. Sie wollen keine Grauzone. Was das angeht, liefern die ultrakonservativen Kirchen schlicht das bessere Produkt. Deshalb zieht es viele Konservative zur religiösen Rechten oder auch in die Konsumtempel des Glaubens."

Wedeln mit Schecks

Die Konsumtempel des Glaubens sind Mega-Churches, 700 Riesenkirchen in Amerika. Gebaut vornehmlich von Fernsehpredigern, den Televangelisten. Von selbst ernannten Priestern wie Frederick K. C. Price, der im Süden von Los Angeles den Faith Dome errichtet hat, die größte Kirche Nordamerikas mit 11 000 Plätzen. Sonntags predigt er zweimal und erreicht mit seiner Ablassrhetorik 33 Millionen Amerikaner via Fernsehen und Internet. Price, reich an Einfluss und Immobilien, Klunker an den Fingern, ätzt auf der Kanzel gegen die Homo-Ehe, "schreibt Briefe an eure Kongressabgeordneten, sammelt Stimmen!". Danach redet er nur noch über Geld. Er fordert die Gemeinde zum Spenden auf: "Braucht Gott euer Geld? Nein. Ihr spendet, weil ihr ihn liebt. Brauche ich euer Geld? Nein. Ihr gebt es mir, weil ihr mich liebt…" Mehrere tausend Price-Anbeter wedeln dann mit Schecks, die vorgedruckt in kleinen Holzkästchen an den Sitzen stecken. Spendet, und ihr werdet gerettet. Price ist die Versicherung gegen das Fegefeuer.

Er gilt als einer der mächtigsten schwarzen Prediger des Landes, und er huldigt der inoffiziellen Staatsreligion: Make money. Die Leute himmeln ihn an und seine Frau Betty, die er "First Lady" nennt. Einmal sagt er: "Ihr seid die Dummen. Und ich bin der Schlaue." Die Gemeindemitglieder lachen, weil sie denken, der Priester mache einen Witz. Aber Price scherzt nicht. Er ist ein zorniger Prediger, "das Böse ist überall um uns herum. Jeder von uns ist satanischen Gefahren ausgesetzt". "Yes, yes, yes", murmelt es mehrtausendfach aus dem Auditorium.

76 Prozent der gläubigen Amerikaner glauben an den Leibhaftigen. Carolyn Risher, Bürgermeisterin des Örtchens Inglis in Florida, ließ vor zwei Jahren den Teufel sogar offiziell verbannen. Sie stellte am Ortseingang Plakate auf und erklärte das Kaff für besenrein vom Pferdefüßigen - "Satan, Herrscher der Finsternis, Verbreiter des Bösen, Zerstörer dessen, was gut und gerecht ist, wird von nun an und niemals wieder Teil der Stadt Inglis sein." Erst als sich das Fernsehen über die satanischen Verse lustig machte, verschwanden die Botschaften. Die US-Bundesstaaten Arizona, New Mexico und Colorado drängten Washington sogar auf die Umbenennung von "Highway 666" wegen der vermeintlich teuflischen Zahlenkombination aus dem Buch der Offenbarungen. Und die Hälfte der US-Bürger ist überzeugt von der Rückkehr des Messias und der entscheidenden Schlacht gegen Satan und dessen Armeen in Armageddon.

Was gewiss auch den gigantischen Erfolg der "Left Behind"-Bücher erklärt, einer evangelikalen Thrillerserie der Hobby-Apologeten Tim LaHaye und Jerry B. Jenkins. Im letzten der zwölf Bände, "Glorious Appearing", steigt Jesus herab auf die Erde und führt eine Art Dschihad gegen alle Ungläubigen, die Rolle des Dunkelfürsten übernimmt in diesen Machwerken der UN-Vorsitzende. Mehr als 60 Millionen Exemplare haben die beiden bislang verkauft und damit nicht unwesentlich zum kümmerlichen Image der Vereinten Nationen in den USA beitragen.

"Hunger nach Spiritualität"

Es ist nicht überliefert, ob der Präsident die Bibelthriller gelesen hat. George W. Bush, so viel steht fest, mag die Bücher von Rick Warren, einem der erfolgreichsten amerikanischen Prediger mit einer Vorliebe für weite Hawaii-Hemden und griffige Glaubensrezepte. "Die Menschen haben speziell seit dem 11. September diesen Hunger nach Spiritualität", sagt Warren. "Wir haben alles probiert: Materialismus, Kommunismus, sexuelle Freiheit. Nichts funktioniert richtig. Alles wird langweilig. Der Erfinder des Lebens ist Gott. Also ist Gott auch der Sinn und Zweck unseres Lebens. Wenn es keinen Gott gäbe, wäre auch die Frage nach dem Sinn sinnlos." 18 Millionen Bücher hat Warren verkauft, "über Bill Clintons Auflage kann ich nur lachen". Gelegentlich wird der Prediger nach Washington eingeflogen, dann speist er im Weißen Haus mit den Bushs und Cheneys, auf deren Nachttischen seine Werke liegen. Er mag den Präsidenten: "Er hat den Sinn des Lebens entdeckt."

40 Jahre dauerte es, bis George W. Bush "den Sinn des Lebens" entdeckte. Seine Frau Laura versuchte lange Zeit vergebens, ihn auf den richtigen Weg zu bringen. Mit ihr besuchte er die "First United Methodist Church" in Midland, Texas, und Laura schickte ihn auch in fromme Seminare. Aber Bush, eher Spirituosen denn Spiritualität zugetan, gab dort den Klassenclown, wie Stephen Mansfield in seinem Buch "The Faith of George W. Bush" schreibt. Einmal fragte der einen Banknachbarn: "Was für Hosen trugen die Leviten?", und lachte sich schlapp. Ein anderes Mal juxte er über den Gleichklang von Profit und Prophet.

Der Öl-Geschäftsmann Bush, aufgewachsen in einem zwar christlichen, aber säkularen Elternhaus, ist vor zwei Jahrzehnten ziemlich genau das Gegenteil des Präsidenten Bush: Er säuft, macht die Nacht zum Tag und lässt den lieben Gott einen guten Mann sein. Das ändert sich erst 1984. Da begegnet Bush junior dem Wanderprediger Arthur Blessit, der einige Berühmtheit dadurch erlangt hat, dass er ein vier Meter großes Holzkreuz 50 000 Kilometer durch die Weltgeschichte schleppte und es damit ins Guinness-Buch schaffte. Einer dieser Kreuzgänge führt ihn nach Midland, wo er George W. trifft und fragt: "Wenn Sie in diesem Moment sterben würden, hätten Sie Gewissheit, in den Himmel zu kommen?" Bush antwortet, ohne zu zögern: "Nein." Der Prediger betet daraufhin mit ihm, "…reinige mich von meinen Sünden und komme als Retter in mein Leben…", und schenkt ihm das Büchlein "The New Life". Das ist für Bush der Anfang der Wende. "God allows U-Turns."

Gemeinsam mit seinem Geschäftsfreund Don Evans, der es später zum Handelsminister in seinem Kabinett bringen soll, nimmt George W. Bush an Bibelstunden teil. Der Fernsehprediger Billy Graham sät schließlich bei einem Spaziergang in Kennebunkport, Maine, das "Senfkorn des Glaubens", wie es Bush junior in seiner Biografie "A Charge to Keep" nennt. "Er war wie ein Magnet…, er teilte Wärme und Bedenken, ließ einen sich nicht schuldig fühlen, sondern geliebt…" Am Morgen nach seinem 40. Geburtstag und durchzechter Nacht entsagt der künftige Präsident dem Alkohol. Goodbye Jack Daniels, hello Jesus.

Vom Lebemann zum Gottesmann

Aus dem Lebemann wird der Gottesmann. Bush sucht Kontakt zu ultrakonservativen Predigern und baut Netzwerke auf. Denn der Bekehrte ist auch Machtmensch. Er sieht in den religiösen Eiferern und Fanatikern vom rechten Rand Potenzial, Wählerpotenzial. Der radikale Pat Robertson, "Hitler war schlimm, aber was die Muslime den Juden antun wollen, ist schlimmer", ist deren Protagonist. Er führt die mächtige "Christian Coalition" an, eine Basisorganisation mit zwei Millionen Mitgliedern. Robertson begleitet Bush auf seinem politischen Weg. Zunächst in Texas, wo George W. Gouverneur wird. Und dann…dann ruft Gott.

Es ist 1999, und George W. Bush sitzt eines Sonntags mit seiner Mutter Barbara in der Highland Park Methodist Church von Dallas. Der Pfarrer Mark Craig redet über Moses und den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten, "…das Volk verlangte nach Führerschaft, es hungerte nach Führern mit ethischer und moralischer Courage…". In diesem Moment, wird Bush rückblickend sagen, "habe ich den Ruf gehört. Ich glaube, Gott will, dass ich Präsident werde". Es kann aber auch sein, dass Bush junior lediglich seine Mama hörte. Auch Barbara lauscht den Worten des Pastors, dreht sich um zu ihrem Sohn und flüstert: "Hörst du, er spricht zu dir." Der Rest ist Geschichte. Angekommen an der Spitze der Macht, erklärt Bush: "Es gibt nur einen Grund, weshalb ich jetzt nicht in einer Bar in Texas bin, sondern im Oval Office: Ich habe Glauben gefunden. Ich habe Gott gefunden."

Ein neuer Geist zieht ein ins Weiße Haus. Ernsthaft rät die Kolumnistin Peggy Noonan, der Präsident solle nach den amoralischen Clinton-Jahren den Amtssitz exorzieren lassen, "auf dass die Teufelchen, die in Fluren giggeln und in Bücherschränken nisten, endlich verschwinden…" Das immerhin lässt er bleiben. Doch fortan wimmelt es im Weißen Haus von rechten Frömmlern. Als Justizminister beruft er John Ashcroft, der sich - eine Hommage an König David - vor seiner Vereidigung mit Öl einreibt. Chefredenschreiber Michael Gerson ist Absolvent des Wheaton College in Illinois, bekannt auch als "Harvard der Evangelikalen". Als Vorsitzenden der Arzneimittelkommission beruft Bush den Gynäkologen W. David Hager. Einen Mann, der in einem seiner Ratgeber "das Lesen der Heiligen Schrift und Gebete" gegen Kopfschmerzen und Menstruationsbeschwerden empfiehlt. Die christliche Rechte hat einen Führer, und der sitzt nun dort, wo sie ihn immer haben wollte: im Oval Office.

"Präsident Bush", sagt Reverend Barry Lynn von "Americans United", einer überparteilichen Gruppe, die die Trennung von Staat und Kirche fordert, "fühlt sich wie ein Bote. Als Bote Gottes. Und wenn du gegen ihn stimmst, stempeln sie dich als anti Gott." Lynn prophezeit, dass die Kampagne gegen Kerry schmutzig wird, "ein Wahlkampf mit allen Mitteln, denn Präsident Bush hat mächtige Verbündete, und die werden nichts unversucht lassen".

Orientierung per "Voter Guides"

Es sind Alliierte wie Roberta Combs, Nachfolgerin von Pat Robertson als Vorsitzende der "Christian Coalition". Ihre Organisation verschickt vor den Wahlen per E-Mail 70 Millionen "Voter Guides", um "den Menschen Orientierung zu geben", wie Combs sagt. Orientierung geben heißt: In diesen Guides wird viel Gutes über George Bush stehen und nichts Gutes über John Kerry. Andrea Lafferty, Direktorin der "Traditional Values Coalition", spricht von einem "Heiligen Krieg gegen das Christentum in unserem Land". Ein Krieg, den die Liberalen führten. "Sie wollen uns alles nehmen. Sie werden irgendwann auch Los Angeles umbenennen und Corpus Christi." Frau Lafferty verabscheut Homosexuelle, "sie sind eine Gefahr, sie sterben früher, nehmen mehr Drogen, neigen zu Suizid und Depression". Sie verabscheut Bill Clinton, "schlimmster Lügner in der Geschichte dieser Nation". Und sie ist "froh, dass Bush am 11. September unser Präsident war". Ihre Botschaft erreicht 43 000 Kirchen in den USA. Der Präsident kann auf sie zählen.

Solchen Menschen begegnet man in Amerika. Sie sind laut, sie sind schrill, sie sind intolerant. Sie sind eine Minderheit, aber eben eine mächtige. Sie übertönen die Mehrheit der moderaten Gläubigen. Auch die vielen liberalen Theologen, Religionsphilosophen und Geisteswissenschaftler, Christen alle, gute Amerikaner, Patrioten, die ihr Land lieben und sich genau deshalb Sorgen machen. Leute wie Scott Moore von der Baylor-Universität in Waco, Texas, der dort Habermas lehrt und Heidegger und nicht mehr ertragen kann, "eingeteilt zu werden in Christ A und Christ B". Oder sein Kollege Roger Olson, Theologieprofessor, der den Studenten erklärt, dass zur Religion auch "Menschenrechte und Persönlichkeitsrechte zählen", die er bedroht sieht seit dem 11. September, "weil diese Regierung mit der Furcht der Menschen spielt und im Namen der Terrorbekämpfung die Freiheit geopfert wird".

Und Leute wie Reverend Welton Gaddy von der "Interfaith Alliance" in Washington, einer konfessionsübergreifenden Gruppe. Gaddy, Baptistenprediger, sitzt in einem Konferenzraum. Er fragt sich, wie es dazu kommen konnte, "dass die Religion als Keil benutzt wird". Wie es dazu kommen konnte, "dass Kirchenleute nicht mehr fragen "Glaubst du?", sondern "Wen wählst du?"" Wie es dazu kommen konnte, dass dieser Präsident sogar den Irak-Krieg religiös verbrämte als "Invasion in der höchsten moralischen Tradition unseres Landes". Gaddy nimmt seine Brille ab. Er sieht müde aus. "Es geht um mehr als die paar Millionen Stimmen, die Bush und Rove wollen", sagt er. "Dieses Ja und Nein, Schwarz und Weiß, Gut und Böse zerstört den Dialog." Gaddy setzt die Brille wieder auf. Er sieht besorgt aus. Vielleicht müsste er lauter sein und schriller. Wie Roberta Combs oder Andrea Lafferty. Vielleicht müsste er schreien. Wie der Fernsehprediger Frederick K. C. Price. Aber Gaddy ist ein bedächtiger Mann. "Wenn der Dialog zerstört ist", sagt er, "dann ist unsere Demokratie in Gefahr." Das klingt lauter als ein Schrei.

Michael Streck / print