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Aus stern Nr. 24/2005: Der Alpen-Kutscher

Edmund Stoiber zaudert: Superminister in Berlin? Angela Merkel muss ihn jetzt stellen. Und die Alternative denken: die Rückkehr von Friedrich Merz. Aus stern Nr. 24/2005

Da geht noch was. Da muss noch was gehen. Denn so, wie die Dinge stehen in München, so geht es nicht. So unverschämt, und das im Wortsinn: ohne jede Scham, ohne Gespür für die Stunde wie für die Zumutung den anderen gegenüber. Den anderen, allen anderen in der Union - ach was, dem ganzen Land gegenüber. Zaudernd, taktierend, selbstvergessen, verantwortungslos. Es wird Zeit, Alternativen zu Edmund Stoiber zu denken. Denn da geht immer weniger. Während bei anderen noch was geht. Bei Friedrich Merz zuallererst. Undenkbar?

Undenkbar ist nur, dass Deutschland, die Union, die Kanzlerkandidatin das tun, was der bayerische Ministerpräsident in seinem randständig-alpinen Blick auf die Wirklichkeit von ihnen erwartet. Dass sie nämlich am Tag nach der Wahl, vielleicht auch erst am Tag nach Abschluss von Koalitionsverhandlungen, gebannt nach München schauen, um den Ratschluss des Herrn entgegenzunehmen. Also gut: Edmund Stoiber nimmt das Kreuz auf sich und wird Superminister für Finanzen und Wirtschaft. Also nein: Edmund Stoiber wird lieber Außenminister, weil die CSU in Bayern ein paar Stimmen mehr geholt hat als die FDP in ganz Deutschland. Also zweimal nein: Edmund Stoiber wird weder das eine noch das andere, er bleibt Ministerpräsident in Bayern und tut nur so, als wäre er dabei, indem er die Unionsländer im Bundesrat "koordiniert". Gegen wen, bitte? Diese Drohung liefe ins Leere. Einer, der so kneift, hätte in Deutschland nichts mehr zu koordinieren. Nur noch in Bayern: den Zerfall seiner eigenen Macht. Armes Bayern. Arme CSU.

Edmund Stoiber, unerlöst. Er bliebe es. Wie Franz Josef Strauß, der auch ewig zögerte, ob er "die Kutsche nach Bonn" besteigen solle. Und kniff. Der auch nur eines werden wollte: Nummer eins, Kanzler. Der einmal die Chance hatte, als Kandidat, und es nicht schaffte. Und dann das Haupt nicht beugen mochte unter einem anderen Kanzler, einem Rivalen. Wie Stoiber. Weil er, wie der heute, auf "Augenhöhe" bestand. Wer aber das Haupt zu beugen hat unter die Richtlinienkompetenz einer Kanzlerin, der kann nicht auf "Augenhöhe" sein. Er schaut von unten. Oder er tritt ab als tragische Figur, die viel hätte werden können und alles verspielt hat: Bundeskanzler, Bundespräsident, Präsident der EU-Kommission. Und am Ende Superminister für Finanzen und Wirtschaft, was er aber auch nicht mehr werden wollte, weil es ihm zu anstrengend war - und weil die schwere Sanierungsarbeit das leichte Spiel der CSU bei der nächsten Landtagswahl gefährden könnte.

Was Stoiber mit solcher Scharade gefährdet, ist der Erfolg der Union. Und sein eigenes Ansehen. "Wir retten Deutschland", ruft er im Wahlkampf. Aber als Echo hallt zurück: "É bloß der CSU darf nix passieren dabei!" Angela Merkel muss ihn stellen. Rasch und öffentlich Klarheit schaffen. Superminister für Finanzen und Wirtschaft ist nicht irgendein Amt, es ist das entscheidende in der neuen Regierung. Stoiber hat die Kernkompetenz dafür, unzweifelhaft, er ist der einzige Länderchef, der seinen Haushalt schuldenfrei macht. Er könnte ein zweiter Karl Schiller werden. Wenn er sich befreit von alpinem Denken, wenn er springt. Jetzt.

Oder nie mehr. Dann muss der Beste ran. Der Beste neben, nicht nach ihm. Nicht irgendeine Proporzfigur, womöglich gar der Liberalen. Angela Merkels Sprung zur Macht hat die Unionswelt verändert. Auch die von Friedrich Merz. Das Kalkül, seines wie das anderer, die Frau aus dem Osten werde nach einer Wahlniederlage untergehen und dann breche eine neue Zeit an, seine Zeit - dieses Kalkül ist gescheitert. Er ist zu klug, um das nicht zu erkennen. Und er ist zu ehrgeizig, um zu resignieren. Merz kandidiert wieder für den Bundestag. Um seiner Regierung aus der fünften Reihe beim Regieren zuzuschauen?

Die neue Lage erfordert neues Denken. Von Merkel wie von ihm. Gewiss, das Verhältnis schien zerstört für alle Zeit. Er hat verletzend geredet über sie, überall, und ihr ist das zu Ohren gekommen, von überall her, weil sie ihm 2002 den Fraktionsvorsitz genommen und die Entmachtung, gemeinsam mit Stoiber, im Vorübergehen eröffnet hat. Jetzt ist Größe gefragt und Vernunft, von beiden. Jetzt braucht sie ihn, wenn Stoiber nicht zu gebrauchen ist. Und er braucht Erlösung aus der eigenen Bitterkeit. Er braucht eine Aufgabe. Aber diesmal hat er Anspruch auf Klarheit. Stoiber muss verlässlich aus dem Spiel sein, damit er nicht erneut zur taktischen Figur wird, im letzten Augenblick geopfert.

Geht es nicht, trotz alledem, muss Undenkbares gedacht werden. Stoiber ist die erste Option. Merz die zweite. Die dritte, aber nur in der Abfolge der Klärung, nicht in der Kompetenz, heißt Roland Koch. Der Mann, erst 47 Jahre alt, hat in Hessen nichts mehr zu gewinnen. Rivalität hat ihn von Merkel getrennt, sonst nichts. Ihr Sieg macht beide frei.

Hans-Ulrich Jörges / print